Struktur

Die Gewichtung von Inhalten

Vor fast genau zwei Jahren habe ich schon mal über die Gewichtung innerhalb von Tipp-Artikeln geschrieben:

 Wie ist das Verhältnis „Hinführung“ : „tatsächlicher Nutzen“?

Es ist allerhöchste Zeit, das noch mal explizit aufzugreifen.

Bei den von mir empfohlenen Schreibphasen legt man durch ein aussagekräftiges Plankton-Thema und in der Konzeption, also noch vor dem Schreiben, alle Inhalte + den konkreten Lesernutzen fest.

Ich merke in meinen Workshops allerdings, dass zu wenige auf die Gewichtung der Inhalte achten.

Machen wirs mal ganz einfach

Sagen wir, Sie haben eine aussagekräftige Arbeitstitel-Überschrift für Ihr Plankton-Thema [wenn Ihnen das alles nichts sagt, schauen Sie sich bitte die Schreib-Basics an.]

Das Thema ist zum Beispiel:

Wie Sie Ihrem cholerischen Chef gegenüber klare Grenzen setzen

Das ist die Überschrift, die dem Leser verspricht, was jetzt kommt. Also fängt er aufgeregt zu lesen an, in der Hoffnung, dass er jetzt erfährt WIE ER SEINEM CHOLERISCHEN CHEF GEGENÜBER KLARE GRENZEN SETZEN KANN.

Statt dessen geht es damit los, dass es ja unangenehm ist, wenn Leute cholerisch sind. Und dass gerade, wenn es der Vorgesetzte ist, es gar nicht so leicht ist, was zu sagen. Besonders, wenn man eh jemand ist, der sich schwer damit tut, überhaupt Grenzen zu setzen …

All das ist durchaus relevant, es hat mit dem Thema zu tun und es hat seine Berechtigung. Aber: Es hat nicht unbedingt was in diesem speziellen Text zu suchen – und wenn, dann deutlich gestrafft als kurze Intro.

Denn das Herzstück eines Textes „Wie Sie Ihrem cholerischen Chef gegenüber klare Grenzen setzen“ ist: Wie Sie Ihrem cholerischen Chef gegenüber klare Grenzen setzen.

Man muss dem Leser nicht erklären, dass ein cholerischer Chef unangenehm ist. Das weiß er schon, erst recht, wenn er ihn hat.

Ein Leser, der sich schwer damit tut, muss nicht lesen, dass er sich schwer damit tut. Denn er liest diesen Text ja, weil er sich schwer damit tut.

Das ist gleichzeitig eine gute Nachricht: Wir brauchen viel weniger Einleitung und Drumherum, als wir so denken.

Früher, bei Erörterungen in der Schule, war das anders. Da haben wir gelernt „Einleitung – Mittelteil – Schluss“ und dann neutral irgendwelche Themen aufbereitet.

In einem Tipptext für Ihr Blog oder den Newsletter ist das völlig anders: Da wollen Ihre Leser hören, was SIE Konkretes zu sagen haben, das ihnen für ihren eigenen Alltag nützt. Wenn Sie den Titel aussagekräftig formulieren oder im ersten Absatz eindeutig ins Thema einführen, dann haben Sie 70 – 90 % Ihres Umfangs frei für Ihr Herzstück, das „Was heißt das jetzt für mich?“ und „Wie mach ich das genau?“

Wenn Sie merken, dass ein Gedanke, den Sie einführend angedacht haben, wichtig ist und Sie ihn aufgreifen wollen, dann überlegen Sie: Gehört er wirklich hier in diesen Text und wenn ja, wie kann ich ihn möglichst mehrwertig einbauen? Oder ist es vielleicht ein schönes Sprungbrett für einen eigenen Text? Die meisten Themen sind sehr viel komplexer, gerade darum ist das Plankton-Thema Ihr Freund, weil Sie dann schön konkret in die Tiefe gehen können anstatt an der Oberfläche zu dümpeln.

Gewichten Sie vorher Daumen mal Pi in %

In meinen Workshops sehe ich ja die Konzeption eines Textes, und „zwinge“ meine TeilnehmerInnen immer, den Text wirklich komplett vorauszudenken. Dabei ist natürlich relevant, dass der Umfang bekannt ist. Auch wenn der nicht vorgegeben ist, ist es wichtig, sich einen zu setzen. Denn Sie bestücken einen Text völlig anders, wenn sie nur ca. eine Seite anpeilen oder fünf Seiten haben. Sogar das gleiche kleine Thema lässt sich verdichten oder auswalzen!

Die Entscheidung, was wie reinkommt, ändert sich mit dem Umfang natürlich ganz gewaltig.

In der Konzeption steht dann genau die Zielgruppe und vor allem was der Leser wissen, können oder tun soll, und zwar wirklich konkret: Minikurs Text konzipieren.

Hier helfe ich dann oft drauf mit „Achtung diese zwei Absätze hier sind allenfalls ein Zwei-Dreizeiler zum Einstieg“ und da wo die eigentlichen Tipps beginnen „Das ist dein Herzstück, das macht mindestens 50 % des Textes aus“.

Alleine dieses Bewusstsein für die Gewichtung schickt das Hirn anders auf den Weg!

Denn jetzt passiert es nicht, dass man so drauflos schreibt und sich freut, dass man schon drei Viertel vom Text dastehen hat, obwohl noch kein Mehrwert in Sicht ist.

Es ist übrigens nicht so, dass so ein Text schlecht wäre. Oft sind das die gefürchteten Okay-Texte: Die klingen ganz nett, bringen aber nicht wirklich was. Vor allen Dingen vergeuden sie wertvollen Platz mit Sachen, die der Leser eh schon weiß. Dann rückt der handfeste Nutzen – Ihr Know-how, Ihre Erfahrungen und Ihre Tipps – in den Hintergrund und wird leider zu oberflächlich abgefrühstückt. Was wir als Experten nicht immer merken, weil wir ja wissen, was alles dazugehört.

Wie ich zu meinen Kunden immer sage:
Mit Okay-Texten geben wir uns nicht zufrieden!

Sie laufen zur Höchstform auf

Das Coole an der Sache ist, dass Sie sich selbst viel mehr fordern – davon profitieren Ihre LeserInnen ebenfalls. Denn jetzt jubeln Sie entweder, dass Sie so viel Platz für handfeste Tipps haben … oder Sie kommen ins Schwitzen: Uiuiui, jetzt muss ich ja plötzlich handfest werden und den Lesern sagen, wie sie das machen können.

Keine Sorge, das können Sie. Sie schreiben ja über Ihr Fachgebiet, das Sie im Alltag aus dem Effeff beherrschen.

Gerade bei uns EinzelunternehmerInnen ist es so wichtig, dass wir mit unseren Texten zeigen, was wir auf dem Kasten haben. Also liefern Sie ab! Damit machen Sie Eindruck bei der Zielgruppe und Ihre Artikel bringen Ihre Leser tatsächlich ins Tun.