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Schreiben, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist

Es wird oft geraten, dass man am besten so schreibt, wie man spricht. Und das ist ein sehr guter Rat, auf dem ich auch immer wieder herumreite. Mit gutem Grund:

:arrow: “Normal” Geschriebenes lässt sich flüssiger lesen und leichter verstehen.
:arrow: Ihre Leser fühlen sich viel mehr angesprochen.
:arrow: Sie verleihen Ihren Texten individuellen Ausdruck.

Theoretisch wissen wir das. Und trotzdem haben viele Menschen eine Art “Schreibfilter” im Kopf. Sobald sie zum Stift greifen oder in die Tasten hauen, scheint sich ein Schalter umzustellen. Dann wird es hölzern, neutral, distanziert, bürokratisch … oder man bricht sich einen ab. Das Schreiben ist mühsam und meistens kommt nichts Gescheites dabei raus.

In meinen Coachings und Workshops ist es darum ein wichtiger Bestandteil, dass ich sage:

Erklär mir das mal im Plauderton von dir an mich – nicht großartig rumformulieren, einfach mal nur mir erzählen.

Jetzt kommt das Interessante: Nicht nur flutscht jetzt jede Menge ganz problemlos aus den Leuten raus, sondern meistens ist genau das, was sie eigentlich sagen wollen, mit dabei.

Ein Beispiel: Zu mir kommen immer wieder Selbstständige, die monatelang an ihrer Selbstdarstellung gearbeitet haben. Jetzt ist der makellose, professionelle Auftritt fertig – mit allem Pipapo: neues Logo, Firmenname und Slogan, Website … aber zufrieden sind sie nicht. Das sind irgendwie nicht sie.

Wenn ich mir alles angesehen habe, nicke ich meistens. Stimmt. Das Problem: austauschbarer Teflonauftritt. Sprich: So schön die Selbstdarstellung ist, so kann man leider oft überhaupt nicht erkennen, wer sich dahinter verbirgt – und die Texte sind oft so neutral rumgestelzt, dass man sich als Kunde nicht angesprochen fühlt.

Bei anderen Texten ist es dasselbe: Wenn Sie Artikel schreiben, zum Beispiel für Ihr Blog, dann schauen Sie doch mal, wie normal und individuell Ihre Texte sind. Wieviel Stempel haben Sie aufgedrückt?

Es gibt zwei simple Selbst-Tests, die Sie anwenden können:

1. Der Wer-steckt-dahinter-Test:

Denken Sie an Sprache: Wie wir sprechen, ist ganz individuell. Die einen sind zurückhaltender, die anderen poltern, manche drücken sich gewählt aus, andere nutzen mehr Umgangssprache, bei manchen ist Lebensfreude und Flippigkeit hörbar, bei anderen Strenge und Korrektheit, die einen sind ernst, die anderen augenzwinkernd … Wie wir sprechen, verrät wahnsinnig viel über uns.

Schreiben ist auch nur ein weiteres Sprachrohr. Was und vor allem WIE Sie schreiben, drückt etwas aus. Idealerweise zeigen Sie sich. Oder, wenn Sie für eine Firma schreiben, dann sollte der Text die Firma so repräsentieren, wie sie sich zeigen möchte. Darum wird bei der Selbstdarstellung von Unternehmen auch immer gefragt: Was schreiben Sie sich auf die Fahnen? Wie wollen Sie vorrangig wirken/was Ihrer Zielgruppe vermitteln?

Beim Wer-steckt-dahinter-Test geht es ganz einfach darum, zu beurteilen, was der Text über die Person, die dahintersteckt (oder das Unternehmen) vermittelt.

Sind Sie beispielsweise eine Trainerin für Lebensfreude, die flippig und herzlich durch die Welt läuft, dann sollten Ihre Texte das widerspiegeln. Wenn Sie merken, dass Ihr Text alles andere als locker-leicht und herzlich, sondern umständlich-kantig ist oder dass er genausogut von einem grummeligen Universitätsprofessor geschrieben sein könnte, dann stimmt was nicht.

2. Der So-redet-kein-Mensch-Test:

Ein weiterer bekannter Rat ist das laute Lesen. Auch das kennen die meisten und tun es doch nicht! In Workshops geben das meine Pappenheimer auch immer wieder zu, wenn ich sie auf entsprechende Passagen hinweise.

