Stil + Stilmittel

Der unvermittelte Anfang

Normalerweise führt man mit den ersten Sätzen seine Leser an das Thema heran. Klassische Einstiege sind beispielsweise:

Ich muss Ihnen nicht erzählen, wie entscheidend Ihre Einstellung dafür ist, ob Ihr Vorhaben erfolgreich sein wird. Sie kennen die Beispiele aus dem Sport zur Genüge: Wenn der Hochspringer innerlich überzeugt ist, dass er die Höhe nicht schafft, hat er keine Chance.

oder:

Selbstmarketing – und alles, was man sich davon erhofft – wird meistens etwas falsch verstanden. Die einen denken, man müsste den großen Bonzo raushängen lassen, sich ständig selbst loben oder nach vorne drängeln. Und die anderen gehen die Sache theoretischer an und versuchen Werbe-Werkzeuge auf die eigene Person anzuwenden.

oder:

Normalerweise führt man mit den ersten Sätzen seine Leser an das Thema heran. Klassische Einstiege sind beispielsweise 😉

Sie können Ihre Leser aber auch unvermittelt mitten in den Text schubsen. Das hat seinen ganz eigenen Reiz und einige Vorteile:

  • Es kommt Dynamik ins Lesen und miterleben.
  • Je nachdem, womit Sie beginnen, wird der Leser neugierig.
  • Sie können bestimmte Emotionen wecken und den „Ton“ Ihres Textes bestimmen.
  • Ihr Stil bleibt frisch, wenn Sie immer mal etwas anders beginnen.
  • Und es ist eine gute Möglichkeit für alle Autoren, die gerne mal am Anfang hängenbleiben.

Mit „unvermittelt“ ist die ganze Bandbreite gemeint, die in diesen – Wortschatz Uni Leipzig entnommenen – Synonymen stecken:

abrupt, jäh, jählings, plötzlich, ruckartig, schlagartig, schnell, schroff, unerwartet, ungeahnt, unverhofft, unvermerkt, unvermutet, unversehens, unvorhergesehen, urplötzlich, überraschend, zufällig

Zunächst ein paar eigene Beispiele für erste Sätze, die die Leser unvermittelt mitnehmen:

  • Jetzt aber über Bord mit der Bescheidenheit:
  • Stimmt natürlich: die Geschäftswelt wird gerade etwas leiser.
  • Fehler passieren. Sie passieren Ihnen. Sie passieren mir.
  • Das geht nicht nur mir so: Allen um mich rum stößt es sauer auf, wenn …
  • Ich also den Gehörschutz abgeholt.
  • Eben habe ich einem Mann bei mir im Hausflur fast den Kopf abgebissen.

Und hier noch ein paar sehr schöne Beispiele aus anderen Blog-Beiträgen:

Wer kann am längsten?
Das mit den Charts ist natürlich sowieso so eine Sache:
Bis vor wenigen Jahren wurden die Hitparaden der meistverkauften Tonträger noch mit Hilfe der Knochen von im Mondlicht geschlachteten Hühnern errechnet.
(von Lukas Heinser)

Chronisch krank
Es ist alles noch viel schlimmer.
Seit über einem Jahrzehnt schreibt der Journalist Christoph B. Schiltz für die „Welt“ auf der Grundlage einer Statistik des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) immer wieder über den jeweiligen Krankenstand in Deutschland.
(von Stefan Niggemeier)

Schlafordnung
Akustisch gesehen muss es zumeist alles andere als angenehm sein, in meiner Nähe zu schlafen.
Ich schnarche, erzähle und lache herzhaft im Schlaf. Neuerdings klackere ich auch. Klackern? Ja, das habe ich mich auch gefragt.
(von Herms Farm)

Experimentieren Sie!

Nehmen Sie diese Beispiele als Anstoß, ein wenig mit Ihren Anfängen zu experimentieren. Ganz zwangslos natürlich!

Sie können bei jeder Art von Text – auch bei Selbstdarstellungstexten – unvermittelter als normal anfangen. Manchmal kann man auch einfach zwei Absätze vertauschen, einen Satz ganz nach oben ziehen oder einfach die ersten paar Sätze des herkömmlichen Beginns weglassen. Und schon haben Sie den Leser vom ersten Satz an bei der Angel.

 

Kategorie: Stil + Stilmittel

von

Seit 1999 bin ich selbstständig, seit einigen Jahren aufs Schreiben spezialisiert. Das Wichtigste, wenn man Neues lernen und besser werden möchte, ist das Dranbleiben. Damit das gelingt, braucht es Neugier und Spaß an der Sache. Das wiederum erfordert, dass man sich traut, nicht perfekt zu sein.