Deine Leser

Leser sind immer unterschiedlich

Natürlich wünschen wir uns alle, dass unsere Texte gut ankommen, und wenn das nicht so ist, kriegen wir manchmal die Krise: “Ihr Kind ist ein Arschloch!” – Vom Umgang mit Kritik– Erst recht, wenn sich jemand öffentlich beklagt. Das Internet ist für Autoren in dieser Hinsicht wirklich Fluch und Segen: Früher hat man im Freundeskreis rumerzählt, was man gut und nicht gut findet – jetzt ist das Internet ein Riesensprachrohr. Das ist wunderbar, wenn Ihr Werk mit Lob überschüttet wird, aber es ist umso härter, wenn man es verreißt. Zumal Kritik nicht immer sachlich ist.

Eines meiner Bücher hat auf amazon.de sechs Bewertungen bekommen: Von voller Punktzahl bis zu einem Stern ist alles vertreten.

Auch wenn ich wie jeder andere traurig bin, wenn ein Buch schlecht bewertet wird, mag ich genau dieses Bewertungsspektrum total gerne. Denn es zeigt die Realität:

  • Es gibt nicht „die Leser“.
  • Man kann es nicht jedem recht machen, und das sollte man auch nicht versuchen.
  • Alles hat sein Publikum.

Dafür sind folgende Kriterien ausschlaggebend:

Wissensstand

Ganz egal, ob es um ein Fachbuch über das Klöppeln, Nanotechnologie, Kuchenbacken, Yoga oder Kommunikationstechniken geht: Unsere Leser haben immer einen unterschiedlichen Wissensstand.

Wissensstand meine ich hier im weitesten Sinne: Einerseits echtes Wissen, andererseits aber auch angelesenes Wissen. Alleine, wenn man in einem bestimmten Bereich einfach schon viel gelesen hat, baut sich ein „Weiß ich schon“-Effekt auf. Auch wenn die Person kein Detailwissen hat oder dieses Wissen nie umsetzt.

Ich habe für meine frühere Website Berufs- und Karriereseite immer wieder nach Buchtipps für meine Leser gesucht und darum viele einschlägige Ratgeber gelesen. Wenn ich heute in eine große Buchhandlung gehe, bin ich oft ratgebermüde: Ich klappe auf, lese im Inhalt die üblichen Verdächtigen und klappe das Buch sofort wieder zu. Manchmal rolle ich dabei mit den Augen.

Sind diese Bücher deswegen schlecht? Keineswegs. Der Nächste klappt das Buch auf und es ist für ihn eine Offenbarung! Der Übernächste findet es zumindest eine wertvolle Ergänzung zu dem, was er schon weiß. Und der Überübernächste ist überrascht, dass dieses Buch das, was er bisher zu wissen glaubte, über den Haufen wirft.

Erwartungen

Ob man ein Buch – oder einen Text – für gut befindet, hängt auch von den Erwartungen ab, die man so an die Lektüre hat. Das können geweckte Erwartungen sein, zum Beispiel durch eine Überschrift oder eine Einführung. Gehen Sie mal in den Zeitschriftenladen und schauen Sie, wie viele auf dem Titel versprechen „Flacher Bauch in nur 3 Tagen!“, „Nie mehr Stress mit diesem 2-Minuten-Programm!“, „5 Tipps, mit denen Sie jetzt Ihren Traumpartner finden!“

Wenn Sie einem Text (einem Vortrag oder Training) eine besonders griffige – oder gar reißerische – Überschrift geben, dann prüfen Sie ganz genau, ob Sie die aufgebauten Erwartungen auch einhalten können. Sonst enttäuschen Sie Ihre Käufer.

Es können aber auch Erwartungen sein, die jemand sich einfach zusammenreimt. Wenn sich jemand ein kleines Pocketbüchlein für 7 Euro kauft und die Erwartung hat, dass darin genauso viel steht wie in einem Handbuch für 40 Euro.

Meinen absoluten Favoriten habe ich, glaube ich, schon mal erzählt: Bei amazon hat jemand ein Buch über Depressionen schlecht bewertet, weil „ich das Buch jetzt durchgelesen habe, aber noch immer an einer Depression leide!“.

Geschmackssache

Schließlich haben wir alle unseren eigenen Geschmack. Gefällt mir der Schreibstil, stimme ich der Grundrichtung des Textes zu, ist mir der Schreiberling sympathisch?

Dazu kommen auch noch ganz bestimmte Eigenheiten zu Dingen, die man persönlich einfach nicht leiden kann. Ich beispielsweise kann Texte nicht lesen, in denen:

  • Namen wie „Karla Klug“ und „Ludwig Langweiler“ stehen
  • mir Tiere als Manager verkauft werden
  • ständig irgendwelche erfundenen Geschichten oder Märchen vorgesetzt werden, anstatt einfach zum Punkt zu kommen

Bei längeren Texten finde ich es zudem unerträglich, wenn ich geduzt werde. Ein Buch, das mich konsequent duzt, kaufe ich nicht.

Sind diese Stilmittel deswegen ungut? Natürlich nicht! Genauso wie ich Ananas nicht gerne esse und freiwillig keine Volksmusik anhöre, möchte ich einfach bestimmte Dinge nicht gerne lesen. Wenn Sie diese Stilmittel gerne nutzen, ist das wunderbar! Es gibt genug Leute, die genau das ebenso schön finden wie Sie. Aber erwarten Sie nicht, dass es jeder gut findet.

Was brauche ich gerade?

Ein weiterer Aspekt, warum Leser unterschiedlich reagieren, ist auch, was sie gerade brauchen. Es gibt viele sehr simpel aufgebaute und leicht durchschaubare Krimis oder Liebesromane, die Riesenbestseller werden. Warum? Weil leichte Kost auch eine schöne Sache ist! Man will einfach mal gut unterhalten werden, ohne großartig mitzudenken. Einfach nach der Arbeit noch ein wenig lesen oder am Strand, wenn die Sonne knallt, ein Buch reinziehen.

Oder umgekehrt: Leser möchten gefordert werden, etwas völlig Neues erfahren, sich über kniffligen Infos den Kopf zerbrechen.

Bei Tipp-Texten oder Ratgeber-Büchern ist es manchmal auch einfach das Verständnis: Ja, das geht anderen auch so. Ich bin nicht alleine mit meinem Problem. Ich bin kein hoffnungsloser Fall.

Seien Sie sich immer dessen bewusst, dass es DIE LESER nicht gibt, sondern dass es sich hier immer um Einzelpersonen handelt, die unterschiedliche Vorlieben, Bedürfnisse und Erwartungen haben. Dann können Sie schon beim Schreiben darauf Rücksicht nehmen. Vor allen Dingen aber brauchen Sie nicht in Selbstzweifel zu verfallen, wenn jemand Ihr Werk mal nicht so super findet.