Schlecht verständliche, umständliche Formulierungen und Doppelungen erkennen Sie sofort, wenn Sie sie HÖREN. Beim leisen Lesen rutscht sowas gerne durch!

Ob Sie Werbetexte schreiben, Gebrauchsanweisungen, einen Weihnachts- oder Geburtstagsgruß, Tipps geben oder einfach mit Texten inspirieren wollen: Zu 90 % bleiben Texte unter ihren Möglichkeiten, weil sie so formuliert sind, wie keine Sau spricht.

Das “keine Sau” an dieser Stelle ist Absicht. ;-) Denn WIE jemand redet, ist natürlich ganz individuell. Darum ist “normal” für Sie etwas anderes, als für mich. Ich bin jemand, der “keine Sau” sagt, also schreibe ich es hier im Newslettertext. So reden, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, muss nicht heißen, dass Sie Dialekt berücksichtigen oder dass Sie umgangssprachlich oder sehr locker sind. Das kann es, wenn Sie so sind und wenn Sie das klar zeigen möchten.

Der “So redet kein Mensch-Test” soll Sie auf Passagen hinweisen, die noch nicht funktionieren oder die Ihnen zeigen: So rede ICH nicht. Das bin nicht ich. Denn darin steckt auch sofort die Lösung: Wie würde ich es denn sagen?

Das sprechen Sie sich dann laut vor und schreiben es hin.

Das Schöne ist ja, dass Sie rundum davon profitieren, wenn Ihre Texte “normaler” werden. Vor allen Dingen fließt es viel einfacher aus Ihnen heraus, wenn Sie sich erlauben, schriftlich zu sprechen. Schreiben kann so einfach sein!

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5 Kommentare

  1. Hallo Gitte,
    ich bin dir sehr dankbar, dass du dieses Thema immer wieder auf den Tisch bringst. Du kannst gar nicht oft genug darüber schreiben. Mein Schreibstil hat sich dank deiner Tipps in den letzten Monaten immer mehr gelockert. Früher hätte ich mir in dem Punkt so manches nicht getraut. Deine Workshops haben natürlich auch maßgeblich dazu beigetragen.

    Nur wenn ich Rezepte aufschreibe, da will der förmliche Stil manchmal noch sein Recht behaupten: “Man nehme….und man rühre….” oder so ähnlich. ich werd’ mal bei modernen Köchen schnüffeln.

    Viele Grüße
    Bettina

  2. Rosemarie Schindecker sagt:

    Liebe Frau Härter!

    Diese Thema ist sehr interessant.
    Ich habe bemerkt, dass ich oft nach dem “Schnabel” der Anderen schreibe.
    Was könnte den Anderen gefallen, was interessieren, wann hätten sie womöglich Zeit u.v.m.
    Doch was ist mit MIR?
    Ich will ja das vermitteln was MIR wichtig ist und andere gerne daran teilhaben lassen.
    Also schreibe ich ab jetzt, wie ich rede und bin gespannt was sich tut.

    Liebe Grüsse
    Rosemarie

  3. Tanja sagt:

    Liebe Frau Härter,

    herzlichen Dank für diesen Artikel. So einfach – eigentlich. Und doch so schwierig umzusetzen – meistens jedenfalls. Und es stimmt, die Texte sind so viel besser, wenn ich schreibe, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Denn dann kommen die Worte direkt aus dem Herzen und ich überlege nicht, wem das jetzt vielleicht gefallen könnte oder eventuell doch nicht.

    Ich lese Ihren Blog mit Begeisterung und ziehe immer wieder spannende Tipps daraus.

    Ein dickes DANKEschön dafür,
    viele Grüsse
    Tanja

  4. Maria sagt:

    In letzter Zeit habe ich es mir angewohnt E-Mails auf französisch (ich wohne in Luxemburg) selber zu schreiben, und nicht meinen mann darum zu bitten, mein Stil ist nämlich direkt, ohne Umschweife, sein Stil eher distanziert-professionell-hochachtungsvoll ;-)
    Aber die Unterschrift ist dann “Maria”, also bitte Maria soll schreiben wie Maria spricht (von mir aus auch mit Fehlern…) ;-)
    - und es fühlt sich nicht schlecht an.

  5. Gitte Härter sagt:

    Hallo zusammen,

    herzlichen Dank für die netten Kommentare.

    Ich freue mich, dass es eine weitere gute Erinnerung – und Bestätigung – ist, so zu sein und so zu schreiben, wie es einem entspricht.

    Viele Grüße
    Gitte Härter

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