„Das kann man doch nicht machen!“

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zeigefinger

Schreiben ist Freiheit. Vor allem natürlich, wenn keiner reinredet. Als Selbstständige sind wir sozusagen im Freiheitsparadies: Wir können über uns schreiben, was wir wollen und wie wir wollen. Wir können auf Social Media-Plattformen, im Newsletter oder Blog unsere Standpunkte äußern und die Welt verbessern – oder auch nicht. Schreiben ist Freiheit.

… aber nicht automatisch

Gerade beim Schreiben haben die meisten von uns einen Schreibfilter, der sich besonders bei der Schreibsprache bemerkbar macht:

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Das habe ich hier vertieft:

Formulierungsverrenkungen
Die Macht des Plaudertons

Man kann natürlich über den reinen Plauderton noch hinausgehen, was die Sprache betrifft. Auch WAS man schreibt, ist so eine Sache. Beides kann polarisieren, und hier sind wir bei einer anderen Art von Schreibsperre: Wir verbieten uns manchmal, etwas zu sagen, das wir sagen wollen, und es so auszudrücken wie wir es wollen. Entweder bewusst, weil man sich sagt „Das kann ich doch nicht machen!“ oder aber ganz automatisch: Da meldet sich vorschnell die Schere in den Kopf, dass wir bestimmte Dinge erst gar nicht denken. Sowas kommt uns erst gar nicht in den Sinn.

gehoertso

 Natürlich stecken in diesen oft unbewusst wirkenden Gedanken jede Menge individueller Überzeugungen, z. B.:

Das gehört so. Manches stellt man einfach gar nicht mehr infrage. Wenn Sie eine Visitenkarte, einen Flyer oder eine Website texten, haben Sie einen bestimmten Aufbau und typische Elemente sofort im Kopf. Wenn man das merkt, kann man sich entscheiden, ob man das so möchte und wie man es mit Leben füllt. Aber was ist mit den Elementen, die wir einfach genau so „aus“füllen, wie wir es kennen. Wenn wir Form und Inhalt daher gar nicht als gestaltbar wahrnehmen?

Andere machen es auch so. Auch hier gibt es die Gehört-so-Gewohnheiten, z. B. „In meiner Branche muss man das so und so hinschreiben“. Manchmal weiß man nicht, wie man etwas angehen soll und will sich bei anderen inspirieren. Schnell ist da dann die Grenze überschritten, dass man sich etwas nicht wirklich zu eigen macht, sondern komplett übernimmt oder zu einer reinen Kopie wird. Wenn man jetzt aber noch bedenkt, dass gerade im Business die allermeisten Leute sehr korrekt, übervorsichtig und distanziert schreiben (auch wenn sie gar nicht so sind), dann orientiert man sich an dieser Masse natürlich, weil man es genau so überall sieht.

Als Business will ich ernst genommen werden. Natürlich! Doch ernst nimmt man uns dann, wenn man uns als kompetent wahrnimmt. Für wie kompetent man Sie hält bestimmt die Substanz, die rüberkommt. Substanz kann ich total lockerflockig vermitteln. Dazu brauche ich keine innere Krawatte anzuziehen und mit wichtigen Wörtern um mich zu werfen.

Ich will allen gefallen. Wirklich? Ich habe noch nie jemanden getroffen, der im Grunde seines Herzens wirklich allen gefallen will. Wir wollen nicht blöd ankommen, kritisiert oder abgelehnt werden. Manche wollen Streit vermeiden oder andere unschöne Konsequenzen. Und damit wird klarer, worum es eigentlich geht: Selbstständige wollen nicht wirklich allen gefallen. Sondern oft möchten sie gerne so viele potenzielle Kunden wie möglich ansprechen. Das Gemeine daran ist allerdings, dass man schnell zu allgemein und glatt bleibt, wenn man kein Profil zeigt.

