deine Leser

So filtern Sie sich unbemerkt Leser weg

Wenn Sie einen Artikel schreiben, dann überlegen Sie sich ein gutes Thema, Sie packen idealerweise richtig viel Nutzen für Ihre Leser rein – und vielleicht grübeln Sie länger über einer besonders neugierigmachenden Überschrift. Damit haben Sie prinzipiell die Aufmerksamkeit Ihrer Zielgruppe, doch jetzt geht es um die Wurst: Bleiben Ihre Leser dran? Lesen sie Ihren Text bis zum Ende durch?

Eine Hürde, die viele Autoren nicht genug im Blick haben, ist das unbeabsichtigte Wegfiltern möglicher Leser. Ich zeige Ihnen anhand fünf Filter-Fallen, wie es zu so einem Wegfiltern kommen kann.

filter

Filter Nr. 1: Ihr Thema ist (oder wirkt) zu speziell und daher nur für einen Bruchteil der Zielgruppe interessant

Gerade, wenn Sie regelmäßig Texte veröffentlichen, ist es wichtig, Ihre Leserschaft im Blick zu behalten. Natürlich ist nicht jedes Thema für jeden einzelnen Ihrer LeserInnen interessant, doch häufig sind es bestimmte Aufhänger, die ein Thema, das für viele interessant WÄRE, zu eng machen.

Ein früherer Newsletter von mir hatte mal den Betreff „Home-Office macht fett“. Dabei schildere ich, wie ich in zwölf Jahren Home-Office nach und nach einige Kilos angesammelt habe. Nun ging es mir hier aber nicht um ein Gewichts-Thema, sondern das war lediglich mein Aufhänger für die übergeordnete Thematik „Welche Nachteile können sich aus der Arbeit von zu Hause aus ergeben?“ Dieses Thema war für viel mehr meiner Leser aktuell.

Um die Leser bei der Stange zu halten, muss ich also sehr früh im Text klarmachen, worum es geht. Die offensichtlichste Möglichkeit wäre die Überschrift. Doch die wollte ich nicht ändern, denn erstens war sie knackig und frech – und zweitens fand ich sie neugierigmachend genug, dass auch Leute, die nichts mit dem Stichwort „Gewicht“ anfangen möchten, den Artikel zumindest anlesen würden.

Die Geduld Ihrer Leser, besonders im Internet, ist nicht besonders hoch! Und auch Newsletter trudeln in der Regel so gehäuft ein, dass sie nicht immer gelesen werden. Zuerst hatte ich den Text so begonnen:

Home-Office macht fett

Mich zumindest. Ich bin in den letzten zwölf Jahren schleichend schwerer geworden. Letztes Jahr war ich plötzlich bei 70 kg angekommen. Es ist ganz komisch für mich, das zu schreiben, weil ich Schwarz auf Weiß sehe, wie viele Kilos sich da angesammelt haben. Vor meiner Selbstständigkeit wog ich meistens um die 55 kg. Im Jahr habe ich also etwas mehr als ein Kilo zugelegt und weil man sich ja selbst jeden Tag sieht, ist dieses schleichende Mehrwerden ziemlich lange an mir vorbeigegangen. Bis mich die 7 auf der Waage so geschockt hat, dass ich den Rückwärtsgang eingelegt habe.

Der Übeltäter ist eindeutig: Das Home-Office …

Das ist nur ein einziger Absatz, aber er ist schon zu lange. Die Gefahr, dass mir hier die Leute aussteigen, die mit dieser Thematik nichts anfangen können, ist zu groß. Also habe ich die Erklärung, worum es mir geht, einfach weiter hochgezogen:

Home-Office macht fett

Mich zumindest. Ich bin in den letzten zwölf Jahren schleichend schwerer geworden.

Keine Sorge: Das wird kein Sport- und Ernährungsratgeber-Beitrag. Ich will trotzdem mal näher beleuchten, was das Home-Office genau damit zu tun hatte. Denn es ist ja nicht nur das Gewicht! Vielmehr geht es um eine wichtige Frage, die wir als Selbstständige im Fokus behalten müssen: Wie gut halte ich mich selbst im Blick?

Wie gut kümmere ich mich?
Wie sehr erhalte ich mir Zufriedenheit, Leistungsfähigkeit und sorge für mein Selbstvertrauen?
Und wie schnell steuere ich gegen, wenn ich merke, da geht etwas in meinem Business in eine ungute Richtung?

Das Gewicht ist hier nur ein Beispiel für viele andere Dinge, die in Ihrer Selbstständigkeit falsch laufen können, ohne dass es Ihnen bewusst ist … oder ohne dass Sie rechtzeitig handeln.

Letztes Jahr war ich also plötzlich …

Auf diese Weise mache ich das Thema schon nach dem ersten Satz „weiter auf“ und riskiere nicht, dass ich mir Leser wegfiltere.

Filter Nr. 2: Die Einleitung/Hinführung ist zu langatmig

Ein sehr weit verbreiteter Filter ist die Langatmigkeit. Sie kennen es selbst, wenn Sie bei einem Film ungeduldig vorspulen oder bei einem Buch einige Seiten überblättern bis endlich mal was passiert. Bei Texten – besonders im Internet! – wird meistens direkt aufgegeben und weggeklickt.

