Das ist ein schönes Ziel: Ihre Leser dort abholen, wo sie stehen. Doch Tatsache ist: Die stehen alle ganz woanders!
Auch wenn Sie einen Text für lauter Fachleute in einem bestimmten Gebiet schreiben, sind diese lange nicht genau auf dem selben Stand. Stopfen wir doch mal einen Raum voller Informatiker: Glauben Sie, dass die alle dasselbe wissen und können, einen ähnlichen Erfahrungsschatz haben oder von ihrer Persönlichkeit so gestrickt sind, dass sie beispielsweise gut abstrahieren können? Weit gefehlt.
Hier einige wichtige Aspekte, auf die es sich zu achten lohnt:
Vorsicht: Autorenkopf
Eine sehr große Falle beim Schreiben ist es, dass sich in Ihrem Kopf alles tummelt, was Sie zu einem Thema wissen. Dazu kommt, dass auch die Gedanken, was Sie schreiben könnten, aber dann doch verwerfen oder was Sie ein andermal dazu gesagt oder geschrieben haben, abgespeichert sind. Das führt dazu, dass wir unsere eigenen Texte nicht sonderlich objektiv lesen – oft dichten wir sogar automatisch etwas hinzu, das gar nicht dasteht. In unserem Kopf ist es ja vorhanden und darum komplettiert es das Geschriebene automatisch.
Vorsicht: Expertensicht
Mit meinen Kunden lache ich am meisten darüber, dass ich oft bemängle, dass ein Text noch immer zu schwierig ist: dass man als Nichtfachmann einfach nicht genug mitkommt oder komplett verwirrt ist. Das trifft Texte jeder Art und Branche: Für Sie selbst ist vieles total banal und wenn Sie sich daran machen, das einfach zu erklären, landen Sie oft noch immer meterweit über dem Level, das Ihre Leser haben.
Dabei muss das überhaupt kein schwieriges Thema sein. Meine Buchhalterin lacht sich jedes Mal einen Ast, welche banalen Begriffe, die sie in ihrer Lehrzeit gelernt hat, mich in Schockstarre versetzen.
Hier kommt aber noch etwas Wichtiges hinzu: Mit Formulierungen können Sie schwierige Inhalte einfach machen, Sie können aber auch einfache Inhalte sehr kompliziert und schwierig erscheinen lassen. Auch das ist eine typische Experten-Falle.
Vorsicht: Die “Das-ist-doch-klar!”-Falle
… auch bekannt unter “Das ist doch zuuuu banal, um es überhaupt zu erwähnen.” Nichts ist zu banal. Natürlich werden Sie sich überlegen, wer Ihren Text liest. Und je nachdem wird das grundsätzliche Level ausfallen. Das ergibt sich bei reinen Fachtexten meist automatisch.
Aber: Ihre Leser wirklich abholen können Sie nur, wenn Sie sie möglichst klar durchführen und nicht einfach etwas voraussetzen.
Das ist wie bei der technischen Hotline, die Sie fragen wird, ob der Stecker drin und der Schalter an ist. Denn es ist eine Selbstverständlichkeit, die dennoch oft übersehen wird. Und darum ist es eine der grundsätzlichsten Sachen, die man abfragen muss. Bei allem, was Sie als wirklich klar oder banal einschätzen, können Sie das ja auch wiederum über die Formulierung retten. Zum Beispiel, indem Sie sagen: “Klingt banal, was? Dann lassen Sie uns mal näher hinsehen …” oder “Vorausgesetzt ist natürlich, dass …” oder “X und Y ist selbstverständlich”. Auf diese Weise können Sie eine grundlegende Information geben, ohne dass Leser, die das schon wussten, sich für dumm gehalten fühlen.
Die “Das ist doch klar”-Falle schlägt übrigens vor allen Dingen auch bei Übungen und Handlungsanweisungen durch. Wenn Sie Tipp-Texte, Handbücher oder Bedienungsanleitungen schreiben, wissen Sie, wovon ich spreche. Stellen Sie sich beim Schreiben immer vor, wie es Ihren Lesern geht: Können diese wirklich problemlos nachvollziehen und TUN, was Sie bisher geschrieben haben?
Kochen Sie gut und gerne? Dann greifen Sie sich mal einen Kochlaien wie mich und lesen mit ihm gemeinsam ein Kochbuch durch. Sie werden sehr schnell sehen, wie sich unterschiedliche Level bemerkbar machen, oft bei kleinsten Anweisungen wie “reißen Sie Lorbeerblätter ein”. Hä? Wo? Wie? Wie weit? Wie häufig? Warum überhaupt? Kann man die auch falsch einreißen?
Was Ihnen dabei hilft, diese Fallen im Blick fest im Blick zu haben, ist, Ihren fertigen Text beim Überarbeiten nochmal mit Leser-Augen durchzugehen, also nicht beim Fehlerkorrigieren “nebenbei” danach schauen, sondern wirklich einen extra Leser-Augen-Durchgang machen.
Wenn Sie sich schwer tun, weil Sie zu sehr im Thema sind, dann suchen Sie sich einen konstruktiven Test-Leser. Wichtig: Stellen Sie diesem eine Handvoll konkreter Fragen, dann bekommen Sie auch Feedback mit dem Sie was anfangen können.




Also:
Man muß einfach reden, aber kompliziert denken – nicht umgekehrt.
Franz Josef Strauß
Maria