Lesernutzen
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Das ist […], weil …

Du hast einen wichtigen Vorsprung:

Du bist fachlich sattelfest. Du kennst dich aus, weißt um Zusammenhänge, hast praktische Erfahrung. Unser Expertenkopf ist Trumpfkarte – und manchmal Stolperstein.

Jetzt zeige ich dir ein wertvolles Prinzip, das du im Alltag üben kannst und viel stärker in deinen Texten nutzen solltest: Grab tiefer in deinem Hirn, um Aussagen differenzierter zu begründen.

Zunächst das Üben

Ich bin ein großer Fan davon, dass man sich im ganz normalen Leben – fern des Schreibens – bestimmte Dinge angewöhnt.

Das ist doppelt nützlich: Einerseits profitierst du täglich beruflich und privat davon, andererseits verinnerlichst du diese Art der Denke. So fließt es automatisch in deine Texte ein.

Drei zentrale Alltagsübungen, die enorm viel bringen sind beispielsweise:

Der Synonym-Dreisprung für lebendigere, vielseitige Schreibe.
Konkretwerden bei Lob, Kritik & Co.
Das Wichtigste ist: Erstens, zweitens, drittens …

Heute kommt die Angewohnheit hinzu, ein Statement zu begründen.

Häufig sagen wir im Alltag sowas wie:

  • Das würde ich nicht machen!
  • Das würde ich mir gut überlegen.
  • Das ist kontraproduktiv.
  • Das ist total wichtig!
  • Damit steht und fällt alles.
  • Mit ihr würde ich mich nicht anlegen.
  • Damit schneidest du dir ins eigene Fleisch.
  • Das geht sicher nach hinten los!

Sprich: Im Gespräch mit Kollegen, Kunden, Freunden oder Familie rät man zu oder ab, spricht eine Warnung aus oder betont, dass etwas relevant ist.

Doch meistens geht sowas im Gespräch sehr schnell unter: Es bleibt entweder einfach so im Raum stehen – weil man selbst gleich weiterredet, eine Frage stellt oder der andere einhakt. Oder wir sagen nur ganz kurz was dazu, was meistens keine oder eine unzureichende Begründung darstellt.

Die Übung besteht darin, dass du so differenziert es geht begründest, inwiefern das so ist!

Beispiel:

Ein Freund will einen Programmierer in Russland beauftragen, weil das günstiger ist.

Anstatt jetzt zu sagen „Das würd ich mir gut überlegen!“, sprichst du deine Bedenken aus. Am einfachsten geht das, wenn du dir (laut oder innerlich) ein WEIL dazudenkst.

„Das würde ich mir gut überlegen, weil …“

  • es die Sprachbarriere gibt: Wenn du nicht sehr gut Russisch und er nicht super Deutsch spricht, ist es ein Albtraum, sicher abzustimmen, was du brauchst und was noch nicht funktioniert.
  • es riskant ist: Wenn derjenige plötzlich nicht mehr erreichbar ist oder abtaucht, hast du ein halb fertiges oder nicht dokumentiertes Softwareprojekt an der Hand.
  • es vielleicht erstmal billiger ist, aber wenn etwas schiefläuft oder es Ärger gibt, kommst du weder an deine Daten noch bekommst du dein Geld zurück. Hier kannst du wenigstens im Ernstfall zum Anwalt gehen.

Es geht nicht darum, dass du das perfekt machst oder total super aufdröselst. Achte einfach mal drauf, dass du im Alltag so differenziert wirst, wie möglich.

Du wirst sehen, dass es manchmal einfacher ist, deine Ansicht in mehrere Aspekte aufzudröseln. Manches Mal hast du vielleicht das Gefühl „das ist jetzt eigentlich zu wenig, ich weiß, dass da noch mehr dranhängt“ – dann merks einfach und mach dir idealerweise später noch mal Gedanken darüber.

Gibt es gleich mehrere Aspekte, sodass es im Gespräch komisch wäre, die alle auf einmal zu bringen, dann lass sie nacheinander einfließen. Damit kommt ein konstruktives Gespräch in Gang, das auch deinem Gegenüber viel mehr für seine Entscheidung bringt.

Das Coole daran: Je mehr man sowas übt, desto mehr hilft das Gehirn mit. Es weiß dann schon, was gefordert ist und bringt von Haus aus aufgedröseltere Gedanken zutage.

Im Text: Differenziert begründen!

Für deine Texte ist ein sehr großer Mehrwert, wenn du differenziertere Begründungen bringst. Denn deine Leser lernen dadurch, dass die Dinge komplexer sind. Und du untermauerst stärker, warum etwas wichtig/kontraproduktiv/schädlich oder vorteilhaft ist.

Damit steigt deine Glaubwürdigkeit und du schaffst mehr Aha-Effekte für die Leser, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie deinem Rat folgen. Weil da nicht nur steht „wichtig“ oder „bloß nicht“, sondern einleuchtenderweise, warum du diese Empfehlung gibst.

