Der dritte Teil zur Leser-Ansprache hat gleichzeitig etwas mit Ihrer Wirkung als AutorIn zu tun: Je nach Formulierung kann sich schnell das Gefühl einstellen, dass Sie auf Ihre Leser “herunterschreiben” oder aber auch, dass Sie scheinbar nicht genau wissen, wovon Sie sprechen. Beides ist nicht schön. Ihre Leser steigen aus oder zweifeln an dem, was Sie schreiben.
Auf Ihre Leser “runterschreiben”
Letzte Woche ging es ja um den schönen Anspruch, die Leser da abzuholen, wo sie sind. Dazu gehört es auch, bei Tipp-Texten Ihre Leser ganz klar an die Hand zu nehmen.
Nehmen wir einmal das Beispiel eines Artikels, der sich an Führungskräfte wendet. Es geht darum, rechtzeitig einzugreifen und seinen Mitarbeitern nicht alles durchgehen zu lassen oder zu hoffen, dass sich die Lage von selbst bessert.
Nun könnte ich den Artikel so beginnen:
Es ist wirklich ein Unding, wie viele Vorgesetzte in Wirklichkeit Angst haben und tatenlos danebenstehen. Als Führungskraft ist es Ihre Pflicht, zu handeln! Personalverantwortung fordert einfach viel mehr von Ihnen, als nur das Alltagsgeschäft zu regeln. Hier geht es um Menschen! Wenn Sie dieser Aufgabe gerecht werden möchten, müssen Sie A, B und C tun.
Gerade bei Themen, die uns sehr wichtig sind, kommt es schnell zu solchen Formulierungen. Die sind oft gar nicht so krass gemeint und kommen dennoch beim Lesen so an. Nun versetzen Sie sich einmal in eine Führungskraft. Wie gerne lesen Sie diesen Artikel weiter?
Schauen Sie sich nun im Gegensatz dazu diesen Einstieg an:
Achtung, jetzt wird’s unbequem: Sind Sie eigentlich feige? Lassen Sie Ihren Mitarbeitern Dinge durchgehen, obwohl Sie sehr genau wissen, dass Sie längst hätten einschreiten müssen?
Chef/in zu sein ist eine schwierige Angelegenheit. Ganz viele Führungskräfte sind fachlich sehr gut, kennen die Firma aus dem Effeff, sind Dienstälteste und total routiniert in allen Abläufen – aber mit der Personalverantwortung kommt eine Riesenladung weiterer Anforderungen auf sie zu. Damit sind viele Menschen einfach hin und wieder überfordert.
Absichtlich habe ich hier zwei Extreme gezeigt. So sehen Sie, dass Sie von der Formulierung her eine ganz große Bandbreite zur Verfügung haben. Vor allen Dingen wird durch die zweite Variante deutlich, dass Sie sich in Ihre Leser wirklich hineinversetzen (können). Das ist der beste Weg, sich deren Aufmerksamkeit zu sichern.
Kommen wir nun zum Nicht-so-kompetent wirken. Wenn Leser das Gefühl haben, dass der Verfasser nicht wirklich weiß, wovon er spricht oder sich partout nicht festlegen möchte, dann verlieren sie das Vertrauen. Es ist dann nicht wert, einen Text weiterzulesen, geschweige denn einen Tipp auszuprobieren.
Typische schwach wirkende Formulierungen sind:
- Dieser Tipp soll Ihnen dabei helfen …
- Es könnte möglicherweise sein …
- Man sagt, dass …
- Es könnte so sein oder so, aber auch so …
- Und das andauernde Vermeiden eines persönlichen Standpunktes.
Natürlich kommt es auch auf den jeweiligen Kontext an. Es geht also nicht darum, dass ein “soll” oder “könnte” generell schlecht ist, sondern es geht um die Gesamtwirkung:
Sprechen Sie Ihre Leser selbstbewusst an? Treffen Sie klare Aussagen, hinter denen Sie selbst auch stehen?
Letztlich ist hier natürlich immer der Blick auf den gesamten Text wichtig. Darum empfiehlt es sich, dass Sie Ihren Entwurf immer auch daraufhin lesen, ob Sie sicher formulieren oder ob sich – vielleicht einfach aus Gewohnheit – mehrere solcher schwachen Formulierungen in Ihre Texte schleichen.



