Selbst hab ichs ja nicht so mit Gedichten, aber ich bin ein großer Freund vom Eindampfen. Diese Textkritik im literaturcafe.de ist lesenswert. Malte Bremer bespricht im Detail ein Gedicht. Und egal, ob Sie DichterIn sind oder anderes schreiben: Fragen dieser Art sind jederzeit nützlich, um Texte zu verbessern.
Überarbeiten
Rennen Sie keine offenen Türen ein
Endlich! Dieses Buch habe ich erwartet! Es geht um Gelenkmobilisation. Begeistert klappe ich das Buch auf. Einführung. Warum das Programm so toll und wichtig ist. Okay.
Erstes Kapitel. Warum das Programm so toll und wichtig ist. Zweites Kapitel. Warum das Programm so toll und wichtig ist. Drittes Kapitel. Warum das Programm so toll und wichtig ist. Viertes Kapitel. Warum das Programm so toll und wichtig ist. Fünftes Kapitel. Warum das Programm so toll und wichtig ist. Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaargh!
Die Informationen der ersten 90 Seiten des Buches hätte man locker auf zwanzig Seiten zusammenstauchen können: dann wäre es dicht, spannend, straff zum Punkt gekommen. So hat es der Autor geschafft, dass ich ziemlich genervt und abgetörnt bin und mit jedem Kapitel heftiger mit den Augen rolle. Die ursprüngliche Begeisterung ist verdampft.
“Das überzeugt mich noch nicht!”
Ich sitze gerade über dem Webtext-Entwurf eines Kunden und schreibe wieder einmal “Das überzeugt mich noch nicht!”. Dabei fällt mir auf, wie hilfreich dieser kleine Satz fürs Texten ist.
- Es geht nicht um das Bewerten in “gut” oder “schlecht”, sondern es geht darum, mehr herauszuholen.
- Sie sind noch nicht in der Pflicht, eine bessere Idee zu haben. Oft merkt man, dass was noch nicht der Bringer ist, aber man kann nicht immer sagen, warum oder wie es besser wäre.
- Schließlich weist Ihnen dieser Satz den Weg, wie es besser wäre: Denn natürlich lautet jetzt die Frage “Warum/inwiefern überzeugt es mich noch nicht?” Die Antwort darauf zeigt auf, was noch nicht stimmig ist und wo Fleisch an den Inhaltsknochen fehlt.
Wo ist die Logik?
7 x Kohlensäure für schale Texte
Entrümpeln Sie Ihre Sätze, indem Sie auf diese fünf einfachen Dinge achten
Manchmal, wenn man so schreibt, wie es einem gerade einfällt, schleichen sich eine ganze Menge Nebensätze ein – und die machen einem dann das Lesen und das Verstehen wirklich schwer, wenn nicht gar unmöglich. Gleiches gilt (nicht nur, aber auch!) für die meisten Klammern. Punktuell eingesetzt ist eine Klammer (genauso wie Spiegelstriche) natürlich in Ordnung, aber wenn Sie sie über Gebühr einsetzen, wird es ganz schnell unübersichtlich.
Behalten Sie beim Überarbeiten im Augen:
Entschlacken Sie Sätze: Verzichten Sie auf Ausschmückungen und Gedankenschleifen.
Verkürzen Sie zu lange Sätze: entweder knackiger formulieren oder Sätze einfach teilen
Lösen Sie Klammern & Co. möglichst auf: Auch hier gilt „keep it simple“ – meistens kann man auf Klammern sogar verzichten, etwa wenn Sie bei einer Aufzählung in jedem Punkt eine Klammer gesetzt haben. Oft ist ein Doppelpunkt wesentlich übersichtlicher.
Achten Sie auf ein Zuviel: zu viele Kommas, zu viele Gedankenstriche, zu viele Aufzählungen, zu viele „und“, „oder“, „weil“ etc.
