Stil + Stilmittel

Gar nicht so leicht: Übungen und Anweisungen glasklar beschreiben

Übungen sind ja die Gelegenheit, Ihren Leser einen unmittelbaren Nutzen zu verschaffen und sie sofort ins Tun zu bringen.

Und auch sonst gibt es oft Anleitungen:

  • eine Gebrauchsanleitung
  • Aufbauanleitungen
  • die Lösung für ein Problem (z. B. ein Software-Tipp)
  • eine Anweisung (z. B. bei Ärzten: Das Verhalten nach einer Operation).

Diese Beschreibungen haben es wirklich in sich!

Aus Autorensicht: Als Fachkraft auf einem Gebiet, sind einem viele Informationen und Zusammenhänge selbstverständlich: man vergisst wichtige Details oder findet sie zu banal, um sie zu erwähnen („Das ist ja eh klar!“).

Aus Lesersicht: Hat man bereits Ahnung von der Thematik, kann das als Leser helfen, aber auch schaden, denn vielleicht gibt es eine ähnliche Vorgehensweise, die das falsche Bild hervorruft.

Je unsicherer man ist, desto mehr Fragen kommen aus Lesersicht auf.

Wenn die Anleitungen nicht differenziert genug sind, führen Leser eine Übung aus, machen sie aber falsch: das führt zu einem anderen, keinen oder sogar einem kontraproduktiven Effekt. Sehen wir uns drei unterschiedliche Beispiele dazu an:


Eine Körperübung:

Stellen Sie sich aufrecht hin, stehen Sie mit beiden Beinen fest auf der Erde und atmen sie einige Atemzüge ein.

Nehmen Sie nun die Arme nach oben und lassen sich nach vorne fallen. Atmen Sie wieder einige Atemzüge ruhig ein. Rollen Sie dann Wirbel für Wirbel nach oben auf.


 

Klingt eindeutig. – Wirklich?

  • Sollen die Beine nebeneinander stehen oder steht man breitbeinig da (hüftbreit oder noch breiter) oder ist das egal?
  • Was heißt „fest auf der Erde“? Soll ich explizit Gewicht darauf verlagern?
  • Soll ich ganz normal vor mich hinatmen oder ist es wichtig, besonders ruhig und tief bis hinunter in den Buch zu atmen. Was sind „einige“ Atemzüge?
  • Soll ich die Arme einfach hochstrecken oder langsam nach oben führen? Ist es wichtig, ob die Arme seitlich oder von vorne nach oben gehen?
  • Soll ich mich insgesamt nach vorne fallen lassen? Oder nur den Oberkörper? Einfach so ganz schnell nach vorne und „aushängen“ lassen oder kontrolliert nach unten führen? Soll sich das entspannt anfühlen und angenehm sein oder ist es auch normal, wenn es mir unangenehm ist oder ich Körperspannung halte?
  • „Wirbel für Wirbel“ aufrollen ist nicht jedem geläufig, was gemeint ist und wie es geht.

Bei Körperübungen (und natürlich auch bei anderen Anleitungen) ist es am besten, wenn Sie die Übung Schritt für Schritt selbst durchführen, bevor Sie sie aufschreiben und sich so alle Einzelheiten nochmal genau vor Augen führen. Das ist besonders wichtig, wenn es eine Übung ist, die Ihnen sehr bekannt ist, für Sie also zum kleinen ABC gehört.

Erinnern Sie sich auch, welche typischen Fehler es bei der Ausführung gibt, oder überlegen Sie, während Sie die Übung durchführen, was man da jetzt alles falsch machen oder anders interpretieren könnte.

Meistens lassen sich Körperübungen am besten illustrieren, wenn Sie zusätzlich Bilder, Strichzeichnungen oder ein Video anbieten. Das geht nicht immer, aber wenn es möglich ist, dann nützt es Ihren Lesern sehr viel mehr als nur Wörter.

Noch schwieriger ist es, wenn Sie eine Sache zwar schrittweise beschreiben, aber nicht darauf achten, dass die genaue Ausführung einen großen Unterschied macht. Eine typische Formulierung ist es, in Tipp-Artikeln kein Beispiel, sondern nur eine kurze Beschreibung zu geben.

Wie bei dieser Kommunikationsübung:

Beim nächsten Mal, wenn Sie das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden:

– Ziehen Sie eine klare Grenze.
– Sagen Sie, was Ihnen nicht gefällt.
– Rechtfertigen Sie sich nicht.

Das stimmt alles!
Aber das kann sich dann umgesetzt auch so anhören:

„Hier ist meine Grenze, und basta. Es passt mir überhaupt nicht, dass Du immer über meine Wünsche hinweggehst. Akzeptiere das gefälligst!“

Ein Extrembeispiel? Ja, aber ich habe mit dieser Ausführung genau das gemacht, was mir in der Übung empfohlen wurde!

Nun noch ein Beispiel zu Anweisungen:

Als ich die Weisheitszähne herausbekommen habe, bekam ich einen Zettel mit Verhaltensanweisungen, auf dem Dinge standen wie:

  • Kühlen Sie die nächsten Tage in Intervallen mit einem Eispack. Legen Sie das Eis nicht direkt auf die Wange, weil es sonst zu Erfrierungen kommen kann.
  • Essen Sie die nächste Zeit keine Milchprodukte.
  • Verzichten Sie für einige Tage auf Kaffee.
  • Machen Sie keinen Sport.

Ich bin total verrückt geworden! Denn ich konnte keine der Zeitangaben dechiffrieren: „nächste Tage“, „in Intervallen (und wie lange dann kühlen?)“, „die nächste Zeit“. Ich wusste nicht so genau, ob es ausreichend ist, ein Geschirrtuch zwischen Eispack und Wange zu legen oder ob die Schicht dicker sein sollte. Ich wusste nicht genau, was alles zu Milchprodukten oder „Sport machen“ zählt.

Darum war ich komplett verunsichert und habe sicherheitshalber meinen Zahnarzt nochmal angerufen. Die werden sich auch bedanken, wenn jeder Patient anruft … oder eben nicht anruft und die Heilung eventuell verkompliziert, weil er die unklaren Angaben falsch interpretiert hat. Dabei ist die Idee, einen Zettel mitzugeben, toll! Doch auch hier fehlt es an klaren Ansagen.

Stellen Sie sich bei solchen Anleitungen immer vor, was typische Fragen oder Details sind, die oft falsch gemacht werden (die kennen Sie aus Ihrer Fachpraxis ja zur Genüge!) und überlegen Sie sich, welche Fragen immer wieder gestellt werden.

Und wenn Sie sich ganz schwer damit tun, weil Sie zu versiert sind, dann geben Sie die Anleitung jemandem zu lesen, der sich überhaupt nicht auskennt. Lassen Sie sich am besten vorführen, wie der andere die Anleitung versteht! Oder geben Sie dem Probeleser die Aufgabe, Ihnen Fragen zu unklaren Angaben zu stellen.