Deine Leser

Sie werden es nie jedem recht machen

Der Stein des Anstoßes.

Wer schreibt, geht raus. Wer rausgeht, muss auf Leser-Reaktionen gefasst sein – und manchmal ganz schön schlucken, wenn es Kritik hagelt.

Drehen wir das Thema aber mal um, denn dieses Jedem-alles-recht-machen-wollen ist ein richtiger Bremsklotz für Ihre Texte und Ihren eigenen Stil. Für Unternehmen ist es oft sogar der Todesstoß, weil sie sich selbst in die Masse der Mitbewerber versenken, indem sie sich möglichst neutral und so wie es alle machen präsentieren.

Tatsache: Einer motzt immer.

Egal, was Sie tun. Irgendeiner hat immer was zu motzen. Und dabei meine ich gar nicht mal polarisierende Themen.

  • Ihre Sprache ist zu männlich!
  • Ich finde es blöd, dass Sie dieses „In“ anhängen. Sind Sie Feministin oder was?
  • Ihre Artikel sind zu lange.
  • Ihre Artikel sind zu kurz.
  • Sie sollten mehr Bilder einbauen. So ist das nicht gut lesbar!
  • Sie sollten nicht so viele Bilder einbauen. Nur Text ist viel besser!

Es ist Fakt, dass immer jemandem etwas nicht gefällt. Klar, der Ton ist eine andere Sache, aber es ist völlig normal, dass vieles eine Geschmacksfrage ist.

Das geht Ihnen und mir ja nicht anders: Wir mögen auch nicht alles. Ich finde das Essen in einem bestimmten Lokal grottenschlecht und andere finden es ganz besonders lecker. Ich meide einen Laden, weil ich die Verkäufer unfreundlich finde, und anderen fällt das gar nicht auf (vielleicht weil es ihnen egal ist). Ich blättere in ein Buch und halte es für zu banal … und für jemand anderen ist es ein Augenöffner.

Ist doch ganz normal! Seien Sie also nicht gleich außer sich, wenn jemandem einer Ihrer Texte nicht gefällt. Stößt sich jemand an Form, Inhalt, Meinung oder Design, ist das sein gutes Recht. Sie müssen das nicht persönlich nehmen.

Die Art, wie diese Rückmeldung kommt, werden Sie wahrscheinlich schon persönlich nehmen. Aber die sagt mehr über Ihr Gegenüber aus, als über den Inhalt.

Nehmen Sie Rückmeldungen an, prüfen Sie sie für sich und dann treffen Sie eine Entscheidung, was davon Sie als Anregung nutzen möchten. Oft stecken auch in harschen Feedbacks durchaus gute Anstöße.

Einer ist nicht alle!

Der erste Impuls, wenn man eine positive oder negative Rückmeldung bekommt, ist, zu glauben, dass es die Ansicht aller ist. Dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, dass die meisten Leser sich eben nicht zu Wort melden. Darum gilt zwar durchaus „wenn einer was sagt, ist die Wahrscheinlichkeit da, dass andere auch etwas ähnliches denken könnten“ – aber in erster Linie heißt es, sich auf Kurs zu halten: Das hier ist eine Einzelmeinung.

Machen Sie bitte nicht den Fehler, aufgrund einer Rückmeldung sofort etwas zu verändern, weil sie denken „man“ findet etwas nicht gut. Gerade, wenn Sie frisch mit dem Veröffentlichen beginnen, kann das nämlich sogar dazu führen, dass Sie aufgeben. Sie fangen an zu bloggen und der erste Kommentar ist total kritisch … Sie zeigen jemandem Ihre Kurzgeschichte und der Testleser findet sie langweilig … da ist schnell der Motivationsstöpsel gezogen!

Übrigens: Achten Sie mal darauf, wie oft sich einzelne Kritiker in eine vermeintliche Masse einreihen. Da ist dann nicht von „Ich finde“, „Meiner Meinung nach“ die Rede, sondern von „wir Leser sehen das so und so“ oder „wenn Sie Ihre Kunden so behandeln, brauchen Sie sich nicht zu wundern“.

Einer ist einer.

Zwei sind zwei.

Zehn sind zehn.

Das sind nicht alle Ihre Leser bzw. Kunden.

Was finden Sie gut?

In meinem Buchenried-Workshop vor einigen Wochen habe ich gleich zum Auftakt zu meinen Leuten gesagt: „Wir sind alle groß und können tun und lassen, was wir wollen“. Und genau so meine ich das auch: SIE sind das Maß Ihrer Veröffentlichungen.

Schreiben lebt davon, dass Sie Ihren Stempel aufdrücken. Klar gibt es das Handwerk und Feinheiten. Da Sie bei mir mitlesen, ist klar, dass Sie immer besser werden wollen. Schreiben ist ja auch eine Entwicklung.

Aber Schreiben unterliegt keinen festen „Das hat man soundso zu machen“-Regeln. Schreiben ist Freiheit. Und: Es gibt für alles ein Publikum.

Wenn Sie etwas schreiben, dann sind Sie Ihr erster Leser. Wenn Sie Ihre Texte fair beurteilen können, dann haben Sie ein gutes Gespür dafür, was gut ist und welche Passage eventuell noch nicht so funktioniert. Sie erkennen, wenn ein Text noch nicht so reinhaut und auch, wenn Sie einen mistigen Text produziert haben.

Doch der Maßstab dafür, ob Sie den Text gut finden, sind immer noch Sie.

Ihr Name (oder Firmenname) steht bei jedem Newsletter- oder Blogtext und bei jeder Social-Media-Nachricht. Er steht bei jedem Kommentar, wenn Sie offen Ihre Meinung vertreten. Er steht bei Artikeln oder Büchern.

Die Frage ist also: Will ich das, so wie es hier steht, unter meinem Namen veröffentlichen? Entspricht es mir und meinem Standpunkt?

Ist die Antwort „ja“, dann ist der Text gut so. Sie sind der Maßstab.

Geht es besser?  – Bestimmt! Jeder Text kann besser werden.

Kann es sein, dass Sie später anderer Ansicht sind? – Absolut! Ich schaue oft mit Grausen auf frühere Artikel und Bücher. Auch inhaltlich habe ich heute oft eine etwas andere Meinung.

Filtern Sie sich manche Leser und Kunden eventuell weg? – Ja! Weil wir alle nicht alles mögen. Was, wie gesagt, völlig normal ist.

Sie lesen bei mir mit. Viele haben Spaß an meiner lockeren Sprache. Andere finden sie unprofessionell und dümmlich. Die lesen sie halt nicht.* – Ich lese dafür sehr trockene Theorie-Blogs nicht gerne. Aber das macht diese Texte nicht schlecht, es entspricht nur nicht meinem Geschmack.

Die alles entscheidene Frage ist …

Letztlich läuft es darauf hinaus, ob Sie zu sich stehen. Ein Text ist ein Sich-zeigen. Wer nicht nur fürs eigene Kämmerlein schreiben möchte, muss mit der Tatsache leben, sich ein Stück weit öffentlich zu machen. Wer veröffentlicht, bekommt Ansichten mitgeteilt.

Eine Ansicht ist eine Ansicht ist eine Ansicht. Von der Person, die sie gerade äußert. Nicht mehr und nicht weniger.

* oder lesen sie doch immer wieder, ärgern sich wieder und beschimpfen mich immer wieder