Stil + Stilmittel

Angst vorm alten Aufguss

„Alles schon mal dagewesen!“, diese Angst haben viele. Sie ist ein Auslöser vom Wer-will-das-lesen?-Gefühl.

Die Zutat, die Ihre Texte anders macht, sind Sie! Nicht nur vom Ton her, auch wenn der gute alte Plauderton sehr viel damit zu tun hat, wie einzigartig Ihre Texte werden. Das Wichtigere dabei, einen alten Aufguss zu verhindern, ist, dass Sie keinen produzieren.

Das war jetzt mal wieder hilfreich. 😉 Besser so gesagt:

Wenn ich einen Text von Ihnen lese, interessiert mich nicht die reine Information, die drinsteckt. Sofort einzigartig wird es, wenn Sie schreiben, wie SIE die Sache sehen [oder anpacken, oder nicht sehen, oder erlebt haben oder was Sie mir raten …].

alteraufguss

 

Wenn alle ihre individuelle Sicht und ihre Art reinbringen anstatt nur neutral wiederzugeben, was bereits zigfach gesagt wurde, kommen neue Ansätze raus. Dann können wir uns auf das gleiche klitzekleine Thema einigen und sogar die Kernpunkte gemeinsam festlegen – und trotzdem kommen lauter unterschiedliche Texte raus.

Genau darum bekommt man manchmal einen dieser Heureka-Momente bei Dingen, die man längst kennt: Da hat einfach dieses Mal jemand etwas ein wenig anders gesagt und plötzlich klickt was.

Es geht bei der Themenwahl los

Sie wissen ja: Schlagwörter sind der Feind. Weil sie nicht besonders viel aussagen. Darum erinnere ich immer wieder daran, dass die Überschriften erst mal für Sie selbst da sind: sie sollen richtig aussagekräftig sein, so dass Sie ganz genau wissen, worauf Sie mit dem Text, den Sie gleich schreiben werden, rauswollen. Genau hier beginnt schon das Einzigartige IHRES Textes, sogar wenn es ein abgenudeltes Thema ist.

Sagen wir mal, Sie wollen über Ich-Botschaften schreiben. Die meisten Leute haben davon gehört und wissen, was damit gemeint ist. Wenn man jetzt also nur nüchtern erklärt, was das ist und dass das „Du“ schnell vorwurfsvoll wird, dann ist die Alter-Aufguss-Gefahr groß.

Genau darum ist es so wichtig, das Thema richtig aussagekräftig festzulegen, und zwar gleich von Anfang an. Sie würden sich also nicht einfach vornehmen „Ich schreibe über Ich-Botschaften“, sondern Sie fragen sich, was Sie daran so wichtig/unwichtig/falsch/richtig/missverstanden oder oder oder finden, also welchen Aspekt Sie hervorheben möchten.

Hier kommen wir ins Plankton-Meer, denn da stecken unzählige mögliche Texte drin, die alle nebeneinander stehen können, zum Beispiel:

  • Was mit Ich-Botschaften wirklich gemeint ist und wie man vermeidet, wie ein Küchenpsychologe zu klingen
  • Wenn noch einer „Ich-Botschaft“ sagt, schrei ich! Wie man auch in direkter Ansprache respektvollen Klartext üben kann
  • Das große Missverständnis von Ich-Botschaften: Wenn Vorwürfe rhetorisch gut eingepackt werden, aber trotzdem Vorwurf bleiben
  • „Ich finde, du bist ein Arschloch.“ – 5 typische Fehler bei Ich-Botschaften

Sie sehen: Das sind teils zu lange, teils holprig formulierte Arbeitstitel-Überschriften, aber Sie erkennen dadurch selbst die Möglichkeiten, Ihren Text inhaltlich viel mehr auf SICH abzustimmen. Schon wie Sie Ihre Blog- oder Newslettertexte auswählen, sagt viel über Sie und Ihre Arbeit aus. Genau das wollen wir haben!

Sie als Selbstständige, weil Sie sich und Ihre Arbeit viel mehr zeigen, was Ihre LeserInnen darauf polt, wie Sie drauf sind.

