Schreibfluss

Schreibrhythmus und Ballkontakt

Stellen Sie sich vor, Sie fahren zu einem eine Stunde entfernten Badesee. Beim Starten des Wagens lassen Sie die Kupplung zu schnell kommen und würgen den Motor ab. Neuer Versuch. Jetzt geben Sie zu viel Gas und das Auto macht einen Satz vorwärts. Noch mal starten.

Endlich fahren Sie los. Erst fahren Sie im Schneckentempo, dann geben Sie kurz ganz viel Gas, nehmen die Füße von den Pedalen, drücken wieder auf die Tube. Jetzt fahren Sie rechts ran und bleiben einfach mal zehn Minuten stehen. Dann wieder anfahren. Sie steigen abrupt auf die Bremse. Sie geben wieder Gas. Sie fahren wieder rechts ran und machen eine halbe Stunde gar nichts. Dann weiter …

Nach Ewigkeiten kommen Sie so an Ihrem Ziel an. Sie sind völlig gestresst, angestrengt und alles andere als ausgeglichen. Von einem schönen Ausflug kann keine Rede mehr sein.

Genau so schreiben viele Leute:

  • Sie beginnen etwas, unterbrechen dann, lassen es Ewigkeiten liegen.
  • Sie wollen schnellschnell nach vorne preschen, ohne wirklich überlegt zu haben, was das Ziel, ihre Botschaft ist und wie sie den Text am besten strukturieren.
  • Sie setzen sich unter Druck, weil sie es hinter sich bringen wollen.
  • Oder sie geben sich viel zu viel Zeit, setzen aus, die Wochen ziehen ins Land, bevor sie sich nochmal völlig neu einlesen müssen.

Die Folge: Das Schreiben ist anstrengend. Es fließt nicht richtig. Und oft verliert man schlichtweg die Lust, sich schon wieder damit auseinanderzusetzen.

Rhythmus anstreben

Alles, was Sie im Leben wirklich KÖNNEN und was Ihnen leicht fällt, geht immer mit Rhythmus einher. Ich meine damit nicht, Rhythmusgefühl „von Haus aus haben“. Wenn Sie zum ersten Mal tanzen, können Sie bersten vor Rhythmusgefühl: In dem Moment, wo Sie erstmal damit zu tun haben, sich auf Schritte, Motorik und Ihr Gegenüber einzustellen, wird Ihnen ein Gefühl für Rhythmus natürlich helfen, aber Sie können es nicht sofort zu hundert Prozent einsetzen.

Nehmen Sie das Personal in einer gut gefüllten Kneipe: Sind die Leute aufeinander eingespielt, beherrscht jeder seinen Part und hat einen souveränen Rhythmus dabei, dann flutscht es.

Wenn Sie morgens einen stressfreien Ablauf haben – die Handgriffe sitzen, die Reihenfolge, in der Sie die Kinder wecken, wann Sie die Kaffeemaschine einschalten und zwischendurch gleich noch eine Ladung Wäsche in die Maschine stecken … auch dahinter steckt Rhythmus.

Souveränes, effizientes und leichtes Arbeiten ist immer dann möglich, wenn wir unseren Rhythmus finden.

Ein ganz wesentlicher Aspekt für so einen Rhythmus ist das Dranbleiben. Denn wie wollen Sie Ihre Arbeitsweise und Ihre Fähigkeiten einsetzen, ausbilden und Ihren Rhythmus finden, wenn Sie immer wieder bremsen, lange aussetzen und wieder neu anfahren?

Ballkontakt halten

Ganz viele Selbstständige machen beispielsweise aus ihrer Website ein Jahrhundertprojekt. Meistens nur, weil sie einfach nicht dranbleiben. Ich sage neuen Kunden immer: „Ihre Website ist eine Sache von wenigen Stunden. Wenn Sie dranbleiben, können Sie schon in wenigen Tagen Ihre Webtexte fix und fertig vor sich liegen haben.“

Jetzt gilt’s: Diejenigen, die wirklich dranbleiben, sind ratzfatz fertig. Dann gibt es diejenigen, die überlegen, nicht zu Potte kommen, anfangen, sich von einem Texter unterstützen lassen, der vielleicht sogar einen ersten Entwurf fix und fertig schreibt. Der bleibt dann wieder wochenlang liegen …

Darum ist die wichtigste Regel: Halten Sie Ballkontakt! Ein Fußballer würde nicht anfangen zu spielen und wenn er den Ball verliert, sich hinsetzen und Däumchen drehen. Er würde auch nicht lange überlegen, ob und wie er weitermachen soll. Er würde sich nicht lang und breit dafür schelten, dass er so blöd war, sich den Ball abnehmen zu lassen. Er schaut, dass er den Ball wieder bekommt. Er ist so schlau, den Ball gezielt abzugeben und wenn er ihn zurückgepasst bekommt, das Spiel voranzubringen.

Das ist aus mehreren Gründen für das Schreiben besonders wichtig:

➡ Sie bleiben in Übung.

➡ Sie bleiben „im Text“: Sie wissen genau, was Sie schon haben, was Sie prinzipiell mit dem Text erreichen möchten und sorgen mit dem Dranbleiben auch dafür, dass alles wie aus einem Guss klingt.

➡ Sie sind effizienter: Denn es gibt keine tage-, wochen- oder monatelangen Pausen, in denen Sie vielleicht sogar ein permanent schlechtes Gewissen haben oder Ihr Business blockieren, weil der Text wichtig für Ihr Marketing wäre.

➡ Sie haben mehr Lust am Schreiben.

Auch wenn die Art, wie Sie beim Schreiben vorgehen, individuell ist, so ist es bei den meisten Menschen so, dass sie die Lust verlieren, wenn sich etwas als zu langatmig herausstellt („Das schon wieder!“, „Immer noch nicht fertig!“, „Wo war ich nochmal genau?“).

Ein Text, den Sie immer wieder liegen lassen, bedeutet, dass Sie sich wieder und wieder damit befassen müssen. Sie müssen sich neu einlesen. Wieder einfinden. Eventuell erstmal versuchen, sich wieder dafür zu begeistern – was immer schwerer wird, wenn Sie etwas immer wieder liegen lassen.

Damit sind wir beim schnellen Schreiben. Sehr viele von meinen Lesern wünschen sich, schneller zu schreiben. Auch viele, die eigentlich gerne und sicher schreiben, brauchen oft sehr viel zu lange.

Schwung bekommen

Rhythmus und Ballkontakt sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass Sie Schwung ins Schreiben bekommen.

Darum empfehle ich immer:

1. Legen Sie klare Ziele für Ihren Text fest.

2. Machen Sie eine Struktur.

3. Hauen Sie dann SOFORT den ersten Entwurf in einem Zug runter. Bei kürzeren Texten oder Artikeln heißt das: schreiben Sie in einer Sitzung den kompletten Entwurf.

Bei längeren Projekten wie Seminarunterlagen, Webtexten oder einem Buch heißt es: halten Sie konsequent den Ballkontakt!