In meinen Workshops zeichne ich Teilnehmern immer farbig an, was Einleitung/Hinführung und was tatsächlicher Lesernutzen ist. Ganz oft stimmt hier der Anteil nicht: Viele Autoren schreiben eine Einleitung, machen ein Beispiel, führen aus, argumentieren, warum etwas so wichtig ist, untermauern das noch einmal. Und gerade da, wo es interessant WÜRDE, ist schon fast Schluss. Machen Sie das einfach auch: Wenn Sie einen Text im ersten Entwurf fertig gestellt haben, dann zeichnen Sie einfach mit roter Farbe an, was tatsächlicher handfester NUTZEN für Ihre Leser ist.

Achten Sie darauf, dass Sie schnell zum Punkt kommen. Je nach Länge Ihres Artikels kann es durchaus sein, dass Sie den einen oder anderen Aspekt etwas ausschmücken, aber hüten Sie sich davor:

  • viel zu lange Hinführungen zu machen
  • etwas wieder und wieder in anderen Worten zu sagen

Legen Sie den Schwerpunkt immer auf den konkreten Nutzen. Ihre Leser wollen wissen: Und jetzt? Was mache ich jetzt? Wie löse ich das?

Stellen Sie also entweder konkrete Lösungen schon relativ weit vorne – zum Beispiel schon in der Überschrift – in Aussicht oder/und kommen Sie IM Text zügig zu handfesten Informationen, Tipps und Übungen. Das sind die Dinge, die echten Mehrwert für Ihre Leser darstellen.

Filter Nr. 3: Missionieren oder klugscheißern

Niemand liest gerne Texte, bei denen der Autor auf einen herunterschreibt. Und doch passiert das manchmal ganz unbeabsichtigt. Zum Beispiel mit den Vokabeln „müssen“ und „sollten“. Das sind so schulmeisterliche Wörter, die Sie meistens wunderbar ersetzen können.

Die Faustregel ist: Schreiben Sie „müssen“ oder „sollten“ wirklich nur, wenn Sie so eine absolute Aussage dringend treffen wollen. Wenn ich also einen Text für Selbstständige schreibe und sage „Sie müssen akquirieren, ob Sie wollen oder nicht.“, dann kann ich das MAL machen. Auch kann man dosiert eine Empfehung mit „Sie sollten …“ umschreiben, doch meistens geht es anders sehr viel schöner.

für

  • Sie müssen sich zusammenreißen!

gibt es ganz viele unterschiedlichen Formulierungsalternativen:

  • Reißen Sie sich zusammen und …
  • Da ist Zusammenreißen angesagt!
  • Zusammenreißen ist nicht einfach, aber oft die bessere Strategie …
  • Hin und wieder lautet die Devise: Arschbacken zusammenkneifen!

Und damit sind wir schon bei einer wichtigen Anti-Klugscheißer-Lösung: Zeigen Sie Verständnis für Ihre Zielgruppe, besonders wenn Sie in einem Text über persönliche oder schwierige Themen sprechen!

Persönliche oder schwierige Themen sind alles, bei denen Ihre Leserschaft ein Problem haben könnte – der Umgang mit Kritik, ein Selbstmanagementthema (Entscheidungen treffen, Ziele setzen, gelassener werden, selbstbeweusster sein), Konflikte angehen etc. Solche Themen haben viel mit Selbsteinschätzung zu tun: Ich hadere mit …; etwas greift mich an; ich kann etwas nicht; ich weiß nicht, was ich tun soll; ich bin wie gelähmt; ich gerate immer wieder in Schwierigkeiten mit Sache X; ich werde total emotional (wütend, traurig, mutlos …).

Vergleichen Sie diese beiden Formulierungen:

Wir wissen es doch alle: Ausreden bringen nichts! Wir verzögern nur, was eh gemacht werden muss und es sitzt uns zudem im Genick. Also verbieten Sie sich künftig einfach, irgendetwas vorzuschieben und machen Sie sich an die Arbeit, getreu dem Motto „Was Du heute kannst besorgen“.

Natürlich stimmt alles, was da steht. Aber es wirkt zu einfach („Stell dich nicht so an!“) und geht damit am Leser vorbei, denn wenn es so leicht wäre, die Aufschieberitis zu kurieren, dass wir uns nur mal eben Ausreden verbieten und „es halt tun“, dann wäre ja alles in Butter! Wenn Sie Ihren Lesern also einen Artikel zum Thema Ausreden & Aufschieben präsentieren, bei der der Nutzen in einem „Halt den Mund und mach einfach“ besteht, dann werden die sich bedanken.

