Kürzlich habe ich ein neues Buchkonzept abgegeben, das ich genial fand. Der Verlag fand das auch. Nach internen Besprechungen gab es zum Thema eine Absage, aber das außergewöhnliche Format fanden sie toll. Könnten wir das abändern auf das Thema sowieso? Da ich selbst auch am meisten am Format hing und das neue Thema für mich ebenso spannend war, habe ich stundenlang das Konzept umgearbeitet. Wegen des besonderen Formates war damit ganz schön viel Arbeit verbunden. Dann wieder eine verlagsinterne Besprechung. Jetzt hätten wir das gerne nochmal anders …
Die Veränderungswünsche waren zu weit weg von meiner Ursprungsvision für das Buch. Und ich habe in den letzten zehn Jahren gelernt: wenn etwas am Anfang so zäh und mühsam ist, ist es besser, es bleibenzulassen. Natürlich lernt man das meistens erst, indem man einige Male diesen inneren Impuls überhört und dennoch weitermacht.
Ich bin nicht die Einzige, die schon mal ungute Projekte durchgezogen hat, sich in eine Idee verbissen hat oder Kooperationen trotz schlechten Gefühls weiterlaufen ließ.
Darum erinnere ich Sie heute mal daran, dass eine wichtige Eigenschaft für AutorInnen darin besteht, loslassen zu können.
Eine Idee loslassen. Je verliebter wir in eine Idee sind, desto starrer verbeißen wir uns oft darin. Ob das die berühmten Darlings sind oder ob wir im Angesicht nützlichen Feedbacks oder berechtigter Kritik unsere Ohren zuhalten. Verbissenheit ist der Tod guter Texte.
Dabei müssen wir natürlich auch kurz eine gesunde Kompromissfähigkeit ansprechen. Wann können Sie Veränderungen oder Zugeständnisse an einem Text machen? Was hingegen ist wirklich essenziell und muss bleiben? Gerade, wenn Sie für Redaktionen oder Verlage schreiben, ist es auch wichtig, unkompliziert in der Zusammenarbeit zu sein. Das heißt nicht, alles mitzumachen! Sondern es geht darum, kein schwieriger Korinthenkacker zu sein. Und davon gibt es, wie mir Lektoren und Redaktionen immer wieder berichten, mehr als genug!
Ein Projekt loslassen. Gestern habe ich das Buchprojekt losgelassen, was mir sehr Leid tut, aber richtig war. Das war nicht immer so. Gerade bei Büchern habe ich es schon einige Male erlebt, dass ich mit dem Endergebnis alles andere als zufrieden bin – manchmal kann man nicht mehr zurück, doch oft zeigt sich durchaus schon in der Anfangsphase, dass etwas nicht gut gehen wird. Die schon angesprochene Zähigkeit, unterschiedliche Ziele zu einem Projekt, wieder und wieder Diskussionen und Änderungswünsche (egal welcher Art, das gilt natürlich auch nicht nur für Schreibprojekte). Manchmal ist es wichtig, einen Rückzieher zu machen, auch wenn man eigentlich schon zusgesagt hat.
Einen Kooperationspartner loslassen. Das kann ein Co-Autor sein oder eine Redaktion. Ich habe einen Verlag, bei dem ich zur Zeit keine Bücher mehr schreibe, weil die Leute gewechselt haben und die Zusammenarbeit unerfreulicher wurde. Ein Jammer, denn es ist ein absoluter Topverlag. Wenn die Zusammenarbeit keine Freude macht, wenn man bibbern muss, dass Ergebnisse nachträglich komplett geändert werden und wenn man sich auf getroffene Absprachen nicht mehr verlassen kann, dann hilft die längste “Pro-Liste” nichts. Vielleicht ist ein Kooperationspartner auch einfach ein Umstandskramer oder jemand, der nicht wirklich genug beiträgt. Manchmal ist ein Kooperationspartner eine Bremse: etwa wenn man durch Abstimmungen oder Meinungsverschiedenheiten Zeit und Unruhe an der Backe hat oder wenn Sie die ganze Arbeit selbst machen, aber das Honorar teilen müssen.
