Deine Leser

Gefasst sein auf: Leser-Reaktionen

Sie können sich das tollste Thema aussuchen, eine klare Zielgruppe vor Augen haben und das, was Sie vermitteln möchten, versiert beschreiben. Tatsache ist: Ihre Leserschaft ist so individuell wie Schneeflocken. Naja, okay, nicht ganz so unterschiedlich wie Schneeflocken, denn es gibt durchaus Standards, in die man Lesergedanken und –reaktionen grob einordnen kann. Führen Sie sich immer vor Augen, wie verschieden Ihre Leserschaft ist, denn nur dann:

  • können Sie Ihren Text möglichst treffend für die meisten Leser anlegen,
  • stellen Sie einigermaßen sicher, dass Ihre Botschaft so ankommt, wie Sie möchten,
  • wundert Sie nichts mehr. Das ist besonders wichtig, wenn Sie im Internet veröffentlichen, wo Ihre LeserInnen direkt reagieren können.

Es ist aber nicht nur fürs Bloggen etc. relevant. Denn auch, wenn Sie wenig oder gar keine direkten Kommentare bekommen, können Sie sicher sein, dass Ihre Leser ganz unterschiedliche Reaktionen zeigen:

Zustimmung

Idealerweise treffen Sie mit Ihrem Text ins Schwarze: Dann fühlen sich Leser erkannt, angesprochen, bestärkt, bestätigt oder motiviert, aktiv zu werden:

  • „Sie sprechen mir aus dem Herzen!“
  • „Genau das sage ich auch immer!“
  • „Das ist, als ob Sie nur für mich geschrieben hätten!“

Das Größte, was Sie erreichen können, ist der Aha-Effekt. Den können Sie fördern durch besonders greifbare Beispiele, Elemente der Selbstreflexion oder Übungen. Denn je weniger allgemein ein Text ist, desto näher am Leser sind Sie. Aha-Effekte entstehen immer dann, wenn jemand FÜR SICH oder seine Situation eine bahnbrechende Erkenntnis hat.

Doch Zustimmung reicht noch weiter: Auch von Leuten, die sich nicht unmittelbar „getroffen“ fühlen, sondern die ähnlicher Ansicht sind oder im selben Bereich arbeiten, kommt oft Bestätigung.

Stellen Sie sich vor, jemand liest Ihren Text und nickt: Ja, da hat der Autor recht, das finde ich auch/das habe ich so auch schon erlebt.

Wenn jemand kommentiert – ob auf einer Website, per E-Mail oder per Telefon – kommt es auch oft dazu, dass Leser Ihnen beipflichten und Ihren Text ergänzen: durch eine eigene Erfahrung, eine weiterführende Information oder einen Tipp. Das ist natürlich großartig, weil Sie damit den Beleg haben, dass Ihr Text etwas auslöst und weil Ihre Leser aktiv mithelfen, den Text zu erweitern.

Widerspruch

Prinzipiell ist es gut, sich über Widerspruch zu freuen. Denn das bedeutet, dass sich Ihre Leser mit Ihrem Text näher beschäftigt haben und dass Sie damit etwas bewegt haben. Haben Sie bitte nie Angst vor Widerspruch! Gerade, wenn Sie Ihren Texten einen eigenen Stempel aufdrücken, sich durch Stil und klare Standpunkte auszeichnen, kollidiert das schon mal mit den Ansichten anderer. Das ist gut so. Denn wir unterschreiben ja auch nicht 1:1 alles, was andere so sagen.

Idealerweise ist der Widerspruch sachlich: Leser hinterfragen eine Aussage oder den gesamten Text auf konstruktive Weise, begründen den Widerspruch und regen eine Diskussion an. Gerade auf Websites sind rege Diskussionen zu einem Text oft eine großartige Bereicherung für alle.

Manchmal kommt ein Widerspruch auch im Gewand der Zustimmung daher: „Das finde ich auch …“/“Sie haben recht, dass …“ – aber sofort danach wird klar, dass das nur rhetorisch gemeint ist und der Leser alles andere als zustimmt.