Ganz abgesehen davon, dass man nur dann die Kunden bekommt, die man haben will, wenn man sich so zeigt, wie man gesehen werden möchte.

Wird man dann eher mal abgelehnt? Absolut! Das geht beim Firmennamen los. Kann man sich „Schreibnudel“ nennen? Eigentlich nicht, besonders seriös ist das ja nicht, nahezu albern. Aber wissen Sie was: So bin ich. Jetzt passiert was Interessantes: Ja, ich filtere durch so einen saloppen Firmennamen. Aber in beide Richtungen. Ich filtere mir die HER, die gerade das witzig und gut finden. Die schauen näher hin und wenn ihnen gefällt, was sie sehen, bekomme ich Leute, wo schon vorgeprüft ist, dass sie mit meiner Art rundum zufrieden sind.

Ganz sicher filtere ich mir viele Leute weg, die den Namen doof finden und andere Erwartungen haben. Aber das ist gut für beide Seiten! Wären Firmenname und Texte total neutral, hätten wir beide nicht Gelegenheit für ein näheres BILD. Das würde in sehr viel mehr unnötiger Arbeit und vielleicht sogar Unzufriedenheit enden.

Was ist mit denen, die sich vorschnell abgeschreckt fühlen? Die gibt es ganz genauso – und aus meiner Einschätzung heraus sogar noch öfter – wenn Sie zu neutral sind. Weil man hier den „Persönlichkeitsmagneten“, den der eigene Stempel ausmacht, verpasst.

Ihre Schreibe zeigt Sie

Was und wie Sie schreiben, kann sehr viel über Sie aussagen. Wenn Sie auch im Business sehr nahe bei sich selbst bleiben, nützt Ihnen das enorm.

Doch auch, wenn man das weiß und möchte, funken einem die Gedanken trotzdem rein, wie ich selbst gerade lustigerweise immer wieder merke, seit ich die Himbeerwerft (meine neue Businesswebsite) baue. Obwohl ich mir im Business schon immer eine längere Leine gelassen habe, merke ich, wie konventionell ich in vielem denke. Ganz automatisch, oft ohne dass es mir bewusst war. Seit ich beschlossen habe, meinem inneren Schmarrnproduzenten mehr Raum in meinem Business zu geben, werde ich mit diesem Wie-man-das-so-macht-Denken extrem konfrontiert. Ich merke, dass da immer noch was geht. Dass ich bei manchen Entscheidungen lache und mich gleichzeitig ganz automatisch der „Kannst du das jetzt machen?“ in den Kopf schießt.

Mein Fazit – und Appell an Sie: Lasst uns schriftlich mehr aus uns rausgehen.

Einfach öfter mal eine Regel mehr brechen.

Der Maßstab sind als Selbstständige immer Sie selbst. Klar. Man muss sich möglicher Konsequenzen bewusst sein. So schreibe ich auf meiner Seite zum Beispiel, dass ich keine Geduld für ständiges Rumgerede und endlose Entscheidungen habe – in vollem Bewusstsein, dass das so manchen abschrecken wird, gerade wenn man mich noch nicht kennt. Aber es ist die Wahrheit. Ich habe keine Geduld dafür. Ich will, dass das mögliche Auftraggeber gleich wissen. So machen die nämlich gleich einen Bogen um mich. Dafür kommen die, die genau das super finden, erst recht. Weil sie selbst keine Geduld haben oder weil sie wissen, dass ihr eigenes Zögern sie total blockiert und sie durch mich mal gezwungen werden, zu Potte zu kommen. Diese Klarheit nützt. Allen.

 

Autor: Gitte Härter

Ich bin x-fache Buch-Autorin, Schreibcoach + Schmarrnproduzentin. Mein Zeichen-Blog ist hier: himbeerwerft.de

14 Kommentare

  1. Hallo Gitte,

    also ich bin ja schon flitzebogenmäßig gespannt, wie die Himbeerwerft aussehen wird.

