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„Wer will das lesen?“ (Teil 1)

Wenn ich für jedes Mal, wo ich diese Bemerkung höre, 50 Cent bekommen würde, hätte ich mir bereits die Villa Cognac gebaut.* Aber schauen wir mal näher hin. Denn wann immer Sie sich diese Frage stellen, gibt es einen ganz bestimmten Grund, der Sie weiterbringen kann. Es ist zu kurzsichtig, das nur mit Selbstzweifeln abzutun.

Übrigens: Auch bei selbstbewussten Textprofis meldet sich dieses innere Stimmchen gerne mal.

Hinter diesem „Wer will das lesen?“ können ganz unterschiedliche Nuancen stecken. Mir fallen spontan diese zehn ein:

Sie sind einfach ein Pessimist.

Bei manchen Menschen melden sich immer erst einmal die negativen Gedanken: was könnte an Kritik kommen; was könnte schiefgehen; was ist sowieso blöd? – Diese Grundhaltung zieht sich durch alles, nicht nur das Schreiben.

Das bedeutet nicht zwingend, dass Sie negativ drauf sind. Für viele ist es ein Schutzmechanismus à la Ich nehme das Schlimmste an, dann freue ich mich, wenn es anders kommt. Oder: Ich finde vorab Gründe, warum ich mich erst gar nicht der Resonanz meiner Leser auszusetzen brauche.

Das Gemeine ist, dass Sie sich dadurch klein halten und den Wind aus den Segeln nehmen.

Auf meiner Selbstständigenseite habe ich kürzlich einen passenden Text veröffentlicht, auf welch vielfältige – und teilweise subtile – Weise wir uns selbst den Teppich unter den Füßen wegziehen.

Jammern Sie oft bei anderen darüber, dass „das eh keiner lesen will“, dann wollen Sie vielleicht einfach nur, dass man Ihnen gut zuredet oder einen Cheerleader, der Ihnen den Rücken stärkt. Verständlich! Aber Vorsicht: Unterm Strich sind Sie deutlich besser bedient, wenn Sie sich gar nicht erst selbst runterziehen, um sich dann wieder aufbauen lassen.

Sie sind verunsichert, weil es schon so viel dazu gibt.

Stimmt. Irgendwie ist schon fast alles gesagt. Aber das ist gar nicht der Punkt! Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie das Rad neu erfinden. – Allerdings haben Sie vollkommen recht damit, dass man wirklich nicht den x-ten Aufguss einer Sache lesen will.

Darum gilt zum einen: Weg mit der Krücke „Fremdmaterial“
Was Ihre Texte besonders macht, sind IHRE Gedanken, Erfahrungen, Ihr Standpunkt und Ihr Schreibstil.

Und natürlich spielt immer eine große Rolle, welches Thema Sie wählen und wie Sie es aufziehen. Der größte Fehler, der 08/15-Texte verursacht, ist das zu allgemein gehaltene, riesige Thema. Denn da kommt oberflächliches Blabla raus, das die Leser wirklich schon tausendfach gelesen haben.

In meinen Workshops hören meine TeilnehmerInnen daher oft „Bring mehr Jörg rein“ oder „Machs andrea-iger“!

Sie finden das Thema selbst nicht spannend.

Egal ob Blogbeitrag, Zeitschriftenartikel oder Produktbeschreibung: Wie könnte der Text spannend für die Leser sein, wenn man als AutorIn schon müde mit den Augen rollt?

Auch hier nützen die altbekannten Lösungen:

Ein Planktonthema mit einem für Sie selbst interessanten Aufhänger wählen: Es hilft enorm, direkt in Überschriften zu denken, also nicht so anfangen, dass Sie sagen „Jetzt schreibe ich einen Text über gewaltfreie Kommunikation“, sondern „Die 7 größten Irrtümer zur gewaltfreien Kommunikation“ oder „Warum viele Leute gewaltfreie Kommunikation predigen und gleichzeitig anderen verbal eine reinhauen“.

Diese Überschrift darf ruhig Arbeitstitelqualität haben, also zum Beispiel noch zu lang sein oder etwas holpern. Wichtig ist, dass Sie für sich glasklar festlegen, worum es  in dem Text geht und einen für Sie aufregenden Ansatz finden.

Außerdem hilft es, mit Artikelformen zu spielen. Ich habe ja schon oft erwähnt, dass ich für mich das Bloggen spannend halte, indem ich mir zwischendurch immer wieder überlege: Wie kann ich hier die Form ändern? Wie mache ich daraus mal eine Typologie oder ein Formular? Oder auch: Gibt es eine hübsche Analogie dafür [„Arbeiten und Leben unter einen Hut bringen – welcher Hut ist das denn?“]?

Sie hatten keine Lust beim Schreiben.

„Keine Lust“ kann am Thema liegen, es kann aber auch einfach der Zeitpunkt sein. Umso schlimmer, wenn eine Deadline drückt.

Ich stand zum Beispiel mal wenige Wochen vor einem Buchabgabetermin als ich einen schlimmen Notfall in der engeren Familie hatte. Plötzlich war ich von früh bis spät im Krankenhaus, aber musste ja nebenbei mein Buch schreiben! Also setzte ich mich abends hin und kam auch voran, weil ich mein Thema gut kannte. Nachdem ich um die 70 Seiten hatte, wurde mir klar, dass man dem Text total anmerkt, dass ich weder mit dem Kopf noch mit Leidenschaft bei der Sache war. Also habe ich alles in die Tonne getreten und neu angefangen.

„Keine Lust“ liest man Texten immer an. Auch wenn ein solider Okay-Text rauskommt, schwindet das Lesevergnügen enorm. Gerade, wenn Sie üblicherweise anders schreiben, meldet sich sehr laut das „das will doch keiner lesen“ … ich wills ja nicht mal selbst lesen!.

Sie halten Ihre Schreibe für uninteressant.

Oft stimmt das Thema, Sie haben Lust und Sie wissen auch, dass die Leser daran interessiert wären. Wenn da nur nicht Ihre Schreibe wäre!

  • Im Kopf klingt es alles aufregend und lebendig.
  • Beim Erzählen springt der Funke über!
  • Aber beim Schreiben ist alles schal und schnarchnasig.

Besonders oft leiden darunter alle, die das Schreiben in eher theoretisch-distanziertem Umfeld gewohnt sind: Autoren, die viel wissenschaftlich geschrieben haben; die in Unternehmen mit konservativem, überkorrektem Schreibstil tätig waren oder die bisher viele nüchterne Berichte geschrieben haben.

Hier befreit sofort der Plauderton:

… der macht Texte zudem besser lesbar, leichter verständlich und das Schreiben geht viel schneller!

Liegt es Ihrer Meinung nach nicht an der Schreibe, sondern ist Ihr Schreibstil aus anderen Gründen uninteressant, könnte mein Online-Workshop „Die eigenen Texte beurteilen“ etwas für Sie sein.

 
zu Teil 2

 

*Die Villa Cognac ist ein abgeschiedenes Haus. Man fährt durch ein schmiedeeisernes Tor und dann dauert es noch mal 20 Minuten, bis man am Eingang ist. Damit ich meine Ruhe habe, gibt es um das Anwesen eine hohe Mauer und einen Wassergraben mit Krokodilen.