Heute mache ich mal wieder aus der Not eine Tugend. Da ich die letzten beiden Wochen mit einem ernsten, privaten Krankheitsfall konfrontiert war, merke ich seit Montag, dass ich total energielos und blöd im Kopf bin. Solche Situationen kennen Sie auch
.
Die Aufmerksamkeit, der Fokus und die Kraft werden durch etwas anderes gebunden. Dann kann man sich einfach nicht auf die Arbeit konzentrieren oder fühlt sich, wenn die Anspannung abfällt, wie ein ausgewrungener Schwamm.
So geht es mir heute. Seit drei Stunden dödel ich am Newslettertext rum. Ganz aktiv! Ich habe ein halbes Dutzend Themen verworfen, die total super sind, zu denen ich aber gerade keine Energie habe. Dann habe ich gedacht: „Hey, nachdem das Formular Die unglaublich clevere Text-Entscheidungshilfe so ein Renner war, mache ich in diese Richtung noch eins.“ Und so habe ich voller Elan das neue Formular „5 Textvarianten für Mini-Artikel nach dem Prinzip Frage-Antwort“ entworfen. Das wird super … wenn ich es denn irgendwann fertig mache. Denn gerade jetzt fehlt mir der Kopf dafür, jeweils Beispiele auszudenken.
Also habe ich gedacht „Schöpfe aus dem Alltag!“ Erst vorgestern hat mich eine lokale Buchhandlung geärgert, die mir meine E-Mail-Bestellung nicht, wie erbeten, bestätigt hatte. Wichtiges Thema: Zwischenbescheide nutzen! Also ratzfatz einen ganz praktischen Artikel runtergehauen, wie wichtig solche Zwischeninfos sind und wie man gerade diese mit minimalem Aufwand geben und teilweise sogar automatisieren kann. Der Artikel ist fertig, aber er macht mich nicht an, ihn heute als Newsletter-Text zu verschicken. Bläh.
Reden wir also über die Unvollendeten:
- Themenideen, die sich auf Haftzettel oder in Notizbüchern stapeln und nie realisiert werden.
- Angefangene Texte in unterschiedlichen Stadien, die sich auf der Festplatte tummeln.
- Oder auch die großen Projekte, die man eigentlich nur noch überarbeiten braucht oder zu einem externen Lektor oder Designer zu geben.
… manchmal ist sogar alles fix und fertig, nur den letzten Schritt zur Veröffentlichung geht man nicht. Was übrigens ganz oft für die eigene Website gilt. Da liegt alles fertig in der Schublade, aber jetzt passiert nichts mehr.
Unvollendetes vollenden
Ich kenne ganz viele AutorInnen, die keinen Bock darauf haben, sich wieder mit alten Kamellen zu befassen. Dabei ist „alt“ übrigens relativ. Für einige ist es schon alt, wenn sie einen Text nicht in einem Schwung fertig gemacht haben und sich ein weiteres Mal damit befassen müssten.
Bei meinen eigenen Sachen bin ich da geteilt: Wirklich gute Themen werden nicht alt für mich, wohl aber kann es sein, dass mich ein angefangener Text nicht mehr reizt. Oft fange ich lieber neu an. Aber ich schreibe durchaus Texte auch in mehreren Schüben.
Wenn Sie das Schreiben verbessern möchten, dann lege ich Ihnen dringend ans Herz, sich verstärkt mit den unvollendeten Texten zu befassen. Denn hierin liegt sehr viel mehr Übungs- und Lernpotenzial, als immer wieder neu anzufangen. In meinen Online-Workshops sehe ich es oft, dass TeilnehmerInnen mein detailliertes Feedback für einen Text zwar aufnehmen, aber anstatt sich noch mal dranzumachen, den Text damit zu optimieren, werfen sie lieber das ganze Thema zum Fenster raus und fangen neu an.
Damit vergeben Sie sich Lernmöglichkeiten. Denken Sie an alle Fähigkeiten, in denen man Routine und Sicherheit bekommen möchte – Sprachenlernen, Sport, Musik, Handwerk, Selbstmanagement etc.: Immer, wenn man in etwas besser werden will, geht es ums Üben.
Wenn Sie also schneller, lebendiger, knackiger (…) schreiben möchten, dann lernen Sie das viel besser daran, dass Sie einen geschriebenen Texte vollenden und feintunen, als wenn Sie immer von Null anfangen.