So kann ich als LeserIn für mich viel besser beurteilen, was du meinst. Kann nicken. Oder anderer Meinung sein, aber deine Perspektive einnehmen und nachvollziehen.

Ein Beispiel:

Eine Präsentationstrainerin schreibt darüber, dass die meisten Leute viel zu schnell reden und rät zu einem langsameren Sprachrhythmus mit Pausen. Der naheliegende Grund wäre zu sagen: Dann können die Leute besser folgen und sind nicht so bombardiert. Doch das ist ja noch nicht alles: Was ist mit dem Betonungs-Effekt, mit gesteigerter Dramaturgie, mit der souveräneren Wirkung, mit dem Selbst-gedanklich-Präsentsein oder sogar Zeit gewinnen, um sich an das erinnern, was gleich kommt und und und?

Wichtig: Manchmal ist so eine Aufzählung ausreichend. Doch oft brauchen die einzelnen Punkte einen eigenen Paarzeiler, damit die Leser – die keinen Expertenkopf haben – klar verstehen, was gemeint ist.

ALLES ist immer komplexer. Nicht jeder Punkt muss einfließen. Doch es ist wichtig, sich der einzelnen, meist vielschichtigen Aspekte bewusst zu sein.

Drösel für dich auf, was relevant ist – und wenn du zu viele Aspekte findest, dann wähl die wichtigsten aus oder zurre zusammen. Je nach Artikel und Thema sind manchmal diese aufdröselten Punkte sogar deine Zwischen-Überschriften.

z. B.

Ein Weiterbildungstrainer schreibt darüber, dass Rollenspiele oft verkannt werden und plädiert dafür, sie vermehrt einzusetzen. In der differenzierten Begründung findet er fünf ganz unterschiedliche Vorteile, was Rollenspiele alles bewirken.

Nebenbei-Bemerkungen

Achte unbedingt auf Nebensätze, mit denen du solche Empfehlungen in den Raum stellst! Denn da merkst du schnell, ob es wichtig ist, eine Aussage zu konkretisieren ODER ob du irrtümlich eine Tür zu einem anderen Thema aufmachst.

Beispiel:

Eine Bewerbungstrainerin schreibt darüber, wie ein guter Lebenslauf aufgebaut ist. In einem Nebensatz erwähnt sie zu den Unterlagen: „Stecken Sie bloß nicht jedes Blatt in eine eigene Klarsichthülle!“

Jetzt steht man als Leser da. Ich soll das „bloß nicht“ machen aber ich verstehe nicht, warum das so ist. Ist es wichtig, offenbar sogar dramatisch? Aber warum? Oder ist das eine Präferenz dieser Trainerin, die ich ignorieren kann?

– Sowas ist sehr enttäuschend, manchmal sogar ärgerlich für die Leser. Und es stört die Aufmerksamkeit: Geht der Text über den Lebenslauf weiter, bleibe ich hier hängen.

Manchmal ist diese Tür erklärungsbedürftiger. Wenn du nicht auf einen vertiefenden Artikel linken kannst, ist es oft besser, die Nebenbeibemerkung zu streichen. Gegebenfalls später dazu einen eigenen Artikel zu schreiben.

Du wirst fachlich besser!

Der differenzierte Blick. Die Fähigkeit, gute Gründe spontan in Worte zu fassen. Das zwingt dich, genauer – und oft ganz anders – auf dein Fachgebiet zu schauen. Du wirst staunen, wie schlau du bist!

 

3 Kommentare

  1. Super Artikel, danke dafür! Gerade bei Themen oder Aspekten, die für einen selbst so klar sind, dass man überhaupt nicht mehr darüber nachdenkt, muss man sich schon ordentlich selbst an den Ohren ziehen um auch da auf das WARUM einzugehen. Aber es lohnt sich bestimmt und macht den Text wertvoller. 🙂

  2. Hallo Gitte,

    ein bedenkenswerter Beitrag, sehr nützliche Hinweise, wie z. B. der, auf die Nebensätze zu achten. Wie schnell habe ich selbst hier mal eine neue Thementür aufgemacht – die ich selbst gar nicht als neu bemerke, da ich das Fachwissen habe. Mich also quasi in einem riesigen Raum ganz ohne Türen bewege. Aber der Leser steht dann da und spürt die ersten Regentropfen. Im schlimmsten Fall flüchtet er aus dem Artikel.
    Da kommt dein Tipp gerade recht: dann ist es besser, die Nebenbeibemerkung zu streichen. Und sie später in einem anderen Artikel aufzunehmen und zu vertiefen.

    Das, was ich schon ahnte, hast du nochmal klar auf den Punkt gebracht.

    Lese deine Beiträge immer wieder gerne. Freue mich auf weiteren Kontakt.

    Liebe Grüße, Gabriele

  3. Gitte Härter sagt

    Herzlichen Dank, Jana und Gabriele – genau! 🙂 Das freut mich, dass der Anstoß nützlich ist – und ja, das mit den neuen Türen geht sooo schnell, ich muss mich da auch immer wieder zurückpfeifen.

    Holldrio und eine schöne Woche weiterhin!
    Gitte

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