Online-Medien verführen dazu, zu viel von sich preiszugeben. Damit meine ich jetzt eigene Texte im Netz, Kommentare, die Sie auf anderen Seiten hinterlassen – aber auch die ganz normalen E-Mails.
Das ist interessanterweise genau der Grund, warum meiner Erfahrung nach E-Mail-Coaching so gut funktioniert. Ich hatte sehr oft Kunden, die ganz ganz schnell per E-Mail ans Eingemachte gingen. Und oft genug haben sie dazu gesagt: “Ich würde das jetzt niemals sagen, wenn ich Ihnen gegenüber säße und es aussprechen müsste”.
Das Schreiben – besonders mit einem Gegenüber, das man sympathisch findet – verführt oft dazu, dass man zu schnell zu privat wird.
- Das bereut man vielleicht hinterher (aber dann ist es schon abgeschickt).
- Man bringt den Empfänger in die Bredouille, weil er nicht damit umgehen kann oder das Gefühl hat, dass die Beziehung zu persönlich wird.
- Und es kann bei öffentlichen Kommentaren auch zu negativen Konsequenzen führen, etwa wenn Sie selbstständig sind oder wenn Kollegen oder Freunde Ihren Namen googeln.
Lassen Sie uns aber mal näher ausloten, was ich mit “zu privat” überhaupt meine. Und das kann ich Ihnen am besten am eigenen Beispiel vermitteln:
Ich bin seit Mitte der neunziger Jahre im Internet aktiv. Vor meiner Selbstständigkeit intensiv privat und seit meiner Selbstständigkeit auch fast täglich, weil mein Business über das Netz funktioniert. Darum bin ich auch in der ganzen Zeit auf verschiedensten Plattformen mit meinem “Klarnamen” unterwegs. Also mit “Gitte Härter” oder “GitteHaerter” o. Ä., je nachdem, welche Schreibweisen verschiedene Plattformen zugelassen haben.
Wenn Ihnen demnächst mal langweilig ist, können Sie also mit etwas Geduld ein wahnsinnig umfassendes Dossier über mich erstellen. Sie werden nicht nur rausfinden, was ich beruflich mache, sondern Sie bekommen sehr, sehr viele private Anekdoten und Meinungen, Sie können Listen erstellen, welche Musik ich gerne höre, was ich an Leuten hasse, was ich gerne esse, was meine Schwächen sind, Standpunkte zu allem möglichen, Sie können einige Produkte recherchieren, die ich mir gekauft habe und nachlesen, welche Bücher ich gut finde und und und
Da kommt in 12 Jahren jede Menge zusammen! Außerdem erkennen Sie aus der Art, WIE ich schreibe weitere Aspekte meiner Persönlichkeit. Bin ich angriffslustig oder defensiv, gehe ich auf andere gut ein oder rede vorbei, bin ich sympathisch oder krass …
Jetzt kommt der Clou: Auch wenn ich jede Menge von mir preisgebe – und nonstop auch persönliche Details veröffentliche – so habe ich immer bei jedem Text eine bewusste Kontrolle. Ich würde niemals etwas schreiben, was man von mir nicht wissen darf. Ich habe meine Geheimnisse. Ich halte ganz gezielt Dinge zurück. Und ich halte auch bei bestimmten Themen absichtlich ganz, ganz fest meinen Mund, obwohl ich durchaus eine starke Meinung dazu habe.
Haben Sie dieses Bewusstsein auch?
Wenn man sich im Internet so durch die verschiedenen Websites liest und wenn Sie durch Ihre E-Mails mit Freunden, losen Bekannten oder Geschäftskontakten stöbern, dann stolpern Sie immer wieder über zu private Informationen. Wo man dasitzt und denkt: “Oh nein, warum sagt er/sie das denn jetzt mit seinem Klarnamen und hinterlegt vielleicht sogar die Website?”
Ein banales Beispiel, das ich erschreckenderweise schon oft gesehen habe, ist, wenn ein Selbstständiger seine Arbeit unterminiert. Also wenn ein Steuerberater schreibt: “Boah, ich bin wirklich immer so chaotisch und neige zu Flüchtigkeitsfehlern.”
Ein anderes Lieblingsbeispiel ist es, wenn Trainer (mit hinterlegter Website!) in einem Frageforum schreiben: “Ich muss demnächst einen Workshop zu XY halten und habe keine Ahnung von diesem Thema. Wer kann mir Literaturtipps geben?”