Unvollendetes in die Tonne treten
Die meisten von uns schreiben Texte elektronisch. Das führt zu einem Wust an Dateien. Das ist für sich betrachtet oft schon ein Hindernis: Wenn Sie Ihre Dateien nicht konkret genug bezeichnen, wissen Sie oft nicht mehr, welcher unvollendete Text sich dahinter verbirgt. Wenn Sie viel schreiben, dann mischen sich die fertigen Texte mit den unfertigen. Oft genug gibt es sogar mehrere Versionen des gleichen Textes. Je nachdem, wie organisiert Sie sind, sind die Dateien total chaotisch.
Ich hatte vor vielen Jahren mal einen Kunden, der hatte verschiedene Versionen des gleichen Textes in einer Datei hintereinander. Er hat schlichtweg nicht mehr gewusst, was er wann bearbeitet hat und an verschiedenen Versionen querbeet Formulierungen und ganze Passagen doppelt und dreifach bearbeitet.
Dazu kommt: Man weiß natürlich, wenn sich viel Unfertiges auf dem Computer befindet. Und das kann, wie jeder andere Ballast auch, ganz schön unzufrieden machen. Auch nur, weil Sie im Hinterkopf haben, dass Sie „schon wieder“ was nicht fertig gemacht haben.
Darum ist es eine gute Idee, sich immer wieder mal von Unvollendetem zu trennen! Sie brauchen keine Sorge haben: Was Ihnen schon mal eingefallen ist, fällt Ihnen sicher wieder ein. Oft sogar noch viel besser.
Das Festbeißen an alten Entwürfen ist sogar oft mehr als kontraproduktiv, weil Sie Ihr Gehirn in eine frühere Denkschiene zwingen. Kommt dann noch der Unmut dazu, sich diesen alten Text wieder vorzuknöpfen – oder der Druck, das jetzt endlich über die Bühne zu bekommen – läuft erst recht nichts.
Es ist unglaublich befreiend, Text-Ruinen in den Papierkorb zu verfrachten.
Das führt mich zum letzten wichtigen Punkt, dem „Das brauch ich vielleicht noch!“ oder „Daraus mach ich mal insgesamt was Gutes!“
Achtung: Flickwerk funktioniert meistens eh nicht
Aus diversen vorhandenen Textentwürfen mal etwas Größeres zu gestalten oder aus allem, was Sie schon angefangen haben, ein Buch zu machen, das funktioniert in den allermeisten Fällen sowieso nicht.
Denn jedes größere Projekt braucht ein eigenes klar durchdachtes Konzept, das anschließend gefüllt wird. Der umgekehrte Weg, alles, was man schon angefangen hat, auf den Tisch zu kippen und das dann alles zu verwerten und irgendwie zusammenzustellen, funktioniert so gut wie nie. Selbst, wenn es inhaltlich klappen würde, sind Stil und Aufbau meistens nicht passend genug.
Da kostet es weitaus mehr Arbeit und blockiert mehr, als wenn Sie ganz neu beginnen und wenn es sein muss, punktuell auf frühere Texte zurück kommen. Und auch da ist es meistens viel frischer und aktueller, sich ganz neu dranzumachen.
Na? Wie schauts aus bei Ihnen? Haben Sie auch jede Menge unvollendeter Texte gespeichert?

Mitmachen!


Das ist das gute beim Blogschreiben. Diese ganzen “Entwürfe” schauen mich dort nämlich vorwurfsvoll an und es kommt äußerst selten vor, das ich dann dieses gleich verwerfe, eher feile ich daran herum und mach dann was nettes draus.
Aber ich denke jeder von uns hat viel unvollendetes im Keller und so manches mal lohnt es sich die Sachen wieder hervorzukramen…
Ooooh jaaaaa, und ob ich es kenne… Ich habe in meinem Blog so einige angefangenen Artikel, die vor sich hindümpeln
Manche verwende ich doch noch mal, manche lösche ich, weil ich das Thema dann doch blöd finde. Meine Erfahrung ist, wenn ich das Angefangene nicht zügig fertig mache, weil das Thema gerade aktuell in meinem Kopf ist, dann wird es nichts mehr. Ich will es jetzt nach diesem Artikel von Dir, Gitte, noch mal bewusst probieren, mal sehen ob’s klappt
Herzliche Grüße
Natalie
“Es ist unglaublich befreiend, Text-Ruinen in den Papierkorb zu verfrachten.”