Tatsächlich haben Ihre Leser hier meist ein großes Problem. Denn das, was aufgeschoben wird, kann unser Leben ganz schön beeinträchtigen. Vergleichen Sie diese Version, die mehr Verständnis und weitere Aspekte reinbringt:

Ob es ein neues Ziel ist, das Sie sich setzen, ob es irgendeine Arbeit ist, die Sie dauernd vor sich herschieben oder ob Sie irgendjemanden in Ihrem Bekanntenkreis immer wieder mit irgendwelchen fadenscheinigen Begründungen vertrösten … Ausreden, auch vor sich selbst, sind wichtige Warnsignale. Irgendwas möchte man auf Biegen und Brechen begründen (schönreden), was man nicht so recht zugeben will. Nämlich, dass Sie etwas nicht tun möchten, sich etwas nicht zutrauen, möglicherweise sogar Angst davor haben oder oder oder

Wenn Sie so weitermachen und einfach mit den Ausreden leben, legen Sie sich selbst ein Ei. Denn entweder machen Sie sich buchstäblich etwas vor und handeln letztendlich gegen sich selbst – oder Sie haben zwar nach außen gute Argumente, innendrin wissen Sie jedoch ganz genau, dass etwas nicht stimmt und das kann ganz schön belasten. Schauen Sie deshalb immer genau hin, wenn Sie zum x-ten Mal eine Ausrede benutzen …

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Die Alternative ist ja so viel länger! Vielleicht habe ich den Platz dafür nicht!“ Das stimmt, doch dieses Beispiel soll Ihnen einfach den Unterschied zeigen, wie Sie Ihre Leser noch besser an die Hand nehmen können. Das geht natürlich auch kürzer, zum Beispiel:

Ausreden, auch vor sich selbst, sind wichtige Warnsignale. Irgendwas möchte man auf Biegen und Brechen begründen (schönreden), was man nicht so recht zugeben will – zum Beispiel, dass Sie etwas nicht tun möchten, sich etwas nicht zutrauen oder möglicherweise sogar Angst davor haben. Mit Ausreden legen wir uns fast immer selbst ein Ei. Schauen Sie deshalb immer genau hin, wenn Sie zum x-ten Mal eine Ausrede benutzen …

Filter Nr. 4: Etwas polarisiert – eine Methode, Aussage, Sprache

Nichts gegen polarisieren! Das sind oft sogar die erfolgreichsten Texte, gerade, weil sie die Leserschaft spalten. Dennoch ist natürlich wichtig, dass Sie als AutorIn merken, was Sie da tun. Polarisieren kann beispielsweise:

  • Sprache (z. B. Sie duzen Ihre Leser, „Frauen-/Männersprache“, Kraftausdrücke …)
  • eine unpopuläre oder krasse Meinung (z. B. alle Menschen sind hinterhältig, man sollte die Todesstrafe wieder einführen)
  • Stereotypen, besonders wenn Sie Leser dabei in eine Schublade stecken (z. B. „wir Frauen sind halt generell nah am Wasser gebaut“, „Männer können einfach nicht treu sein“, „Lehrer sind Besserwisser“, „alle Selbstständigen haben Existenzängste“)
  • eine Methode, Lehre oder ein Interessengebiet, das Sie in eine Schublade steckt
  • Religion

Mit Absicht zu polarisieren und in Kauf zu nehmen, dass Sie einen Teil Ihrer Leser dadurch möglicherweise wegfiltern (und andere umso mehr begeistern) ist kalkuliertes Risiko. Wenn Sie aber einfach eine Thematik rüberbringen möchten und Sie unbeabsichtigt mit einem Nebenschauplatz polarisieren, ist es manchmal besser, auf etwas zu verzichten oder umzuformulieren.

Filter Nr. 5: Sie nutzen zu enge Beispiele

Wenn Sie einen Text über Zeitmanagement schreiben und dabei immer von Angestellten sprechen, filtern Sie die Selbstständigen raus. Wenn Sie Kommunikationstipps geben und dabei als Beispiel nutzen, wie man mit seinen Teenager-Kindern spricht, filtern Sie die Kinderlosen raus. – Achten Sie also immer darauf, dass aus dem Kontext klar hervorgeht, wofür Ihr Text genau gedacht ist. Nutzen Sie als Beispiel immer etwas, das für die meisten Ihrer Leser relevant ist oder verwenden Sie je nach Textlänge unterschiedlich gelagerte Beispiele.

Wenn Ihre Kommunikationstipps für alle Situationen relevant sind, dann ist es vielleicht völlig unnötig, ein Beispiel mit Teenagerkindern zu konstruieren. Da reicht es oft schon, zu sagen „Bei einer Meinungsverschiedenheit …“ (weil egal ist, wer hier mit wem spricht).

Mögliche Filter fest im Blick

Das sind nur fünf mögliche Filter-Fallen, die Sie dafür sensibilisieren sollen, wie schnell es passieren KANN, dass Sie Leser schon im Einstieg oder während des Textes verlieren.

Wichtig ist einfach, dass Sie derlei Filter im Blick haben, denn hier gilt einmal mehr „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“: Wenn Sie beim Überarbeiten Ihres Textes erkennen, wo Sie Leser verlieren könnten, ist es Ihnen möglich, Passagen zu löschen, umzuformulieren oder einfach nur umstellen.