Einen Kunden loslassen. Was für Kooperationspartner gilt, gilt natürlich auch für Kunden. Das ist für Selbstständige oft besonders schwer: Ist es gut, regelmäßige Aufträge zu haben, aber gleichzeitig zu wissen, wie unterbezahlt man ist? Kommt von einem Kunden zwar immer mal ein lukrativer Auftrag, aber Sie fühlen sich wie ein Dienstbote, der immer wieder durch Reifen springen muss? Vielleicht ist aber auch rundum alles paletti: ein netter Kunde, eine gute Auftragslage, aber die Inhalte entsprechen nicht dem, was Sie machen möchten. Bleiben Sie fachlich stehen, können sich nicht ausleben oder wird Ihre Zeit von Routine aufgefressen? Solche Konstellationen schaden persönlich und bremsen das Business aus.
Alte Schubladen von sich loslassen. Gerade, wenn es ums Schreiben geht, haben sich viele Leute in eine Schublade gesteckt. Ja: selbst gesteckt! Sie können nicht schreiben, das konnten sie noch nie und werden es auch nie können. Der Grund: schon in der Schule waren sie schlecht in Deutsch oder jemand hat ihnen im Teenageralter gesagt, sie sollen das Schreiben lieber bleiben lassen. Oft ist es aber auch einfach eine Scheu davor: Das könnte ich nie!
Eine Anekdote: Ich habe als Teenager mal versucht, ein englisches Buch zu lesen. Obwohl ich sehr gut in der Schule war, konnte ich keine drei Seiten lesen! In den nächsten Jahren habe ich Kinofilme immer auf Englisch angesehen, dann habe ich in einer englischen Firma angefangen und jeden Tag englische Berichte und E-Mails gelesen und verfasst. Und trotzdem habe ich viele Jahre kein englisches Buch gelesen, weil ich es ja nicht konnte!
Jahre später ist mir mal aufgegangen, dass das eigentlich gar nicht sein kann: Ich lese und schreibe andauernd englische Businessberichte und kann keinen Roman lesen? Also in den Buchladen marschiert, englisches Buch gekauft. Natürlich konnte ich es lesen wie ein Einser!
Lachen sie nicht! So sehr es uns ärgert, wenn andere uns in eine Schublade packen, so oft passiert es, dass wir es selbst tun und nie mehr korrigieren.
Frust loslassen. Wenn einem nichts einfällt, wenn es nicht flutscht, wenn man kein Land sieht, wenn man eine schlechte Kritik bekommt oder gerade nur Mist produziert, dann steigt der Frust in einem hoch.
Viele Autoren machen jetzt den Fehler, sich reinzusteigern. Sie schimpfen auf sich, sie zerknüllen wütend Papier, sie bestätigen sich – gerade als Anfänger – dass das eh nicht geht. Ich kann das einfach nicht! Gleichzeitig wissen wir es doch besser: mit Frust gewinnt man weder einen Blumentopf, noch läuft es besser. Ganz im Gegenteil.
Wie lernt man das Loslassen?
Ich halte es da ganz pragmatisch: Es gibt kein “Mach 1, 2, 3″ und dann ist alles gut. Es gilt in erster Linie mal “Gefahr erkannt, Gefahr gebannt”. Sprich: wenn sich Unwohlsein oder eine innere Stimme meldet, dann diese erstmal näher interviewen und nicht gleich gegenreden.
- Warum bin ich unzufrieden?
- Warum verliere ich gerade die Lust?
- Inwiefern arbeite ich mit der Person nicht mehr gerne zusammen?
- Wieso verbeiße ich mich so sehr in diese Idee?
- Wieso sage/denke ich das jetzt über mich?
- Warum probiere ich es nicht mal aus?
- Was genau frustriert mich gerade?
Durch das Ernstnehmen und genauere Hinterfragen stellt sich schonmal erleichternde Ruhe ein – und es bringt die Klarheit, die man braucht, um eine überlegte Entscheidung zu treffen: Wie müsste es sein? Was kann ich beitragen? Oder eben: Arrivederci.

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Hallo Gitte,
dein Beitrag spricht mir gerade aus der Seele.
