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Überarbeiten längerer Texte

Das ist vielleicht allgemein interessant: Wenn ich umfassendere Texte überarbeite, also lange Artikel, einzelne Kapitel oder ein fertiges Buch oder Selbstlernkurs, mache ich immer drei Durchgänge beim Überarbeiten. Also das gleiche Prinzip, das ich Ihnen auch schon für kleinere Texte vorgeschlagen habe, nur sieht es bei großen Texten etwas anders aus:

Ich lese immer erst einmal alles einfach so durch und lasse den Text auf mich wirken. Das ist praktisch die Leserperspektive: Ist alles für mich schlüssig, passt die Reihenfolge, kapiere ich Statements und Übungen, lese ich es gerne und habe Lust, dranzubleiben?

In diesem ersten Durchgang achte ich auf nichts sonst, ich zeichne auch noch nichts an, sondern ich lese nur aufmerksam und bekomme ein Gefühl für den Text.

Im nächsten Durchgang, der meist direkt danach erfolgt, bewaffne ich mich mit einem Stift und gehe nochmal alles durch. Jetzt achte ich auf alles, auch schon auf Feinheiten. Ich streiche Fehler an, wenn sie mir direkt auffallen (ganz am Schluss gibt es ja noch einen reinen Korrekturdurchgang), ich schreibe andere Formulierungen nur auf, wenn es sich um einzelne Wörter handelt. Ansonsten streiche ich nur an, unterringle eine Stelle oder schreibe „Form.“ an den Rand, wenn ich etwas inhaltlich gut finde, aber Passagen noch nicht so stimmig formuliert sind.

Es hat sich für mich bewährt, dass ich vor dem Neuformulieren etwas Abstand zum Text bekomme. Wenn es die Zeit erlaubt, schlafe ich einmal drüber, bevor ich mich an’s Überarbeiten mache. Ich habe gemerkt, dass mein Blick dann frischer ist und ich oft gute, neue und andere Ideen habe, vor allen Dingen, wenn etwas im Entwurf so gar nicht funktioniert.

Meiner Erfahrung nach löst sich auf oft ein Riesenknoten: manchmal weiß man, dass ein großer Text irgendein Problem hat, aber man kann auf Anhieb nicht sagen, warum.

Vermutlich ist es einerseits der Abstand und andererseits auch, dass das Gelesene im Hintergrund gären kann und sich so manchmal durch das erstmal Liegenlassen gute Lösungen oder Ideen entwickeln.

Wie gehen Sie vor?

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5 Kommentare

  1. Silke sagt:

    Ich mache auch drei Durchgänge. Beim ersten Lesen lege ich eine Tabelle an und schreibe dort alles, was mir auffällt, hinein. Dazu sortiere ich nach formalen, inhaltlichen und sprachlichen Kriterien. Da ich fast nur am Bildschirm korrigiere, nutze ich zum Markieren im Text unterschiedliche Farben. Beim zweiten Lesen nehme ich mir zuerst die größeren “Brocken” vor, also wenn aufgrund inhaltlicher Unstimmigkeiten Umstrukturierungen, neue Gliederungen oder manchmal auch Streichungen von Wiederholungen gemacht werden müssen. Auch Recherchen von inhaltlichen Ungereimtheiten sind jetzt dran. Beim dritten Lesen kommen die Feinheiten: Rechtschreibung und Zeichensetzung, Vereinheitlichungen, stilistische Korrekturen. Da ich viel mit Fachtexten zu tun haben, die häufig neben dem Hauptberuf entstehen, muss ich manchmal ziemlich viel eingreifen, um die Verlagsvorgaben einzuhalten. Das geschieht natürlich in enger Absprache mit dem Autoren.
    Den dritten Durchgang mache ich auch nach Möglichkeit mit etwas zeitlichem Abstand. Du hast recht, da verändert sich die Beurteilung meist noch einmal.
    Ein vierter Durchgang schließt sich immer dann an, wenn noch viele offene Fragen bestanden, die der Autor beantworten sollte. Wenn der Text also noch einmal zu mir zurückkommt.
    Das ist viel Arbeit. Achtung, jetzt kommt ein berufspolitischer Exkurs: Und deshalb kämpfen die Lektoren auch für eine angemessene Bezahlung. Solch ein Aufwand ist nicht mit einem Stundenlohn von unter 20 Euro abgegolten, was leider oft noch eine übliche Bezahlung in Verlagskreisen ist. Wir kämpfen für einen Stundenlohn von mindestens 32 Euro. Das kann man m.E. nicht erreichen, wenn man Pauschalpreise nennt, sondern man muss nach Prüfung von Probeseiten den Aufwand abschätzen, um ein realistisches Angebot machen zu können.

  2. Amos Ruwwe sagt:

    Einmal drüber schlafen, das ist für mich der erste Schritt. Abstand kann ich so zeitlich schaffen, inhaltlich?, da kommt es auf den Text an. Meistens schreibe ich ja Sachbücher(ebooks)und da ist der Inhalt sachlich zu kontrollieren. Bei den Kurzgeschichten ist das eher die Pointe, die ich beim Kontrolllesen nachvollziehen muß. Der fertige Text braucht auch nach der vollständigen Fertigstellung nochmal richtig Zeit um mich zufrieden zustellen. Neu schreiben allerdings kommt so gut wie nie vor. einfügen, wegstreichen ja, aber neu!!!, ne,ne.
    unterringle, das Wort kannte ich bisher noch nicht, weiß aber genau was Du meinst. Habe ich mir gleich unterringelt, haha.

