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Vielseitiger, anders schreiben

Gestern habe ich geschrieben, dass eine simple Frage dabei hilft, Texte besser zu machen: Wie bekomme ich das …(er)?

[Wenn Sie den Text noch nicht gelesen haben, bitte jetzt nachholen, bevor Sie weiterlesen.]

Oft hat man ja das Gefühl, dass ein Text zu langweilig, unklar, ausschweifend, überkorrekt oder gar staubig ist. Zumindest ist meine Erfahrung, dass die meisten AutorInnen (auch Anfänger!) ein sehr gutes Gefühl dafür haben, ob ein Text funktioniert.

In Workshops höre ich ganz oft: „Gitte! Du hast ja genau das rausgepickt, wo ich selbst schon gestolpert bin, aber ich bin dann einfach drüber weg, obwohl ich ein blödes Gefühl an dieser Stelle hatte!“

Regel Nr. 1: Wenn Sie ein blödes Gefühl haben, gehen Sie nicht einfach drüber weg! Hören Sie auf das innere Stimmchen. Auch wenn es eine Lappalie ist. Denn mit jeder Passage, die Sie richten, werden Sie als AutorIn besser.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: WIE geht das? Denn das Erkennen ist das eine, das Bessermachen eine ganz andere Geschichte.

Eine gezielte Frage ist, wie gesagt, der erste Schritt, um einen Text, der nicht funktioniert, zu verbessern:

  • „Wie bekomme ich das lustiger?“
  • „Wie wird mein Text lockerer und nicht so bürokratenmäßig-distanziert?“
  • „Wie mache ich dieses komplexe Thema verständlicher als bisher?“

Einige von Ihnen können alleine mit so einer konkreten Frage viel anfangen. Vielleicht, weil Sie geübter sind und schon viel schreiberisches Handwerkszeug kennen.

Aber was ist, wenn Sie beim „Keine Ahnung!“ hängenbleiben?

Ganz einfach:

:arrow: 1. Lösen Sie sich von der Hürde, dass es ums SCHREIBEN geht.

:arrow: 2. Erwarten Sie keine preisverdächtigen Halleluja -Texte!

:arrow: 3. Lassen Sie einfach das weg, was Ihrem Ziel entgegensteht.

Was meint sie denn jetzt damit wieder?

Das:

1. Lösen Sie sich von der Hürde, dass es ums SCHREIBEN geht.

Wir Menschen sind manchmal sehr merkwürdig. Da reden wir frisch von der Leber weg und können natürlich ganz genau beurteilen, was eine staubige und was eine lockere Sprache ist, aber sobald es ums Schreiben geht, bekommen viele einen Knoten im Hirn. Mitunter sind wir so überzeugt, dass wir etwas eh nicht können, dass wir sofort innerlich aufgeben.

Nehmen wir an, Sie lesen einen Ihrer Texte und denken: „Bläh, das ist ja voll langweilig! Das will doch kein Schwein lesen!“ Dann erinnern Sie sich, dass Sie sowieso immer stinklangweilige Texte schreiben. Vielleicht graben Sie auch noch einen Lehrer oder sowas aus den hintersten Stellen Ihres Gehirns, der Ihnen seinerzeit auch schon bescheinigt hat, dass Sie einfach nicht gut im Schreiben sind. Die Selbstsabotage lässt grüßen!

Jetzt stellen wir uns aber mal vor, Sie sitzen in einem meiner Vorträge. Ich bin stinklangweilig. Immer wieder fallen Ihnen die Augen zu und Ihr Kopf sackt nach vorne weg.

Nach dem Vortrag fange ich Sie an der Türe ab und sage: „Hey, Sie sehen aber müde aus! Ich habe schon gesehen, dass Sie mir einige Male fast weggeknackt wären. Darf ich Sie auf einen Kaffee einladen, und Sie sagen mir, was so langweilig war und wie ich es besser machen könnte?“

Ich wette, dass Sie mir sofort sagen können, was an dem Vortrag so langweilig für Sie war. Und ganz sicher haben Sie jede Menge Tipps für mich, wie ich das Ganze interessanter und lockerer gestalten könnte.