Vor kurzem ging es mir mit einer Veranstaltung so. Vor etwa einem Jahr entsprang sie meinem Hirn und stieß auf großes Interesse bei Kooperationspartnern. Mittlerweile weiß ich, anderen mag sie gefallen, mir geht sie inhaltlich und überhaupt merkwürdigerweise total gegen den Strich. Ja, hab sie selbst ausgetüftelt – ergo muss ich sie lieben und ich spinne gerade. Komische Phase. Letzte Woche sollte die Veranstaltung das letzte Mal laufen. Mein Körper streikte, meldete Magen-Darm-Probleme ab dem Tag davor. Ich war genervt, das jetzt auch noch. Arzt teilte MD-Grippe mit. Ätzend. Musste das Ganze absagen, Seele strahlte vor Glück und Verstand nervte. Meinem Körper ging es einen Tag danach wieder total gut. 2 Tage später gesund, mein Arzt verstand die Welt nicht mehr. Ich auch nicht, hatte so eine Reaktion noch nie!!
Körper verweigerte wo ich längst wußte, diese Thematik der Veranstaltung passt nicht zu mir. Kooperationspartner leider ebenfalls entnervt, musste das Ganze alleine schultern. Nicht tragisch, aber nervig. Und ich bin wesentlich schlauer geworden.
Grüße aus dem Urlaub, Silke
Ja, da kann ich echt nur zustimmen. Loslassen tut soooo gut und ist in meinen Augen total wichtig. Silke, solche körperlichen Reaktionen kenne ich. Jeder Mensch reagiert allerdings mit unterschiedlichen Symptomen, die im Laufe des Lebens auch wechseln könnne. Ich habe da schon so ziemlich alles durch. Nicht umsonst sagt man: Das schlägt mir auf den Magen, ich habe die Nase voll. Oder Rückenschmerzen, wenn man sich zuviel aufbuckelt. Ich habe inzwischen gelernt, gut auf meinen Körper zu hören, tue ich das nicht, rächt sich das. Ich glaube aber auch, dass es eine Sache, der eigenen Reife, Erfahrung, des Alters etc. ist, je Älter ich werde um so besser kann ich loslassen und was soll mir schon groß passieren, eine gewisse Gelassenheit tut einfach gut. Ich umgebe mich immer seltener mit Dingen, Menschen die mir nicht guttun, warum sollte ich das machen. Manchmal glaubt man, man braucht sie, sie sind wichtig. Da sollte man sich immer fragen, brauche ich die wirklich? Und was ist das für eine Beziehung die in Abhängkeit besteht. Ok, so ganz einfach ist es natürlich nicht immer, aber man kann selber eine Menge tun. Silke, ich denke mal daraus hast Du eine Menge gelernt und ich schätze mal, wenn Du jetzt drauf achtest, merkst Du auch schon kleinere körperliche Reaktionen, die man gerne mal vernachlässigt. Ich finde es aber auch immer wieder spannend bei mir selber zu sehen, was wann warum passiert und meist weiß ich es auch, Körper, Seele und Geist sind halt eine Einheit.
Auch für mich ist das Loslassen-Lernen ein wichtiges Projekt. Besonders schwer fällt mir das Loslassen immer, wenn es mit herben finanziellen Einschnitten verbunden ist.
In diesem Frühjahr ging es mir wieder so, dass ich vor mich hin betete: “Bleib dran an dem Projekt. Das ist daran ideal und das auch und das auch. So eine günstige Kombination gibt es selten!” Das ging, bis ich eines Morgens, als es mit dem Projekt weitergehen sollte, mit einem Hörsturz aufwachte. Erst in den Wattebausch-Tagen danach schloss sich für mich der Kreis: An dem Projekt war zwar das ideal und das auch und das auch … trotzdem passte es nicht! Es war eine harte Loslass-Lernrunde.
Manchmal kann man nicht gleich etwas ändern. Aber ich finde, durch das Ernstnehmen und genauere Hinterfragen, wie Gitte es beschreibt, stellen sich wichtige Weichen. Der Blick wird wacher und ich nehme Signale wahr, die auf Alternativen hinweisen und sonst einfach untergegangen wären.
