Dass viele Köche den Brei verderben, wissen wir ja alle.
Das gilt ganz besonders für das Schreiben, wo “die Köche” ganz unterschiedliche Formen annehmen können:
Mehrere Autoren:
Co-Autorenschaft ist eigentlich eine schöne Sache. Ich habe selbst ja zusammen mit Christine mehrere Bücher geschrieben. Und auch von Kunden kenne ich es, dass sie zusammen an Texten arbeiten. Nicht nur, wenn es eine gemeinsame Firma gibt, sondern auch bei Kooperationen. Mehrere Autoren stellen einen Text aber vor besondere Herausforderungen:
- Ist der Stil so ähnlich, dass kein totaler Bruch entsteht?
- Bei Geschäftstexten: Hat zumindest einer der Beteiligten die “Sprache”, die das Unternehmen richtig präsentiert?
- Können die beteiligten Autoren den Text schlüssig be-schreiben und den Leser wirklich durchführen?
- Behalten sie (oder zumindest einer) den Überblick, ob und inwieweit Änderungen dem Text in Inhalt und Form schaden?
- Sorgen sie dafür, dass in diesem Fall nochmal insgesamt poliert wird?
Meiner Erfahrung nach funktioniert die Co-Autorenschaft immer am besten, wenn man Texte aufteilt.
Bei Büchern haben wir beispielsweise immer die Kapitel vollständig zugeordnet und je nach Neigung oder Schwerpunktwissen eben gesagt: “Du machst Kapitel 1 und 3 und ich 2 und 4.” Bei kleineren Texten – wie etwa zur Unternehmensdarstellung, der Ausschreibung von Kursen oder sonstigen Angeboten – kann das ebenfalls sinnvoll sein. Sie können aber auch insofern Arbeitsteilung machen, dass einer Recherche, die Grafik oder eine Stoffsammlung übernimmt, der andere aber den Entwurf erstmal komplett fertigstellt.
Was nicht gut funktioniert ist es, wenn Sie versuchen wirklich gemeinsam zu schreiben, also “in Echtzeit” gemeinsam vor der Tastatur sitzen. Aber auch ständig Entwürfe und geänderte Fassungen im Entstehungsprozess hin- und herzuschicken.
Andere Drinrumwurschtler:
… damit ist jeder gemeint, der in Ihrem Text rumwurschtelt: der Chef, der nicht nur Kommentare dazuschreibt, sondern direkt umschreibt; der Kollege aus der anderen Abteilung, der weitere Ansichten hat; der Redakteur der Zeitschrift, die Ihren Artikel abdruckt, der fleißig editiert, kürzt oder das, was er sonst noch gerne drinhaben würde, mal eben dazupackt; Leute wie ich, die Sie beauftragen, Ihre Texte durchzuschauen; die gute Freundin, der Sie den Text zum Lesen geben und die meint “Hier würde ich das einfach so und so formulieren” und und und.
Damit wir uns richtig verstehen: Es gibt Drinrumwurschtler, die Ihren Text besser machen. Darum wünsche ich mir bei meinen jeweiligen Verlagen immer, wenn ich ein neues Buch vereinbart habe, auch immer sofort Lektoren, mit denen ich bereits gut zusammengearbeitet habe.
Es gibt – vom Chef über die Kollegen bis hin zum Textprofi – lauter phantastische Leute da draußen, die Sie gut aussehen lassen.
Aber es gibt eben auch die große Gefahr des Verschlimmbesserns, Verfälschens und Spracheveränderns. Wenn es blöd läuft, holpert Ihr Text, verwirrt Ihre Leser oder es ist plötzlich gar nicht mehr Ihrer, sondern der des Drinrumwurschtlers. (Wer hat es noch nicht erlebt, dass der Chef nur noch das Datum stehengelassen hat!)
Am Allerschlimmsten, und auch das kenne ich aus leidvoller Erfahrung, erscheint etwas unter Ihrem Namen, für das Sie sich in Grund und Boden schämen.
