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Es geht nie nur ums Ergebnis!

In jedem Workshop betone ich, dass es nie nur um das aktuelle Ergebnis geht. Ob wir zeichnen, schreiben, tanzen, sprechen, kochen, etwas reparieren lernen oder oder oder – Der Fokus sollte immer auf mehreren Ebenen liegen.

Aus meiner Sicht sind das vor allem diese sieben Ebenen:

1. Sich trauen, es zu tun. Auf die eigene Art.

Alleine die Tatsache, dass du etwas anpackst – unabhängig davon, ob es Neuland ist oder ob du etwas Gewohntes mal anders angehst –, ist mit einem inneren Ruck verbunden. Das alleine ist Anerkennung wert.

Nimm wahr, dass du entweder zuversichtlich rangehst oder einfach, dass du dich gerade aus deiner Komfortzone rausbewegst. Und dank es dir!

Das mit dem Trauen hat aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt, an dem meiner Erfahrung nach die meisten erstmal knabbern: Trau dich, nicht perfekt zu sein! Wer dazulernt, egal auf welchem Level, ist nicht sicher und routiniert. Wir stellen uns an, es sieht nicht perfekt aus, wir haben Fragen, die uns dumm vorkommen.

Manchmal ist das ganz schön ungewohnt. Für Leute, die sonst recht routiniert und gut im Alltag sind, ist es vielleicht sogar echt hart, sich so unsicher oder „schlecht“ zu fühlen.

Der Trau-Faktor bedeutet unter anderem: Ich mach jetzt einfach. So wie ich denke. Wie wir Bayern sagen „Schau ma moi, dann seng mas scho!“ [Schauen wir mal, dann sehen wir schon.]

2. Während des Tuns merken, was man tut …

… und eventuell was man gerade suboptimal oder falsch macht, ohne es sofort perfektionieren zu müssen.

In meinen Workshops pfeife ich meine Schreiberlinge immer extrem zurück: Erst ganz am Ende, wenn alles steht, kommt die Feintuningphase. Wir wollen alles zielführend durchdenken, komplett und aussagekräftig schreiben. Aber niemals den Schreibfluss stören, indem schon während des Entstehens immer wieder Sätze weggelöscht, umgemodelt und optimiert werden.

Wer vorschnell korrigiert, der stört den Lernprozess und braucht viel mehr Zeit. – Eine wichtige Rolle dabei spielt, dass man oft noch nicht die Fähigkeiten hat, das, was man frisch lernt, direkt schon zu polieren.

Wenn ich im Poledance eine Drehung lerne,

  • muss ich erstmal durchs Zuschauen begreifen, was ich tun soll. Ich muss gegebenenfalls die Seiten/Richtung umdenken – weil die „Draufsicht“ auf die Trainerin anders ist, als meine eigene Perspektive.
  • Dann muss ich auf das Greifen und Umgreifen der Hände aufpassen;
  • ich muss meinem Gehirn den motorischen Ablauf beibringen;
  • ich muss die Körperhaltung und –spannung beachten;
  • ich muss die Kraftvoraussetzungen haben (oder optimieren);
  • ich soll mit den richtigen Körperteilen an der richtigen Stelle das richtige Maß an Schwung holen;
  • möglichst fließende Übergänge davor und danach hinbringen …

Ich soll gleichzeitig während einer flotten Drehung auf drei Trillionen Dinge achten – plus dass ich genug Schwung habe, an der richtigen Stelle zu landen, und das bitteschön im Takt und dann noch formschön und sexy.

Das geht nicht!

Wenn ich was Neues lerne – egal in welcher Disziplin – und vorankommen will, muss ich mir sinnvoll herunterbrechen, worauf ich mich konzentriere.

Dabei merke ich, was an den Basics eventuell schon nicht stimmt und je mehr ich die beachte, desto mehr kann ich merken „oha, hier hab ich vergessen, rechtzeitig umzugreifen“, „ah, die Fußhaltung sah hässlich aus“ … aber ohne direkt zu versuchen, das zu korrigieren. Wie ich letzte Woche schon geschrieben habe, ist alleine das Wahrnehmen dessen, was nicht so gut ist [und worauf es noch zu achten gilt], ein großer Fortschritt.

3. Wahrnehmen, wie man so „ist“:

Wie ist meine Reaktion, wenns nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe? Meiner Erfahrung nach ist dieser Punkt zweigleisig:

Der erste Aspekt ist der generell Umgang mit sich selbst: Eine Mischung aus eigenen Ansprüchen, Frustrationstoleranz und „Was könnten andere denken/sagen“, etwa ein Trainer oder eine Gruppe von Menschen, die ebenfalls lernt. Dieser Cocktail ist bei allen von uns unterschiedlich. Manche denken schnell, dass was peinlich ist oder trauen sich vor anderen nicht, etwas zu zeigen.

Als ich noch Präsenzworkshops gegeben habe, habe ich oft erlebt, dass Teilnehmer nicht nachgefragt haben. Wenn das Sachen sind, wo ich wusste, dass mindestens einer nicht Bescheid wissen kann, habe ich nachgefragt: „Hand hoch, wer weiß nicht, was ich mit X meine?“ – Sobald die erste Hand hochkam, kamen die nächsten. Manchmal haben sich alle gemeldet!

Alleine zu bemerken: „Ich weiß hier was nicht, trau mich aber nicht, nachzufragen“ oder „Ich verdrücke mich in Seminaren immer möglichst weit hinten“  ist ein Lerneffekt! Oder wenn du was zeichnen willst und es klappt nicht, zu merken, wenn du auf einmal keine Lust mehr hast. Oder immer abgehacktere Bewegungen machst, wütend bist oder anfängst, schlecht mit dir zu reden.

