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„Tun Sie dieses, lassen Sie jenes“ – Klartext oder Befehlston?

Da ich seit über zehn Jahren andauernd Tipps und Bücher schreibe und auch sonst jemand bin, der automatisch Klartext spricht, war ich zunächst erstaunt, dass in Schreibworkshops regelmäßig herauskam, dass viele Autoren echte Probleme mit direktiver Sprache haben.

Also zu schreiben: „Mach dieses!“ und „Lass jenes!“ anstatt eine direkte Aufforderung zu vermeiden oder so lange umzuformulieren, bis es „netter“ klingt.

Das ist ein sehr vielschichtiges Thema. Denn wie eindeutig Sie sich ausdrücken, wirkt sich darauf aus:

  • wie kompetent man Sie erlebt („sie weiß, wovon sie spricht“)
  • wie eindeutig man Ihre Texte versteht.
  • wie praxisnah ein Text empfunden wird.
  • wie animiert Ihre Leser sind, etwas auszuprobieren.

Wenn Sie selbstständig sind, dann verraten Ihre Texte auch etwas über Ihre Arbeitsweise. Mir sagen LeserInnen immer wieder: Ich weiß schon, dass Sie nicht lange rumfackeln! Oder: Ich kenne das schon, dass Sie unverblümt und geradeheraus sind. Und Sie sagen: Sie sind mir so vertraut! – Warum? Weil ich keine neutral hingefeilten Texte liefere, sondern Klartext rede.

Schauen wir uns zunächst einmal drei Extreme an:

– rumeiern
– neutral sein wollen
– Anordnungen

Rumeiern

Mit „rumeiern“ meine ich das absolute Vermeiden einer klaren Empfehlung oder Aufforderung. Das Rumeiern ist oft begleitet von Formulierungen wie „man sagt“ oder „es empfiehlt sich“ oder „manche Menschen glauben, es sei hilfreich …“.

Soetwas lässt in erster Linie Sie als AutorIn schwach wirken: Da hat jemand nichts zu sagen oder will sich durch uneindeutige Formulierungen ein Sicherheitsnetz schaffen. Denn wenn ich mich nicht festlege, bin ich auch nicht angreifbar.

Handelt es sich um Business-Texte ist das ein ganz schöner Schuss ins Knie: Denn, wie eben schon gesagt, reflektieren Ihre Texte auf Ihre Kompetenz und Ihre Arbeitsweise. Ein schwammiger und unklarer Text ist unbefriedigend für Ihre Leser – und schadet Ihrem Image.

neutral sein wollen

In einem unserer ersten Bücher wollten wir möglichst neutral sein. Nicht, weil wir uns um Neutralität bemüht hätten, sondern einfach, weil viele Aspekte vielschichtiger sind. Darum schrieben wir Sätze wie „Es empfiehlt sich … Das heißt nicht ausschließlich, dass … sondern es heißt auch …“. Das unbefriedigte Feedback einiger Leser war: „Was soll ich denn jetzt tun?“

Besonders diejenigen unter Ihnen, die akademisches Schreiben gewöhnt sind, kleben oft zu stark an neutralen Formulierungen. Sie vermeiden oft ganz bewusst einen klaren Standpunkt und eigene Meinung. Oder setzen, wenn es ganz schlimm kommt, ihre gesamten Texte aus Zitaten anderer Leute zusammen.

Das Problem: Wenn Sie zu neutral formulieren, wirken Texte distanziert. Leser haben keine klare Orientierung. Und es ist kein persönliches Engagement spürbar.

Anordnungen

Kommen wir nun zu dem, was hier eigentlich vermieden werden soll: dem Befehlston. Ganz vorne dabei findet sich das „müssen“ und „sollen“. Hier sehen Sie auch schon ganz deutlich, dass Sie bereits ein gutes Gespür dafür haben, was nicht gut ankommt. Denn „müssen“ oder „sollen“ tut niemand gerne etwas.

Entsprechend reagieren die meisten Leser tatsächlich allergisch darauf, wenn ihnen jemand vorschreibt: „Sie müssen morgens meditieren, nur dann kommt Ihr Geist zur Ruhe!“ oder „Sie sollten Ihrem Partner gegenüber Grenzen ziehen!“.

Das heißt nicht, dass ein Muss oder Soll immer schlecht ist. Es kommt auf die Häufigkeit an: Wenn ich Ihnen in jedem meiner Texte andauernd „müssen“ und „sollen“ reindrücke, werden Sie nicht mehr lange mitlesen.

