Gefahr Nr. 3: den Leser verwirren
Das mit der Verwirrung ist ziemlich gemein: In den meisten Fällen merkt man das als Autor nämlich nicht. Hier einige typische Verwirrgründe und wie Sie gegensteuern können:
zu abrupte Gedankensprünge
In unseren eigenen Köpfen befindet sich unser gesamtes Know-how. Darum schließt unser Hirn Lücken im Text automatisch. Und deswegen kommen Ihnen Ihre eigenen Texte oft „klar wie Kloßbrühe“ oder „wirklich einfach ausgedrückt“ vor, auch wenn das gar nicht zutrifft.
Damit Sie das merken, können Sie in der Überarbeitungsphase zwei Dinge tun: Wenn es Ihnen gelingt, die Perspektive zu wechseln, sich also in Ihre Zielgruppe zu versetzen (mit deren Wissensstand), dann machen Sie beim Überarbeiten einen Lese-Durchgang, wo Sie NUR darauf achten, ob es aus Lesersicht klar genug ist.
Wenn Ihnen das nicht gelingt, dann suchen Sie sich einen Testleser. Achtung: Der Testleser soll nicht sagen „gut“, „schlecht“, „geht schon“, das bringt nichts! Stellen Sie Ihrem Testleser drei oder vier konkrete Fragen – entweder schriftlich oder mündlich. Zum Beispiel: „Erkläre mir den ersten Absatz in eigenen Worten.“ Oder: „Bei der Übung: Was genau hast Du verstanden, was Du tun sollst?“ Oder: „Was ist Deiner Ansicht meine ‚Message‘? Was will ich mit dem Text sagen?“ Auf diese Weise können Sie mit dem Feedback wirklich etwas anfangen.
zu sperrige Formulierungen
Zu sperrige Formulierungen lösen immer Verwirrung aus. Die Klassiker sind:
- Endlos-Sätze mit tausend Kommas oder Klammern
- Hauptwörter-überladene Sätze
Das ist leicht zu beheben, indem Sie sich Ihren Entwurf laut vorlesen. Überall, wo Sie zu oft Luft holen müssen, selbst drüber stolpern und wo es sich nicht „richtig“ anfühlt („So rede ich gar nicht! So sagt das ehrlich gesagt kein Mensch!“) ist Überarbeitungsbedarf.
den Leser inhaltlich überfordern
Das ist wieder das Fachmann-Syndrom: Selbst ist alles total einfach. Das geht Ihnen bestimmt auch so! Ganz viele Coaching- und Trainings-Kunden von mir möchten auf keinen Fall banal sein. Darum tritt oft das Gegenteil ein: man setzt zu viele Vorkenntnisse voraus oder man überfordert die Zielgruppe.
Wenn Sie Texte schreiben, die mit Selbstmanagement und Verhalten zu tun haben, dann ist es total wichtig, dass Sie sich in die genaue Situation der Leser einfühlen. Wenn ich Kommunikationstipps gebe, fällt der gleiche Tipp völlig anders aus, wenn ich mich an selbstbewusste Leute richte als wenn ich für Schüchterne schreibe. Die müssen natürlich – nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Schreibe – anders abgeholt werden.
Fachjargon, Abkürzungen, Fremdwörter & Co.
Da muss ich nichts zu erklären, gell? Beim Fachjargon bitte besonders aufpassen, denn hier gibt es Standardvokabular, das derart normal für einen selbst ist, dass man es oft gar nicht mehr als Fachjargon wahrnimmt. Im Zweifelsfall immer eine Erklärung mit dazusetzen.
Auch Dialektausdrücke können verwirren (ich weiß das: ich schreibe öfter mal was Bayerisches und denke, es ist Deutsch …).
zu schwammig
Das hatten wir schon bei der 1. Gefahr: Blabla: Wenn man so gar keinen Standpunkt beziehen will und sich darum dreht und wendet, dann verwirrt man den Leser. Ich habe schon Texte gesehen, die sich in jedem Absatz selbst widersprochen haben. Das kommt aus einem Wunsch nach Neutralität. Für Leser ist das ganz schwierig, weil sie immer denken: „Ja, was denn jetzt?“
bei Tipp-Texten: nicht genug oder unklare „Anleitungen“
Wenn Sie Übungen oder Kniffe weitergeben, dann ist es total wichtig, die Schritte wirklich eindeutig zu erklären. Ganz, ganz viele Leser wollen gerne etwas ausprobieren, aber genaue Anleitungen. Denken Sie an Kochrezepte: Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Ich kann nicht kochen. Ich mag auch nicht sonderlich kochen. Aber wenn ich koche, dann möchte ich jeden Furz erklärt haben. – Das gilt für alle Tipp-Texte! Seien Sie klar, nehmen Sie Ihre Leser gut an die Hand.
kein schlüssiger Aufbau
Jetzt kommen wir zu einem häufigen Problem: die Gedankenschleife. Gedankenschleife heißt: Wenn Sie schreiben, dann denken Sie und schreiben und denken und schreiben – und diese Denkerei springt wie eine Flipperkugel hin und her. Ganz häufig hat ein erster Entwurf irgendwo so eine Gedankenschleife: man schreibt über etwas, dann schreibt man etwas anderes, und dann schreibt man wieder was zu dem, was davor schon stand.