Ganz schlimm sind auch die Streithähne, die sich mit Klarnamen in hitzige, völlig unsachliche Diskussionen einlassen und ohne Rücksicht auf Verluste beleidigend werden.
Woah!
Sie können sehr, sehr viel Persönliches preisgeben. Wenn Sie vorher abchecken:
Will ich das wirklich dem anderen sagen? Besonders bei E-Mails ist das wichtig! Denn dieses “Sind ja nur wir zwei”-Gefühl verführt sehr schnell.
Wenn Sie mit Ihrem Klarnamen auftreten und die Website hinterlegen, fragen Sie sich ganz intensiv: Bin ich mir der Wirkung dieser Nachricht jetzt bewusst?
Wenn Sie Bedenken haben oder Ihnen etwas doch zu persönlich erscheint, dann können Sie im Internet ja auch immer einfach nur mit Ihrem Vornamen oder einem Pseudonym auftreten und dann natürlich die Website nicht hinterlegen! So sind Sie für die Leser anonym (natürlich nicht für den Websitebetreiber, denn der kennt Ihre Mailadresse und oft auch die IP-Adresse, also die Nummer, die an Ihren Computer vergeben wurde. Sie sind also auch bei einer anonymen Nachricht nie völlig anonym.)
Möchten Sie Kommentare nicht als Werbung für sich nutzen und lieber weitgehend anonym bleiben, dann legen Sie sich einfach eine zweite Mailadresse bei gmx.de, t-online.de oder einem anderen Freemailanbieter zu, dann sind Sie für den Websitebetreiber auch nicht sofort erkennbar. Oder tragen Sie einfach x@x.de ins E-Mail-Feld ein oder sowas, aber nur wenn Sie keine Benachrichtigungen haben wollen natürlich.
Verfallen Sie aber bitte nicht ins Extrem! Ich muss oft lachen, wenn Leute sagen “Ich hab Angst, wenn ich was schreibe, das kann man dann ja ergoogeln.” Und wenn ich dann sage: “Welches Geheimnis willst du denn nicht preisgeben”, dann sind das oft völlig harmlose Sachen, wie ein Rezept oder ein Buchtipp oder einfach eine Meinung zu einem Thema.
Es ist sehr, sehr vorteilhaft, wenn Sie persönlich sind. Das predige ich Ihnen ja auch immer, aber bitte bewusst und mit Sinn und Ziel!
siehe auch: So nutzen Sie Blogkommentare für Ihr Marketing
Zu viel Privates auf Business-Seiten
Auch auf Websites wird gerne mal zu viel Persönliches reingemixt, das für die Zielgruppe gar nicht relevant ist und eher ablenkt. Besonders anfällig ist die “über mich”-Seite, und da muss ich oft frischgebackene Selbstständige zurückpfeifen. Denn da wird oft der gesamte Lebensweg erzählt, inklusive Lebenskrisen, Unsicherheiten und Krankheiten.
Auch hier gilt “Die Dosis macht das Gift”. Es ist total in Ordnung und oft auch besonders gut, wenn Sie Einblick darin geben, wie Sie zu Ihrer Selbstständigkeit gekommen sind – aber beachten Sie die Wirkung. Wenn Sie wie ein Anfänger rüberkommen oder wenn man Zweifel hat, ob Sie Ihrem Angebot auch wirklich gerecht werden können, weil man Zuversicht und Kompetenz nicht sehen kann (das heißt nicht, dass sie nicht da ist!), dann ist das mehr als kontraproduktiv.
Zu viel Privates in Artikeln oder Büchern:
Erst kürzlich hatte ich Sie nochmal an den Artikel Ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich erinnert. Der ist jetzt erneut relevant, denn er zeigt Ihnen, dass es sehr sehr gut ist, wenn Sie von sich erzählen … aber eben erneut im richtigen Maß.
Denn bei einem Text geht es um die Leser und nicht um den Autoren. Außer Sie werden superbekannt und schreiben Ihre Autobiografie.
… Achtung, jetzt wirds ein wenig eklig … nicht superschlimm, aber ich bringe zwei grenzwertige Beispiele:
TMI!
Im Englischen gibt es die Abkürzung “TMI!” Das steht für “too much information” und man sagt es, wenn jemand etwas von sich preisgibt, das man nicht wissen wollte.
Zum Beispiel, wenn der Arbeitskollege unvermittelt erzählt, dass seine Frau und er es heute morgen auf dem Frühstückstisch gemacht haben. Oder wenn die Freundin in schillernden Farben ihren Auswurf schildert.
