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Mini-Kurs: Text konzipieren

Was ich Ihnen gleich demonstriere, ist für mich die einzig wahre Art, einen Text vorauszudenken. Jajaja, jetzt piekse ich bei einigen Widerspruch an.

Aber Gitte, es gibt nicht nur eine Art zu schreiben.
Es gibt ganz viele, und ich machs ganz anders.

Wunderbar. Wenn Sie superschnell schreiben, Ihre Texte nützlich sind, Sie kaum überarbeiten brauchen, weil Ihre Entwürfe fast perfekt sind + Ihre Leserfangemeinde steigt, ist alles super. Machen Sie weiter, so, wie es sich für Sie rundum bewährt.

Ich gehe von dem aus, was ich täglich sehe in meiner Arbeit mit Kunden und für mich ist das hier die einzig wahre Basis für schnelles, vielseitiges Schreiben und wirklich nützliche Texte. Kein Wunder, dass meine Kunden, die das beherzigen, sofort riesige Fortschritte merken.

Das besonders Coole: Hat man es mal richtig drauf, braucht man diese Vorphase nicht mehr, weil man viel strukturierter denkt. Aber davor steht jede Menge Übung, darum lege ich Ihnen erst mal das konkrete Konzipieren ans Herz und zeige Ihnen, warum das leichter ist, als Sie glauben. Dann heißt es üben und auf die 10 Minuten runterkommen. Irgendwann reichen Ihnen fünf Minuten …, die sich enorm lohnen, weil es alles beschleunigt und Ihr Schreiben von vornherein zielgerichteter macht.

Also los …

Erinnern Sie sich noch? Vor drei Wochen gings darum, dass – und warum – die Überschrift erst einmal für Sie da ist.

Ich habe für Arbeitstitel-Überschriften plädiert, die ruhig holprig oder zu lange sein dürfen, weil es erst einmal um Aussagekraft und gegebenenfalls Stiländerungen geht. Lesen Sie einfach noch mal nach, wenn’s is.

Meine Workshopteilnehmer kennen es auch, dass ich ihnen in der Konzeptionsphase das Formulieren verbiete.

Formulieren stört das Konzipieren.

Ich will mal zeigen, was der Unterschied zwischen „schreibgedachter Konzeption“ und ganz normalem „mit mir selbst reden“ ist. Dann merken Sie sofort, warum das eine nützt und das andere überhaupt nichts bringt.

Konzipieren? Hä?

Wenn Sie schon länger mitlesen, dann wissen Sie, was ich mit konzipieren meine: Bevor man auch nur ein Wort schreibt, denkt man den Text ganz konkret voraus. Es geht darum, dass Sie sich vor dem Schreiben ca. 10 Minuten Zeit nehmen (für einen normal langen Artikel, bei einem Buch oder sowas dauert es natürlich länger), um sich darüber klar zu werden, was Sie überhaupt WIE genau umsetzen werden.

Dabei geht es um diese drei Aspekte:

o Das Plankton-Thema
o Was ist mein Ziel/meine Motivation?
o Was soll der Leser wissen, können oder tun?

Ich will gar nicht wiederholen, warum die Konzeptionsphase so wichtig ist und was Ihnen dieses Vorausdenken alles bringt, weil das schon x-mal in irgendeiner Form hier im Blog steht, sondern heute will ich Ihnen mal demonstrieren, wie sowas aussehen kann.

Nehmen wir als Beispiel eine Kommunikationstrainerin, die in ihrem Blog oder Newsletter über Konfliktlösungen schreibt. Das Prinzip hier gilt aber für alle Texte. Auch für Ihre Selbstdarstellung, Anzeigen etc.

Fehler Nr. 1: zu schlagwortig

Mein Thema:
Konfliktlösung

Was ist mein Ziel/meine Motivation?
Der Leser soll sensibilisiert werden, dass jeder Konflikt eine Lösung hat. Es kommt auf den Umgang miteinander an.

Was soll der Leser wissen, können oder tun?
Offener werden
Wirkung
Wohlwollende Haltung

= So eine Konzeption ist völlig für die Katz. Warum? Weil da nichts steht. Erstens schreibt die Kommunikationstrainerin ständig über Konfliktlösungen und das, was hier steht, gilt für Tausende andere Texte. Zweitens hat sie nichts Greifbares für den aktuellen Text erdacht, sondern dümpelt ganz vage an der Oberfläche ihres Themas rum. Die Konzeptionsphase ist FÜR UNS AUTOREN da! Es ist keine Larifari-Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die man machen muss, bevor man loslegen darf. Drittens hat sie weder ihr Thema klar genug eingegrenzt, noch weiß sie, wo der Text hinführt.

