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Thema gefunden. Wille da. Und jetzt?

„Ein gutes Thema hab ich! Aber wo fange ich nur an?“ Wenn ich jetzt fragen würde „Blog-LeserInnen: bitte mal Hand hoch, wem es schon mal so gegangen ist“, dann bin ich ziemlich sicher, dass wir ein Händemeer sehen würden. Sie sind also bei weitem nicht alleine!

Die Kunst des Auswählens ist die wichtigste Autorenleistung, die die Leser in der Regel überhaupt nicht wahrnehmen. Die TeilnehmerInnen meiner Buchkonzept-Schreibwerkstatt kennen es besonders: Gar nicht so leicht, eine noch so gute Buchidee im Detail auszuarbeiten.

Doch egal, wie lange Ihr Text ist, ob es sich um ein Buch, einen Tipptext, eine Gebrauchsanweisung, einen Roman oder einen Marketingtext handelt: immer stellt sich die Frage, wie Sie das Thema denn jetzt nun wirklich anpacken.

Zwei Aspekte sind besonders wichtig, wenn Sie sich ans Schreiben machen:

1. Das Konkretisieren des Themas

Wieder und wieder erinnere ich Sie daran, für Artikel und Kurztipps ein Plankton-Thema zu wählen. Das hat den einfachen Grund, dass Sie nur dann die Möglichkeit haben, wirklich in die Tiefe zu gehen. Diese Tiefe

  • bewahrt Sie vor dem gefürchteten Frauenzeitschriftenniveau,
  • gibt Ihnen die Möglichkeit, auch altbekannte Themen anders/besonders/praxisnaher aufzugreifen,
  • gewährleistet höchsten Lesernutzen.

Sie würden also nicht sagen: „Mein Thema ist Bewerbung“ oder „Kochen“, sondern bereits in diesem Stadium das Thema schärfer bestimmen, zum Beispiel:

Bewerbung
– „Die wichtigsten Bestandteile einer Bewerbung“
– „Wie man mit Absagen umgeht“
– „Wie wirkt sich ein Studiumsabbruch aus?“

Kochen
– „So gelingt Ihnen das perfekte Rührei“
– „Blanchieren, dünsten, dämpfen: 10 elementare Zubereitungsarten“
– „Kochmut für Laien“

Tipp: In meinen Workshops drangsaliere ich meine TeilnehmerInnen immer damit, sich ein Thema auszuwählen und ein Brainstorming mit mindestens 10 (besser noch viele mehr!) Themenideen zu machen. Das schärft den Blick für die Vielfältigkeit von Themen und Sie bekommen ein Gefühl für den Umfang.

Wenn das Thema gefunden, abgeklopft und gegebenenfalls weiter konkretisiert ist, kommen wir zum Auswählen.

2. Wie hängen Sie Ihr Thema auf?

Dieses „Aufhängen“ ist die Konzeptionsphase, die viele nur zu gerne überspringen. Das ist ein Fehler! Nicht nur, weil das Schreiben länger dauert und Sie Gefahr laufen, dass Ihnen Ihr Thema unbemerkt wegkippt. Vor allen Dingen ist es ein Fehler, weil Sie eine wichtige Autorenfähigkeit nicht lernen: das vorausschauende Schreiben.

Ich sage immer „Schreiben ist ein bisschen wie Schachspielen, man muss gleich ein paar Züge weiterdenken“. Wenn ich ein Thema herunterbreche, denke ich gleichzeitig schon:

Was könnte man da schreiben?
Welche Passage ist zu komplex?
Wie könnte man das gut aufbauen?
Gibt X genug her?
Brauche ich da ein ausführlicheres Beispiel, eine Übung oder eine Checkliste?
etc.

Dadurch, dass ich seit über zehn Jahren bei jedem Text – auch bei kurzen! – immer immer immer vorher das Skelett mache, habe ich ein wahnsinnig gutes Gefühl entwickelt, was wie geht und was nicht und wieviel Platz ich brauche. Das erzähle ich Ihnen nicht, damit ich toll dastehe, sondern um nochmal einzuhämmern: Wenn Sie versierter, schneller und zielgerichteter Schreiben wollen, ist es wichtig, grundsätzliche Autorenfähigkeiten auszubilden. Dann können Sie davon nämlich auch massig profitieren!