Aber natürlich gibt es – wie in Gesprächen – auch unsachliche Zeitgenossen. Es kann sein, dass man etwas anders interpretiert oder, wie wir gleich noch sehen, Ihnen etwas in den Mund legt. Manchmal kommt Widerspruch auch beleidigend daher: „Das ist der totale Quatsch …“, „Sie sind aber auch weltfremd, was?!“

Nachgefragt

„Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse“, steht in Der kleine Prinz.

Geschriebenes ist oft noch missverständlicher. Zum einen, weil wir in unseren Köpfen jede Menge Zusatzinformationen haben, die WIR mit einer Aussage verknüpfen: bestimmte Erfahrungen, was wir meinen, was alles noch damit zusammenhängt, worauf es bei einer Sache besonders ankommt, welche Konsequenzen es gibt und und und.

Zum anderen aber, weil jeder Mensch nach seiner eigenen Persönlichkeit, Situation und Erfahrung versteht. Darum ist eine typische Reaktion, mit der Sie rechnen können, das „Hä?“

Das Hä? bedeutet entweder, dass Leser etwas nicht oder falsch verstehen, ohne dass Sie das erfahren. Es kann aber auch sein, dass Sie direkt gefragt werden:

  • „Meinen Sie damit …?“
  • „Wie geht das genau …?“
  • „Soll das heißen, dass …?“

… oder Sie einfach die Bitte bekommen, es noch mal näher zu erklären bzw. auf einen bestimmten Teilaspekt näher einzugehen.

Falsch verstanden: Eigeninterpretation

Nicht alle Leser fragen erst einmal nach, wie etwas gemeint ist, sondern viele gehen auch einfach davon aus, dass das, wie sie etwas verstanden haben, auch gemeint war. Das ist prinzipiell natürlich ganz normal – das tun wir ja auch.

Allerdings können Sie sich schon mal darauf gefasst machen, dass Sie mit einer ganzen Bandbreite an Missverständnissen zu tun haben werden, wenn Sie Texte veröffentlichen:

➡ Es wird Ihnen etwas in den Mund gelegt. Teilweise etwas, das Sie nicht gesagt haben und das 99 von 100 Lesern auch nicht so verstehen, wie diese eine Ausnahme.

➡ Es kann sein, dass Sie küchenpsychologisch diagnostiziert werden. Dass Sie zum Beispiel einen Beitrag über Konfliktlösung schreiben und ein Leser sagt: „Ganz offensichtlich sind Sie selbst konfliktscheu, sonst würden Sie einfach mal auf den Tisch hauen.“

Wie beim Widerspruch und bei der Nachfrage ist die Eigeninterpretation für Autoren dann schwierig, wenn sie unsachlich geäußert wird. Aber auch, wenn Sie diese Reaktionen nicht mitbekommen: Tatsache ist, dass jeder Ihrer Texte ganz unterschiedlich verstanden wird und Ihre Leser IMMER auch interpretieren – und oft das, was Sie sagen wollten, völlig anders ankommt, als Sie es gemeint haben. Darum ist es so wichtig, möglichst Klartext zu formulieren. So können Sie am meisten sicherstellen, dass das, was und wie Sie sagen wollen, zu einem großen Teil auch ankommt.

Schärferer Gegenwind

Gegenwind ist nicht per se unsachlich, aber er ist den meisten AutorInnen sehr unangenehm. Gegenwind kann bedeuten

  • jemand protestiert (heftiger)
  • Sie fühlen sich, als ob Ihnen eine Aussage im Mund herumgedreht wird
  • Sie werden gezielt angegriffen: inhaltlich oder wegen eines Stilmittels
  • jemand geht unter der Gürtellinie: würdigt sie herab oder stellt Ihre Kompetenz infrage

Oft hat Gegenwind damit zu tun, dass Sie einen wunden Punkt bei Lesern treffen. Viele Menschen kommen zum Beispiel mit Kritik nicht klar. Wenn Sie also beispielsweise einen Text schreiben, wo Sie die „XX typischen Fehler auf Websites“ oder „Gründe, warum viele Beziehungen scheitern“ veröffentlichen, dann kann der noch so konstruktiv gemeint sein. Ein Teil Ihrer Leser fühlt sich auf die Füße getreten.