Fehler Nr. 2: zu sehr formuliert

Also geben wir ihr mal ein Planktonthema und schauen uns den nächstgrößeren Fehler an: das Formulieren in der Konzeption.

Mein Thema:
Konfliktlösung – Wenn ich mein Gegenüber nicht leiden kann.
[sehr gut: da hat sie eine Arbeitstitelüberschrift gewählt, die ihr wirklich nutzt]

Was ist mein Ziel/meine Motivation?
Nicht immer ist man dem Gegenüber wohlgesonnen. Doch es ist möglich, sich der eigenen Haltung bewusst zu werden und sie begünstigend zu steuern. So lösen sich Konflikte in vielen Fällen in Wohlgefallen auf.

Was soll der Leser wissen, können oder tun?
Die Menschen sollen erkennen, dass es in erster Linie mit der Einstellung zu tun hat, wenn es zu Konflikten kommt. Doch was ist, wenn man eine andere Person nicht leiden kann? Gerade dann ist es wesentlich, sich dieser Antipathie bewusst und offen zu werden. Hier helfen simple Kommunikationsregeln.

= Abgesehen davon, dass das Beispiel noch immer viel zu knapp und wenig konkret ist (dazu kommen wir gleich), schauen Sie sich mal diese distanzierte Formulierung an. Lesen Sie sie mal laut: So reden Sie nicht und so denken Sie auch nicht.

Die Konzeptionsphase ist aber für uns selbst da! Also seien Sie doch bitte ganz normal, dann werden Sie automatisch konkreter und Sie können Ihre Gedanken auch viel schneller sortieren, wenn Sie sie einfach rauslassen.

Ein weiterer, gern genommener Fehler, den ich hier ins Beispiel schon eingewoben habe, ist es, sein Plankton-Thema in der Konzeptionsphase wie ein Hefeteig aufgehen zu lassen. Konflikte lösen sich nicht in Wohlgefallen auf, nur weil man seine Haltung ändert. Lesen Sie dazu unbedingt auch Lesernutzen: Kleinere Brötchen backen!

Keep it simple – und bleib ganz normal!

Die Konzeptionsphase ist unser Vorausdenken des Textes. Also bleiben wir mal ganz normal und denken uns ein, in das, was wir vorhaben. Die Kommunikationstrainerin denkt sich also mal richtig in ihr Thema ein. Darum wählen wir uns ja schon ein kleines, klares Planktonthema, dann geht das nämlich gleich ganz einfach.

Sie denkt sozusagen schriftlich mit, ohne zu formulieren, aber ganz konkret auf den Text bezogen [nicht wild brainstormen!]:


Mein Thema:
Konfliktlösung – Wenn ich mein Gegenüber nicht leiden kann.

Was ist mein Ziel/meine Motivation?
Ich will einen maximal zweiseitigen Text darüber schreiben, was man machen kann, wenn man sein Gegenüber nicht mag, es blöd/arrogant/nervig/abstoßend findet. Dabei ist mir wichtig, dass der Leser lernt, auf sich zu schauen und merkt, was diese Antipathie mit ihm selbst macht. Denn DA hat er Einflussmöglichkeiten.

Was soll der Leser wissen, können oder tun?

  • Der soll wissen, dass es normal ist, dass man jemanden nicht mag. Und dass das anderen mit uns genauso geht. Erst recht, wenn wir einen Konflikt haben.
  • Er erkennt, dass es wichtig ist, das im Blick zu behalten. Denn man kann mit besten Absichten und perfekter Gesprächsführung versuchen, einen Konflikt zu lösen: Das klappt nicht oder wird zumindest erheblich erschwert, wenn das Persönliche zwischen einem steht.
  • Er erfährt, wie vielfältig sich Antipathie auswirken kann, um zu verdeutlichen, dass man das „mag den anderen nicht“, nicht einfach verbergen kann, weil es durchkommt: (1) Die innere Bereitschaft sinkt/verschwindet, (2) Der Körper verrät uns, (3) Die Stimme klingt anders

 

Das sind die weichenstellenden Fragen. Damit hat unsere Beispielautorin die Themenbreite abgesteckt und die Latte für den Lesernutzen bestimmt. Jetzt kann sie schon konkreter greifen, wie der Text wird, um sich anschließend Gedanken über die Struktur zu machen.

