Zu Beginn meiner Selbstständigkeit hatte ich einige Jahre sehr viel mit Bewerbungen zu tun. Zum Entsetzen meiner Kunden konnte ich immer sofort erkennen, wenn ein Zeugnis selbstgeschrieben war. Nämlich dann, wenn eine Übertreibung die andere jagte.
Bei Selbstständigen ist es dasselbe: Jede Kundenstimme, die sich vor Begeisterung überschlägt, wirkt selbstgeschrieben. Wirkt. Denn gerade begeisterte Kunden meinen, sie tun einem etwas Gutes. Ich habe schon einige gut gemeinte, ehrliche Kundenstimmen oder Buchrezensionen etwas “entschärft”, weil die Glaubwürdigkeit leidet.
Maßlose Übertreibungen tun Ihren Texten meistens weh:
In Werbetexten werden sie zu leerem Marketinggeplapper.
- Sie bekommen Premium-Qualität!
- Bei uns finden Sie freundlichstes Personal, das Ihnen immer den besten Service bietet.
- Unsere Kunden sind das wichtigste Gut.
In Unternehmensdarstellungen wirken sie schnell selbstverliebt oder größenwahnsinnig.
- Wir beschäftigen die besten Ingenieure Deutschlands.
- Ich bin der Trainer Nummer 1 (oder sogar: “Papst” für irgendwas).
Eine bessere Agentur als uns kriegen Sie nie wieder.
Anders ist es, wenn Sie mit einem Augenzwinkern übertreiben:
… etwa in einem “über mich”-Text dazuschreiben: Ich bin mehrfacher Weltmeister im Schokoladentafelverschlingen.
… oder: Als wir zuletzt nachgesehen haben, waren wir die beste Werbeagentur diesseits des Weißwurstäquators.
In Tipp-Texten lenken sie die Aufmerksamkeit auf sich, schaffen Skepsis oder lassen Sie als AutorIn missionarisch erscheinen.
- Ohne Mentaltraining, werden Sie erfolglos(er) bleiben als Sie könnten.
- Gewaltfreie Kommunikation ist das einzig Wahre.
- Es geht nichts über Meditation. Nur, wer meditiert wird auf Dauer glücklich und gelassen sein.
Und in Produkt- oder Leistungsbeschreibungen sind es oft Nullinformationen (sofern außer Übertreibungen keine handfesten Informationen dabeistehen):
- Diese Maschine ist der Rolls-Royce in der Druckerbranche.
- Einen guten Grafiker muss man haben!
- Sie werden bei uns das Gefühl haben, noch nie in einem Hotel gewesen zu sein.
Jetzt heißt das aber natürlich nicht, dass Sie emotionslose Texte schreiben sollen – ganz im Gegenteil! Ehrliche Begeisterung und Enthusiasmus sind eine schöne Sache.
Achten Sie dann bitte immer auf den Kontext und schauen Sie bei Superlativen einfach nochmal kritisch hin: Kann ich das auch anders ausdrücken? Bin ich in eine Floskel abgerutscht? Oder will ich etwaige Übertreibungen einfach nochmal entschärfen. Denn auch da gilt: Weniger ist oft mehr.




Hallo Gitte,
übertriebene (Werbe-) Texte bei anderen finde ich selber sehr störend, da baue ich einen regelrechten “Schutzwall” auf und an mich prallt alles ab – zudem bin ich ein Mensch, der selbst von “Profis” zum Schmuzeln gebracht werden will und wo Humor ganz fehlt – no Chance! -
“Augenzwinkernde Übertreibungen” sind ganz ok, aber noch viel besser kommt bei mir ein “augenzwinkerndes Understatement” an (das ist eher mein Stil!…;)) – die Vorteile liegen für mich auf der Hand:
1. ich verspreche NIE zuviel!
2. ich wecke NEUGIERDE, ob “dahinter” nicht doch MEHR steckt und kann im –
besten Falle – positv überraschen!
Ich war und bin nicht der Typ:
Brüllender Löwe auf vollem Markt und werde es NIE sein!
Deshalb kann ich nur entsprechend meiner Mentalität nach Aussen auftreten!
