als Mensch zeigen

Selbstoffenbarung

Letzte Woche habe ich Ihnen gezeigt, dass Zitate viel mehr als nur Sprüche sind, die Ihnen gut gefallen. Alles, was Sie – wie – schreiben, sagt auch etwas über Ihre Persönlichkeit, Ihre Einstellung oder sogar Ihre Arbeitsweise aus:

  • die Auswahl: Was sagen Sie überhaupt (und was nicht)?
  • Satzbau & Formulierung: Wie sagen Sie es?
  • Gewichtigkeit: In welcher Reihenfolge sind Informationen angeordnet?
  • Detailreichtum: Bleibt Ihr Text an der Oberfläche oder gehen Sie in die Tiefe?

Der Leser zieht automatisch Rückschlüsse. Darin stecken für Sie als AutorIn zwei ganz wichtige Informationen:

1. Sie müssen sich solcher Rückschlüsse bewusst sein.

2. Sie sollten beim Schreiben beabsichtigte Rückschlüsse gezielt einfließen lassen. Auf diese Weise machen Sie Ihre Texte mehrdimensionaler und auch abwechslungsreicher. Und Sie schaffen ein persönlicheres Band zu Ihren Lesern.

Ihr Text besteht also einmal aus dem Thema, Inhalt, Ihrer Botschaft – aber er besteht immer auch aus der Selbstoffenbarung: Was erfahre ich über den Verfasser des Textes? Wie ist er/sie drauf?

Der bekannte Grundsatz „Man kann nicht nicht wirken“ gilt also auch für das Schreiben.

Nun wollen wir das natürlich für uns nutzen! Sagen wir, ich möchte gerne rüberbringen, dass ich lustig bin. Dann kann ich das auf verschiedene Arten tun:

Es sagen.
Ich bin lustig.
Ich bin ein lustiger Mensch.
Ich lache gerne.

Es etwas verspielter sagen:
Mit mir gibt es immer etwas zu lachen.
Für einen guten Lacher verkaufe ich meine Großmutter.
Lachbereitschaft = hoch

Einen Spruch/ein Zitat ergänzen, das diesen Job übernimmt:
Dnken Sie dran: die Art des Spruches hat eine unterschiedliche Wirkung. Vergleichen Sie:

Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag.
(Charlie Chaplin)

Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.
(Joachim Ringelnatz)

Lieber eine Meise als gar keinen Vogel.

Ich kann es aber auch einfach zeigen, anstatt es auszusprechen:

in der Überschrift:
Statt „Fühlen Sie sich angegriffen?“ können Sie schreiben „Hat Ihnen jemand ans Bein gepinkelt?“ … und schon ist ein locker-lustiger Ton angeschlagen.

im Text:
Hier der erste Abschnitt des Beinpinkel-Textes. Behalten Sie im Kopf, wieviel nüchterner man dieses Thema beschreiben kann. Achten Sie auf die Wortwahl und die Formulierungen:

Heute hat mir jemand ans Bein gepinkelt. Ich habe es nicht kommen sehen. Ich habe (nicht mal!) einen Anlass gegeben und fand mich plötzlich unter Beschuss und mit kruden Unterstellungen konfrontiert. Das Ganze war so absurd, dass ich ziemlich sicher bin, dass die Person einen schlechten Tag hatte. Inhalt war okay, aber die Form völlig daneben.

Nun passiert so etwas ja immer mal: Jemand pinkelt Ihnen bewusst ans Bein – oder es kommt zumindest bei Ihnen so an. Und jetzt?

Ignorieren?
Beleidigt sein?
Beim nächsten Mal zurückgeben?
Erstmal Funkstille?
Elefantenmäßig ins Langzeitgedächtnis packen?

Alles nicht das Gelbe vom Ei. Und wenn man sich wirklich ans Bein gepinkelt fühlt, ist Gelassenheit normalerweise vollkommen unmöglich (denn wenn Sie wirklich gelassen wären, würden Sie gar nicht in Pinkel-Vokabular denken).

Eine Taktik fahre ich hiermit schon mal: Wende das Ungute zum Guten, indem Du was draus machst …

eingestreute Ausrufe:
Auch Ausrufe zeigen ein Augenzwinkern. Vergleichen Sie:

Gestern habe ich zufällig einen früheren Kunden von mir getroffen.
Gestern gehe ich in den Supermarkt. Huch! Steht ein alter Kunde vor mir.

oder

Es ist mitunter ganz schön frustrierend, wenn sich Menschen nicht an Absprachen halten.
Ja Himmelarschundzwirn! Jetzt hat er das wieder nicht gemacht!

oder

Da scheint es ja einen Widerspruch zu geben.
Hoppla, das ist ja ganz schön widersprüchlich!

Das sind nur einige Beispiele, wie sehr sich das was und wie Sie es formulieren auswirkt. Nehmen sie es als Inpiration, bei Ihrem nächsten Text ein wenig zu spielen.

Ganz wichtig: Das gilt natürlich für alle Eigenschaften. Auch Kompetenz, Seriosität, Logik, Leidenschaft und und und können nach dem obigen Muster verstärkt werden.

Da meiner Erfahrung nach die meisten Menschen schriftlich deutlich nüchterner sind und daher oft etwas gestelzt schreiben, ist das eine schöne regelmäßige Fingerübung: Überlegen Sie sich, wie Sie mit verschiedenen Stilmittel und Vokabeln mehr Leben in Ihre Texte bringen. Das macht nicht nur Ihnen mehr Spaß, sondern Ihre Leser bleiben viel lieber dabei.