Dieser Satz gefällt mir ausgesprochen gut, liebe Gitte. Danke.
Herzliche Grüße
Bettina
Hallo Janett, Natalie und Bettina,
dankeschön! Das freut mich. Gerade das Umgehen mit dem Unvollendeten bietet – wie immer – so vielschichtige Möglichkeiten, und wenns “nur” das ist, genauer zu unterscheiden, was man als vielversprechend aufheben möchte und andererseits was loszulassen besser ist. Das ist ja eine ganz eigene Dimension für uns AutorInnen: das Selbstmanagement, das unterliegend ist. Je besser wir uns kennen, desto mehr lernen wir, unsere Arbeit zu beurteilen und mit unseren Werken unterschiedlich umzugehen.
Viele Grüße
Gitte
Habe erst etwas später (heute) deinen NL gelesen- und sofort sprang es mich an! DAS habe ich doch gestern erlebt.
Wobei es ein wenig anders ist- mich aber dennoch total daran erinnert- und von daher gibt es vielleicht doch auch Verbindungen.
Ich habe gestern wohl zum ersten Mal in meinem Leben eine absolute Blockade erlebt, einen Workshop zu planen, den ich Montagabend (also übermorgen) habe. Dazu muss ich sagen, dass ich mir fest vorgenommen und versprochen habe, dieses Wochenende NICHT zu arbeiten. Gar nicht! Das heißt, ich musste gestern, Freitagabend die Planung fertig haben. Aber es ging nichts.
Ich hatte zwar tausend Ideen, konnte mich aber nicht entscheiden. Welche Kreativitätstechnik stelle ich konkret vor, wo die Teilnehmer auch mitmachen können. Was Sinn macht an so einem Abend. Was aber auch Spaß macht. Welche von den 20 Techniken nehme ich?
Ich war wie vernagelt! Und auch erschöpft, war wegen Gewitter seit 4 Uhr morgens wach und seit 5 Uhr auf. Habe nächste Woche 2 Vorträge und ein Seminar. Alles noch nicht fertig. Sonst bin ich immer sehr früh mit meinen Vorbereitungen.
Meine Lösung war dann (nach einem kurzen Jaul-Telefonat mit einer Freundin): es erst einmal liegen lassen. Nicht weiter versuchen etwas zu erzwingen.
Ein flotter Spaziergang den Hügel hinauf. Erst mit Nachbarskleinkind, dann alleine. Bis ich außer Puste war.
Mich also erst mal wieder in einen besseren Zustand bringen.
Und heute morgen in der Sonne auf dem Balkon ganz entspannt nachspüren: Was macht Sinn, wovon haben die TN am meisten und wovon bin ich selbst begeistert?
Und das ist auch die Parallele zu deinem Beitrag. Ich kenne das auch, dass ich Blogartikel anfange (und nicht fertig bekomme), die mich einfach später nicht mehr anmachen. Als ich die Idee hatte, fand ich sie toll, aber das verfliegt manchmal.
Die eigene Begeisterung und das eigene Feuer sind wohl immer noch die beste Richtschnur: das auch was Rüberkommt und andere was davon haben.
In diesem Sinne: auch Blockaden sind wahrscheinlich wichtig. Gehen wir liebevoll mit ihnen und uns um – und lassen sie zufrieden
. Oder so.
Achtung, das wird ein kleiner Bericht! Ja, es war mir nur partiell bisher möglich, von Ihrer guten Arbeit zu lernen … ich meine, es war ziemlich zu Anfang Ihrer NLs – dass ich unversehends Ihre “Schreibnudel”-Texte auf meinem Bildschirm fand – und den kessen Ton analysieren mochte – ohne ganz schlau draus zu werden, wohin diese Schreibnusel wollte – was sich abe schnell klärte, als praktikable Empfehlungen folgten, viel Hilfreiches … (`verschenkt die denn das alles – und warum?´ … fand das sympathisch-großzügig).
Dann kam eine lange Pause, weil mein Mann sich auf den großen Nachhauseweg machte, sachte – einen Wunder-vollen Abschied nahm – nach 62 Ehejahren und 67 Jahren einer Freundschaft, die uns immer trug.