Der zweite Aspekt ist die Tagesform. Merke ich, wenn ich unkonzentrierter bin? Wenn ich energieloser rangehe als letzte Woche? Oder wenn ich einfach jammeriger bin als gewöhnlich?

Lernen heißt vor allem, sich selbst besser kennenzulernen. So lassen sich manche Durchhänger viel leichter abschütteln oder vermeiden, weil man sie im Kontext betrachtet.

Das verhindert,

  • ungnädig mit sich zu sein,
  • vorschnell das Handtuch zu werfen
  • oder den Lernprozess gleichzeitig zu sabotieren.

4. Die Schere „Kopf/wollen“ und „Tun/können“ trennen.

Wer dazulernt, kann nicht sofort alles umsetzen.

Gehst du in einen Kurs oder schaust dir ein Video-Tutorial von jemandem an, der das schon ewig lange macht, schaut es mühelos aus. Du wirst es ohne bestimmte Voraussetzung an Handwerk und Üben selten auf Anhieb ebenso mühelos können.

Im Kopf aber schon!

Ich sehe, wie mühelos Leute in den Handstand gehen. Und doch kann ich es nicht mal eben nachmachen. Obwohl mein Kopf weiß, wies geht und sogar obwohl ich weiß, dass ich die Voraussetzungen habe.

Es ist großartig, wenn du im Kopf VERSTANDEN hast oder/und eine GENAUE VORSTELLUNG hast, wie was sein soll. Das ist die halbe Miete! – Der Frust, dass es trotzdem nicht geht von heute auf morgen, ist Unsinn.

Warum im Kopf irgendwie immer alles besser ist

Das sage ich so krass, weil ich es natürlich ebenfalls kenne, aber wir uns Frust oder Wut darüber unbedingt abgewöhnen müssen. Sonst blockieren wir uns anstatt „Kopf/wollen“ und „Tun/können“ separat zu nutzen – und uns mit Analyse, Handwerk und Übung anzunähern.

5. Aha-Effekte registrieren, auch die kleinen.

Letzte Woche habe ich eine Drehung gelernt. Ich kann sie noch nicht gut. Aber ich habe gemerkt, dass eine kleine Veränderung am Griff mir richtig viel Kontrolle über die Drehung gibt. Dass ich diesen Aha-Effekt auf neue Figuren übertragen kann. Vor allem aber habe ich trotz lausiger Ausführung die Bewegungsqualität gespürt.

Wenn du zu mir in einen Schreibworkshop kommst, kann es sein, dass du dich sehr schwer mit dem Konzipieren tust, dass du aber auf Anhieb total sicher darin warst, deinen Plankton-Arbeitstitel zu wählen. – Ein Detail im gesamten Schreibprozess. Aber eines der zentralsten Details, dies gibt.

Vielleicht versteckt sich der Aha-Effekt in deiner Reaktion: Dass du merkst „oh, heute war ich ganz gelassen, als mir Gitte gesagt hat, geh noch mal zurück auf Los – letztes Mal war ich noch sauer auf mich und hab mir vorgeworfen, dass ich mich dumm angestellt habe“.

6. Manöverkritik

Mir gefällt die Manöverkritik, schon das Wort. Sie ist so schön praktisch und lässt sich sogar in Kurzform immer mal einbauen.

Stell dir vor, du hast dich aufgerafft, Telefonakquise zu machen – und hast sofort eine Absage kassiert. Es geht nicht nur ums Ergebnis! Die Manöverkritik bringt dir gute Fragen, Antworten und Ansätze – das muss gar nicht mal großartig strukturiert vonstatten gehen.

Vielleicht ist die spontane Manöverkritik:

  • Mist! Genau davor hatte ich Angst. Aber ich hab mich aufgerappelt! *schulterklopf*
  • Beim Melden hab ich gemerkt, dass ich mich verhaspelt habe und nicht so recht klar sagen kann, was ich eigentlich mache.
  • Mit dem netten Mann aus der Telefonzentrale hatte ich gleich einen guten Draht und hab gezielt nachgefragt, wen ich sprechen mag. Das hat sich gut angefühlt! Nervös bin ich erst geworden, als ich den Einkäufer dran hatte.

So ein kleines ausgewogenes Revuepassieren bringt so viel fürs Vorankommen. Nur zu sagen „Absage. Wusst ichs doch. Bläh.“ hingegen bringt gar nix. Außer, dass man es vermutlich nicht mehr macht oder die Körbe vorprogrammiert sind, weil man das Verhalten ständig wiederholt.

7. Yay! Die Fortschritte sehen, anstatt nur drauf zu schielen, was blöd ist.

Ich hoffe, ich habe den ausgewogenen Blick, der sich quer durch alle Ebenen zieht, deutlich gemacht. Aber das mit den Fortschritten ist mir einen extra Punkt wert, weil das die Volkskrankheit Nummer 1 zu sein scheint.

Ich meine keinen Peptalk, kein Schönreden und nicht aus Höflichkeit ein bisserl positiv zu denken. Ich meine die simple Angewohnheit, dass man den eigenen Fokus immer gezielt auf das richtet, was schon klappt oder neutral ist. Und natürlich auch auf das, was noch nicht gut oder falsch ist.

 

Der Weg ist meiner Ansicht nach überhaupt nicht das Ziel. Aber der Weg zum Ziel wird kürzer, angenehmer und ergiebiger, wenn wir ihn nutzen, anstatt nur ergebnisfixiert zu sein.

 

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