formulieren

Zehn Verwässerungsfallen

Wenn Sie möchten, dass Ihre Texte wirklich wirken, sollten Sie unbedingt darauf achten, Ihre Aussagen nicht zu verwässern. Das mit dem Verwässern ist wortwörtlich gemeint: Wenn Sie einen Apfelsaft mit Wasser verlängern, wird er weniger süß schmecken. Je nach Wassermenge schmeckt es bis zu einem gewissen Grad noch etwas nach Apfel, aber irgendwann nur noch wässrig.

Ein guter Text ist Ihr Apfelsaft: Die Ausagekraft soll richtig da sein, die Formulierung gut lesbar sein, vielleicht pointiert. Der Nutzengehalt für Ihre Leser möglichst groß und Ihre Aussage möglichst eindeutig sein.

Getreu dem Motto „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ mache ich Sie mit zehn typischen Verwässerungsfallen bekannt:

1. Dokumentationsstil

„Ihr schreibt keine Dokumentation!“, sage ich ganz häufig in meinen Workshops. Wenn man eigene Erfahrungen weitererzählt, neigt man dazu, alles haarklein zu erzählen:

  • Sie haben einen Tipp vom Freund des Sohnes des Schwagers Ihrer Cousine bekommen? Das müssen Sie nicht dazu sagen.
  • Sie wollten gestern an Ihrem freien Tag nur mal kurz nach Weilheim fahren, um dort einen bestimmten Handarbeitsladen aufzusuchen und dabei sind Sie in den Stau geraten und genau in diesem Stau ist Ihnen was Interessantes passiert?
    Dann verzichten Sie auf alles, was für die Geschichte nicht wichtig ist, die Sie erzählen möchten: Muss man den Ort wissen, damit Ihre Geschichte funktioniert? Ist der Handarbeitsladen wichtig? Ist der Stau überhaupt wichtig? Oder geht es um eine Anekdote mit einem anderen Autofahrer, die völlig unabhängig vom Stau war, auch wenn sie sich dort ereignet hat?

Überlegen Sie immer, was wichtig ist für den Punkt, den Sie machen möchten. Alles andere lassen Sie weg.

2. Zu viele Worte

Kennen Sie Menschen, die ganz viel labern? Denen man gar nicht richtig folgen kann – oder nicht mehr zuhören mag -, weil sie einfach nicht zum Punkt kommen?

Beim Lesen ist es dasselbe: Reden Sie die Leute nicht „zu“. Es ist kein Wunder, dass die meisten Texte sehr viel besser werden, wenn Sie sie überarbeiten. Ich habe Ihnen auch schon erzählt, dass ich in einem meiner Workshops den Teilnehmern die Aufgabe gebe, ihren zuvor fertig überarbeiteten Text doch nochmal um 500 Zeichen zu kürzen.

Stellen Sie sich solche Aufgaben auch: Dabei geht es nicht darum, Inhalte wegzulassen, sondern mit aussagekräftigeren Formulierungen, kürzer und straffer das auszusagen, was Sie sagen möchten.

3. Unnütze Details

Das ist so ähnliche wie beim Dokumentationsstil: Sie bringen zu viele Details: zum Beispiel, wer der Gründer einer bestimmten Methode war und wo er studiert hat. Sie erwähnen nicht relevante eigene Gedanken oder nebensächliche Zusatzinformationen.

Natürlich können das durchaus interessante Details sein, die Frage ist nur immer: Sind Sie an dieser Stelle gut aufgehoben – oder wollen Sie lieber eine kleine Fußzeile mit der Quelle machen? Wenn Sie Zusatzinformationen unbedingt geben möchten, könnte das bei Internettexten auch wunderbar ein link erledigen.

Und wieder: Ist diese Information für den Leser an dieser Stelle sehr wichtig? Wenn ja: wirklich in diesem Detailreichtum?

4. Langwierige Ausschmückungen

Das können viel zu viele Adjektive sein, die Sie aneinander reihen. Das ist in einem Roman die seitenlange Beschreibung eines Raumes. Oder Sie beschreiben bei Beispielen lang und breit, wer sich was gerade denkt, anstatt die Gedanken und Stimmung durch die Formulierung der Sprache deutlich zu machen.