Und es kommt natürlich auch auf den Kontext an. Hier zwei Beispiele, wo das „soll“ und das „muss“ absolute Berechtigung haben:

  • „Um schnell Fortschritte bei Ihren Bauchmuskeln zu sehen, sollten Sie wöchentlich dreimal diese und jene Übung zu machen.“
  • „Ob es Ihnen gefällt oder nicht: Als Selbstständige/r müssen Sie aktiv akquirieren! Außer, Ihr Laden ist bereits ein Selbstläufer.“

Klare Ansagen sind keine unsympathischen Befehle!

Klartext zu schreiben, ist eine ganz wichtige Formulierungsdevise. Ihre Leser schätzen es sehr, wenn Sie einen klaren Standpunkt vertreten und ihnen gerade bei Tipptexten animierend und auffordernd zur Seite stehen.

Beispiele:

  • Achten Sie bei künftigen Texten für Ihr Unternehmen darauf, dass Sie Ihren Lesern klipp und klar – aber unaufdringlich – sagen, was diese tun sollen.
  • Fragen Sie sich: Welche Informationen, Übungen, Erfahrungen, Tipps oder Beispiele gehören eng zu meinem (KONKRET EINGEGRENZTEN!) Thema? Wenn Ihr Text fertig ist, beurteilen Sie einzelne Passagen daraufhin, wie nah oder fern Sie der Kernbotschaft sind.
  • Vermitteln Sie in einer kurzen, aber persönlich formulierten Botschaft, was, für wen und warum. Bauen Sie nicht einfach ein Werbebanner ein, das von den großen Spendenorganisationen zur Verfügung gestellt wird.

Und hier noch ein ausführlicheres Beispiel für eine Empfehlung, sich bei Vielrednern durchzusetzen:


Nutzen Sie Körpersprache

Nicht immer fühlt man sich damit wohl, jemandem ins Wort zu fallen, oder bekommt gar keine Gelegenheit dazu, weil der Gesprächspartner nicht mal zwischendurch Luft holt. Setzen Sie dann gezielt Ihre Körpersprache ein:

  • Machen Sie ein Gesicht, dem man ansieht, dass Sie gerade anheben etwas zu sagen (etwa: Hochziehen der Augenbrauen, Anheben des Kopfes, Öffnen des Mundes).
  • Halten Sie einen Zeigefinger in die Höhe oder strecken Sie die Handflächen nach vorne aus, damit klar ist, dass Sie etwas sagen wollen.

 

Ist doch gar nicht negativ oder gar klugscheißerisch!

 

9 Kommentare

  1. Liebe Gitte,

    du hast es vollkommen richtig beschrieben. Ich komme aus dem wissenschaftlichen Schreiben und finde, man kann sich wunderbar hinter neutralen Formulierungen „verstecken“. Es fiel mir am Anfang meiner Selbstständigkeit sehr schwer, konkreter zu werden, Farbe zu bekennen und mich festzulegen in dem, was ich zu sagen habe. Schließlich wollte ich ja viele neue Kunden gewinnen und niemanden verprellen. Witzigerweise (ich bin Korrektorin/Lektorin) konnte ich die Texte meiner Kunden immer wunderbar verbessern.

    Was mir selbst inzwischen sehr gut hilft:
    1. mir klarmachen, wer meine Leser sind und wen ich ansprechen will,
    2. mich in diese Leser hineinversetzen,
    3. die Situation (oder eine kleine Auswahl möglicher Situationen) der Leser beschreiben.
    So fühlen sie sich direkt angesprochen, ich habe eine konkrete Ausgangssituation und kann diese konkret fortführen. Sinnvolle Anweisungen kommen damit ganz automatisch zustande und sind auch nicht aufdringlich, weil sie sich an einer konkreten (Beispiel-)Situation orientieren und eben nicht allgemein sagen: „du sollst“.

    Viele Grüße
    Petra

  2. Liebe Gitte,

    da hast du sehr recht. Während meiner Angestelltenzeit musste ich oft in verwaschenen Formulierungen schreiben, was mir überhaupt nicht lag. Ich hatte häufig Ärger, weil ich zu viel Klartext verfasst hatte.

    Diesen akademischen Stil habe ich mir später wieder regelrecht abtrainieren müssen. Wenn ich jetzt Übungen oder Tipps schreibe, benutze ich mehr Vollverben als Hilfsverben.

    Das macht die Aussage klar und viel stärker als so ein Herumgeeiere.