Klar wissen Sie, wie ich meinen Vortrag richten kann! Weil Sie beim Sprechen keine Schreibhemmung haben – übrigens ganz unabhängig davon, ob Sie selbst souverän auf der Bühne stehen könnten oder nicht:

2. Erwarten Sie keine preisverdächtigen Halleluja-Texte!

Die zweite große Hürde ist es, viel zu viel von sich zu verlangen. Schreiben ist keine superschwierige Sache. Man kombiniert Wörter. Klar kann man das immer verständlicher, unterhaltender, wortgewandter, eleganter machen – und klar gibt es richtige SchreibmeisterInnen, wo einem der Mund offen steht.

Doch erstens liegt „gutes Schreiben“ immer im Auge des Betrachters. Und zweitens geht es nicht um Perfektion und preisverdächtige Formulierungskünste.

  • Es geht in erster Linie darum, dass die richtigen Leser das, was Sie schreiben, auch lesen: gerne, aufmerksam und bis zum Schluss.
  • Es geht darum, dass Ihre Leser etwas davon haben! Vielleicht sollen sie einfach unterhalten sein, vielleicht möchten Sie sie zum Lachen bringen, sie über etwas informieren/sensibilisieren oder sonstigen handfesten Nutzen bieten (Machen Sie Ihren Lesern Geschenke!).
  • Und je nach Text und Intention geht es auch darum, dass Ihre Leser etwas Bestimmtes tun. Entweder etwas bei Ihnen kaufen oder eine Information beziehungsweise einen Ihrer Tipps auch praktisch in ihrem Leben anwenden.

Haben Sie einfach nicht den Maßstab, dass jeder Text ein fein formuliertes Meisterwerk sein muss! Ich weiß, dass viele von Ihnen meine Schreibe total gerne mögen. Das freut mich. Aber schauen Sie mal etwas näher hin: Meine Texte sind alles andere als geschliffen und perfekt. :mrgreen:

Das gilt für fast alle Texte da draußen. Klar gibt es Texte, die man lieber liest und manche Autoren liest man besonders gerne, weil einem ihr Schreibstil so liegt. Doch alle Autoren kochen auch nur mit Wörtern!

Kochen ist übrigens ein ganz gutes Beispiel. Es gibt ganz wenige sterneverdächtige Hobbyköche. Aber es gibt jede Menge Leute, die superleckere Sachen zaubern. Ich persönlich ziehe Ihren bodenständigen Kartoffelsalat, den Sie mit Liebe gemacht haben, einem abgehobenen 5-Gänge-Menü jederzeit vor. Auch wenn Ihre Kochkünste nicht an den Sternekoch heranreichen.

3. Lassen Sie einfach das weg, was Ihrem Ziel entgegensteht.

Zurück zu unserem Käffchen. Wir sitzen im Foyer der Veranstaltung, das Koffein rauscht durch Ihre Adern und ich schaue Sie erwartungsvoll an. Sie zögern kurz und sagen dann:

„Wenn ich ehrlich bin, war Ihr Vortrag wirklich etwas langweilig. Und das lag daran:

  • Sie haben nicht mit dem Publikum gesprochen, sondern waren ganz auf sich fixiert.
  • Sie haben total hölzern gesprochen, fast wie abgelesen. Das war gar nicht natürlich.
  • Ich habe ganz viel von dem, was Sie gesagt haben, gar nicht richtig kapiert, weil die Sätze so lang waren … all die komischen Wörter! Ich mochte gar nicht richtig zuhören.
  • Ich hatte irgendwie den Eindruck, Sie stehen gar nicht hinter Ihrem Thema. Das war so leidenschaftslos.
  • Ehrlich gesagt habe ich auch nicht so viel eigenes gehört. Die Punkte, die Sie angeführt haben, hat man ja in der Form tatsächlich schon oft gelesen.“

Ich bedanke mich für Ihre Offenheit. Aber jetzt bin ich gespannt: Wie könnte ich meinen Vortrag denn spannender und aufgeweckter machen, damit mir die Leute nicht einschlafen? Haben Sie dazu weitere Ideen?