Auch dazu ein weiterer Gedankengang, der sich als Option abzeichnet durch das, was bisher konzipiert ist:


Der Hauptteil, also ca. die Hälfte des Textes sind konkrete Tipps zu: „Was mache ich, wenn ich eine andere Person nicht leiden kann?“ Das ist natürlich immer noch ein großes Thema, darum darf ich nicht zu viele Tipps nehmen, sondern will das kurz näher ausführen. Außerdem soll es was sein, an das sich der Leser im akuten Fall erinnert.

Also mach ich es so:

O – Objektiv
Kein Mensch ist objektiv, aber es ist wichtig, genau hinzuschauen, was Sache ist. Ich ziehe eine Analogie zum Fotoobjektiv und dass wir uns das ganze Bild anschauen.

J – Ja-Haltung
Die „Ja-Haltung“ ist die Offenheit, die wir uns vom anderen auch wünschen. Ich erkläre, was gemeint ist: Es geht nur darum, den inneren Rollladen hochzuziehen, um bereit dafür zu sein, den Konflikt auf den Tisch zu bringen und den anderen anzuhören.

E – Einigen
Nicht immer schafft man eine sofortige Lösung. Das „Einigen“ steht dafür, dass man sich darüber verständigt, was beide Beteiligten stört/was den Konflikt überhaupt ausmacht – und das auf gute Weise.


Und jetzt sehen Sie, was hier passiert ist:

Ich habe ganz normal mit mir selbst gesprochen. Natürlich bin ich gleichzeitig eng auf Kurs geblieben. Ich kenne das Plankton-Thema, ich kenne den Umfang. Also kann ich jetzt mein Fachwissen gezielt aus dem Kopf holen. Das mache ich spontan, aber gleichzeitig immer so konkret, dass ich selbst genau greifen kann, was ich vorhabe.

Das mit dem „Oje“ entwickelte sich auch beim Denken: Ich wollte nicht noch mal „drei Tipps“ geben, weil ich vorher schon drei Punkte hatte. Also habe ich überlegt: Was wäre ein gutes Wort mit drei, maximal vier Buchstaben, das sich eignet? Depp war negativ und ungünstig von den Buchstaben her (aber wäre auch gut gewesen, hihi). Dann kam mir Oje, was perfekt passt. Vielleicht denken Sie „das wäre mir aber nie eingefallen“, doch genau darum machen Sie das ja! Wenn Sie die Konzeptionsphase nutzen, dann denken Sie an solchen Stellen rum. Möglicherweise fällt Ihnen nicht auf Anhieb was ein. Dann steht da: „Hier möchte ich irgendeinen Erinnerungsanker schaffen für den Leser …“ und dann denken Sie in dieser Richtung, was das sein könnte. Dann überlegen Sie viel zielgerichteter.

Wichtig ist einfach nur, dass Sie das VOR dem Schreiben machen. So lernen Sie ganz nebenbei, Ihr Fachwissen neu aus dem Kopf zu holen und vielseitiger zu verpacken.

Der Clou ist, dass Sie sich jetzt, in dieser Vorausdenkphase, festlegen, was Sie tun mit dem Text. Richtig konkret und greifbar. Nicht erst später während des Schreibens. Denn je nachdem, was Sie vorhaben, schaut der Text ganz anders aus.

SO sieht eine Konzeption aus, die Ihre Gedanken sortiert und den Text wirklich vorausdenkt. Jetzt steht nämlich so gut wie alles schon da. Nun können Sie überprüfen:

  • Passt mir das alles in den geplanten Umfang rein?
  • Will ich einen anderen Schwerpunkt setzen? Vielleicht meine Überschrift noch mal ändern und etwas anderes rausnehmen?
  • Gefällt mir meine Oje-Idee so gut, dass ich sie abkoppeln will und zwei Texte draus machen? …

Diese Änderungen und Optimierungen können Sie jetzt machen, ohne ins Blaue zu schreiben und hinterher einen Text zu haben, der unter seinen Möglichkeiten bleibt oder ewig dran rummachen zu müssen. Wenn so eine Konzeption steht, können Sie wirklich mal eben den ersten Entwurf runterschreiben, den man nur noch kurz feintunen muss. Mit den obigen Varianten ginge das nicht.

Bei allen anderen Texten auch!

Oben hab ich es schon erwähnt: Diese Art der Konzeption ist für alle Texte hilfreich, um nicht zu verkopft loszulegen. Auch bei Anzeigen & Co. So kommen Sie aus dem Marketinggeplapper raus, suchen nach echten Argumenten und haben auch direkt den so wichtigen Plauderton drauf.