Ich stehe vor dem Regal mit den Karriere- und Bewerbungsbüchern und blättere mich so durch. Hier und da lese ich rein.
Oh, das ist gut.
… äh, das kommt mir sehr bekannt vor.
DAS IST MEINS!
Die Überschriften sind etwas anders, die Reihenfolge ist geändert. Aber ansonsten ist es mein Text über die Analyse von Stellenanzeigen für die Bewerbung, den diese Frau einfach mal so 1:1 in ihr Buch übernommen hat.
Wieder einmal komme ich mir vor wie in Schneewittchens Zwergenstube.
Wieder einmal hat sich einfach so jemand bedient.
Textklau ist leider durchaus an der Tagesordnung, ganz besonders, wenn man im Internet veröffentlicht:
- Manche freie Journalisten und Internet- sowie Zeitschriftenredaktionen bedienen sich hemmungslos in Blogs und auf Websites. Ich hatte einen Fall, bei dem ein freier Journalist einen Text von mir unter seinem Namen an eine österreichische Tageszeitung verkauft hat. Bei der Recherche fand ich vier weitere Internetseiten, die den gleichen Text veröffentlicht hatten. Wie sich herausgestellt hat, hat nur einer gutgläubig den Artikel ebenfalls gekauft, sonst hat einer vom anderen geklaut!
- Konkurrenten kopieren Texte zur Selbstdarstellung oder Tipps. Das geht soweit, dass manche Leute ihre eigene Website komplett unter anderem Namen wiederfinden. Ich weiß sogar von einer Website einer Texterin, die eine andere TEXTERIN komplett gestohlen hat. Immer wieder gern genommen sind auch vollständige Artikel, die sich auf Websites oder in Newslettern wiederfinden.
- Webseiten-Betreiber nutzen „copy & paste“, um ihre Seiten zu füllen oder sich mit fremden Federn zu schmücken. So ist es eine (nicht erlaubte!) Unsitte, dass Blogbetreiber Texte aus anderen Blogs komplett übernehmen. Es ist keineswegs ausreichend, einfach die Quelle anzugeben.
- Mir ist sogar ein besonders dreister Fall bekannt, wo eine Trainerin einfach einen Selbstlernkurs und die Ausschreibung des Selbstlernkurses unverändert übernommen, ihren Namen drüber geschrieben hat und ihn auf einer bekannten Plattform angeboten hat
- Ganze Bücher wurden schon zusammengeklaut. Und mich traf schier der Schlag, als ich ein Interview von einem bekannten Autorenpaar las, das nonchalant meinte „Das ist doch normal, dass man sich bei anderen Autoren bedient, das mache doch jeder.“ Leider ist das kein Einzelfall.
Ich kann so ein Verhalten nicht fassen. Zum einen ist es Diebstahl. Keiner der Diebe fände es in Ordnung, wenn man ihm einfach etwas wegnimmt. Aber bei fremdem Eigentum scheint das egal zu sein. Jaja, ich weiß, dass das ein sinnloser Gedankengang ist. Der Dieb schert sich um soetwas ja gerade nicht.
Ich kann es aber auch beim besten Willen nicht fassen, dass Leute es über sich bringen, einfach so ihren eigenen Namen unter einen fremden Text zu schreiben – und das in Ordnung finden und sogar Bücher veröffentlichen. Hat man da, wenn schon keine Scham, noch nicht mal Angst, dass das (sehr wahrscheinlich) rauskommt? Man erkläre es mir bitte.
Kommen wir zu den Fakten:
Niemand darf einfach mal eben so Ihre Texte kopieren. Dabei ist nicht von Belang, ob Sie das Copyright-Zeichen oder einen Verbotshinweis angeben. Ihr Text ist Ihr Text.
Wer einen Text ohne Erlaubnis nutzt, verletzt das Urheberrecht und kann damit sofort, ohne vorherige Vorwarnung, abgemahnt werden. Meine persönliche Erfahrung der ersten Jahre, in denen ich immer erstmal persönlich die Diebe angesprochen habe, sind übrigens durchweg rüpelhafte Antworten gewesen. Seither gehe ich ohne Vorwarnung zum Anwalt, wenn jemand wieder einmal einen Text von mir gestohlen hat. Das anfallende Anwaltshonorar hat derjenige dann auch zu bezahlen, der geklaut hat. Meine Erfahrung ist, dass 9 von 10 Dieben so dumm sind, es auf ein Gerichtsurteil ankommen zu lassen.