Jetzt aber zurück zum Aufhänger:

Letzte Woche stehe ich verwirrt im Benetton-Laden: haben sie ihre Poloshirts kurioserweise quer aufgehängt. Sowas hab ich ja noch nie gesehen! Wie außergewöhnlich, ein richtiger Hingucker und man sieht ein tausendmal gesehenes Shirt aus einer völlig neuen Perspektive. Man kann sich jetzt streiten, ob das schön oder praktisch ist: es ist für mich ein guter Aufhänger zu Aufhängern. Denn wie Sie ein Thema aufhängen, gibt Ihnen einen klaren Rahmen vor UND Sie können Ihren Texten außerdem einen individuellen Stempel aufdrücken.

Es gibt zwei Varianten von Aufhängern:

Woran hänge ich meinen Text auf?
= Überschrift oder Einstieg, zum Beispiel eine Anekdote, eine Frage, ein Problem

Wie hänge ich mein Thema auf?
= Was kommt rein? Welche Struktur bekommt mein Text?

Relevant für das inhaltliche Aufhängen sind besonders diese beiden Kriterien:

Der Umfang

Der Umfang ist am ausschlaggebendsten dafür, wie Sie Ihr Thema aufhängen. Es ist ein großer Unterschied, ob Sie einen Kurztipp von einer halben A 4-Seite zur Verfügung haben oder drei Seiten.

Nehmen wir das Rührei. Ich schreibe Ihnen zu verschiedenen Längen je drei Alternativen. Das sind nur ein paar von unzähligen weiteren Alternativen:

„So gelingt Ihnen das perfekte Rührei“

… als Kurztipp:
geradlinige Anleitung zum Rühreikochen
oder
Der einzige Geheimtipp, den Sie wissen müssen, damit Ihr Rührei perfekt wird.
oder
Dos and Don’ts

Struktur eines längeren Artikels:
„So gelingt Ihnen das perfekte Rührei“
Rührei ist nicht gleich Rührei
Das Ei
Das Verrühren
Die Pfanne
Die Hitze
… mit etwas Gemüse?

oder:

Das perfekte Rührei! – Milch, Mineralwasser & mehr: Was es mit den üblichen Tipps & Tricks auf sich hat.
[hier werden dann alle Geheimtipps untereinander aufgelistet und kommentiert]

oder

„So gelingt Ihnen das perfekte Rührei“
Unterschätzen Sie das Rührei nicht!
[von wegen „das kann jeder“, gerade die simplen Gerichte haben es in sich: Hitze, Pfanne etc.] Butter, Margarine oder Öl – das ist hier die Frage!
[worin braten, wenn überhaupt] Gerührt oder geschüttelt?
[typische und außergewöhnliche Verrührvarianten mit Vor-/Nachteil] Pure Perfektion
[Anleitung, wie man das Ei perfekt hinbekommt] Herzhaft
[worauf es bei Wurst + Fleisch ankommt] Gesund
[welche Zutaten gut harmonieren und worauf es beim Braten ankommt]

Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie schreiben ein ganzes Kochbuch nur rund um das Rührei! Auch das geht, und es würde nicht mal langweilig.

Was der Text erreichen „muss“

Ich frage meine Kunden immer: „Was muss der Leser nach Lektüre Ihres Textes wissen/können oder tun?“ Wenn Sie diese simple Frage konkret beantworten, haben Sie damit schon den Maßstab für den Inhalt gelegt.

Es ist ein Unterschied, ob ich sage:

– Nach meinem Text soll der Leser in die Küche gehen und sich mal eben das perfekte Rührei nachkochen können.

oder

– Meine Leser sollen nach dem Lesen
a) Lust aufs Kochen bekommen (sowohl die Laien als auch die Profis)
b) überraschende Neuigkeiten über das Rühreibraten bekommen haben
c) wissen, welche Zutaten sich gut für ein Rührei eigenen und in welcher Reihenfolge man sie hinzugibt, damit nichts anbrennt oder komisch schmeckt

Wenn Sie drauflosschreiben und hoffen, dass sich diese Ziele automatisch irgendwie in Ihrem ersten Entwurf wiederfinden, dann ist das ein Glücksspiel, das meistens nicht auf Anhieb gelingt. Machen Sie sich also immer gleich zu Beginn ein klares Bild, wie viel Umfang Sie zur Verfügung haben und was Ihre Leser wissen/können oder tun sollten. Das ist die ideale Ausgangslage, um die Struktur zu finden, an der Sie den Text am besten aufhängen.