Wann immer andere in Ihrem Text drinrumwurschteln: Halten Sie die Hand drauf! Nehmen Sie Kritik und gute Vorschläge bitte, bitte an. Von guten Leuten können Sie eine Menge lernen. Aber machen Sie immer die Endkorrektur. Lassen Sie nie einfach Feedback oder Formulierungen anderer Leute, die punktuell den Text verändern, einfach einfließen, sondern achten Sie immer darauf, dass der Text “rund” ist – inhaltlich und von der Sprache her und dass Sie es sind.
Stehen Sie vor einer Veröffentlichung, vereinbaren Sie immer, dass Sie die Endversion vor Veröffentlichung sehen. Das gilt sogar für Texte, die “nur” auf einer anderen Website erscheinen. Alleine nachträglich eingebaute Zwischenüberschriften können großen Schaden anrichten, auch wenn der Text eigentlich so bleibt wie von Ihnen geliefert.
Multiple Autorenpersönlichkeit:
Na, haben Sie sich schon gefreut, dass es immer die anderen sind, die Ihre Texte verderben könnten? Weit gefehlt! Ganz viele Autoren erledigen das wunderbar selbst.
Passen Sie gut auf, dass Sie nicht die “vielen Köche” sind! Das passiert ganz schnell, wenn man
- unzusammenhängend schreibt, also hier ein Stückerl und da ein Stückerl und den Gesamttext nicht mehr insgesamt überarbeitet,
- viel zu lange am selben Text rumdoktert und so die Distanz dazu verliert und schlichtweg nicht mehr erkennt, wann etwas holprig oder unverständlich ist,
- sich viel zu viel von anderen Texten beeindrucken lässt und jemanden imitieren will oder dauernd an sich rumvergleicht und -mäkelt und dann immer wieder Formulierungen ändert,
- unlustig oder unter Zeitdruck ist und dann schnell-schnell was zusammenschustert.
Das Zerfasern Ihrer Autorenschaft und das hier und da dran arbeiten – manchmal zu exzessiv und manchmal halbherzig – hat den gleichen negativen Effekt wie wenn verschiedene Leute dran rummachen.
Recycling und Flickwerk:
“Ach, da hab ich doch schon mal was zu geschrieben! Und da von dem einen Artikel letzten Jahr kann ich auch noch verwenden.” oder auch wildes Zusammengerecherchiere von verschiedenen Quellen.
Kommt Ihnen bekannt vor? Das ist “Viele Quellen verderben den Brei”. Der Leser merkt solche Brüche ungemein. Nicht nur vom Stil her, sondern weil man wie bei einem schlecht zusammengesetzten Puzzle merkt: Das passt nicht richtig.
Die Lösung:
- Schreiben Sie über das, worüber Sie eine Ahnung haben.
- Plaudern Sie aus dem Nähkästchen: anstatt altes Gewäsch aufzuwärmen, schreiben Sie frisch, neu und praktisch. Das wird auch Ihnen viel mehr Spaß machen, geht unterm Strich schneller und man merkt es dem Lesen an.
- Vertrauen Sie auf Ihr Fachwissen und legen Sie sich nicht die Ich-muss-wissenschaftlich-arbeiten-und-alle-möglichen-Quellen-zitieren-Fessel an, die meist eh nur aus Unsicherheit besteht.
- und natürlich: überarbeiten, überarbeiten, überarbeiten. Denn so stellen Sie sicher, dass auch ein zusammengeflickter Text gut wird und sich flüssig liest.
Das Überarbeiten mögen viele von Ihnen nicht so gerne, weil sie es lästig finden. Aber ich werde nicht müde, Ihnen zu sagen: nur das Überarbeiten macht Ihre Texte wirklich gut und bringt Sie in puncto Schreibfähigkeit enorm weiter. Was am Anfang wie Arbeit scheint, geht nach und nach ganz schnell. Vor allen Dingen aber profitieren Sie vom Überarbeiten, weil Ihre Texte dadurch von vornherein immer besser werden.
Haben Sie schon Erfahrungen mit vielen Textköchen gemacht? Ich vermute, dass besonders die Profischreiber unter Ihnen jetzt ins Hyperventilieren gekommen sind, weil sie dieses Reingeschreibe sicherlich nur zu gut von so manchem Kunden kennen.



