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Das praktische Umsetzen von Schreibtipps

Hand aufs Herz: Wie viele der Tipps, die Sie so rund um das Schreiben lesen – zum Beispiel hier von mir – nehmen Sie nur zur Kenntnis, nicken vielleicht … und was davon setzen Sie tatsächlich um?

Das mit der Umsetzung ist nämlich immer so eine Sache:

  • Manchmal tut man es gar nicht (das geht mir nicht anders!).
  • Besonders kleine Tipps lassen sich oft schnell umsetzen.
    Wenn ich sage: Achten Sie auf unnötig umständliche Formulierungen wie “Ich möchte mich bedanken” oder “Wir erinnern Sie” und schreiben Sie lieber direkt: “Danke …”, “Bitte denken Sie an …”, dann fällt Ihnen das nächste Mal genau diese Formulierung ins Auge und Sie werden es umformulieren.
  • Schwieriger ist es bei Tipps, die Übung erfordern.
    Dabei sind gerade diese besonders wichtig: Entweder, um sich ungute Angewohnheiten abzugewöhnen oder eben um einfach besser, schneller, “anders” zu schreiben. Im vorletzten Newsletter habe ich Sie zum Beispiel gefragt, wie Ihr Schreibstil aussieht/aussehen soll. Dorthin kommt man nicht einfach nur durch Wissen und gutem Vorsatz. Schön wärs! ;-)

Genauso wie Sie ein Musikinstrument nur dann wirklich gut erlernen, wenn Sie regelmäßig spielen und sich die richtige Technik aneignen (und sie üben, üben, üben), sieht es mit dem Schreiben aus.

Doch hier kommt leider noch eine kleine Schwierigkeit: Wir schreiben im Alltag meist bereits viel. Gilt das auch als Üben?

Jein. Das reine Schreiben, so wie Sie es immer tun, bringt Ihnen nur bis zu einem gewissen Grad etwas. Stellen Sie sich vor, Sie wollen Gitarre lernen, spielen aber immer nur die sieben gleichen Akkorde, die Sie eh schon kennen. Sie variieren nicht, Sie improvisieren nicht, Sie schauen nicht, was es sonst noch gibt, Ihnen ist nicht klar, wie Sie diese Akkorde sonst nutzen können … dann können Sie nicht wirklich Gitarre spielen, sondern eben diese sieben Akkorde. Vielleicht haben Sie gelernt, die zwei drei gleichen Lieder damit zu begleiten. Aber danach beißt es aus.

Das tun, was man eh schon tut, hält Sie auf dem Niveau, auf dem Sie bereits sind. Wenn das schon sehr gut ist, dann haben Sie nichts verloren und entwickeln auf dieser Basis mehr Routine. Wenn es nicht so gut ist, halten Sie sich klein oder schaden sich vielleicht sogar: Denn wer nicht gut schreibt, etwa viel zu langatmig oder zu wirr oder zu langweilig oder im Befehlston, der verliert Aufmerksamkeit oder Sympathien, auch wenn der Inhalt noch so toll ist. Wer viel zu lange braucht, vergeudet unnötig Zeit, die woanders fehlt – ganz zu schweigen davon, dass die Schreiberei zur Qual wird.

Insofern: Ja, das Üben im ganz normalen Schreiballtag ist dann sinnvoll, wenn Sie nicht einfach das tun, was Sie ohnehin immer tun, sondern konkrete Veränderungen einbauen. Wie einfach das sein kann, haben Sie im letzten Newsletter erfahren: Verbessern Sie Ihre Korrespondenz in nur fünf Tagen.

Fragen Sie sich bei Tipps, die Sie praktisch anwenden wollen, immer: “Was heißt das für mich genau?”

Die wenigsten von uns haben Lust, sich abends oder am Wochenende hinzusetzen und irgendwelche Schreibübungen zu machen. :-) Klar gibt es das auch! Doch im Normalfall sind wir beruflich schon gut ausgelastet und sind auch mal froh, unsere Ruhe zu haben. Doch Tipps einfach mal zu lesen und dann mir nichts, dir nichts einzustricken, das funktioniert auch kaum.

Die gute Nachricht ist, dass das Umsetzen von Tipps nicht mit viel Zeit verbunden ist! Es geht mehr darum, dass Sie sich selbst dazu bringen, dass es KLICK machen kann.

Und das geht so:

Nehmen wir zum Beispiel mal einen ganz wichtige Grundlagen-Tipp, den Sie bei mir und sonst überall immer wieder lesen werden, wenn es um das Schreiben geht:

Stellen Sie sich beim Schreiben vor, Sie haben Ihren Leser vor sich und erzählen ihm, was Sie sagen möchten.

