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Bildlektorat – Parallele zum Schreiben

Wenn ich etwas lerne und besser werden will, mache ich es, wie wohl die meisten von Euch:

Bei vielem geh ich autodidaktisch ran. Ich wurschtel vor mich hin. Mal mehr, mal weniger strukturiert. Mal mehr, mal weniger intensiv.

Bei anderem, wie zum Beispiel dem Poledancen, belege ich Kurse. Zwar gibt’s genug Online-Material und –Tutorials, aber die richtige Technik und Feedback kriegst du nur persönlich.

Und dann gibt’s Dinge, wo ich beides kombiniere. Heute will ich Euch mal anhand des Zeichnens zeigen, wie sich ein Expertenblick auswirkt. Denn egal auf welcher Stufe man steht, ob blutiger Anfänger oder schon routiniert, wird man mit gezieltem Feedback immer nach vorne katapultiert – nicht nur, was das Endergebnis angeht.

Auch wenn ich jetzt vom Zeichnen rede, gilt alles genauso fürs Schreiben.

Mein Zeichenweg

Ich habe, glaube ich, 2012 mit dem Zeichnen angefangen. GLING GLONG hat es eines Tages gemacht, und ich hatte ein Paket in Händen: Ein netter Mensch hat mir einfach so ein Grafiktablett geschenkt. Weil er dachte, dass das was für mich wäre. Und damit hat er mein Leben bereichert und verändert!

Es ist nämlich so, dass ich nie besonders gut zeichnen konnte. Was mich nicht davon abgehalten hat, es gelegentlich zu tun. In meinen Präsenzkursen damals habe ich immer mal lustige Strichmännchen auf die Flipchart gekritzelt, aber das wars.

Mit dem Zeichenbrett hat sich alles geändert. Nach einigem Gefluche, bis ich damit zurechtkam, hab ich fast jeden Tag eine kleine Illu für meine Blogs fabriziert. Krakelig charmant, könnte man es wohlwollend nennen.

Nach einigen Monaten hab ich eines meiner ersten Videos veröffentlicht, das mittlerweile über 80.000 Mal angeklickt wurde und, wie ich immer wieder höre, schon viele zum Zeichnen gebracht hat. Toll!

So richtig konsequent das Zeichnen lernen, das ist nichts für mich. Ich muss nicht perfekt zeichnen. Aber ich mache seit längerer Zeit total gerne bei den #30Skizzen von Angelika Bungert-Stüttgen, der Freiraumfrau, mit. Wir kennen uns aus meinem „Manschgal zeichnen“-Kurs, wo wir mit einem lustigen Trüppchen eine Woche lang jeden Tag von früh bis spät hemmungslos Männchen gezeichnet haben.

Bei den #30Skizzen zeichnet man jeden Tag eine Skizze – und wenn man will, kann man zusätzlich für einzelne Bilder ein Coaching dazubuchen. Hier hat Angelika einige Beiträge von TeilnehmerInnen verlinkt, die ihre Werke von November 2016 zeigen.

Eben habe ich schon erwähnt, was ich in jedem Workshop betone: Es geht nie nur um das aktuelle Ergebnis. Ob wir zeichnen, schreiben, tanzen, sprechen, kochen, etwas reparieren lernen oder oder oder – Der Fokus sollte immer auf mehreren Ebenen liegen. Anhand einiger Bildbeispiele zeige ich Euch, was ich damit meine. Aus unserem E-Mail-Ping-Pong gibt’s immer nur den einen oder anderen Auszug, damit der Artikel nicht noch länger wird.


Situation: „Wäh, ich weiß nicht wie!“

Einen Tag vor den #30Skizzen hatte ich fieses Kopfweh, bei dem ich mir dachte: Das fühlt sich an, wie wenn eine Skeletthand mein Gehirn zusammendrückt. Als ich es zeichnen wollte, gings nicht! Obwohl ich ganz klar das Bild im Kopf hatte, bekam ich das Hirn nicht hin.

