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Der facettenreiche Blick (II)

Letzte Woche ging es im Newsletter um das Wahrnehmen von Facetten:

  1. Das Bewusstsein, dass alles komplexer ist, als man auf den ersten Blick sieht.
  2. Gesamtzusammenhänge sehen
  3. und ganz besonders: an Details interessiert sein

Ich hatte als Beispiel diese Aussage getroffen und zu Fragen und Spekulationen angeregt, was zahlreich in den Kommentaren passiert ist:

“Ich habe mir so einen elektrischen Küchen-Zerkleinerer gekauft. Das war der Kauf des Jahrhunderts, der gerade mein Leben verändert.”

In Ergänzung zu diesem Beitrag hier noch einige Informationen, warum es meiner Meinung nach so wichtig ist, als AutorIn immer wach durch das Leben zu gehen. Alles, wirklich alles, hat solche Facetten.

Viele Autoren neigen beim Schreiben dazu, mit spektakulären Inhalten zu glänzen. Doch was einen Text – oder eine Geschichte – wirklich spannend macht, ist gutes Erzählen.

Ich habe bereits in einem früheren Beitrag erzählt, dass meine erste Aufgabe in der Artikel-und-Tipps-Schreibwerkstatt die ist, einen unspektakulären Vorfall, zum Beispiel das morgendliche Kaffeekochen, spannend zu erzählen. Alleine das ist sehr ungewohnt. Meistens stützen wir uns darauf, dass uns der Inhalt  etwas “Neues” oder gar Spannendes liefert.

Für die Übung im letzten Newsletter hatte auch ich zunächst eine andere Aussage als den Küchenzerkleinerer: Ich habe mich an eine Begebenheit aus meiner Zeit als Vertriebsleiterin erinnert. Eine Mitarbeiterin stand völlig außer sich im Türrahmen und wollte kündigen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, denn für dieses fast hysterische Verhalten der sonst ruhigen, unauffälligen Mitarbeiterin gab es keine Anzeichen.

Nach kurzer Überlegung habe ich dieses Beispiel absichtlich geändert. Weil mir die Situation zu spektakulär war für den Punkt, den ich machen wollte:

  • Sehen Sie überall weitere Facetten.
  • Sehen Sie Zusammenhänge, Hintergründe: Achten Sie darauf, wie eine vermeintlich nebensächliche Information sich auffächert.
  • Hören Sie gut zu, wer was sagt – Stichwort „Selbstoffenbarung“.

Im Newsletter hatte ich letzte Woche schon geschrieben, dass es bei meiner Aussage nur peripher um die Küchenmaschine geht, sondern dass das Spannende hinter der angesprochenen Veränderung steckt.

Allzu oft schauen wir nur auf das Offensichtliche oder gehen über Dinge zu schnell hinweg. Stellen Sie sich meinen Satz in einem Gespräch mit einem Bekannten vor. Normalerweise gibt das kein großes Gesprächsthema her – allenfalls noch über Gebrauch und Sinn oder Unsinn der Küchenmaschine.

Für das Schreiben ist es besonders hilfreich, auf alles zu achten. Das macht nicht nur Texte vielschichtiger, sondern fördert auch den Ideenreichtum. Das Gute: Auch Gespräche werden viel spannender, wenn man sich mehr für das, was der andere sagt (oder noch nicht gesagt hat) interessiert.

In den Kommentaren zum Newsletter sieht man wunderbar, wie breit die Kommentare das Thema abdecken, wenn man sie zusammenfasst. Man sieht auch, dass, um wirklich Tiefe zum Thema zu bekommen, die richtigen Fragen nötig sind. Und das Nachfragen: Das Rauskitzeln weiterer Aussagen.

Eine besonders wichtige Sache ist auch der Rahmen, in dem man bestimmte Aussagen einordnen kann.

Bei der Küchenmaschine, die das Leben verändert, ist also nicht nur wichtig, inwiefern sie das Leben verändert, sondern “von was zu was”.

