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Sich trauen (mal anders)!

Zu meiner großen Überraschung musste ich kürzlich feststellen, dass ich keinen Handstand kann. Es liegt nicht an zu hohen Ansprüchen, denn ich will durchaus klein anfangen und habe verschiedene für mich machbare vorbereitende Vorübungen recherchiert.

  • Logisch gesehen will und kann ich.
  • Ich habe einen Plan.
  • Ich habe die körperlichen Voraussetzungen zu Haltung, Körperspannung und Kraft.

Als ich mich also letztens lässig bereit mache, einen ersten Handstand gegen die Wand zu machen, weigert sich mein Körper einfach. Die Logik sagt „Hä? Wasnjetzlos?“, der Körper zögert und sagt „Kopfüber hochschwingen?! Nicht mit mir!

Anscheinend habe ich Angst. Diese Angst führt zum Zögern. Logisch betrachtet habe ich aber keine Angst. Mein Hirn weiß, dass ich es kann, will und nichts zu befürchten habe. Es ist diese falsche Perspektive aber offenbar nicht gewöhnt und befiehlt dem Körper, da nicht mitzumachen.

Durch dieses Zögern mache ich mir ein Problem. Denn einen Handstand schafft man nur, wenn man kontrolliert, aber entschlossen nach oben schwingt.

Trauen und trauen sind drei Paar Stiefel

Auch beim Schreiben spielt das Sich-trauen eine große Rolle:

Traue ich mich, mit meinem Geschreibsel nach draußen zu gehen?
- Panik vor dem Veröffentlichen?
- “Ihr Kind ist ein Arschloch!” – Vom Umgang mit Kritik

Traue ich mir zu, dass ich schreiben kann?
… dass ich prinzipiell das Zeug dazu habe, dass ich nicht „zu blöd“ oder untalentiert bin, dass ich vielseitiger/besser/schneller (oder was Sie sich auch wünschen) schreiben kann – oder es mir zumindest aneignen und antrainieren könnte?

Das dritte Paar Stiefel wird oft übersehen:

Traue ich mich, große Bewegungen zu machen?
Damit sind wir wieder beim Handstand … und bei der Fremdsprache, dem Tanzen, dem Singen, dem Musikinstrument, dem Sport, dem Vortrag – bei allen Dingen, die man neu lernt und deren Erfolg eben auch von dieser Art des Sich-trauens abhängt.

So richtig ist mir dieser Aspekt vor einigen Jahren beim Tanzen aufgefallen: Die Entschlossenheit, die man braucht und auch zum Ausdruck bringen muss, damit etwas sich richtig anfühlt, in Fleisch und Blut übergehen kann – und nach außen gut aussieht.

Wenn man unsicher ist oder denkt, man kann etwas nicht genug, dann tendiert man dazu, sich klein zu machen: man macht beim Tanzen kleinere, zaghafte Bewegungen; man spricht in der anderen Sprache leiser und weniger; man schwächt beim Schreiben Formulierungen ab … man will sich unsichtbarer machen, nicht so arg in den Mittelpunkt geraten und sich absichern.

Genau das hält Sie aber klein! Vor allem zementiert es das Gefühl, es nicht zu können, denn das Zaghafte macht das Ergebnis schlecht(er), und mit jeder dieser kleinen, zögernden Bewegungen bestätigen Sie sich, dass Sie es einfach nicht gut genug können.

Lieber mit Entschlossenheit rausgehen: sich trauen, nicht perfekt zu sein; Anregungen oder Kritik als Besserwerdefutter betrachten; mit offenen Augen schauen, was andere tun. Klar können Sie sich ein Vorbild nehmen oder jemanden bewundern, aber nicht mit dem Blick „Der ist viel besser als ich (es je werde)“ oder „Ich kann das eben nicht“, sondern mit einem angespornten: Aha! Was gefällt mir daran denn so gut? – Wie macht diejenige das? – Oder einfach: Wenn er/sie das lernen kann, dann kann ich das auch!

Klar gibt es Schreibtalente, genauso wie es Sport-, Musik-, Rechen-, Sprach- und Was-weiß-ich-noch-für-Talente gibt. Aber gute Texte zu schreiben, dazu braucht es einfach Schreiblust und gutes Handwerk. Wer sich damit ein starkes Fundament schafft, kann auf seine Weise gute Texte schreiben. Auch wenn die meisten von uns nicht unbedingt einen Literaturpreis bekommen. ;-)

PS: Sieben Dinge, die mein Schreiben verbessert haben

Noch ein  PS: Ja, ich weiß, dass es noch die Variante gibt, einfach die Wand hochzulaufen (engl. youtube-Video, der Wall Walk ist bei 1.30 zu sehen). Dieser „Wall Walk“ macht auch enorm Spaß und das geht einwandfrei.

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5 Kommentare

  1. Amos Ruwwe sagt:

    …und üben, immer üben. Für das Schreiben gilt das genauso, wie die Bereiche die Gitte oben beschrieben hat. Inzwischen weiß der geneigte Leser, die Leserin, welche vielfältigen Interessen Gitte pflegt.
    Der Schlüssel zum Erfolg, nicht nur für Gitte, ist, die eigene Kreativtät zu trainieren. Zur Zeit übe ich das Komponieren. Das fordert das Gehirn raus. Schwuppdiewupp, kommen mir auch Ideen zum Schreiben.
    Schreibwettbwerbe mitmachen, das ist für mich immer ein Kreativschub. Ab und zu gab es schon Preise, ist dann auch schon. Anerkennung fördert wieder das Üben.
    Gruß Amos

  2. Susanne K sagt:

    Und beim Malen ist das auch so!

  3. Liebe Gitte,
    das ist wieder mal – wie so oft – ein großartiger, ermutigender Artikel! Das Handstandbeispiel, ergänzt um Tanzen etc., finde ich sehr anschaulich.

    Viele Grüße aus meiner ganz persönlichen Schreibwerkstatt (es geht voran!)
    Sandra

  4. Lucia sagt:

    Liebe Gitte,

    was für ein schwungvoller Artikel! Durch ihn bekomme ich Lust auf unbekümmertes Schreiben.
    Und auf Entschlossenheit.

    Vielen Dank. Das drucke ich mir aus – für die zaghaften Momente.

    Mit Grüßen
    Lucia

  5. Gitte Härter sagt:

    Wie schön! Ich freue mich. :-)

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