typische Fehler

„Zu eigen machen“

Gerade im Internet wird gerne kopiert: Selbstdarstellungstexte, Seminarausschreibungen, Produktwerbung, Blog- und Newsletterartikel, Formulare, Bilder, Videos …

Da schaut man, wie es die anderen so machen, und wenn man was Tolles findet, macht man es sich zu eigen. Und über dieses „zu eigen machen“ müssen wir heute ein ernstes Wörtchen reden!

Wortschatz Uni Leipzig hilft uns dabei:

Orientieren
auskundschaften, ausrichten, einstellen, herumfragen, umschauen, unterrichten

Inspirieren
anregen, erleuchten, ermuntern, initiieren, veranlassen, animieren, beflügeln

Sich zu orientieren und sich inspirieren zu lassen, ist eine kluge Sache. Denn das heißt erst einmal nichts anderes als: Man sieht sich um, sammelt Ideen, bekommt neue Impulse.

Orientierung und Inspiration sind sozusagen ein Sprungbrett dafür, ETWAS EIGENES ZU MACHEN. Und an dieser Stelle wird es kritisch. Denn leider verwechseln zu viele ein „zu eigen machen“ mit kopieren:

Kopieren
abschreiben, imitieren, gleichtun, nachahmen, plagiieren, übernehmen

Ich könnte an dieser Stelle zahlreiche Beispiele aufführen – von mir, von Kunden und Geschäftspartnern. Vermutlich haben einige von Ihnen schon eigene Erfahrungen gemacht.

Aber wichtig ist mir momentan ein ganz anderer Punkt: Unter diesen Textdieben sind nur ein kleiner Bruchteil „bösartige Diebe“. Ich hatte mit den meisten der Leute, die mich beklaut haben, Kontakt – mit einigen davon sogar einen sehr engen, freundschaftlichen.

Die meisten haben nicht böswillig kopiert.

Unter diesen kann ich drei Typen ausmachen:

➡ Die Bewunderer.
Die Bewunderer finden toll, was ein anderer macht. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Nachbarn (oder eine Nachbarin), der Sie total super findet: Was Sie machen, wie Sie aussehen, sich kleiden, reden.

Jetzt ist der Nachbar aber nicht einfach begeistert, sondern er imitiert sie. Das geht so weit, dass er sich die Frisur genauso schneiden lässt, die Haare so färbt wie sie und plötzlich die identischen Klamotten trägt … Das ist nicht mehr ein „Ich finde dich so toll“, sondern das ist das Aufgeben der eigenen Persönlichkeit. Und für den Kopierten ist es entsetzlich! Denn das ist nicht mehr schmeichelhaft, sondern es geht einfach zu weit.

Die „Ich dachte, ich hätte …“
Leider denken viele – auch Journalisten! -, dass sie sich einen Text damit zu eigen machen, indem sie minimale Dinge verändern. Mal einen Halbsatz dazuschreiben, mal zwei Sätze austauschen, mal Kommas statt ein paar Gliederungspunkte. Am Ende ist es noch immer genau der gleiche Text, aber man hat doch eine Handvoll Satzzeichen reingeworfen und ein paar Synonyme eingestrickt, damit ist es doch meins!

In diese Gruppe gehören auch diejenigen, die denken, wenn sie ein Bild umfärben oder abmalen, sei es „ihr geistiges Eigentum“. Und in der Nähe der Abwandler stehen diejenigen, die bewusst alles übernehmen und denken, man brauche nur die Quelle dazuschreiben, damit sei es kein Klau.

Bitte auch Vorsicht, wenn Sie dazu neigen, Textpassagen oder Bilder, die Sie gut finden, bei sich abzuspeichern ohne klar zu kennzeichnen, dass es Fremdinhalte sind. Oft finden sich in Ideen-Datenbanken oder auf Zettelchen keine solchen Verweise und nach einiger Zeit denkt man vielleicht tatsächlich, es ist von einem selbst.

Die Verzweifelten.
Bei meinen eigenen Textklau-Fällen sind circa die Hälfte wirklich verzweifelt. Meistens geht ihr Geschäft nicht so gut oder eine Deadline drückt. Sie haben das Gefühl, dass sie es nicht schaffen werden. Jetzt finden sie woanders einen Text, der genau das ausdrückt, was sie sagen wollen. Also übernehmen sie – oft gegen ihre eigene deutliche innere Stimme – einfach das, was sie woanders sehen.

Ich habe in den letzten zwölf Jahren leider oft auch Leute in meinem engeren Umfeld gehabt, die sich bei mir bedient haben. Das Unrechtsbewusstsein war vorhanden; sie wussten, dass sie einfach nur fragen brauchten (wobei die Antwort natürlich dem Urheber überlassen bleibt: man muss auch mit einem „Nein“ oder mit einem „Ja, aber gegen Honorar“ rechnen); sie wussten, dass die persönliche Beziehung belastet wird – und sie haben sich oft selbst damit nicht einmal wohl gefühlt. Aber die Verzweiflung war größer.

[Und wenn sich jetzt jemand angesprochen fühlt: Nein, es geht nicht nur um dich, leider passiert das öfter, als du denkst!]