„Aber klar! Es wäre viel interessanter, wenn:

  • Du einen besonderen Aufhänger wählen würdest, etwas, das mit mir selbst zu tun hat.
  • Außerdem sind die meisten Vorträge ziemlich langweilig. Für mich ist es viel spannender, wenn ein Vortrag lockerer ist. Gerade bei so einem schwierigen Thema, nimmt das auch total die Schwere raus. Das motiviert mich auch gleich viel mehr, zuzuhören.
  • Du bist doch schon so lange auf dem Gebiet tätig! Bring doch mehr echte Beispiele statt das alles so neutral zu umschreiben.
  • Außerdem redet so doch auch niemand. Diese ganzen Hauptwörter. Red doch einfach normaler.
  • Du hast mich vorhin an der Tür abgefangen und mich ganz lockerflockig darauf angesprochen, dass ich dir fast eingeschlafen wäre und ob ich einen Kaffee mit dir trinke. Das zeigt mir, dass du mutig bist, unverkrampft mit der Sache umgehst und Lust auf meinen Input hast. Genau diese Qualitäten sollte man auch auf der Bühne an dir sehen!“

Hier haben Sie sich vermutlich gedacht, wenn Sie mir schon so viel so direkt um die Ohren hauen, können wir uns auch duzen.

Das hätte genau so ablaufen können, oder?

:arrow: Dieses Prinzip gilt auch dafür, einen Text (…)er zu bekommen:

Sie stellen sich also die Frage: „Wie bekomme ich das lustiger?“ oder „Wie kann ich den Text entstauben?“ und dann schauen Sie einfach:

Was macht den Text momentan unlustig?

oder

Was macht den Text staubig?

Das zeichnen Sie an Ihrem Text an oder schreiben es sich auf. Hetzen Sie nicht, sondern schauen Sie sich Ihren Text ganz genau auf die jeweilige Frage an. Schreiben Sie konkret einzelne Aspekte auf, die dafür verantwortlich sind, dass Ihr Text (unlustig, staubig, langweilig, verwirrend …) ist. Nach kurzer Zeit fällt Ihnen nichts mehr auf. Dann bleiben Sie auf dem Hosenboden sitzen und fragen sich: „Aha, was noch?“ … und gucken weiter … dann schreiben Sie sich das auf, was Ihnen noch auffällt. Ihnen fällt wirklich nichts mehr ein. Stimmt nicht! Schauen Sie sich an, was Sie haben, lesen Sie es sich am besten laut vor und sagen noch mal „… und was noch?“

Da kommt noch jede Menge nach!

Wenn Sie wirklich fertig sind, machen Sie zwei Dinge:

1. Sie drehen das, was Sie haben, um. Denn das, was die Sache un- macht, ist meistens auch die Lösung. Also „zu viele Hauptwörter“ = „weniger Hauptwörter“. Die können Sie dann raushauen oder in Verben auflösen.

2. Sie fragen sich zusätzlich noch einmal die Ursprungsfrage: „Wie bekomme ich das (…)er?“ Denn natürlich gibt es immer viele Dinge, die im aktuellen Entwurf noch gar nicht da sind, die etwas aber lustiger/lockerer/mitreißender/praktischer … machen können.

Das Vortragsbeispiel illustriert genau, was gemeint ist.

Uff, ist das jetzt wieder lang geworden! War keine Absicht. Aber dafür wissen Sie jetzt genau, wie Sie Ihre Texte künftig (…)er bekommen. :-)

PS: Wie angekündigt, geht der Newsletter ab jetzt in Sommerpause. Der nächste Newsletter kommt wieder Anfang September. Ich blogge aber im August weiter.

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2 Kommentare

  1. Edeltraud sagt:

    Hallo Gitte,

    danke für diesen Mutmacher, die Vortragsgeschichte ist wieder einmal klug, gewitzt, anregend, aufbauend, locker, und total praktisch.
    Dazu noch die Entstaubung – jetzt kann nix mehr schiefgehen.
    Jetzt darfst die Sommerpause genießen!

    Ich wünsch dir einen schönen August, lass es dir gutgehen!
    Edeltraud, die auch fast täglich im See schwimmt!!!

  2. Gitte Härter sagt:

    Hallo Edeltraud,

    gerne – ich freue mich, dass dir der Artikel so gut gefällt!

    Dir auch enen schönen Sommer :-)
    Gitte

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