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Weg mit der Krücke „Fremdmaterial“!

Wenn Sie „Emergency Room – Die Notaufnahme“ gesehen haben, kennen Sie Dr. Kerry Weaver, eine Ärztin, die aufgrund einer Fehlstellung der Hüfte hinkt und an einer Krücke geht. Die Schauspielerin, Laura Innes, bekam nach vielen Jahren, die sie für ihre Rolle an einer Krücke gehen musste, echte Probleme mit ihrer Hüfte und dem Rücken! Darum hat man ihr eine Operation ins Drehbuch geschrieben, damit sie die Krücke los wird und wieder gerade gehen konnte.

kruecke

Kerry Weaver ist mir als erstes eingefallen, als ich mir überlegt habe, über die Nutzung von Fremdmaterial zu schreiben. Denn sehr viele Autoren stützen sich wahnsinnig auf fremdes Material, obwohl sie es gar nicht nötig hätten:

  • Sie schreiben nur Texte, wenn sie ausgiebig recherchiert haben und beschränken sich oft sogar darauf, Aussagen anderer Leute zusammenfassen.
  • Sie beschreiben und nutzen ausschließlich fremde Methoden. Wenn sie selbstständig sind, dann arbeiten sie in Trainings und Coachings oft auch nur mit Fremdmaterial.
  • Entdecken sie auf einer Website einen interessanten Text, dann verweisen sie lediglich drauf oder aber geben ihn mehr oder weniger in eigenen Worten wieder. Es gibt Fälle, wo Leute Blogtexte vollständig  bei sich übernehmen  und glauben, dass es als Zitat durchgeht, wenn sie nur den Namen dazuschreiben.
  • Wenn Sie eine Idee bei anderen sehen, kopieren sie sie einfach 1:1 – und schreiben manchmal trotzdem dazu, dass „sie da etwas entwickelt haben“.
  • In meinem Buchkonzept-Workshop habe ich regelmäßig TeilnehmerInnen, die ein Buch komplett mit Fremdmaterial planen, was ich ihnen dann natürlich ausrede.

Nun geht es mir heute nicht um das Urheberrecht. Auch wenn eine Urheberrechtsverletzung Sie teuer zu stehen kommen kann, was Geld und Imageschaden betrifft. Sondern es geht mir darum, dass Sie sich durch so eine Krücke ganz gewaltig sabotieren:

Sie werden eine (meist schlechte) Kopie.

Das klingt harsch, ich weiß. Bitte halten Sie sich vor Augen, dass es hier um exzessive Fremdmaterialnutzung geht. Es ist natürlich total okay und eine schöne Sache, dosiert auf das, was andere so machen, hinzuweisen oder es einzuflechten. Aber: Wenn Sie eine Methode oder Übung total gut finden und diese Ihren Lesern ans Herz legen möchten, dann ist das was anderes, als sich permanent an Werke anderer anzuhängen.

Besonders, wenn Sie jemanden total bewundern und dieser Person nacheifern, ist die Gefahr groß, sich zu einer Kopie zu machen. Denken Sie an die vielen Castingshow-Teilnehmer, die ihr Idol kopieren und es gerade dadurch versäumen, einen eigenen Stil zu entwickeln, mit dem sie beeindrucken könnten.

Außerdem ergeben sich zwei große Fallstricke:

1. Wenn ich das sage, was alle sagen, was spricht dann noch dafür, gerade mich zu beachten?

2. Warum sollte ich zur Kopie gehen, wenn ich das Original haben kann?

Sie machen sich abhängig.

Diese Abhängigkeit ist schlimmer, als Sie denken!

  • Sie bewegen sich im engen vorgegebenen Rahmen des Fremdmaterials. Wenn man sich mit dem begnügt, was andere abgesteckt haben und genau das macht, was andere tun, dann verkümmern eigene Fähigkeiten. Ihre eigenen Ideen, die die Methode tatsächlich weiterentwickeln könnten, oder die sogar viel besser sind als das Fremdmaterial, kommen nie ans Licht.
  • Je nach Gegebenheit kann es sein, dass Sie das Fremdmaterial nicht mit Ihrem Know-how und einschlägigen Erfahrungen unterfüttern können, so dass Sie in der Praxis + bei kritischen Kommentaren oder Fragen, sofort an Ihre Grenze stoßen.
  • Abhängig davon, was und wie Sie nutzen, bewegen Sie sich auf dünnem Eis, was rechtliche Konsequenzen angeht (Urheber-, eventuell sogar Lizenzrechte, um Material überhaupt oder in abgewandelter Form zu verwenden).
  • Sie legen sich selbst auf eine Nische fest. Wenn Sie Ihre Texte oder Ihr Angebot auf einer einzigen Methode aufgebaut haben, beschränken Sie sich damit und halten sich möglicherweise sogar zurück.
  • Wenn es blöd läuft, halten Sie sich sogar selbst für einen Hochstapler.