    Dieses „zu sich stehen“ – ich kann davon ein Lied singen – ist ein Prozess. Die, die seit Kindesbeinen an ausgetrieben bekommen haben, „sie selber zu sein“, dürften das sehr schmerzlich spüren. Die anderen tun sich leichter.

    Wichtig ist, dass wir´s tun. Und wer es noch nicht kann, der sollte es täglich üben. Nicht nur, damit unsere Kunden mehr sehen, wer wir sind und wir die anziehen, die zu uns passen, sondern damit wir uns selber auch wohler fühlen. Seit ich bei dir gelernt habe, im Plauderton zu schreiben, fließen mir die Texte aus der Feder (klar, redigiert müssen sie trotzdem werden) und das Schreiben macht Spaß (nachdem es vorher eine Qual war). ES schreibt sich, wenn wir BEI UNS sind. Eine ganz einfach Formel ist das, aber manche müssen sich die erst mit/durch Hornhaut auf dem Fingerkuppen erarbeiten (ich gehöre dazu). Hauptsache aber, wir kommen eines Tages dahin: zum Plauderton, bei dem Freude (und Kunden sagen): „ich hör dich genau reden“.

    Liebe Grüße
    Sylvia

    • Huhu Sylvia,

      … hab eben hinterm „Kaufhaus Gitte“ link oben schon mal die Abteilungen eingestellt … hihihi …

      Da hast du vollkommen recht: Das ist wirklich ein Prozess. Einerseits das zu sich stehen. Andererseits dann auch noch rauszukriegen, wie das genau aussehen könnte/soll – gerade schriftlich. Dann gibts noch die Kopf-Realitäts-Schere, von der Dagmar unten spricht. Und sogar wenn wirs tun ist es noch ein Prozess. Ich habs vor 1-2 Jahren auch schon mal in einem Text geschrieben, wie sehr ich mich selbst wundere, dass immer noch was geht. Wenn mans aber dann hat, schaut man zurück und denkt: „Hä? Wie konnte ich vorher nur? Das war doch (noch) gar nicht ich!“

      Besonders schön ist, dass du noch mal bestätigst, dass es – natürlich – dann auch viel leichter aus einem rausflutscht: „Es schreibt sich, wenn wir BEI UNS sind.“ Genau.

      Was ich hier immer total toll finde, ist, dass dieser Knoten wenn man ihn mal sieht ganz schnell platzen kann. Ist in Workshops ja oft buchstäblich von heute auf morgen der Fall, dass man dieses „Aaaaaaaaaaaaaah“-Gefühl merkt am Vorher-Nachher. Und ab da ist es dann meistens eine Überholspur … wenn auch nach wie vor ein Prozess. Es entwickelt sich halt immer. Und wir uns dann auch wieder. Und dann heißt es wieder „nach- oder vorzuwickeln.“ 🙂

      Auf wiederlesen
      Gitte,

      PS: Uncharakteristischerweise spätnachts am PC. Ich hatte am Sonntag irgendeine Lebensmittelvergiftung (die Freundin, die mit mir essen war, auch) und da hab ich so viel geschlafen – neben dem Eimer umarmen – dass ich jetzt nicht schlafen kann. Blödblödblödblöd.

  2. Danke!
    Wiedermal ein sehr gelungener, inspirierender, anregender Artikel.
    Bitte weiter so und mehr davon ;o)

  3. Pingback: Anderswo im Netz gefunden - zum Thema 'schreiben' | Coach101

  4. Pingback: Links der Woche 18/2014: #Embodiment, den inneren #Schweinehund besiegen, #ausmisten und mehr … | 1001 Erfolgs-Geheimnisse

  5. Treffender Artikel!

  6. Hallo Gitte,

    also, kopfkratz, das was Du schreibst, trifft so gaaaar nicht auf mich zu- so gaaar nicht. Wieder am Kopf kratz. schweig. auf den Boden schau. Verlegen schau.
    also was soll’s.. in mir ist eine wide Schreiberin, die kratzt sich nicht am Kopf, nur ihre Feder kratzt beim wilden Schreiben.
    Die andere, die da auch haust, tja, die weiß eben alles besser…. und aus is. Mit dem Schreiben.
    Schade eigentlich. Ich wollte sie zur Umschulung schicken. Aber die wollte nicht.