Jetzt hätte ich es einfach an Angelika geben können und sagen: Mals mir vor! Doch genau das bringt nicht viel, wenn man etwas lernen möchte. Also hab ich es mehrfach versucht und dann mein Fazit gezogen. Es ist wichtig, zu lernen, sein Ergebnis beurteilen zu können – inklusive dem, was gut ist:

Betreff: Kopfschmerzen

Guten Morgen, Angelika,

Ich fang gleich mal mit einem Problembild an:

o Gehirne!
o Dreidimensionalität

Schau mal, was du da machen würdest – ich hab das Bild extra nicht weitergezeichnet, damit du gut eingreifen kannst.

Die Grundidee ist klar. Mit der Skeletthand bin ich zufrieden. Man erkennt, dass sie sich reingräbt, finde ich. – wenn du da schon was anders machen würdest, kritzel nach Herzenslust rein bitte –

Mein Problem:

o Ich kann kein Hirn zeichnen! Auch mit Google-Vorlage und auch wenn ich die darmähnlichen Schlaufen VERSTEHE, kriege ich sie nicht umgesetzt, obwohl das eigentlich kein Problem sein sollte.

o Außerdem müssen die Hirnschlaufen so angeordnet sein, dass das Gehirn als „vorn vorne“ erkennbar ist.

Beim Schreiben ist es genau dasselbe: Du lernst viel mehr, wenn du deine Texte abklopfst und merkst, was funktioniert und was es zu optimieren gibt. Dabei musst du – wie ich hier – gar nicht immer gleich wissen, wie die Lösung aussieht. Hier und hier gibt’s weitere Hilfestellung zum Beurteilen.

Das Feedback

Angelikas Vorschläge, nebst näherer Erklärung zu Motiv und Zeichentechnik, sahen so aus:

Jetzt kommt was weiteres Wichtiges, was ich sowohl beim Zeichnen als auch beim Schreiben oft vermisse: Mach dir immer das Feedback zu eigen!

Gerade, wenn man selbst nicht genau weiß, wie etwas geht, neigt man anfangs zum Imitieren. Ich hätte also einen von Angelikas Vorschlägen übernehmen können und ihn 1:1 abmalen. Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen.

ABER:

Selbst wenn man es nicht immer umsetzen kann, hat man eine bestimmte Vorstellung, wie man etwas haben wollte. Ein Vorschlag von jemand anderem ist immer etwas anders. Und das ist gut: Denn manchmal gefällt uns dieser Ansatz sogar besser, wir bekommen Input. Manchmal aber würde es bedeuten, dass wir eine Vorstellung, die wir haben, einfach den Tisch runterfallen lassen.

  • Weil es einfacher ist, was zu übernehmen.
  • Weil man denkt „der andere ist Experte, der weiß besser, wie es geht“.

Meinen Kunden schreibe ich manchmal Passagen hin, um eine Richtung zu zeigen oder ich ändere einen Text ab. Dabei betone ich immer: Machs passend! So dass es für dich stimmig ist – inhaltlich und sprachlich.

Gute Coaches erklären, was sie warum vorschlagen. So versteht man das Prinzip und kann sich an ihrem Vorschlag orientieren. Man kann vergleichen, man kann Teile davon übernehmen. Man kann weitere Impulse aufnehmen und denken: „Ja, das ist super – aber nicht für diesen Text oder diese Zeichnung. Das probiere ich das nächste Mal aus!“

Jeder von uns ist eine eigene Persönlichkeit. Wir haben einen eigenen Geschmack, was uns gefällt, wie wir sind. Wir wollen einen eigenen Stil herausbilden, wenn wir ihn nicht schon haben.

Ich habe wichtigen Input von Angelika aufgenommen, vor allem die falsche Daumenstellung korrigiert. Ich habe die Technik mit den dicken „Würschten“ als Gehirnschlingen begeistert aufgegriffen, aber ich bin meiner eigenen Vision treu geblieben, weil ich es genau so am schönsten finde. Auch wenn es noch immer nicht das perfekte Gehirn ist.