Wann immer Menschen etwas nicht hören wollen oder sich angepinkelt fühlen, reagieren viele im Affekt grob. Erst recht, wenn eine Reaktion schriftlich – und anonym – erfolgen kann.

Sie können durch die Wahl des Themas und dadurch, wie Sie etwas (be)schreiben, regulieren, wie stark der Gegenwind ist. Manche Autoren mögen es, die Stimmung aufzuheizen, um Reaktionen zu fördern. Oder schauen Sie sich die vielen „Skandalbücher“ an, die regelmäßig durch gezielte Provokationen – eben durch den Gegenwind – konsequent in den Medien bleiben und dadurch auf den Bestsellerlisten landen.

Hören Sie auch: Ist es gut, zu polarisieren? (MP3) … und zum Lesen:  “Ihr Kind ist ein Arschloch!” – Vom Umgang mit Kritik

Unerwarteter linker Haken

Manchmal ist man sich als AutorIn keiner Schuld bewusst: Man schreibt einen, wie man findet, „harmlosen“ oder sogar positiven Text. Sie sind vielleicht sogar stolz drauf, dass Ihnen so ein nützliches Meisterwerk geglückt ist und dann werden Sie abrupt abgewatscht!

Die Gründe sind entweder, dass jemand etwas missversteht oder eine ganz andere Sicht der Dinge (oder: der Welt) hat als Sie. Oder dass Sie irgendeine Formulierung oder ein Stilmittel nutzen, das jemandem gegen den Strich geht. Vielleicht haben Sie irgendwo den Ausspruch „Mein Gott!“ verwendet und finden sich nun in einer religiösen Diskussion wieder. Oder Sie schreiben darüber, dass Sie selbst keine Kinder haben möchten und werden des Kinderhasses bezichtigt. Vielleicht setzen Sie sich mit dem Thema Mobbing auseinander und regen Leute an, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren, was manche Leser damit gleichsetzen, dass Sie ihnen die Schuld zuschieben wollen.

Der „linke Haken“ ist nicht einfach ein Missverständnis, sondern etwas, das Sie nicht kommen sehen, weil es um einen Nebenschauplatz geht oder weil etwas, das Sie aus Ihrer Sicht explizit klargestellt haben, ignoriert wird.

Manchmal haben Sie es auch mit einem Troll zu tun, der einfach gerne stichelt und aufwiegelt. Trolle gibt es nicht nur auf Websites, sondern auch per E-Mail (und natürlich in Gesprächen).

Irgendwas Unzusammenhängendes

Schließlich gibt es noch die Reaktion, dass Leser öffentlich etwas sagen, das überraschenderweise überhaupt nichts mit Ihrem Text zu tun hat.

In Blogs ist das manchmal ein Zeichen auf Pseudokommentare, die nur links hinterlegen möchten. Wenn also ein Kommentar deplatziert scheint oder total allgemein und nichtssagend ist, schauen Sie sich den Namen und die Website des Kommentierenden näher an. Besonders wenn diese Person öfter bei Ihnen im Blog unzusammenhängende, kurze Statements einstellt. Das ist oft einer der Ausnahmegründe, zum Löschknopf zu greifen.

Reaktionen sind vielfältig. Wir können beim Schreiben viel dafür tun, dass sich Missverständnisse in Grenzen halten, dass sich unsere Leser erkannt fühlen und gerne lesen („Tun Sie dieses, lassen Sie jenes“ – willkommener Klartext oder Befehlston?).

Dennoch werden wir immer eine Vielfalt ganz unterschiedlicher Reaktionen bei unseren Lesern auslösen – in den Köpfen und an uns gerichtet.

Es liegt an Ihnen, damit konstruktiv umzugehen. Denn Schreiben ist nie eine Einbahnstraße.