Deine Leser

Ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich.

Falls Sie noch unsicher sind: Heute geht es um das „Ich“ (und „wir“) in Texten aller Art. 😉

Ein Feedback, das ich seit vielen Jahren immer wieder von meinen Newsletterlesern höre, ist: „Sie sind mir so vertraut!“ Das ist natürlich ganz wunderbar, es kommt aber auch nicht von ungefähr. Denn Sie bekommen von mir nicht einfach nur neutral formulierte Tipps, sondern ganz oft verrate ich Ihnen gleichzeitig etwas von mir:

➡ Sie erfahren, worüber ich mich aufgeregt habe.

➡ Sie bekommen mit, was in meinem Alltag geschieht und ich lasse sie an Hürden oder Zweifeln teilhaben.

➡ Ich lasse Sie an Erinnerungen und Meinungen teilhaben.

Alle Themen und Tipps könnte ich auch ohne Eigenanteil weitergeben, sprich: neutraler formulieren. Doch gerade das Persönliche macht Texte für Ihre Leser interessanter! Wenn Sie sich als AutorIn greifbar machen:

  • werden Informationen und Tipps alltagstauglicher,
  • lesen sich Texte unterhaltsamer,
  • können Sie Ihre Kompetenz „personalisieren“,
  • sind Sie menschlicher und Leser können und wollen sich eher mit Ihnen identifizieren + sie haben mehr Lust, sich mit Ihrem Text auseinanderzusetzen.

Jetzt kommt das große Aber!

Denn das ICH – also das, was SIE meinen, erleben, denken, wollen – muss immer dosiert bleiben. Sonst schlagen die Vorteile nämlich schnell ins Gegenteil um:

Ihre Leser steigen aus, weil es nur um Sie geht (aber der Leser will ja SELBST etwas davon haben): Ob Sie eine Produktbeschreibung, ein Angebot, einen Tipptext oder ein ganzes Buch schreiben. Der Leser und sein Nutzen muss immer im Vordergrund stehen.

Außerdem passiert es schnell, dass man als Egomane dasteht, wenn man immer nur Ich, ich, ich schreibt – beziehungsweise, dass Firmen nicht sonderlich kundenorientiert erscheinen, wenn sie immer nur schreiben „wir machen dieses, uns ist wichtig, wir bieten Ihnen“.

Autobiografisches in Büchern

Hier muss ich schnell einen wichtigen Einschub machen, weil viele meiner Leser sich ja für das Bücherschreiben interessieren. Und wenn es um Buchideen geht, dann wollen viele oft über ihr eigenes Leben schreiben:

– Was sie erlebt oder mitgemacht haben.
– Was ihnen selbst Freude macht und wichtig ist.

Besonders Menschen, die in einer Krise stecken oder eine Krise überwunden haben, neigen dazu, ein Buch zu schreiben zu wollen, um anderen ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Oder es sind die öfter erwähnten „lustigen Geschichten meiner Kinder“, die man glaubt, erzählen zu müssen.

Autobiografisches ist in der Regel dann gefragt, wenn

  • Sie ein Promi sind oder eine sonstige bekannte Person.
  • Sie etwas Besonderes erreicht oder überwunden haben („Ich hatte Krebs und lebe.“, „Ich bin misshandelt worden.“, „Meine ganze Familie ist bei einem Unfall gestorben.“, „Ich habe 100 kg abgenommen.“, „Ich bin mit meinem kleinen Unternehmen stinkreich geworden“).

Die Lebensgeschichte von Maria Huber, die den Sinn im Leben fand, ist eher uninteressant. Die persönliche Ansicht von Horst Meier zu seiner Religion, die ihn so richtig erfüllt, lockt erstmal auch niemand hinter dem Ofen hervor. Und die bezaubernden Geschichten Ihrer Kinder, die Ihnen natürlich das Liebste auf der Welt sind, sind in der Regel gewöhnlicher als Sie glauben (außer Sie hätten eine besonders unterhaltsame Schreibe, und dann steht diese mehr im Vordergrund).

Sprich: Sie und ich sind im Regelfall relativ uninteressante Otto Normalverbraucher. Wenn Sie also etwas mitteilen und andere Menschen konkret unterstützen wollen, interessiert weniger IHRE LEBENSGESCHICHTE, sondern der RAT, der für andere Menschen darin steckt. Es wäre also eventuell durchaus interessant, einen Ratgeber zu schreiben.

Generell zurück zum „Ich“ in Texten

Damit Ihre Ich-Perspektive eine Bereicherung in Ihren Texten ist, hier einige Empfehlungen:

Setzen Sie das Ich dosiert ein!
Bringen Sie also eine Anekdote oder beziehen Sie sich ruhig im Text dann nochmal drauf, aber ziehen Sie nicht das Ich-denke-ich-habe-ich-will-mir-ist-wichtig-… andauernd durch. Variieren Sie auch beim Formulieren. Selbst in Passagen, wo es um Ihre Sichtweise geht, muss nicht jeder Satz ein „Ich“ und „mir“ bzw. „Wir/uns“ enthalten.