Und weil es “der Aufzeichnung/Biografie dieser Verbindung von zwei freiberuflichen Gestaltern (“2 Roth”) bedarf, deren jeder doch seine ganz eigenen Gebiete beackert hat -neben gemeinsamen Projekten zu beackern hatte … und weil das persönliche Leben – auch dauch as auf den Meeren – dazugehört, abenteuerlich genug und selten, folgt man den Spuren … kurz: Weil es eine Biografie sein wird, an der ich mit-schrebe (die Künstlerische Seite übernehmen die Historiker) – deshalb, denk’ ich, sollte ich dem Frischen Wind, den ich aus Richtung `dieser Gitte Härter´spüre insofern vertrauen, als ich sie frage, wie ich Unterstützung bekommen könnte, mein biografisches Abenteuer (das etlichen Richtungen zu folgen hat) zu beginnen – und auch erfolgreich zu Ende zu führen … (wo ich doch nur e i n einziges mal – ein einziges Gedicht – an einen einzigen Verlag (Belz-Gehlberg) geschickt hab, das – seit genau 20 Jahren – in Büchern zum Thema “Engel” zu finden war – und ist. Ob mir das Mut machen soll, mich an eine (auch noch reich zu bebildernde) Erzählung zu machen zum Thema “Leben” –> Suchen, Finden, Tun ? ? ? Hätte nie gedacht, dass ich heute diesen Brief schreiben würde! Ich bitte um Verständnis, dass so lang – und hrüße Sie ganz herzlich, liebe Gitte.
Ich bin Hilde, bald 87 (wieso eigentlich? …hab nicht wirklich bemerkt, wie das kam)
Liebe Hilde,
herzlichen Dank für Ihren “kleinen Bericht”, ich habe besonders geschmunzelt über Ihr “bald 87, wieso eigentlich? … hab nicht wirklich bemerkt, wie das kam” – denn genau so gehts mir dauernd! Ich lache mich die ganze Zeit kaputt, dass ich bald 50 bin (stimmt gar nicht, bin erst 43, aber das nächste “Große” ist die 50, und ich finde das absurd!) … und auch meine Mutter kann es nicht fassen, dass sie über 70 sein soll.
Umso besser!
Und wie wunderbar Sie die gemeinsame Zeit – und den wundervollen Abschied – mit Ihrem Mann beschreiben. Was für eine unsagbar schöne Erfahrung, dass Sie beide eine so tiefe Freundschaft verbunden hat, zusätzlich zum gemeinsamen Weg + Leben. Wenn man das erleben darf und von sich und seinem Ehepartner sagen kann …
Ich freue mich sehr, dass Sie schon seit Anfang an auf Schreibnudel mitlesen und Ihnen mein Stil gefällt. Und zum Thema “Mut machen”: ABER IMMER! Letztlich ist immer die Frage: Will da was raus? Möchte ich/will ich der Welt da draußen etwas erzählen/sie teilhaben lassen/sie anregen … was auch immer es ist. Wenn was drin ist und raus “soll”, dann lassen Sie es raus.
Zum Thema Unterstützung: Biografien und Erzählungen sind eine ganz eigene Kunst. Und da mache ich ja, wie Sie sicherlich etwas mitverfolgen, selbst gerade meine ersten Schritte drin. Darum bin ich für dieses Projekt leider nicht die Richtige (vielleicht irgendwann einmal).
Ich erinnere mich dunkel an ein Buch zum Thema “Erinnerungen schreiben”, das ich sehr gut in Erinnerung behalten habe. Es ist kein Schreib-Lern-Buch, sondern eher eine ganz sinnvolle Sammlung von einzelnen Kapiteln, mit denen man sich klar wird, was man sinnvollerweise bei so Erinnerungen reinnimmt und wie man es angehen kann, wenn man eben nicht 1:1 eine Lebensgeschichte “dokumentieren” möchte. Das ist oft ganz wichtig, denn das eigene Leben einfach so “runtererzählt”, wie es eben so war – womöglich noch chronologisch -, das ist meistens nur für einen selbst wahnsinnig interessant. Es ist ja das eigene Leben!
Doch in der Regel ist es schon auch bei Erinnerung gut, ein klares Konzept zu haben, die Biografie an bestimmten Dingen “aufzuhängen”.
Das Buch ist von Judith Barrington:
auf Deutsch: Erinnerungen und Autobiografie schreiben
englisches Original: Writing the Memoir
Ich weiß leider keine Details mehr, nur, dass ich es ganz positiv in Erinnerung habe.
Herzliche Grüße, Hilde,
und auf wiederlesen
Gitte