Und Ihre LeserInnen auch, weil sie viel mehr mitbekommen, als wenn sie nur wieder mal das Prinzip von Ich-Botschaften präsentiert bekommen. Besonders, wenn Sie das Thema immer wieder mal aufgreifen und so in verschiedenen Artikeln diverse Facetten demonstrieren, die Ihre LeserInnen zusätzlich sensibilisieren. Außerdem steigt der Nutzen, weil Sie jeweils konkrete Informationen und Tipps zu einem Aspekt geben können.

Ihre individuellen Erfahrungen

Dass Sie Ihren Lesern in Artikeln, Büchern oder Trainingsunterlagen Ihr Wissen schenken, ist großartig. Doch eine weitere Dimension, die Sie zu bieten haben, ist Ihr individueller Erfahrungsschatz.

Genau das, was Sie im täglichen Umgang mit Ihren Kunden tun, ist beim Schreiben ein unsagbar individueller Schatz, den es in dieser Form kein zweites Mal gibt:

  • Das, was Sie selbst erlebt oder mitgemacht haben.
  • Das, was Sie in Coachings, Behandlungen, Beratungen oder Ihrer sonstigen Berufspraxis [oder dem Alltag bzw. dem Leben] gehört/gesehen/getan haben.
  • Die Menschen, Situationen, Eselsbrücken und und und, die Sie kennengelernt oder entwickelt haben.

Hier haben Sie so einen endlosen Erfahrungsschatz, den Ihnen buchstäblich niemand nachmachen kann.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie ihn bisher nicht oder noch nicht genug nützen. Denn gerade durch den Schreibfilter, der uns oft neutral Informationen rüberschieben lässt, machen wir das Lebendige schnell platt. Wenn Sie also unzufrieden vor einem Ihrer Texte grübeln, warum das alles so blutleer wirkt und Ihnen so gar nicht entspricht, dann haben Sie die Erfahrungs-Sau vermutlich noch nicht genug rausgelassen. :mrgreen: Also machen Sie einfach das Tor auf, die scharrt schon mit den Hufen …

➡ Aber: Ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich

Stil ist unter anderem die Auswahl

Eben habe ich erwähnt, dass bereits die Auswahl Ihre Texte einzigartig macht – die Themenwahl, aber auch, für welche Inhalte und Blickwinkel Sie sich entscheiden. Nehmen wir einen Selbstdarstellungs- oder Werbetext, das hatten wir kürzlich ja bei der Glaubwürdigkeit. „Alter Aufguss“ wäre, wenn Sie nur Fakten runterbeten, zum Beispiel die nüchternen Produktinfos. Besonders wäre es, wenn Sie es laienverständlich machen. Noch besonderer wäre es, wenn Sie sagen, wofür etwas NICHT ist oder explizit sagen, was Sie NICHT machen oder mögen.

Das klingt jetzt drastischer als es ist, denn natürlich haben Sie immer die Gesamtkomposition im Blick. Es ist auch ein Unterschied, wofür Ihr Text ist.

  • Es gibt zum Beispiel eine Menge Selbstständiger, die mit ihrem Internetauftritt gar keine Neukunden akquirieren möchten, sondern sich speziell an ihre bestehenden Kunden wenden. Da ist die Zielrichtung eine ganz andere und damit können/sollten die Inhalte anders sein + sie dürfen anders klingen.
  • Oder Sie wenden sich an eine spezifische Zielgruppe. Ganz oft sehe ich Texte, die zum Beispiel speziell für berufstätige Mütter sind, oder für eine ganz spezifische Leserschaft, die aber trotzdem inhaltlich und sprachlich richtig allgemein gehalten sind. Auch bei supertollen Texten verschenken Sie hier Potenzial. Gerade bei Texten für spezifische Zielgruppen kommt es bei Dauerbrennerthemen nur dadurch ganz schnell zum alten Aufguss.

„Machs -iger!“

Zu meinen Kunden sage ich oft „Mach’s manuela-iger!“, „Machs jörg-iger!“ … also fragen Sie sich einfach: „Wie krieg ichs [Ihr Name]-iger“?

PS: Das ist generell ein hilfreicher Ansatz beim Schreiben, besonders auch fürs Reparieren.