Oscar Wilde hat Unrecht:

Nachahmung ist NICHT die höchste Form der Anerkennung … zumindest dann nicht, wenn „nachahmen“ schlicht und ergreifend bedeutet, dass man abkupfert.

Lesen Sie dazu auch:

und vor allem:

… zurück zum „zu eigen machen“

Wir hatten das

Orientieren
auskundschaften, ausrichten, einstellen, herumfragen, umschauen, unterrichten

und das

Inspirieren
anregen, erleuchten, ermuntern, initiieren, veranlassen, animieren, beflügeln

Nicht jeder sollte sich bei anderen umsehen.

Denn diese Orientierung führt nicht bei jedem zu Inspiration, sondern es gibt Leute, die sich – oft ganz unbewusst – zu sehr beeinflussen lassen. Ich zum Beispiel schaue mir, wenn ich ein neues Buch schreibe, genau aus diesem Grund nie vorher andere Literatur zum Thema an. Weil ich weiß, dass ich mich bereits bei Struktur und Inhalten unbewusst beeinflussen lassen würde. Mein Gehirn würde einen gewissen Pfad einschlagen. Auch wenn das nicht bedeutet, dass ein Plagiat dabei rauskommt, gehöre ich zu den Menschen, die sich durch so ein Umsehen bei anderen die Inspiration beschneiden würden.

Das brauche ich gar nicht länger erklären: Wenn das bei Ihnen auch so ist, wissen Sie das bereits! Denn es äußerst sich nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben. Dann übernimmt man beispielsweise schnell mal bestimmte Denkweisen oder Meinungen (und wundert sich vielleicht selbst darüber), orientiert sich im Restaurant an der Bestellung einer anderen Person (obwohl man erst danach merkt, dass man Lust auf was anderes gehabt hätte) oder hat das Gefühl, dass man einfach nicht auf Ideen oder Alternativen kommt, wenn andere dabei sind. – Alleine für sich ist man total offen und kreativ, aber in Gegenwart von anderen, die Meinungen äußern, scheint das zu versiegen.

Die gute Art, sich inspirieren zu lassen.

Wenn alles gut läuft, sind Sie automatisch jemand, der wirklich inspiriert wird: Sie lesen ein Formular von mir und denken „Aaaah, das ist doch eine gute Grundstruktur – so ein Prinzip will ich auch mal machen.“ Aber SO EIN PRINZIP heißt dann:

Das ist jetzt mein Gedankensprungbrett! Ich überlege mir: Was genau gefällt mir an dem Prinzip so gut. Ah, mir gefällt, dass man beim Ankreuzeln des Formulars gleich auch eine Fläche sehen kann und eine Aussage darüber treffen kann, was die Größe dieser Fläche aussagt. Wie könnte ich das für mein Themengebiet auch schlau nutzen?

Oder Sie sehen ein Foto mit einer tollen Perspektive. Das bringt Sie auf die Idee, Ihre eigenen Bilder nicht immer frontal aus einigen Metern zu fotografieren, sondern auch mal ganz nah ranzugehen, die Kamera zu kippen und Ausschnitte zu knipsen.

Oder Sie sehen etwas, das Ihnen nicht gefällt und fragen sich: Das gefällt mir nicht, warum eigentlich? Hm, wie kann ich das auf den Kopf drehen? Oder: Was bedeutet die Erkenntnis für meinen momentanen Auftritt oder für eigene Texte? – Nicht immer heißt Inspiration ja, dass man etwas gut findet.

Oder Sie schauen sich in der Branche um, wie das andere machen und beschließen dann genau diese Standards alle zu vermeiden. Sie orientieren sich mit dem Ziel, sich inspirieren zu lassen, wie Sie es ganz anders machen können als alle anderen.

Das Orientieren und das Inspirierenlassen sollte lediglich eine Initialzündung für Sie sein. Das sinnbildliche Sprungbrett für Ihre eigenen Ideen! Wenn Sie nicht von sich aus weiterspringen können, dann holen Sie sich dafür Unterstützung: Ich habe ganz viele Kunden, die sagen „du bist meine Ideen-Hebamme, du kitzelst das aus mir raus“. Sie müssen übrigens nicht gleich zum Profi laufen: Auch in Ihrem Umfeld gibt es die Leute, die gute Fragen stellen, Ihnen zuhören oder mit Ihnen gemeinsam Ideen entwickeln.

❗ Zu eigen machen heißt, dass Sie Ihren eigenen Stempel aufdrücken. Dass Sie inhaltlich, von der Gestaltung, vom Ausdruck ein hohes Maß an Eigenleistung erbringen.

Und wenn Sie unsicher sind, ob Sie nicht vielleicht unabsichtlich ein Plagiat geschaffen haben, dann zeigen Sie es vor Veröffentlichung dem Urheber und fragen.

Ganz besonders, wenn Sie eine Idee, Text/Bild o. Ä. so toll finden, dass Sie es gern 1:1 übernehmen wollen, gilt:

Fragen kostet nichts. Einfach tun bringt nur Ärger.