Im Gespräch kann man so jemanden leicht mal stoppen. Wenn mir eine Freundin anfängt, Schlafzimmergeschichten zu erzählen, hebe ich sofort meine Hand und stoppe sie, wenn ich es nicht hören will. In einer E-Mail ist es schon passiert! Gelesen ist gelesen.
Ich habe zehn Jahre lange reine Business-Coachings gegeben. Und natürlich haben berufliche Probleme in der Regel mit uns persönlich zu tun. Mitunter verlagert man auch ein Problem in den Beruf, obwohl es eigentlich privat ist. Insofern habe ich zwangsläufig bei vielen Coachings Privates mitbekommen. Und das ist auch sehr gut gewesen, weil ich meinen Kunden dann gleich sagen konnte: “Guck mal, eigentlich ist das doch der Knackpunkt und nicht der blöde Chef.”
Auch hier habe ich so manches mal den TMI!-Effekt gehabt. Wo ganz unvermittelt jemand sehr, sehr, sehr private Sachen erzählt hat, von denen ich noch heute hoffe, dass ich sie irgendwann aus meinem Gehirn bekomme.
Das Schreiben verleitet oft dazu, dass man zu nah wird. Erst recht, wenn man ein Problem mit etwas hat. Hier ist dann ganz einfach wieder ein wenig Qualitätskontrolle gefragt, bevor Sie auf den SENDEN-Knopf drücken:
Will ich das, was ich geschrieben habe, wirklich in dieser Form verschicken?
Ist der Empfänger meiner E-Mail das richtige Forum: Ist unser Verhältnis entsprechend? Ihrem besten Freund werden Sie andere Sachen sagen als dem Arbeitskollegen.
Aber nehmen Sie bitte auch Rücksicht auf den Empfänger! Selbst wenn SIE sich wohlfühlen, den anderen ins Vertrauen zu ziehen, heißt das noch lange nicht, dass der andere sich damit wohlfühlt. Eine Möglichkeit ist es, entweder zu fragen, oder einfach langsam mit den Informationen rauszurücken und nicht gleich unvermittelt mit zu persönlichen Details ins Haus fallen.
Die Anonymität des Schreibens ist wunderbar – aber sie hat eben auch ihre Tücken. Fragen Sie sich einfach als Schnell-Check: Würde ich das in diesen Details dieser Person jetzt auch persönlich sagen?




Liebe Gitte,
ein wunderbarer Artikel zu einem Thema, das mich selbst beim Bloggen, Profile oder Webseitentexte-Schreiben immer wieder bewegt.
Ich mag Seiten, bei denen man wirklich was über die Person erfährt, statt von immergleichen Marketingtexten gelangweilt zu werden. Aber es gibt auch ein Zuviel. Genervt haben mich beispielsweise Posts einer Business Bloggerin, die über Monate davon berichtet hat, wie toll sie abnimmt. Zuvor fand ich das Blog spannend, dann dominierte das Diät-Thema und zack war ich als Leserin weg.
Ich selbst überlege mir auch bei jeder privaten Aussage genau, ob das preis geben möchte und wie das wirkt. Und ich kann mich noch gut an das eigenartige Gefühl erinnern, als ich das erste Mal ein Gedicht von mir veröffentlicht habe, weil ich das als etwas ziemlich Persönliches empfunden habe.
Wichtig finde ich auch, darauf zu achten, was man gegebenenfalls über Dritte mitteilt. So habe ich im Artikel über Bescheidenheit in meiner Serie “Stärken stärken” auf eine Freundin bezogen. Ohne dass ich ihren Namen genannt habe, ließen aus meiner Sicht die im Text genannten Informationen Rückschlüsse auf die Person zu. Jedenfalls für Menschen, die uns beide kennen. Also hab ich sie vorher gefragt, ob das ok ist. Und richtig gefreut hat mich, dass sie dann auch kommentiert und sich somit zu erkennen gegeben hat.
Hallo Gitte,
dein Artikel ist richtig gut, ich habe ihn gerade zum zweiten Mal gelesen. Und ja, ich halte es so wie Du auch: gewisse Dinge gebe ich preis auf verschiedenen Plattformen und vieles halte ich zurück. Das gilt auch für E-Mails.