Nur, wenn ich weiß, wie „der Zustand“ vorher war, kann ich eher einordnen, was sich verändert hat. Ich kann die Facetten und das, was besonders wichtig oder spannend an einer Aussage ist, erst beurteilen, wenn ich ganz genau hinsehe.

Es geht um das Hinterfragen:

  • Worum genau geht es?
  • Wie ist der Zusammenhang?
  • Wie sind die Hintergründe?
  • Wer oder was ist noch beteiligt?
  • Wie war es vorher?

… und es geht darum, sich nicht von vermeintlich spektakulären Dingen blenden zu lassen.

Stellen Sie sich vor, Sie blicken auf eine Bushaltestelle. Auf der Bank sitzt jemand stumm und lächelt vor sich hin. Plötzlich hetzt jemand herbei, dem sein Hemd halb aus der Hose hängt, nicht richtig geknöpft ist und der unruhig hin- und herzappelt.

Gibt die gehetzte Person spannende Informationen her – oder die glückselig lächelnde auf der Bank? Wir wissen es (noch) nicht.

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3 Kommentare

  1. Norbert aus Hamburg sagt:

    Hallo, Gitte,

    Deine Erläuterungen erinnern mich an die “vier Seiten einer Nachricht” nach Friedemann Schulz von Thun:

    Die Nachricht selbst transportiert einen Sachinhalt und Aussagen darüber, in welchem Beziehungsverhältnis der Nachrichten-Sender zum Empfänger der Nachricht steht. Und es kann aus der Nachricht “herausgelesen” werden, wer der Sender ist und wie er sich selber sieht. Gleichzeitig steckt in vielen Nachrichten ein versteckter oder offener Appell an den Empfänger der Nachricht, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten.

    Sachinhalt
    ———————
    Sender – > Selbstoffenbarung Nachricht Appell -> Empfänger
    (Ich-Botschaften) | | (Wünsche)
    ———————
    Beziehung
    (explizite
    Beziehungs-
    aussagen)

    Wenn mir jemand eine “Geschichte” (Nachricht / Information) zukommen läßt, frage ich mich oft, was denn wohl die (wahre) Information oder Frage hinter der Nachricht ist, die mir gerade übermittelt wurde.

    Letztes Jahr hatte im Auftrage der Firmenleitung mit der Veränderung von Abläufen eines Unternehmens zu tun. Hier kamen Mitarbeiter auf mich zu, die eine “offizielle” Frage hatten. Schnell war aber klar, daß sich dahinter ganz andere Fragen und Wünsche verbargen, die unbedingt geklärt werden mußten. Die Mitarbeiter schienen aber nicht zu wissen, ob sie bei ihren Anliegen direkt mit der Tür ins Haus fallen durften.

    Herzliche Grüße
    Norbert

  2. Norbert aus Hamburg sagt:

    …als Nachtrag hier noch das Bild zum Text:

    Das Vier-Seiten-einer-Nachricht-Modell.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell

  3. Gitte Härter sagt:

    Genau Norbert: Das Hinhören und schauen, was dazugehört und was die eigentliche Geschichte ist, ist das eine.

    Aber es geht natürlich generell auch um Beobachten – nicht nur Menschen oder Leute, die mit einem Sprechen: Was geht da vor sich? Warum ist das so – und nicht anders? Hinterfragen: Stimmt das? Ist das die gesamte Geschichte? Oder gibt es andere Aspekte, Argumente, Widersprüche?

    Vor allen Dingen: nicht alles, was einem so aufgetischt wird, für bahre Münze zu nehmen. Immer gerne in Texten genommen: Irgendwelche Studienergebnisse oder sonstige Erkenntnisse, die auf irgendwelchen Fragebögen basieren. Sobald man näher hinschaut, sind diese Statements oder Zahlen selten haltbar. Denn ich kann auch soetwas nur einordnen und beurteilen, wenn ich weiß: Wer hat da wen was genau gefragt?

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