Unser Produkt ist immer unser Produkt. Wir sind der Maßstab – oder anders gesagt: „Ich will das so haben!“

Manchmal sagen mir Kunden, dass sie an etwas festhalten wollen. Dann ist es meine Aufgabe, zu erklären, was Sache ist:

Es gibt immer mehrere Alternativen. Dann sage ich „Okay, doch wenn du das so machst, würde ich hier und hier, weil“ oder „Achtung! Das kannst du so machen, doch es ist aus meiner Sicht Plan B, weil. Plan A wäre besser, weil“. Dann haben meine Kunden WIEDER was gelernt und können abwägen. Selbst dann gilt: Wenn du trotzdem etwas so willst, wie du es willst – dann machs. So lange du mögliche Konsequenzen kennst und trägst, ist alles paletti.


Situation: „Irgendetwas stimmt da nicht!“

Mitunter weiß man sofort, dass was nicht stimmt – aber kann es nicht korrigieren. Gute Sache! Du kannst dein Werk soweit beurteilen, dass du das Oha! bemerkst.

So geht’s mir oft mit der Perspektive, zum Beispiel hier mit den Grottenolmen.

Hallo Angelika, guten Morgen,

immer wenn was von vorne ist, krieg ich es nicht vorgestellt, wie es richtig sein muss:

o Die charakteristischen „Hände“ müssten eigentlich flacher sein, aber dann sieht man sie nicht mehr gut.

o Und immer, wenn was nach hinten weggeht (wie hier der Körper oder kürzlich im Supermarkt der Kassenbogen, wo man die Ware ablegt), tendiere ich dazu, hoch statt flach zu werden. Aber FLACH und TIEF zeichnen kann ich nicht recht umsetzen. Obwohl es im Kopf schon drin ist, wie das sein sollte.

Also wenn die zwei Olme frontaler sind, müsste ja hinten alles flacher sein und vermutlich sich verjüngen.

Ihr seht: Ich benenne mein Problem so konkret es geht. Nicht nur für Angelika, sondern das ist ein eigener wichtiger Lerneffekt. Was stimmt nicht und wie müsste es aus meiner Sicht eigentlich sein? Damit habe ich schon ohne das Feedback sehr viel gelernt. Und ich stelle Angelika gezielte Fragen, die ich beantwortet haben will. Sehe ich etwas falsch, kann sie mich eines Besseren belehren (dazu kommen wir gleich beim Flugzeugbild).

Auszug aus Angelikas Feedback:

„[…] Ich denke mal, du wolltest ihn so mit den Saugnäpfen am Boden haben. Und dann ist der Fuß halt geknickt und hängt nicht herunter. Der hintere Fuß ist sicher kleiner aber nicht sooooo klein. Dann wäre der Körper ewig lang. das Verkreuzen der Schwänze würde man in echt wahrscheinlich so gar nicht sehen.“

„[…] Die Planktonfrage ist hierbei natürlich. Geht es um 2 Grottenolme in der Höhle oder um die Verkreuzung der Schwänze? Dann könntest du auch eine Ausicht machen und die beiden von oben zeichnen.“


Situation: „Ups, Details vergessen!“

Dass ich gerne mal einen Knick in meiner Bildoptik habe, weiß ich. Doch hier habe ich irgendwie alles nicht so recht auf Linie gekriegt und wichtige Details außer acht gelassen. So hat das Bild zwar funktoniert, aber es sah aus wie kreuz und quere Wohnzimmerstühle im Flieger. Alles scheps!

Huhu Angelika,

jetzt bin ich endlich mal wieder dazu gekommen, einen meiner Problemfälle anzugehen: Die Logik im Bildaufbau bei Perspektive.

Perspektive ist ja eh nicht so meins, wie du weißt. Bei diesem Bild ist mir klar, dass ich irgendwie vorher irgendwelche Hilfslinien machen sollte, damit ich meine Sitze und Leute logisch aufeinander ausrichten kann. Da ich mir aber das alles nicht wirklich LOGISCH KORREKT vorstellen kann und ja auch genug Freiraum für meine Hauptperson brauche, hab ich halt mal wieder wild drauf losgemalt.

Rausgekommen ist eine Billig-Airline! 🙂

Wie wäre es denn zeichnerisch und perspektivisch logischer? Welche Art von Orientierungslinie würde da denn wo langgehen?