Reißen Sie den Sinn nicht auseinander! Der Satz „Punktuell eingesetzt ist eine Klammer (genauso wie Spiegelstriche) natürlich in Ordnung“ ist so ein Beispiel für einen auseinandergerissenen Sinn, weil ich vor dem Satzende noch schnell etwas anderes „reingestopft“ habe. Das „(genauso wie Spiegelstriche)“ stört den Lesefluss und damit die Verständlichkeit.
Drei Annahmen, die dafür sorgen, dass Texte unter ihren Möglichkeiten bleiben
Wenn ich mit Kunden an Texten arbeite, fallen mir ganz oft Informationsdefizite auf: da werden wichtige Fakten einfach nicht erwähnt oder vorteilhafte Argumente nicht geliefert. Auch habe ich oft sehr lebendige oder auf irgendeine Weise besondere Menschen vor mir und blicke auf flache, neutrale Texte, die diesen Persönlichkeiten gar nicht gerecht werden.
Spreche ich das an, kommt meistens eine Antwort, die in eine der folgenden Kategorien fällt:
Immer nochmal Hand anlegen
Ich weiß es noch gut. Ich sitze in der Erörterung, für die wir fünf Schulstunden Zeit hatten. Die erste Hälfte ist um. Ich hole mir noch zwei Blätter und schreibe weiter. Nach drei Stunden bin ich fertig. Mist! Blick nach links: da schreiben noch alle. Blick nach rechts: die auch. Manche haben erst drei Seiten. Ich habe neun. Es gibt nur eine Erklärung: Meins ist schlecht. Zu schlecht. Am besten ich nutze die verbleibende Zeit für Verbesserungen …
ARGH! Schon war ich im Reich der Verschlimmbesserungen.
(weiterlesen…)
Sinnvolle Gleichmacherei
Ich gebe zu: dass sich der Artikel „10 Formatierungen, die Ihren Text unlesbar machen“ zum Renner entwickelt, habe ich nicht erwartet. In nur einer Woche wurde er schon Hunderte Male angeklickt.
Das freut mich, denn tatsächlich ist die Lesefreundlichkeit genauso wichtig wie ein guter Text. Mir ist nachträglich noch ein weiterer wichtiger Aspekt aufgefallen, den ich ergänzen möchte: die sinnvolle Gleichmacherei.
Damit ist gemeint, dass Sie bestimmte Formate, Schreibweisen und auch die Bebilderung „gleich“ durchziehen und nicht andauernd wechseln.
Konkrete Beispiele dafür sind:
10 Formatierungen, die Ihren Text unlesbar machen
Der schönste Text nützt Ihnen nichts, wenn Ihre Leser ihn nicht lesen können … oder wollen. Ich habe zehn ungute Formatierungen für Sie zusammengestellt, die mir andauernd begegnen. Jede für sich ist problematisch, und doch treten sie leider sogar gehäuft auf.
1. popelkleine Schrift
Komfortabel lesbar sind die meisten Schriften in 11 oder 12 Punkt. Je nach Schrift ist manchmal 10 Punkt auch noch angenehm lesbar. Schreiben Sie mal einen Beispielsatz, kopieren und formatieren ihn einmal mit Arial 10 Punkt und zum Vergleich mit Times New Roman 10 Punkt, da sehen Sie bereits die Unterschiede. Texte, die zu klein sind, kann und mag man nicht lesen.
Alle einstelligen Punktgrößen gehen gar nicht! Für einen Fotonachweis oder eine ganz kurze Notiz okay, aber selbst „Kleingedrucktes“ wie AGBs sollten Sie angenehm groß gedruckt schreiben, weil es sonst mühselig ist und so wirkt, als wollten Sie den Leser übers Ohr hauen.
Bei Briefen herrscht häufig der Glaube, man dürfe nur eine einzige Seite nutzen. Das führt dann zu elendigem Gequetsche. Prüfen Sie lieber, wie Sie Ihren Text straffer überarbeiten können – damit wird er sogar noch besser. Wenn Sie tatsächlich mehr zu sagen haben und das wirklich relevant für den Leser ist, dann nehmen Sie natürlich ein zweites Blatt. Ob es um ein Angebot oder um Tipps geht: wenn es aus Lesersicht etwas bringt, liest er gerne mehr.