Sowas sieht man beim Überarbeiten, wenn man danach Ausschau hält! Meistens lässt sich das streichen oder Sie tauschen Absätze und der Text funktioniert einwandfrei.
… und natürlich: Fehler
Erneut rächt es sich, wenn man sich das Überarbeiten spart: unklare Formulierungen, irrtümlich ein völlig falsches Wort eingesetzt als gemeint, einen Satz nicht zu Ende geführt. Diese ganz normalen kleinen Schlampigkeiten, die beim ersten Entwurf entstehen und ruhig drin sein dürfen … so lange Sie sich Ihren Text nochmal vorknöpfen!

15. Februar 2010 um 14:00
Liebe Frau Härter,
Grundsätzlich finde ich diesen Blog ganz toll! ohnehin ist Ihre Großzügigkeit beim Teilen Ihres Know-how kaum zu toppen.
Für mich ist das übel in folgendem: Ich glaube, ich hätte kaum Schwierigkeiten, anschaulich bzw. nachfühlbar zu beschreiben, wie schwer mir morgens das Aufstehen fällt. Aber eine Seminarausschreibung, ein Imageflyer oder Website machen mir nahezu unüberwindbare Schwierigkeiten. Ihre Hinweise in diesem Blog kann ich im Kopf nachvollziehen und sie überzeugen, aber die Umsetzung fällt so schwer. ich glaube, es macht mir auch nicht wirklich Freude, das aufzuschreiben. Vielleicht ist das der Knackpunkt überhaupt. Dabei glaube ich nicht, dass ich gar nicht schreiben kann. Meine Grußkarten kommen bei meinen Freunden sehr gut an und sind ehrlich gemeint. Aber diese Texte: schrecklich!!! Es gelingt leichter, wenn ich es mit jemand persönlich durchspreche und hoffentlich bleibt es auf dem Weg in die Schreibe nicht hängen … Aber muss ich als Konsequenz für dieses Unvermögen mein Business aufgeben, weil niemand von mir weiß? Dazu bin ich noch nicht bereit (Protest!)
Also, …? Was ist zu tun?
Herzlich
Brigitte
15. Februar 2010 um 14:18
Liebe Brigitte,
schön, dass Sie bei der Schreibnudel auch mitlesen! Herzlichen Dank für das schöne Kompliment.
Tatsächlich geht es ganz vielen so wie Ihnen: das private Schreiben oder auch dieses Beispiel von mir, etwas aus seinem Alltag zu schildern, fällt den meisten Menschen (manchmal nach etwas Anlaufschwierigkeiten) relativ leicht.
Doch sobald es an Businesstexte geht, verkrampfen sie sich. Das ist auch der Grund, warum ich immer bei der Schreibwerkstatt mit dieser einfacheren, privaten Aufgabe beginne.
Wenn dann der erste Businesstext kommt, merkt man, wie sich plötzlich im Hirn eine Schranke senkt. Dann wird es auf einmal so verkopft, dass man sich verrennt, zu viel Druck macht und vor allen Dingen, wie Sie schon sagen, dass die Freude total verloren geht. Dann geht erst recht nichts mehr!
Meine Erfahrung ist:
Wer einigermaßen strukturiert erzählen kann, kann auch schreiben.
Und: Wer privat schreiben kann, kann auch für sein Business schreiben.
Das lässt sich lernen, wenn man möchte. Oder es lässt sich delegieren. Ich habe auch viele Kunden, die sagen: Auch wenn ich es kann, macht es mir einfach nicht so die Freude.
Oder auch: Ich rede lieber. Sollen andere für mich die Texte, die ich brauche, erstellen.
Wenn Sie grundsätzlich Freude am Schreiben haben, dann geht es “nur” um die Schranke im Kopf. Die lässt sich tatsächlich relativ schnell heben. Wenn Sie hier fleißig mitlesen und dann auch die Schreibtipps und Übungen, die noch kommen machen, vielleicht auch mit jemandem zusammen, mit dem Sie darüber sprechen können, dann werden Sie Fortschritte sehen.
Das ist ja das Schöne: Besonders das Businessschreiben ist ganz, ganz viel Handwerk, das man lernen kann.
Viele Grüße
Gitte
15. Februar 2010 um 15:21
Danke, Gitte, das klingt sehr ermutigend. Wenn ein Handwerk dahintersteckt, ist es den Versuch wert zu erproben, ob ich für dieses Handwerk ein Händchen ausbilden kann.
Und Sie haben natürlich sehr recht, dass es zur Professionalität gehört, Bereiche, die wir selbst nicht gut bedienen, zu delegieren. Das ist vor sich selbst und anderen oft schwer zu rechtfertigen, wenn die Startphase des Business so lange dauert. – Jedoch und immer wieder: Es ist besser aufzuhören, immer das Gleiche zu tun, das nicht funktioniert, und anstatt dessen etwas anderes auszuprobieren. In diesem Sinne
Herzlich
Brigitte