Vor Gericht wird geprüft, ob eine Urheberrechtsverletzung vorliegt. Dabei ist nicht nur von Belang, ob jemand 1:1 kopiert hat bzw. wie viel Text übernommen wurde, sondern auch, ob wirklich eine schöpferische Eigenleistung vorhanden ist. Wenn ich also einen Text schreibe, den mehr oder weniger jeder andere einfach so auch schreiben kann, weil er so naheliegend oder üblich ist, habe ich keine großen Chancen.
Wir selbst haben bei den Fällen, die vor Gericht gegangen sind, immer Recht bekommen und die Diebe dann zu den erhöhten Anwaltskosten auch noch die Gerichtskosten zu tragen gehabt.
Das Risiko: Wenn der Gegner kein Geld hat, bleibt man auf den Kosten sitzen. Das ist uns bisher erst einmal passiert, aber auch da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, denn ein Titel ist 30 Jahre vollstreckbar.
Was ist die Message?
Übernehmen Sie nie, nie, nie ungefragt Texte (oder auch Bilder)! Das gilt auch für Anfahrtsskizzen, Comics und für Fotos aus Bilddatenbanken, bei denen man angeblich alle Fotos “so” nutzen darf. Lesen Sie immer das Kleingedruckte, denn auch in diesen Bilddatenbanken gibt es oft sehr wohl Einschränkungen oder genau einzuhaltende Copyrightvermerke.
Lassen Sie sich eine Erlaubnis immer schriftlich geben.
Werden Sie in dem Maße tätig, das Sie für richtig halten, wenn Sie entdecken, dass Sie selbst beklaut werden. Vielleicht fühlt es sich für Sie besser an, wenn Sie mit dem Dieb sprechen. Vielleicht stellen Sie eine nachträgliche Rechnung mit Textklauzuschlag. Vielleicht steigt Ihnen, wie mir, der Blutdruck, wie jemand so etwas machen kann, und Sie hetzen dem anderen sofort dem Anwalt auf den Hals, weil viele nur über den Geldbeutel lernen.
Wenn Sie systematisch nach Plagiaten suchen möchten, können Sie entsprechende Plagiatssuchsoftware verwenden oder Dienste wie textguard.de nutzen.
Für die Buchschreiber unter Ihnen: Ein seriöser Verlag wird niemals Ihre Idee klauen „und jemand anderem geben“. Diese Befürchtung höre ich sehr oft. Sie ist unbegründet. Wenn Ihre Buchidee gut ist und Sie im Konzept bereits schlüssig vermitteln, dass Sie kompetent und in der Lage sind, das Thema konkret und klar zu beschreiben, wird man Sie auch liebend gerne dafür unter Vertrag nehmen. Buchverlage haben kein Hinterzimmer, in dem “billige Eigenschreiber“ sitzen, die auf fremde Ideen lauern.
Dieser Adventskalender der Schreibtipps funktioniert so:
BlogleserInnen geben mir ein Hauptwort vor, das überhaupt nichts mit Schreiben zu tun hat. Ich muss es schaffen, einen schlüssigen Schreibtipp draus zu machen. Wenn Sie, wie von Dagmar vorgeschlagen, Ihren eigenen Tipp zum “Wort des Tages” ergänzen möchten: Nur zu!
Die „Zwergenstube“ war von Ellen – und wie ich schon vorab erwähnte, habe ich hier ausnahmsweise ein bisschen getrickst.




Hallo Gitte,
danke für Ihre Tipps!!! Die “Zwergenstube” ist sehr interessant, inhaltlich natürlich:-)!
Viele Grüße,
Silke
Liebe Gitte,
wer hätte gedacht, dass sich hinter dem anheimelnden Titel der “Zwergenstube” solche Themen verbergen, die man ruhig als kriminell bezeichnen kann. Der Kavaliersdelikt ist da eine Vokabel, die in diesem Zusammenhang oft benutzt wird und vielleicht beschwichtigen soll. “Leute – habt euch doch nicht so, wer wird sich denn da gleich aufregen.” Wahrscheinlich regen sich diese Leute ebenso auf, wenn einer ihrer Texte ungefragt übernommen würde.