    Also statt „es wäre ein Gewinn für Sie, wenn Sie sich mal fragen würden, ob…“ schreibe ich „“Fragen Sie sich doch mal, ob…“. Direkte Aufforderungen geben auch viel mehr Schwung zum loslegen als solche weichen Wischiwaschi Anstubser ;-).

    liebe Grüße
    Barbara

  3. Gitte Härter sagt

    Hallo Petra, huhu Barbara,

    danke für die ergänzenden Beispiele!

    Ein schönes Wochenende
    Gitte

  4. Liebe Gitte,
    klare Ansagen, was der Kunde machen soll, ist wichtig und richtig. Allerdings ärgere ich mich jedes Mal über Radio- und Fernsehwerbungen: „Jetzt testen!“, „Jetzt Probeabo bestellen!“ …Jetzt dies und das! Hier fühle ich mich schon im „Befehlston“ angesprochen. Wahrscheinlich will man damit die Du- oder Sie-Ansprache umgehen? Ich finde, man kann solche Aufforderungen freundlicher verpacken, zumindest im „ganzen Satz“.
    Viele Grüße, Margot

  5. Hallo Frau Härter,

    vielen Dank für diesen Artikel.

    Sie schreiben: „Ihre Leser schätzen es sehr, wenn Sie einen klaren Standpunkt vertreten und ihnen gerade bei Tipptexten animierend und auffordernd zur Seite stehen.“

    So sehe ich das auch. Es ist schließlich unsere Aufgabe, als Fachfrauen den Leser/Kunden an die Hand zu nehmen, ihn anzuleiten und ihn nicht durch schwammige, zaghafte Formulierungen zu verwirren und zu verunsichern. Der Leser/Kunde erwartet sich eine selbstbewusste Führung.

    Meistens fällt es mir auch sehr leicht, klare, auffordernde Tipps zu geben (als Werbetexterin schreibe ich viele Fachartikel und Blogposts zum Thema Text). Aber manchmal fühle ich mich dann doch unsicher, weil Texten schließlich keine exakte Wissenschaft ist und es in manchen Bereichen (zum Beispiel beim Schreiben von Headlines) viele unterschiedliche Meinungen gibt …

    Liebe Grüße aus Innsbruck!
    Doris Doppler

  6. Hallo Frau Härter,
    danke für diesen guten Artikel. Endlich spricht mal jemand aus, was ich auch oft so empfinde. Unter dem Mäntelchen der „Neutralität“, des „Nichts-Vorschreiben-Wollens“ wird herumgeeiert.

    Als Trainer und Coach bemühe ich mich auch um Neutralität. Aber bisweilen beziehe ich doch klar Stellung und gebe auch Ratschläge, bzw. sage meine Meinung. Das wirkt manchmal konfrontativ und klappt auch nur, wenn man einen guten Draht zum Gegenüber hat.

  7. Liebe Frau Härter,

    herzlichen Dank für diesen inspirierenden Artikel.

    Ich mag Klartext ohne Befehlston. Was mich häufig stört, ist das unverbindliche Wörtchen „man“. An diese Stelle gehört meist ein „ich“. Schreibt jemand in einem Text: „Ich habe das so und so gemacht“ ist die Aussage klar und trotzdem weder befehlend noch allgemein. So habe ich als Gegenüber eine klare Ansage und kann trotzdem frei entscheiden, ob dieses „so und so“ etwas für mich ist.

    Herzliche Grüße

    Simone Happel

  8. Liebe Frau Härter,

    was Sie völlig richtig fürs Texten sagen, gilt nicht viel anders fürs Schreiben von Romanen. Auch dort eiern viele Autoren herum – und sie lassen das auch ihre Charaktere tun. Da führt die Passivkonstruktion direkt zu passiven Helden. Und damit zum sicheren Tod für den Roman.
    Als Schreibcoach rede ich in meinem Blog oder meinen Gutachten Klartext. Nur das hilft weiter. Nur das ist fair den Autoren gegenüber, die, um zu lernen, Geld oder Zeit investieren.

  9. Gitte Härter sagt

    Hallo zusammen,

    herzlichen Dank für das schöne Feedback und die weiteren Beispiele und Ergänzungen! Das unterstreicht einmal mehr: Klartext und Stellungbeziehen ist wirklich in jeder Hinsicht vorteilhaft (wie schön, Herr Waldscheidt, dass Sie auch daran erinneren, dass das für Romanhelden ganz genauso gilt)!

    Viele Grüße
    Gitte Härter

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