    Und wenn Du da schreibst: ‚Lass uns schriftlich mehr aus uns rausgehen‘, sage ich auch von Herzen: Ja, gehe (R)aus, mein Herz… ich gehe sofort mit.
    Und bei mir geht das so: zwei Schritte vor, einer zurück. In schwierigen Zeiten ist es umgekehrt. Aber immerhin, da bewegt sich was. Egal wohin.

    Und: Schmarrn macht Spaß. Schmeckt auch gut. Vor allem der Kaiser(innen)schmarrn… hmmm. Danke fürs frisch Servieren.

    • Hallo Dagmar,

      ach, das kennen so viele – auch ich habe vor nicht langer Zeit mal drüber geschrieben, dass oft im Kopf immer alles viel besser ist.

      Noch schlimmer natürlich, wenn da so eine Motztante mit drin wohnt. Kein Wunder, dass die auch noch anti ist, was die Umschulung angeht. Pöh!

      Wir haben ja heute schon gemailt und du guckst dann mal im Kaufhaus. Ich hab da nämlich genau das Richtige für dich. Und als erfahrene Hebamme, das ICH aus einem rauszulocken schriftlich kann ich dir bestätigen: Das kriegen wir schon hin – und zwar so, dass die Olle entweder auch begeistert ist – oder auszieht.

      Und yeah: Schmarrn macht Spaß! Darum will ich jetzt mehr davon. Schmarrn schmeckt nämlich jedem gut … gerade im Business …

      Auf wiederlesen
      Gitte

  7. Hallo Gitte,
    Lieben Dank für die immer wieder guten Anregungen!

    Was für das Schreiben gilt, kann man eigentlich auch wunderbar auch auf meine Arbeit mit Fotos übertragen! Aber für mich gibts da noch einen anderen Aspekt:

    Eine Kollegin fragte mich, warum ich als Bildredakteurin kaum Bilder auf meiner Website hätte mit dem gleichen Satz wie Du: „… dann erst bekommst Du die Kunden die zu Dir passen!“.
    Aber: Damit würden Kunden mich im Genre festlegen, darauf hab ich keine Lust, denn ich genieße gerade die thematische (und Medien-)Vielfalt.

    Dilemma!

    Viele Grüße
    Monika

    • Huhu Monika,

      schön, dich zu lesen. 🙂

      Danke für die Ergänzung: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, finde ich auch. Einerseits das „sich selbst darstellen“, andererseits aber auch das bewusste nicht in eine bestimmte Ecke, was in einem so visuellen Beruf wie deinem extra relevant wird.

      Ist immer dieses Sich-bewusst-sein über Wirkung (und mögliche Nebenwirkungen) – und dann ebenso bewusst in eine klare Richtung zu gehen.

      Ich denke, dass das Dilemma immer nur dadurch entstehen kann, wenn man nicht sieht, was es für Möglichkeiten gibt. Oder in diese typische Ratgeschichten (wie „du musst als Bildredakteurin doch“) fällt, anstatt sich zu fragen: „Okay, das ist EINE mögliche Sicht. Was spricht dafür? – Muss ich wirklich? – Was könnte sich daraus ergeben? – Wie gehts mir damit? – Was sind eventuell für pfiffige weitere Alternativen da, um visuell aufzutreten OHNE dass ich mich in eine bestimmte Richtung festlege … ab da wird es dann besonders spannend, finde ich. Da kommt man nämlich dann auf richtig gute Ideen – ganz ohne blöde Kompromisse.

      Viele Grüße
      Gitte

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