Ich kenne es aus der Lesersicht aber auch, dass der Sender bzw. die Senderin schwuppdiwupp in´s Private abrutscht. Das kann von der Wurzelbehandlung beim Zahnarzt bis hin zu ausgeprägten Beziehungsschwierigkeiten gehen. Will ich nicht wissen, zumindest nicht von meinen Auftraggebern. Auch wenn Freunde in Bettgeschichten und Co. abtauchen, muss und will ich nicht wissen. Ähnlich geht es mit monetären Verdienst-Fragen zu, die sind zwar geschäftlich aber irgendwie auch privat. Und das heißt für mich: geht nicht jeden etwas an, gehört nicht in die Öffentlichkeit.
Das etliche Menschen schriftlich abrutschen, kann aber auch daran liegen, dass viele Menschen nicht mehr zuhören können oder sie niemanden haben, der ihnen zuhört. Und dann schriftlich Ballast abladen, im Zweifelsfall bei einem Auftragnehmer oder Kunden. Und im günstigen bei einem Coach.
Hallo Yvonne, hallo Silke,
dankeschön für Eure ergänzenden Kommentare: Genau das ist echt alles, was man braucht
einen gesunden Filter.
Es wäre auch schon, wenn mehr Leute sich trauen würden, zu kommentieren, denn wie man hier immer wieder sieht: Kommentare sind so eine Bereicherung durch weiterführende Tipps, eigene Gedanken oder Erfahrungen. Und oft auch ganz einfach dadurch, dass man über Kommentare andere Leute kennenlernt.
Ich bekomme immer wieder Informationen, dass sich zwei Leute nur über die Kommentare kennengelernt und getroffen haben – oder sonstwie zusammenarbeiten. Das geht nur, wenn man sich zeigt!
Viele Grüße
Gitte
Hallo,
ja, das kenne ich, dieses Aus-dem-Nähkästchen-plaudern bzw. mailen. Gerade was so per Mail geschrieben wird, da stehen mir manchmal sämtliche Haare zu Berge. Gerade heute schrieb jemand, warum er schon wieder im Krankenhaus liegt und beschrieb vor allem sämtliche Einzelheiten seiner Operation, wie es überhaupt erst dazu kam und wie langer er noch liegen muss. Eine ehemalige Auftraggeberin galt unter ihrem Personal als schwierig, jähzornig und erklärte mir haarklein ihre privaten Probleme (die mich nix, aber auch gar nix angingen). Von der Tochter, die sich ein Pferd gekauft hat bis zur Zahnbehandlung und über die Schwierigkeiten mit ihren Mitarbeitern hin zu verknacksten Knöcheln. Nix für ungut, aber alles muss ich nicht wissen von meinen Kunden.
Ignorieren geht schriftlich allerdings besser als mündlich. Bei Antworten nicht darauf eingehen, sondern geschäftlich agieren. Am Telefon möchte ich bei solchen Ergüssen am liebsten auflegen. Für diese Kunden arbeite ich meist nur einmal. Nicht weil ich sie nicht “behalten” möchte, sondern weil sie mich nur einmalig buchen. Nachfragen ergaben, dass sie dachten, ich wüßte zuviel über sie (!)… woran das wohl liegen mag… Nein, ich lästere nicht. Es ist nur ein Crux mit dem zuviel mitteilen. Vorher Hirn einschalten und dann schreiben und vor dem Abschicken der Mail noch mal Hirn einschalten: Will ich echt, das jemand anderer d a s liest?
Früher, vor der computerisierten Welt, gab es (gibt es noch!) Papier, Stift, Kochtopf und Feuerzeug:
1. Aufschreiben, was mich belastet – ja, echtes schreiben, manuell! Das befreit.
2. Durchlesen, was ich da schrieb.
3. In die Küche gehen, leeren Kochtopf oder leere Metallspüle. Da das Geschreibsel hineinlegen.
4. Geschreibsel anzünden und zusehen, wie es verbrennt.
5. Mit Wasser löschen und Fenster öffnen.
Hach, das tut guuut!!!
Wenn das auch nicht hilft und keiner da ist, der zuhört – katholische Kirche suchen und die Zeiten der Beichte recherchieren. Katholische Priester fragen im Beichtstuhl nicht, welchen oder ob überhaupt vorhandener Glauben man hat. Sie hören jedoch zu und geben nötigenfalls Rat. Sie meditieren bzw. beten für und mit den Beichtenden. Es geht nicht nur um Sünden, sondern um Loslassen, Rauslassen.
Hallo Gitte,
ja, über die Kommentare habe ich hier (und bei Unternehmenskick) auch schon interessante Persönlichkeiten kennen gelernt. Es kann sich wirklich lohnen sich zu “outen” und Spannendes geschehen zu lassen
!
Viele Grüße
Silke