Einige meiner Blog- und Seminartexte oder Zeichnungen habe ich leider auch unter fremdem Namen wieder gefunden.
Ich finde, dass dieses Phänomen einen großen Bedarf zeigt (sogar Marktlücke?); Die eigene Kreativität entfalten, lernen, selbst knackige Texte zu schmieden. Also noch ein Grund, z.B. in einen deiner Kurse zu gehen. …
Also Thanx nochmal für diese gehaltvolle Zwergenwiese!
Danke, danke Ihr beiden.
Da gilt wieder der alte Spruch: “Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.”
Und ich stimme Dir da zu, Dagmar: die meisten machen es nicht aus Bosheit, sondern weil sie glauben, es nicht selbst zu können – oder weil sie denken, es sei okay. Mir hat sogar eine große Website einmal mehrere Texte geklaut unter Verweis auf mich und link auf die Website und dann gesagt: “Copy, paste ist im Internet üblich – so lange man die Quelle angibt.” Und das ist es eben nicht.
Darum ist es auch, wenn man sich nicht gleich streiten will, immer gut, anderen auf die Füße zu steigen, wenn sie einfach klauen.
Übrigens: Meistens reicht Fragen völlig aus.
Ich habe das ja auch: Die einen erkundigen sich vorher und fragen, ob sie dürfen (und bekommen je nachdem, was sie damit vorhaben, durchaus öfter die Erlaubnis – woraufhin alle Beteiligten froh sind) – und die anderen fragen nicht oder, was ich auch schon hatte: veröffentlichen erstmal fröhlich vor sich hin und sagen hinterher dann: “Hier das hab ich gemacht, ist ja sicher okay, oder?” Und auch das ist natürlich schlechter Stil.
Viele Grüße
Gitte
Hallo Gitte,
danke für den interessanten Artikel. Von mir wird auch gerne in Freiherrenmanier abgeschrieben. Es sind zwar profane Dinge wie Hundekeksrezepte (es darf gelacht werden), die dann gerne als gedankliche Eigenleistung in Foren und Blogs auftauchen (finde ich dann nicht mehr witzig).
Man gebe in eine Suchmaschine nur einmal “Schweizer Käse-Nuss-Kekse” ein. Das Originalrezept stammt von mir (Januar 2006) und wurde von Frau Sondermann veröffentlicht, die ich darum gebeten habe. Die “Italienischen Pestokekse” folgen dann an zweiter Stelle in der Kopisten-Rangliste.
Jetzt weiß ich nicht, ob ich mich über die Dreistigkeit der Kopisten ärgern soll oder mich freuen soll, daß ich, im Gegensatz zu anderen, so kreativ bin, daß man sich mit meinen Federn schmückt?
Viele Grüße
Susanne
Hallo Susanne,
ärgerlich!
Das mit dem “Freu dich doch, dass dich beklaut, weil es ein Kompliment ist” finde ich persönlich total bescheuert.
Gerade dieses Copy-Paste in Foren wie mit dem Rezept zeigt ja, dass man ein wahres Kompliment auch stilecht machen kann: “Hier habe ich ein tolles Hundekeks-Rezept von Susanne Reber gefunden (link setzen)”. Gleiches Ergebnis: Der Ratgeber gibt das Rezept weiter, kann alle Dankbarkeit der Welt auf den Hinweis ernten UND verweist auf die Quelle.
So geht es nämlich weiter und weiter und weiter mit dem Kopieren, da ab jetzt die Quelle “unbekannt” ist.
Ich hatte mal einen Fall, wo eine große Wiener Tageszeitung unerlaubterweise einen Text von mir online veröffentlichte. Ohne Namensnennung. Als ich sie darauf hinwies, sagten sie “das hat uns der freie Journalist Sowieso geliefert” … am Ende waren vier weitere Websites an völlig unterschiedlichen Orten beteiligt: einer hat vom anderen geklaut!
Es ist wie beim Kaufen: Wenn ich Geld habe, kann ich was kaufen. Wenn ich kreativ genug bin, kann ich etwas schaffen. Wenn NICHT, dann muss ich es eben lernen oder besorge mir auf gute Weise – mit Erlaubnis – das, was ich selbst nicht zustande bringe.
Ach, ich rede mich immer in Wallung bei dem Thema …
Viele Grüße
Gitte