  3. Doris sagt:

    Wenn ich Fremdtexte lesen soll, muss ich mich immer zusammenreißen, nicht gleich im ersten Schritt zuviel auf einmal anzufangen, also Formulierungen, Rechtschreibung, Inhalt … Es kommt etwas drauf an, wieviel Zeit ich habe. Meistens kriege ich irgendwas auf den Tisch gelegt und oft der steht der Auftraggeber daneben. In meiner Firma denken viele Leute, ach, das dauert doch nicht so lange, da kann ich gleich drauf warten. Das kommt aber immer auf die Qualität des Autors an.

    Ich lese den Text erst mal durch, um ihn zu verstehen. Dabei fallen mir meistens schon Stolperstellen auf, wo der Text nicht flüssig läuft, aber damit beschäftige ich mich später. Im zweiten Schritt schaue ich auf den fachlichen Inhalt. Wie Silke schon gesagt hat, kann das sehr zeitaufwendig werden! Man muss oft recherchieren und dann noch mal mit dem Autor abstimmen, ob es auch wirklich das war, was er/sie sagen wollte. Im dritten Schritt kommen die Formulierungen dran, im vierten die Rechtschreibung. Die Phasen überschneiden sich teilweise auch, ich kann das nicht so streng separieren.

    Bei meinen eigenen Texten versuche ich, den Faktor Zeit anzusetzen. Erst mal runterschreiben und sich dabei nicht in zuvielen Details verstricken, dann Einstieg in die inhaltlichen Details und auch schon Formulierungen. Wenn es geht, mindestens einmal drüber schlafen und den Text mit frischen Augen und anderer Sichtweise anschauen, lesen, wirken lassen. Komplett neu schreibe ich auch nicht, sondern baue um, lösche weg, formuliere um, schiebe was ein. Ich denke, wenn man komplett neu schreiben muss, stimmt schon im Ansatz etwas nicht. Oder?

  4. Gitte Härter sagt:

    Hallo zusammen,

    da sind wir ja prinzipiell ähnlich in der Vorgehensweise, was die verschiedenen Durchgänge – mit jeweils teilweise anderen Schwerpunkten – betrifft.

    @Silke
    Danke für den Einblick in die Honorarstrukturen. Ich kenne das ja auch von einigen der Lektoren, mit denen ich zu tun habe (weil sie an meinen Büchern gearbeitet haben bzw. Kunden sind): Es ist ein Trauerspiel, was seitens Verlage oft gezahlt wird/werden kann. Ich habe früher ja viele Jahre in einer Bildagentur gearbeitet, und unter anderem Verlage & Redaktionen betreut. Da war es das Gleiche: die hatten sogar eine eigene Preisliste, weil sie einfach kein Geld hatten. Da hilft als freie Lektorin wohl nur ein gscheiter Mix oder ein Umsteigen auf die “freie Wirtschaft” = zahlungskräftigere Kunden. Und Bücher & Co. sind dann wohl oft eher ein Liebhaberprojekt.

    @Amos
    Haha: “unterringeln” kanntest Du noch gar nicht. Lustig! Und ein schönes Beispiel, wie man Bedeutungen oft natürlich auf Anhieb versteht, wenn das Wort gut genug ist bzw. wenn das Satzkonstrukt stimmt. Ich finde, das ist jetzt ein schönes Randthema zum Schreiben, es zum Beispiel auch oft spannend, wie man in einem fremdsprachigen Text oft ziemlich richtig das Wort versteht, auch wenn man es nicht kennt (und der Kontext auch nicht idiotensicher ist).

    @Doris
    Mit dem neu schreiben ist meine Erfahrung, dass es einerseits so ist, wie Du sagst: Manchmal stimmt etwas im Ansatz nicht, so dass es einfach besser ist, alles in die Tonne zu treten. – ABER: Es gibt auch den Fall, dass jemand an einem Text viel zu lange rummacht und “Flickwerk” produziert. Da werden teilweise Versatzstücke von etwas genommen, was schon da ist oder man schreibt einen Text, schaut sich dann bei anderen um, wie die das machen oder bekommt hie und da eine andere gute Idee (gesagt) – genauso ungut ist es manchmal, wenn es mehrere Autoren gibt. Da geht dann auch der Blick und das Gefühl für den Text verloren. Ich habe oft Kunden, die mir sagen, sie haben jetzt so lange an einem Text rumgemacht, dass sie nicht mehr wissen, was gut oder schlecht ist.

    Da ist es ganz oft so, dass man besser alles erstmal weglegt und neu schreibt.

    Nicht nur wegen der Zeit, die das kostet, sondern auch, weil es dem Text selbst gut tut.

  5. Doris sagt:

    “Unterringeln” kannte ich noch von der Schulzeit her. ;-)

    Gitte, mit dem ABER gebe ich Dir natürlich Recht. Diesen Fall hatten wir auch schon mehrmals. Dann ist es meistens tatsächlich schneller und effizienter, frisch von vorne anzufangen.

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