Machen Sie relativ schnell eine Überleitung zum eigentlichen Thema oder zum Leser. Gerade Meinungen, Erfahrungen oder tatsächliche Vorkommnisse werden meistens im ersten Entwurf zu langwierig geschildert. Verdichten Sie das! Und kommen Sie zurück auf Ihr Thema. Zum Beispiel:

Interessante Sache: Immer, wenn ich jogge, sagt mein Kopf nonstop Sachen wie: „Uäh, wann ist es endlich aus?“ und „Ich kann nicht mehr!“ Es ist aber nicht so, dass ich tatsächlich nicht mehr kann. Wenn ich in einer Gruppe mitlaufe, kann ich durchaus eine längere Strecke laufen. Vor einiger Zeit bin ich sogar regelmäßig eine volle Stunde durchgelaufen. Am Können liegt es also nicht.

Unser Kopf beeinflusst uns in vielen Bereichen, und das betrifft natürlich auch unser Business. Vielleicht sagt Ihnen Ihr Kopf beispielsweise:

– “Verflixte Buchhaltung. Dafür bin ich zu blöd.“
– “Dieses dumme Akquirieren: Dafür bin ich einfach nicht geboren.“‘
– “Vor anderen reden? Das könnte ich nie!“

Wenn sich Ihr eigenes Beispiel durch den Text zieht, achten Sie einfach darauf, immer wieder mal auf die Leserperspektive zurückzukommen.

„Übersetzen Sie“ gegebenfalls klipp und klar, was der Leser nun für sich rausziehen kann bzw. helfen Sie ihm beim Abstrahieren auf seine Person/Situation.

Beispiel:

Ich bin ja ein großer Musikfreund. Besonders kann ich mich dafür begeistern, Lieder in einem völlig neuen Gewand zu hören. Also nicht die ganz normale Coverversion, die mehr oder weniger identisch nachgesungen wird, sondern wenn das Lied einen völlig neuen Stempel bekommt. Sehr markant ist etwa der poppige Megahit „Umbrella“ von Rihanna (den Sie sicher noch im Ohr haben, weil er überall rauf- und runtergespielt worden ist) von The Baseballs als Rockabilly-Version und von Mandy Moore als Ballade interpretiert worden. – Das gleiche Lied, und doch drei völlig unterschiedliche Lieder!

Besonders begeistert es mich, wenn Musiker ihre eigenen Lieder neu interpretieren – zum Beispiel Peter Maffay auf Heute vor dreißig Jahren oder Bon Jovi mit dem Album This left feels right.

Nun kann man darüber streiten, wie man solche neu und anders eingespielten Lieder findet, doch es zeigt ein sehr schönes Prinzip, das auch für Ihre Selbstständigkeit gilt: Die Frage, was in Ihren Leistungen denn sonst noch so drinsteckt.

Achten Sie spätestens beim Überarbeiten auf Formulierungen mit „Ich“ oder „Wir“ darauf, ob Sie besser in die Sie-Perspektive oder eine neutrale Formulierung wechseln.

Beispiele kennen Sie zur Genüge: Eine Firma kann statt „wir schicken“ schreiben „Sie erhalten“. Oder Sie nutzen Zwischenüberschriften: Dann muss bei diesen nicht auch noch stehen „Ich finde“, „Mir ist wichtig“, wenn es aus dem Fließtext schon hervorgeht. So kann eine Überschrift lauten „Pausen sind das Wichtigste!“ anstatt erneut „Ich finde, Pausen sind das Wichtigste!“

Ihre Wortwahl und Formulierungen

Ansonsten sagt natürlich auch ganz generell Ihre Sprache sehr viel über Sie aus. Auch in Texten, in denen Sie nicht explizit etwas über sich selbst erzählen, können Ihre Leser sich ein Bild von Ihrer Persönlichkeit machen. Sofern Ihre Texte nicht komplett neutral und „glatt“ formuliert sind.

Sie erfahren etwas über mich, wenn ich so formuliere, wie ich auch spreche. Wenn in einem Text also Formulierungen stehen wie „wenn es Ihnen schwer fällt, sind Sie doppelt gelackmeiert“, „unterm Strich“ oder „sowas Blödes!“ ist persönlicher Charakter enthalten. Darum ist die grundlegende Schreibempfehlung so wichtig: „Schreiben Sie, wie Sie sprechen.“ oder „Schreiben Sie, wie es Ihnen entspricht.“