Standpunkt + Kritik

Wenn am Text herumgeändert wird

Die Berufsschreiber unter Ihnen dürften auf den Fall schon aufmerksam geworden sein: Der Autor Christian Jungblut hat einen Rechtsstreit gegen „GEO“ geführt, weil einer seiner Texte stark verändert und gegen seinen Willen mit seinem Namen abgedruckt wurde. Entscheidend für das Urteil war laut Blogbeitrag von Stefan Niggemeier

das „Urheberpersönlichkeitsrecht, das dem Urheber das Recht gibt, eine Entstellung oder eine andere Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten, die geeignet ist, seine berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen am Werk zu gefährden”.

Mehr zu diesem Fall, ein Interview mit dem Autoren und das Urteil sind hier verlinkt: Gericht erklärt „Geo”: Autoren haben Rechte

Das ist für mich das Stichwort, einmal über die andere Seite von Texteingriffen zu schreiben, mit denen Sie es zu tun haben, wenn Sie für Zeitschriften, Buchverlage aber auch für Kunden schreiben.

Denn das Ideal, dass ein weiterer Beteiligter – wie beispielsweise ein Lektor – den Text besser macht, gibt es keineswegs immer.

In den letzten zehn Jahren habe ich nicht nur zahlreiche Bücher geschrieben, sondern auch immer wieder Artikel in Zeitschriften veröffentlicht, allerdings zunehmend weniger. Und auch ich kenne den Fall, dass ich im Boden versinken mochte, was aus meinem Text gemacht wurde. Hin und wieder gerät man eben an Redakteure oder Lektoren, die einfach gerne selbst schreiben würden und das dann an fremden Texten ausleben.

Bei einer Zeitschrift war es so, dass eine Artikelserie mit Tipps zum Umgang mit dem Chef derart vereinfacht wurde, dass sie wirklich Kindergartenniveau hatte. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, dass sich Leser hier verarscht fühlten. Das Dumme: Mein Name stand drüber.

Auch unter meinen Büchern gibt es zwei, die nicht mehr meine Bücher sind. Das eine hat ein Lektor derart umgeschrieben, dass absolut nichts mehr von meinem Stil übrig blieb und so viel nach Herzenslust gekürzt, dass das eigentlich zu lange Manuskript plötzlich 20 Seiten zu kurz war! Das andere wurde ebenfalls schnell-schnell und ohne mich hinzuzuziehen an wichtigen Stellen gekürzt, dass ich es selbst nicht wiedererkenne und mich am liebsten distanzieren würde. Und das sind nur die Härtefälle. Es passiert leider sehr häufig, nur legt man sich mit der Zeit auch eine „Na gut, da kann ich jetzt nichts mehr ändern“-Haltung zu. Aus Loyalität zu den Verlagen nenne ich die Bücher nicht beim Namen.

Wenn Sie für Kunden schreiben, kennen Sie das auch: Sie geben sich Mühe, machen einen wirklich guten Text, achten beispielsweise auf Marktingregeln oder feine Pointen. Und dann kommt der Kunde und schreibt kantiges Zeug dazwischen, so dass der Text überhaupt nicht mehr funktioniert.

Noch schlimmer sind die Auftraggeber, bei denen mehrere Leute mitmischen wollen. Da geht dann ein Text durch mehrere Hände und jeder futzelt an irgendeiner Ecke rum, bis sich Ihnen der Magen umdreht.

Was tun?

1. Akzeptieren lernen, dass es in vielen Fällen so ist, dass Ihr Text nicht genau so bleibt wie Sie ihn geschrieben haben.

2. Die Gewissheit haben, dass das im Regelfall durchaus positiv ist. Das Ideal ist, dass Sie es gerade in Zusammenarbeit mit Verlagsmitarbeitern mit Profis zu tun haben, die ihr Handwerk verstehen und tatsächlich einen eingereichten Text besser machen als er vorher war. Als Autor, der mit seinen Texten auch nach außen gehen möchte, ist es wichtig, dass Sie lernen, Änderungen in Ihren Texten zuzulassen.

3. Sich darauf vorbereiten, dass mitunter Texte verschlimmbessert oder gar ruiniert werden.

4. Änderungen, die nicht in Ihrem Sinne sind, nicht einfach hinnehmen. In der Regel bekommen Sie Änderungsvorschläge oder vorgenommene Änderungen vorher gezeigt (auch nicht immer leider) oder man spricht mit Ihnen. Hier können Sie dann ein Veto einlegen, wenn Ihnen etwas besonders wichtig ist, dafür argumentieren oder eine eigene Alternative vorschlagen.

Seien Sie aber bitte kein schwieriger Autor, der auf jeder Kleinigkeit beharrt! Lassen Sie kleine Änderungen zu, akzeptieren Sie solche, die zwar etwas verändern, aber Ihre Aussage beibehalten, aber kämpfen Sie für das, was Ihnen wichtig ist!

5. Wenn, was leider auch vorkommt, jemand einen Text zu stark verändert, ist es manchmal gut, sich aus dem Auftrag zurückzuziehen – oder zumindest nicht erlauben, dass Ihr Name dabeisteht. Denn ein Text gilt immer auch als Arbeitsprobe und verhackstückte Texte werden immer Ihnen zugeschrieben. Ein Leser denkt überhaupt nicht daran, dass jemand anderer vielleicht dafür verantwortlich ist (und selbst wenn, könnte er es ja nicht erkennen, ob das in diesem Fall so war).

6. Es gibt Situationen, wo nichts mehr zu machen ist: Wenn der Text schon verkauft oder schnell-schnell in Druck gegeben ist. Wenn ein Kunde Ihren Text gekauft hat und nachträglich verändert. In diesen Fällen heißt es: tief durchatmen und es akzeptieren.

Leider kann man nicht nachträglich überall Aufkleber anbringen „Ich als AutorIn distanziere mich!“ Sie müssen damit leben, dass Texte da draußen mit Ihrem Namen herumschwirren, die Sie so nie gemeint haben (das gilt übrigens auch ganz besonders für Interviews, die Sie geben).

7. Ziehen Sie zumindest Konsequenzen für die Zukunft: Sprechen Sie mit dem Auftraggeber oder der Person, die zu stark eingegriffen hat, kappen Sie unter Umständen eine vorhandene Geschäftsbeziehung. Und schauen Sie, dass Sie bei künftigen Fällen Vorsichtsmaßnahmen treffen können: etwa darauf zu bestehen, dass man Änderungen vorher zeigt – oder mit Ihnen spricht, wenn Änderungen die Sprache oder den Inhalt stark verändern. Leider wird darauf nicht immer eingegangen, wie man an der Beschreibung des GEO-Falles überdeutlich sieht.