@ Gitte
Hallo Gitte, war es das 30-Minuten-Projekt? Ich hatte schon ab und zu aufgeregt in den Verlagsvorschauen geblättert und war furchtbar neugierig, welches Thema es war, das Dich angelacht hat. Nun ist es wohl so, dass ich auf eine interessante Buchreihe aufmerksam geworden bin, aber das Geheimnis des neuen Themas nicht lüften kann.
Liebe Loslass-Grüße von Anja
Hallo,
seit einigen Jahren als Werbetexterin selbständig, merke ich mittlerweile wie meine “Mitte” also der Bereich Bauch und Lendenwirbel anfangen zu mosern, wenn ich mir zuviel Stress aufbürde. Vor allem mit Projekten, die nicht meinem Portfolio entsprechen – die ich aber interessehalber gerne durchführen möchte. Gestern wachte ich mit einer Blasenentzündung auf und ich hatte in 42 Lebensjahren noch nie so etwas! Der Arzt stellte Stress als mögliche Ursache in den Raum…
Grrr. Muss Loslassen im beruflichen Kontext wohl erst noch lernen.
Grüße,
Elli
Guten Morgen, Gitte, ich bin ja so ein “Schäfchen” im Buchkonzept-Workshop und so froh, dass ich mit Dir an meiner Buchidee feile …. ich freue mich schon gleich weiterzuarbeiten und das mit dem Loslassen ist wichtig und hast Du mal wieder gut auf den Punkt gebracht. Sollte ich sehen, dass ich das mit dem Buch gar nicht kann, dann werde ich dieses Projekt los-lassen und mich auf das stürzen, was ich auch noch gut kann. Wobei schreiben war schon immer eine Leidenschaft. Mal sehen … so jetzt gleich ins Forum zu den anderen Buchschreiberinnen.
Viele sonnige Grüße. Petra
Hallo zusammen,
ja spätestens der Körper macht uns manchmal einen gehörigen Strich durch die Rechnung und haut uns Vorbehalte und Antihaltung mitunter um die Ohren.
Ich habe über die Jahre mehr und mehr gelernt, auf das innere Stimmchen zu hören und es eben nicht mit logischen Argumenten abzutun. Gerade wenn sich die Stimme meldet, gibt es einfach immer einen guten Grund.
Noch schlimmer natürlich, wenn man ein Projekt selbst initiiert hat oder auch, wenn man viel Zeit reingesteckt hat oder andere davon abhängig sind. Ich hatte vor einigen Jahren mal einem gemeinsamen Projekt zugestimmt, weil ich den federführenden Menschen sehr schätzte. Der zog sich dann aber zurück und die Nachfolge übernahm ein Schwätzer, mit dem ich gar nicht klarkam. Wir waren aber mehrere Leute, jeder hatte schon viel Arbeit reingesteckt und ich hatte eine zentrale Rolle. Eines Nachts konnte ich nicht einschlafen und wusste, ich werde irre, wenn ich nicht aussteige, denn es war vorprogrammiert, dass ich mit dem Geschwätz und der Art der Federführung einfach nicht klarkomme … und wenn schon jetzt nicht, dann erst recht nicht für etwas, das mich jahrelang bindet. Daraufhin bin ich aufgestanden und habe nachts gegen drei Uhr eine E-Mail geschrieben, dass ich aussteigen werde und es begründet. Danach gings mir gut, ich habe ruhig geschlafen und war vollkommen erleichtert.
@Anja: Nein, das geniale 30-Minuten-Büchlein ist abgesegnet und schon in Arbeit. Es steht aber noch nicht in den Vorschauen, weil ich erst im Februar Abgabe habe, das heißt, dass es im Sommer/Herbst 2012 erst erscheinen wird.
@Petra: Ich bin ganz sicher, dass Du wunderbar mit dem Buchprojekt zu Potte kommen wirst und lass es ja nicht los, ich will es ja kaufen.
Hallo Gitte,
puh, da bin ich froh. Für einen Moment war mir ganz komisch zumute – das zeigt wohl, wie ich mit dem genialen 30-Minuten-Projekt mitfiebere. Ich atme auf und drücke Dir weiter fest die Daumen für frischen Schreibschwung. Und natürlich bleibe ich schön neugierig.
Liebe Grüße
Anja