Viele von Ihnen kennen diesen Tipp und finden ihn vielleicht sehr nützlich (er IST sehr nützlich, denn er macht Texte sehr viel besser!).

Meiner Erfahrung nach ist es leider so, dass viele solche Tipps zwar zur Genüge kennen, aber sich nicht konkret fragen: “Was heißt das jetzt für mich genau?”

Nur wenn Sie diesen Tipp jetzt weiter aufbrechen und für sich selbst greifbar machen, wird er seine Kraft entfalten können – nur dann kommen Sie vom Wissen ins Tun.

“Stellen Sie sich beim Schreiben vor, Sie haben Ihren Leser vor sich” beinhaltet nämlich erstmal folgende Fragen:

  • Wer ist denn eigentlich mein typischer Leser? (Achtung: “typischer” Leser kann pro Text, Erscheinungsmedium und Ziel variieren!)
  • Wen will ich genau damit ansprechen/erreichen?
  • In welcher Situation steckt mein typischer Leser?
  • Wenn ich ihn – auch so ein geflügeltes Wort – da abholen will, wo er steht: Ja, wo steht er denn?

Aber damit ist es noch nicht getan! Denn jetzt müssen Sie sich noch dem zweiten Teil des Tipps widmen:

Wie sieht das “mir vorstellen” und “erzählen” denn aus?

  • Bin ich jemand, der sich tatsächlich vorstellt, der Leser sitzt mir gegenüber? Was heißt das? Stelle ich mir einen Stuhl gegenüber? Denke ich so bildhaft, dass ich mir tatsächlich eine Person vorstelle? Kenne ich jemanden aus meinem Kunden- oder Bekanntenkreis, der meinem typischen Leser entspricht, den ich mir vorstellen möchte?
  • Hilft es mir, wenn ich einem imaginären Leser regelrecht erzähle, was ich schreibe? Will ich vor dem Schreiben erstmal ein “Gespräch” mit dem Leser führen, weil ich so meine Inhalte klar bekomme und mich einer Struktur annähere?
  • Oder funktioniert es für mich besser, erst mal einen Entwurf zu schreiben und den dann laut vorzulesen und mir dabei vorzustellen, ich lese meinem typischen Leser vor?
  • Vielleicht tue ich mich aber auch leichter, wenn ich mir vorstelle, ich BIN mein typischer Leser (was wiederum nur funktioniert, wenn ich in der Lage bin, meine Rolle vom Fachmann/Autor zu wechseln und mit frischem Ich-lese-den-Text-zum-ersten-Mal-Leserblick an meinen eigenen Text heranzugehen)?
  • Vielleicht bedeutet dieser Tipp für Sie aber auch, dass Sie ihn bereits in der Konzeptionsphase nutzen. Dass die Konfrontation mit dem typischen Leser also gar nicht erst beim Schreiben losgeht, sondern dass Sie sich bei der Themenwahl und der Durchstrukturierung Ihres Textes in den Leser hineinversetzen oder mit ihm “sprechen” und erst danach ans Schreiben gehen.

Es gibt natürlich noch weitere Varianten!

Wir sind alle unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Präferenzen. Darum ist es so wichtig, dass Sie jedem Tipp, den Sie lesen und für gut befinden (nicht nur, was das Schreiben betrifft) 5-10 Minuten schenken und sich fragen: “Was heißt das genau für mich?”

Ich hoffe, das Beispiel nützt Ihnen dafür!

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2 Kommentare

  1. Horst R. sagt:

    Hallo Gitte,

    ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag.
    Es ist toll heute: Sonnenschein, gute Arbeit, nette Menschen drumherum und viele gute Ideen und Tipps aus Eurem “Gripsfundus”; vieles ist bekannt und wird wieder durchs neu Lesen aufgeweckt – wenn es passt, wird so mancher Tipp und Geistesblitz direkt übernommen oder einfach gemerkt (ihm Hirn ist ja noch soo viel Platz…).

    Es ist so einfach: Neuem aufgeschlossen sein und dabei den geschulten Erfahrungsblick und einen passablen Menschenverstand nutzen –> dann kann ja nur Gutes bei ´rauskommen oder?

    Netter Gruss
    von Horst R.

  2. Gitte Härter sagt:

    Hallo Horst,

    dankeschön – den wünsch ich Dir auch! (heute einen neuen, auch wieder mit viel Sonnenschein)

    Das freut mich, dass Du wieder mal bei uns gestöbert und einiges gefunden hast. Ja: Aufgeschlossenheit, Erfahrung und vor allen Dingen der gute alte Menschenverstand, der uns im Regelfall eh den Weg weist! :-)

    Viele Grüße
    Gitte

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