5. Einen schon gemachten Punkt wieder (und wieder) machen

Sie schreiben einen Tipp und betonen, wie wichtig der Tipp ist für x und y. Danach folgt ein Absatz, der die negativen Konsequenzen nennt, wenn der Tipp nicht beherzigt wird. Dann folgt der Tipp. Jetzt wird betont, warum der Tipp so wichtig ist …

6. Zu viele Beispiele/Aufzählungen statt ein, zwei treffende

Manchmal kann es durchaus sinnvoll sein, mehr als ein Beispiel zu machen, etwa wenn Sie einen Tipp für unterschiedliche Zielgruppen greifbar machen möchten. Finden Sie dann bitte wenige, klare Beispiele und nicht vier oder fünf Beispiele.

Das gilt auch für Gliederungspunkte. Angenommen, Sie führen bei Ihrer Selbstdarstellung die möglichen Probleme Ihrer Kunden in einer Liste auf: es knallt mehr rein, wenn Sie wenige aussagekräftige Gliederungspunkte haben, als wenn der Leser eine endlose Litanei an Aufzählungspunkten vor sich hat. Masse schwächt die Aussage.

7. Umständliche Formulierungen

Fachjargon, Schachtelsätze, Hauptwörter-Stil oder einfach ein wirrer Satzbau verwässern die Aussagekraft Ihrer Texte, weil die Leser hängen bleiben: „Hä?“

Wann immer man über Formulierungen stolpert, ist die Konzentration flöten. Darum der gute alte Tipp: laut lesen. Dabei fallen einem sprachliche Purzelbäume sehr viel mehr auf.

8. Zu blumige Umschreibungen

Manche Schreiberlinge haben einen besonderen Stil: Sie schreiben pointenreicher, nutzen bildhafte Vergleiche oder Weisheiten, Witz oder Ironie. Doch das will, wie Gewürze beim Kochen, immer dosiert eingesetzt sein. Ein Zuviel schadet Ihrem Text.

Überprüfen Sie auch immer, ob Ihre blumige Umschreibung eindeutig ist, der Leser also wirklich verstehen kann, worum es geht – und ob es nur schön klingt oder auch genug Nutzen enthalten ist.

Humor und Ironie sind übrigens schriftlich immer noch schwieriger: denn schon im persönlichen Gespräch werden diese oft nicht erkannt, obwohl man hier sogar den Vorteil hat, dass man Mimik und Tonfall zur Unterstützung einsetzt.

9. Gedankensprünge

Das ist ein typischer Erster-Entwurf-Makel: Sie schreiben Ihren Text und während Sie ihn schreiben fällt ihnen etwas ein, das sie einige Absätze zuvor schonmal hatten: genau so, nur in anderen Worten oder ein weiterführender Gedanke, der eigentlich da oben hingehört.

Wenn Sie das nicht beim Überarbeiten zusortieren, verwässern Sie die Wirkung Ihres Textes, weil der Leser mitspringen muss.

10. Eine kräftige Aussage nochmal schwach nachhallen lassen

Denken Sie an gute Filme: Diese hören immer am Höhepunkt auf. Bestimmt haben Sie schon Filme gesehen, die danach noch ein, zwei Minuten „Nachhall“ angetackert haben, der das starke Gefühl von eben total verflacht.

Bei Ihren Texten ist das ebenso der Fall: Wenn Sie eine starke Aussage haben, schwächen Sie sie nicht, indem Sie eine Nebensächlichkeit folgen lassen. Oft kann man diese weglassen. Oder Sie sortieren Sie VOR die starke Aussage.

Das Schöne ist, dass das alles schnell zu beheben ist.

Finden Sie beim Überarbeiten eines Textes unnötige Wörter, lassen Sie sie einfach weg beziehungsweise vereinfachen Sie Ihre Formulierung. Sie wissen ja: Keep it simple. Das gilt auch für Ihre Formulierungen!