Sie wissen ja: Jeder von uns labert. (Das kann ich übrigens nicht oft genug betonen, denn alleine der Laber-Detektor verbessert Ihre Texte sofort!).
Schwieriger zu erkennen sind die kleinen Aufmerksamkeitskidnapper, die eigentlich kein “Gelaber” sind, gleichzeitig aber doch: denn sie sind für den Punkt, den Sie machen möchten, nicht nötig.
Ein Aufmerksamkeitskidnapper ist eine Stelle in Ihrem Text, bei der Ihre Leser sagen: “Hä?” – … und zwar nicht auf gute Weise. Sprich: Der Lesefluss ist unterbrochen, weil man als Leser etwas nicht versteht, verwirrt wird oder auf eine andere Gedankenbahn geschubst wird.
Das passiert zum Beispiel durch:
- verwirrenden Satzbau
- Gedankensprünge
- unbekannte Wörter
aber vor allen Dingen eben auch durch:
- Nebeninformationen, die nicht wichtig sind.
- eine rhetorische Frage
- polarisierende Aussagen
Allgemein könnte man sagen: Schneiden Sie beim Überarbeiten alles überflüssige Fett an Ihrem Text weg. Schauen Sie, dass Sie den Leser genau auf der Spur halten, auf der Sie ihn haben möchten.
Zwei der größten Auslöser für unnötige Fettschwarten an Texten sind die schon genannten unwichtigen Nebeninformationen und der Spurwechsel durch Fragen oder polarisierende Aussagen:
Unwichtige Nebeninformationen
“Ihr schreibt keine Dokumentation!” Den Teilnehmern meiner Schreibworkshops kommt das jetzt mehr als bekannt vor, denn es ist einer der Sätze, den ich wieder und wieder reinhämmere. Und er ist eine typische Ursache von Aufmerksamkeitskidnapping.
Es ist super, wenn Sie Beispiele aus der Praxis nutzen. Leser lieben es, wenn Texte so richtig aus dem Leben gegriffen sind. Doch es ist Ihre Aufgabe als AutorIn, die Essenz aus so einem Beispiel herauszugreifen. Es ist nicht Ihre Aufgabe, das wahre Leben zu dokumentieren.
Darum sind echte Begebenheiten zwar echt, aber sie müssen nicht in allen Details wiedergegeben werden.
Sagen wir mal, der Bruder Ihres Schwagers hat seinen langjährigen Mitarbeiter Georg S. gekündigt und dieser Mitarbeiter hat die Kündigung nicht akzeptiert: zwei Stunden hat das Gespräch gedauert, es ist dann noch der Prokurist zugezogen worden, aber Georg S. ist dauernd kopfschüttelnd am Tisch sitzen geblieben und hat sich geweigert, die Kündigung zu unterschreiben und hat immer gemurmelt: “Nein, ich bin nicht gekündigt.”
Sie schreiben einen Text über Mitarbeiterführung und nehmen sich des heiklen Themas Kündigung an. Dann ist dieses Beispiel vielleicht genau richtig, aber die vielen Details interessieren nicht: dass es der Bruder des Schwagers war, dass der Mitarbeiter “Georg S.” heißt, vielleicht nichtmal die Info mit dem Prokuristen. – Sie würden das Beispiel verwenden, aber stark kürzen und auf den Punkt bringen.
Nebenbei bemerkt strafft das Weglassen auch den Text, was ihn knackiger macht und Ihnen unnötige Zeichen spart (was wiederum wichtig wird, wenn Sie einen festen Umfang einhalten müssen).
Fragen und polarisierende Aussagen
Rhetorische Fragen wie “Kennen Sie das auch?”, Formulierungen wie “Bestimmt haben Sie auch schon mal”, das im 6. Newsletter schon angesprochene “Wir” … aber auch polarisierende Aussagen bringen Ihre Leser auf eine andere Gedankenbahn, wenn Sie vom aktuellen Text wegführen.
Wenn ich sage: “Bestimmt haben Sie auch schon mal verzweifelt nach etwas gesucht.”, dann kann ich ziemlich sicher sein, dass das den meisten Lesern – vermutlich allen – schon passiert ist. Wenn ich sage: “Bestimmt haben Sie sich auch schon mal in einem Lokal mit einer Bedienung gestritten?”, ist die Wahrscheinlichkeit schon nicht mehr so groß.
Wenn ich sage “Wir Menschen sind nicht immer ehrlich.”, nickt jeder. Wenn ich sage: “Wir Menschen trauen uns nie, unsere Meinung sagen.”, ernte ich von einem großen Teil der Leser Widerspruch (außer meine Zielgruppe sind explizit schüchterne Menschen).
Sagen wir mal, ich schreibe einen Text über Kündigung und eigentlich handelt der Artikel davon, wie schwer sich Vorgesetzte mit Kündigungen tun und wie man das Gespräch optimal führt. Was meinen Sie, wie meine Leser (genau diese Vorgesetzten!) darauf reagieren:
“Es ist wichtig, das Gespräch nicht zu emotional zu führen. Sachlich bleiben, freundlich, damit rechnen, dass es zu Unglauben und Widerspruch kommt. Jetzt heißt es, im Gesprächsverlauf bis zu einem gewissen Grad dem Mitarbeiter zu folgen. Das ist nicht für jeden leicht, denn Vorgesetzte sind es gewohnt, immer das Sagen zu haben und können sich einfach nicht gut anderen anpassen.”
Nebenschauplatz eröffnet. Da will ich gar nicht hin mit dem Text. Der Text dreht sich um ein möglichst konstruktives Kündigungsgespräch und nicht darum, ob Vorgesetzte sich anpassen können. Achten Sie auch auf die Formulierung: Das ist so. Sowas polarisiert eh immer.
Einen Standpunkt zu äußern, ist gut. Dann aber immer so, dass klar wird, dass es Ihre Meinung und nicht die Wahrheit der Welt ist. Und schauen, ob der Standpunkt genau zu diesem Text, den Sie gerade schreiben auch passt. Vielleicht ist es an dieser Stelle unnötiges Fett, aber eine schöne Themenidee für einen nächsten Artikel.



