Wann immer Sie einen “Originalton” einbauen, also eine wörtliche Rede, ist das oberste Ziel die Glaubwürdigkeit. Nur wenn das gesprochene Wort auch echt klingt, stellen Sie sicher, dass Ihre Leser es flüssig lesen und vor allen Dingen glauben. Im Newsletter Nr. 16 (“Lügen Sie Ihre Leser nicht an!“) habe ich das bereits angesprochen.
Weil das Schreiben von wörtlicher Rede, besonders von Dialogen keine leichte Sache ist, will ich Ihnen heute konkrete Beispiele dazu liefern, warum korrekte Grammatik der Glaubwürdigkeit – und dem Lesefluss – entgegenstehen.
Das gilt übrigens für alle Arten von Texte: ob es die Kundenreferenz ist, die Sie auf der Website veröffentlichen, ob Sie einen Tipp-Text oder einen Ratgeber schreiben oder ob Sie sich an einen Roman wagen.
Hören Sie sich und anderen einmal ganz aufmerksam beim Sprechen zu. Nicht nur reden wir oft ziemlichen Unsinn, wir tun es noch dazu mit ganz eigenen Sprachmustern, natürlich in Umgangssprache, manchmal mit sehr begrenztem Wortschatz, mit Füllern. Manchmal wird es sogar regelrecht absurd, wie ich hier schon mal kurz erzählt habe.
Natürlich ist es nicht nötig, in einem Text das alles haarklein nachzuempfinden. Die Frage ist immer: Welcher Zweck muss erfüllt werden? Bei einem Tipp-Text brauchen Sie keinen Dialekt, außer dieser spielt dabei eine zentrale Rolle, bei einer Kurzgeschichte ist es vielleicht wichtig, einen Charakter näher zu beschreiben.
Sehen wir uns zwei Beispiele für Businesstexte an. Der größte Feind von Glaubwürdigkeit ist hier nämlich die korrekte Grammatik.
Achtung: Wenn Sie mit einem Lektorat arbeiten oder jemand Ihre Texte korrigiert, dann weisen Sie die Person darauf hin, dass bei O-Tönen gerade die sprachliche Ungeschliffenheit wichtig ist!
Sagen wir, Sie möchten anhand eines Dialoges eine Kundenbeschwerde nachvollziehen:
- Das ist doch mir schnuppe, ob der Morgenstern nicht da ist. Ich will einfach mein Geld zurück! Veranlassen Sie das! Und eine Entschuldigung hat auch noch niemandem geschadet!
- A-also Herr Beck, worum geht es denn genau? Sie haben die Ware also nicht am Vierzehnten -
- Hallo???? Hören Sie mir überhaupt zu? Mein Gott, wieso muss ich mich jetzt mit einem Azubi rumschlagen?! Geben Sie mir mal Ihren Chef!
In einem echten Gespräch sagt ein aufgebrachter Kunde schon mal “schnuppe” oder “der Morgenstern”. Ich muss nicht näher beschreiben, dass der Sachbearbeiter nervös ist, wenn ich es mit einem leichten Stottern beginne. Und ich brauche nicht zu sagen, dass ein Kunde ungehalten ist, wenn ich ihn ungehalten sprechen lasse.
Ein Grundsatz im Film, den ich schon oft zitiert habe und Ihnen gleich nochmal ans Herz lege, ist: Zeigen Sie es, statt es zu beschreiben.
Schauen Sie sich das nächste Beispiel an: Herr Kaul und sein Kollege, Herr Paule, verhandeln darüber, wer dieses Jahr auf die CeBIT soll.
Kaul: Also, ich war auf der Systems, auf der Electronica und letztes Jahr auf der CeBIT. Diesmal bist Du dran!
Paule: Ach komm, so einfach geht das jetzt nicht. Die anderen beiden zählen erstmal gar nicht, weil die lange nicht so groß sind. Außerdem die Systems und die Electronica sind ja eh in München. Da hast Du keine Fahrerei und bist jeden Tag daheim.
Kaul: Völlig wurscht. Messedienst ist Messedienst. Und ich war die letzten drei wichtigen Messen – und Du warst nie.
Paule: Hey, wie oft hab ich schon mit Dir Dienst getauscht. Erst letztes Wochenende bei dem Notfall vom Beier. Wer ist da gefahren? Ich! Also tu nicht so, wie wenn ich nichts tun würde.
Kaul: Hä? Das eine hat doch gar nichts mit dem anderen zu tun!
Paule: Schon! Du ziehst Dich da aus der Affäre mit der CeBIT und tust grad so, als ob ich nichts mache. Ich schau jetzt mal nach, wie oft ich eingesprungen bin für Dich und am Wochenende. Und dann schauen wir weiter. Wenn Du ehrlich zu Dir bist, ist es nur fair, wenn Du gehst.
Kaul: Was soll das denn jetzt -
Paule: Und an Weihnachten willst Du auch wieder frei. Und wer macht Dienst? Ich.
Würde man diesen Dialog in korrektes Deutsch “übersetzen”, würde er enorm verlieren. Nicht nur, weil sich die Dynamik zwischen den beiden verändert, sondern vor allen Dingen auch, weil das Gespräch nicht aus dem Leben gegriffen wäre.
Wörtliche Rede ist ein sehr effektives Stilmittel: Sie macht Ihre Texte interessanter und wesentlich praxisnaher. Aber nur, wenn die Dialoge auch echt klingen.




Danke für diese Tipps, die Aufforderung zur Inkorrektheit und zum Weglassen von Zusatzinformationen.
Ich quäle mich nämlich gerade durch “die Hütte”, wo wörtliche Rede meist noch mit einer (überflüssigen) Beschreibung der Mimik oder Gestik untermalt wird …..
Huhu Astrid,
ja, das ist so weit verbreitet: diese Beschreibungen. Oft werden Bücher dadurch buchstäblich unlesbar, auch wenn die Geschichte ansich ganz gut ist.
Da fällt mir auch das Nutzen von Hilfsmitteln wie Hervorhebungen durch Fettdruck, Unterstreichungen etc. ein. Da heißt eine gute Grundregel ja auch: Schaffe die Betonung durch den Text, so dass Du solche Krücken nicht brauchst.
Wenn man auf solche Dinge achtet kann man seinem Text (und dem Leser) auch genug vertrauen, dass das Richtige rüberkommt.
Viele Grüße
Gitte