Sonnige Grüße
Matthias
Genau das ist das Problem, Matthias: diese übertriebenen Texte prallen ab – und doch kenne ich viele Firmen, auch “wir Kleinen”, die oft glauben, dass das SO GEHÖRT. Kein Wunder, wenn viele Maßnahmen – zum Beispiel beim Akquirieren – dann verpuffen.
Ja, das Understatement ist auch ein gutes Thema. Da ist dann nur eventuell die Gefahr zu sehr “zu understaten” – denn gerade, wenn man jemanden noch nicht persönlich kennt, ist das oftmals etwas schwierig.
Aber wenn Du Neugier weckst, ist bestimmt genug “Kraft” dahinter.
Dass Dein Auftritt – und alle Deine Texte – IMMER Dir selbst entsprechen müssen und sollen, ist ganz wichtig. Das läuft dann bei uns Selbstständigen dann ja auch unter “What you see is what you get” und ist für uns selbst auch ein wichtiger Filter, dass sich die richtigen Leute melden.
Viele Grüße
Gitte
Hallo, Gitte!
Also, ich verstehe das nicht: Wenn ich doch sooooo von mir überzeugt bin, daß ich nun einmal der Beste, Größte und Schönste bin und alle Dinge, die ich beginne, zu Gold mache, dann kann ich das doch auch genauso kraftvoll und mit großem Trara in die Welt hinausposaunen. Oder?!
Ja, ja…
Wie war das noch? “Arroganz ist das Treppengeländer, an dem die Dummheit versucht, sich festzukrallen.” (unbekannt)
Haben Sie’s nicht etwas kleiner?
Das Gegenteil ist allerdings auch nicht vorteilig: Sich selbst unter Wert zu verkaufen und sich kleiner zu machen als man ist, um nur ja nicht den möglichen Kunden zu verschrecken.
Wenn ich etwa schreibe: “Gemeinsam entwickeln wir Ihre Stärken. Dabei nutzen wir das von mir schon wiederholt erfolgreich eingesetzte Methodenwissen (oder: Know-How)” …dann ist das – aus meiner Sicht – nicht zu groß “aufgepumpt”, sondern klingt selbstbewußt und erfahren.
Herzliche Grüße
Norbert
Soso, Norbert, Du machst also alles, was Du beginnst, zu Gold?
Weißt Du, das Interessante ist ja, dass überhaupt nichts dagegen zu sagen ist, wenn man laut und deutlich – und durchaus auch mal mit Trara, so es zu einem passt – seine Leistungen rausposaunt. Sofern die Formulierungen glaubwürdig sind.
Genauso wie es Extrovertierte-laute-manchmal-übertreibende Menschen gibt, bei denen die Art total angenehm und okay ist – gibt es eben die nervigen, aufdringlichen Angeber auch. Und das ist schriftlich ganz genauso.
Das Schwierige ist nur, dass man das manchmal nicht merkt.
Viele Grüße
Gitte
…das wäre doch schön, oder? “Alles, was ich anpacke, wird zu Gold!”
Dieser Satz ist bei mir seit den 1990er Jahren hängen geblieben. Da gab es diese “Tschakka!”- und “Ich schaffe es!”-Propheten wie Emil Ratelbrand und Jürgen Höller. Letzterer hatte es dann ja auch zu einer Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung oder ähnlich gebracht.
In meinem Umfeld habe ich einen sehr charmanten “Ich bin der Beste und Erfolgreichste unter der Sonne Europas!”-Menschen, der durch seine Taten beweist, daß es irgendwie stimmt, was er herausposaunt. Bei ihm wirkt dieses für sich selbst trommelnde Lautsprecherische gar nicht unangenehm. Irgendwie hat er Unterhaltungscharakter und verbreitet gute Laune. Zumindest kann man freundlich über ihn lachen. Mit Mitte Vierzig wirkt er immer noch wie ein großer Junge, der voller Neugier auf die Menschen und seine Projekte losgeht.
Leider gibt es, wie Du schon geschrieben hast, aber auch “die nervigen, aufdringlichen Angeber”…
…so einem bin ich gerade letzte Woche begegnet. In mir kam sofort ein Fluchtgedanke auf, aber ich hatte einen festen Termin mit ihm…