Was Ihre Kunden und Ihre Leser interessiert, ist das, was Sie zu bieten haben. Das ist wahrscheinlich jede Menge, nur werden wir alle das nie erfahren, wenn Sie sich hinter Fremdmaterial verschanzen.

Sie halten sich klein.

Das Schlimmste finde ich aber, dass Sie unter Ihren Möglichkeiten bleiben. Glücklicherweise sehe ich es täglich in meiner Arbeit, wie viel mehr in den Leuten steckt. Schon alleine, wenn ich einige Fragen stelle oder bei einem Text auf mehr Tiefe bestehe, kommen die Perlen zum Vorschein (manchmal nach ein wenig Heulen und Zähneknirschen, weil sie es nicht gewohnt sind, aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz zu schöpfen).

Verpassen Sie bitte nicht die Chancen, Ihr eigenes Know-how, Ihre Ansichten und Ihre Erfahrungen zu nutzen! Erst recht nicht, wenn Sie selbstständig sind und sich täglich in der Praxis bewähren und jetzt über diesen Fachbereich sprechen. Das gilt ganz besonders für Sie, wenn Sie Coach, Trainer oder Berater sind – unabhängig davon, in welchem Fachbereich Sie tätig sind!

Klar stellt Sie da das Schreiben vor ganz neue Herausforderungen: Statt dass Sie jemanden vor sich sitzen haben und mit einer konkreten Situation konfrontiert sind, heißt es nun Ihr Wissen auf völlig neue Art aus dem Kopf zu ziehen … und dann auch noch aufzuschreiben!

➡ Aber anstatt sich an andere dranzuhängen, vertrauen Sie doch auf das, was Sie im Alltag erfolgreich macht!

➡ Machen Sie Ihr eigenes Ding, entwickeln Sie Ihre eigenen Methoden! Darin steckt zudem auch jede Menge Potenzial, ein klares Profil für sich selbst zu schaffen (ob als AutorIn oder für Ihr Business).

Mit der Zeit nicht mehr selbst gehen können.

Dummerweise führt das ständige Nutzen der Krücke auch hier zu einem tatsächlich Problem. Sie unterminieren das Selbstvertrauen, die Zuversicht in Ihr eigenes Können und wenn ich Ihnen von heute auf morgen alles Fremdmaterial wegnehmen würde, dann bleibt bei vielen fast nichts eigenes mehr übrig. Je mehr und je länger man sich nur auf das stützt, was andere tun, desto mehr verkümmern die eigenen Fähigkeiten und damit auch das Selbstbewusstsein.

Eine Krücke dient dazu, etwas auszugleichen und zu unterstützen. Darum ist Fremdmaterial beim Schreiben – und für die Selbstständigkeit – durchaus nützlich und inspirierend:

  • Man sieht, was andere so machen.
  • Man ist beeindruckt von manchen Aussagen oder überzeugt von tollen Methoden.
  • Man staunt, wie andere etwas aufbereiten oder total kreativ von verschiedenen Seiten betrachten.

Es ist ganz normal, wenn Sie mitunter dasitzen und denken: „Woah! Wie geil ist das denn? Da wäre ich im Leben nicht drauf gekommen!“ oder „Das könnte ich nie!“ Das tut jeder Mensch. Ich verneige mich auch oft vor Wortkünstlern oder vor einer pfiffigen Idee, wo mir begeistert der Mund offen steht.

Jetzt ist entscheidend, was Sie daraus machen.

Das Ziel sollte immer sein: ICH mache mehr aus mir. ICH möchte vielseitiger werden. ICH möchte meine Fähigkeiten ausbilden. Oder eben auch: ICH möchte das auch können.

Eine bestimmte Schreibe, das Herauspicken außergewöhnlicher Themen oder ganz anderer Schreibformen, das Entwickeln eigener Methoden … dahinter stecken Fähigkeiten, die Sie zum Teil bereits haben (das aber nie herausfinden werden, wenn Sie immer nur Fremdmaterial nutzen) und zum anderen Teil erwerben können (was Sie auch nicht tun, wenn Sie immer nur die Krücke nutzen).