Ich male nämlich immer vom Kopf der Hauptperson aus. Aber ich denke, dass ich in dem Fall die Umgebung zuerst brauche, oder?

Auszug aus Angelikas Feedback:

„[…] die gute Nachricht zuerst. Du hattest keinen Knick in der Optik. Denn du
hast es perspektivisch ziemlich gut hinbekommen.

Es sieht nämlich so aus, als würde die Stewardess auf den Menschen mit
der Fliege auf der Nase runterschauen. Okay, die Stewardess darf man
sich in diesem Fall vorstellen. Und deshalb ist sozusagen die Augenhöhe
der Stewardess die Horizontlinie, zu der die Linien hinfluchten.“

„Die Augenhöhe (also im Stehen) der Stewardess bestimmt also den Horizont und der Blick muss dann so von oben herab aussehen. Würde jetzt ein sitzender Mitreisender auf den Fliegenmensch schauen, dann hätten alle, die auf dem Bild sind dieselbe Augenhöhe und dann würde das Bild völlig anders aussehen.“

„Zu den Fluchtpunkten fluchten alle parallelen Linien.

Also wichtig ist zu wissen, wo die Augenhöhe ist. Na klar ist es in so einem Flugzeug so, dass die Passagiere unterschiedlich groß sind und ihre Augenhöhen ein bisschen unterschiedlich sind. Aber hier gilt jetzt erst mal das grundlegende Prinzip.

Generell ist mir dein Flugzeug innen drin ein bisschen zu großzügig. Die Sessel stehen dichter nebeneinander, vielleicht besser 2. Es sei denn, du möchtest die 1. Klasse mit Liegebetten und so zeichnen. Die Bullaugen der Fenster sind kleiner und runder. Ich tät noch Sicherheitsgurte und Armlehnen rein. Und vielleicht diesen Sicherheitslichtstreifen am Boden. Dann würde ich dem Boden Farbe geben und unter den Sitzen etwas Schatten. Das macht alles ein bisschen plastischer.“

Wow! So einfach kanns gehen! Mit wenigen Details und ein bisschen Rumgerücke, kommt ein viel besseres Ergebnis raus.

Da hat man selbst dann manchmal das Gefühl: „Heul, das ist ja viel besser, meins ist schlecht!“ – Bei Texten sagen manche Workshopteilnehmer dann „Ja, das ist toll jetzt, aber es ist ja von dir!“

Stimmt nicht! Wie man an diesem Bild sehr gut sieht, ist zweifellos Angelikas Version besser als meine. Aber trotzdem sind 90 % von mir.

Ich freue mich, dass mir Angelika erlaubt hat, ihre tollen Korrekturen zu zeigen, denn so bildhaft sieht man viel schneller, was auch fürs Schreiben gilt: Es geht immer ums Handwerk. Und: Details machen einen Riesenunterschied. Die aber sieht man nicht selbst, wenn man sie noch gar nicht kennt – geschweige denn die Werkzeuge hat, sie umzusetzen. Genau darum heißt es Lernprozess. Das geht nicht von jetzt auf plötzlich.

 

2 Kommentare

  1. Hoi Gitte,

    ach, der Artikel ist auf so vielen Ebenen toll 🙂

    Besonders spannend finde ich die erklärenden Zeichnungen von der freiraumfrau. Krass, wie viel Einblick die geben.

    Außerdem ist es total witzig, wie deine Zeichnungen mit mal einen Rahmen mit Fluchtpunkten und Perspektivlinien bekommen. Das wirkt ein bisschen, als ob deine Männchen in eine Parallelwelt katapultiert wurden 🙂

    Viele Grüße
    Sven

    • Gitte Härter sagt

      guten Morgen, Sven,

      dankeschön – das freut mich sehr. Ich hatte ja eigentlich schon vor, den Artikel letztes Jahr nach den #30skizzen zu schreiben, weil man da so viel sieht. Aber jetzt gibts sogar noch bessere Beispiele!

      Ja, das sieht sehr interessant alles aus – wieder mal die vielen Details! Haha, ja die Parallelwelt (und der Fliegenmann schaut auch schon etwas abgespacet.

      Holldrio!
      Gitte

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