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Brainstorming: Auf zum Ideenhagel! (Teil 3)

Wir haben uns über typische Ideenverhinderer unterhalten und über die Form gesprochen. Jetzt heißt es, die Schleusen zu öffnen!

1. Stellen Sie die richtige Frage!

Mit der „richtigen Frage“ ist gemeint, dass Sie sich eine konkrete Aufgabe stellen. Das bewahrt Sie auch davor, dass Sie vorschnell ein Brainstorming versuchen, obwohl die Sache, um die es geht, noch gar nicht in diesem Stadium ist (siehe Teil 1).

Bei komplexeren Themen ist es zudem gut, verschiedene kleinere Brainstormings zu machen, weil Sie dadurch mehr brauchbare Ideen generieren.

➡ Statt eines Brainstormings zu „Kundenbindungsmaßnahmen“ könnten Sie zwei Brainstormings machen, zum Beispiel „Ideen für höhere Kundentreue“ und „Zusatzleistungen, die Mitbewerber nicht haben“.

➡ Statt eines Brainstormings „Seminartitel Schlagfertigkeitskurs“ könnten Sie zwei Brainstormings machen „Titel“ und „Untertitel“. Auf diese Weise können Sie Ihr Gehirn auf reißerische, attraktive Haupttitel fokussieren – und wissen gleichzeitig, dass Sie in einem zweiten Brainstorming erklärende Untertitel, worum es im Seminar geht, finden werden.

➡ Sie können auch von Haus aus zwei gegenteilige Brainstormings durchführen. Einmal „Kundenbindungsmaßnahmen“ und zur gleichen Zeit auf einem separaten Zettel „Kundenvertreib-Maßnahmen“. So können Sie sich gegenseitig befeuern und können später in der Auswertungsphase dann von der Gegenteilmethode nochmal doppelt profitieren.

2. Finden Sie so richtig viel

Oberstes Gesetz ist MASSE. Sie wollen richtig, richtig viel finden. Das dürfen ähnliche Ideen sein, die Wortwahl darf sich auch nur minimal verändern. Es kommt nicht darauf an, dass jede Idee großartig oder geschliffen formuliert ist und es ist vor allen Dingen in dieser Phase völlig gleichgültig, für wie gut Sie den Einfall erachten.

Wenn ich Kunden von mir ein Brainstorming „aufgebe“, dann sage ich immer: Finden Sie 100 Ideen. Mindestens.

Bin ich mit ihnen am Telefon, höre ich an dieser Stelle die Schnappatmung. :mrgreen: Huuundert?!!!! Ja. Mindestens.

Der Grund ist ganz einfach: Die allermeisten Menschen hören viel zu früh auf. Die guten Ideen kommen aber nicht am Anfang. Und sie kommen auch selten perfekt „mal eben“ raus. Die wirklich guten Ideen kommen aus dem Auswerten einer riesigen Ausbeute an Einfällen, wie wir im nächsten Teil besprechen.

Das Schöne ist, dass Sie mit der Aufgabe „Quantität“ spielen können:

  • Sie können sich, wie ich, ein hohes Zahlenziel setzen – zum Beispiel 100 Ideen.
  • Sie können aber auch damit experimentieren, auf Zeit zu setzen: Sich eine Eieruhr auf 10 Minuten zu stellen und in diesen zehn Minuten nonstop (!) wie verrückt zu schreiben, schreiben, schreiben mit dem Ziel in diesen zehn Minuten so viele Ideen am laufenden Band zu generieren wie möglich. Das schafft jede/r, wenn Sie alle anderen Tipps hier im Artikel auch wirklich beachten!

Die Zeitaufgabe ist übrigens oft auch ein guter Schutz vor dem Bewerten, denn wenn Sie sich an das NONSTOP SCHREIBEN halten, haben Sie gar keine Zeit zum Nachdenken.

Wenn es stockt, dann halten Sie sich ja nicht damit auf, dass es stockt, sondern
➡ schauen Sie an, was Sie schon haben und setzen Sie daran auf,
➡ finden Sie gezielt eine ähnliche Idee
➡ oder verkehren Sie eine gefundene Idee ins Gegenteil.

Oft bringt man das Gehirn auch mit einem Synonym auf die Sprünge. Wenn Sie zum Beispiel über „Kundenzuckerl“ nachdenken und schon was mit Rabatt dastehen haben, können Sie überlegen: Nachlass, Geld geben, Geld zurück, Geld-zurück-Garantie, was schenken, Gutschein … Sie sehen: so flutscht es!

Sie können auch mit anderen gemeinsam ein Brainstorming machen. Einer oder zwei Leute schreiben, die anderen generieren Ideen. Der, der schreibt, sollte bei Ideenpausen die Flipchart betrachten, schweigen und abwarten bzw. auffordern „Was noch?“, das regt die Leute dazu an, weiterzumachen, auch wenn die Ideen zwischendurch tröpfeln.

3. Alles zulassen heißt auch alles zulassen!

Das ist eine der Grundregeln, die wir alle kennen, die aber enorm oft nicht eingehalten wird. Wir neigen einfach dazu, oft direkt bewerten zu wollen. Und je klarer Sie sich sonst im Leben eine Meinung bilden und feste Standpunkte haben, desto mehr kommt Ihnen diese ansonsten gute Fähigkeit hier in die Quere.

Wenn Sie zu dieser Sorte Mensch gehören oder wenn Sie jemand sind, der zur Perfektion neigt, dann konzentrieren Sie sich vor dem Brainstorming explizit auf diesen Punkt: „Jetzt bin ich in der Ideenfindungsphase. Ich begrüße alles, was kommt. Später dann habe ich genug Gelegenheit, Ideen auszumisten, näher anzuschauen oder darüber zu lachen. Aber in dieser Phase heißt Perfektion VIEL und VIELSEITIG FINDEN.“

Sie lassen also zu: Ähnliches, Halbgares, Unrundes, Kantiges, Absurdes, Lachhaftes & Co.

Wissen Sie, wie der Name Schreibnudel entstanden ist?

Ich habe Domainnamen gesucht und alle nahliegenden, „guten“ Domains wie schreibworkshops.de waren schon vergeben. Das hat mich so genervt, dass ich voller Wut den ersten Schmarrn eingegeben habe, der mir eingefallen ist: schreibnudel war in allen Variationen frei. Ich habe mich totgelacht, es verworfen und weitere Firmennamen überlegt. Bis ich etwas später gedacht habe: „Warte mal! Schreibnudel ist perfekt! Es ist lustig, es passt total zu mir, man kann es sich super merken. Es ist tausend Mal besser, als die seriösen Varianten!“

Natürlich ist es nicht immer so, dass man absurde Varianten nimmt. Aber erstens weiß man es oft nicht … und zweitens führen besonders die abstrakten und außergewöhnlichen Einfälle das Gehirn auf neue Pfade. Damit ist jede abstruse Idee wertvoll, weil sie den Ideenprozess anfeuert, einen durch Gelächter locker macht und motiviert. Vor allen Dingen aber zeigt sich bei der Auswertung des Ideenreichtums oft, dass eine Kombination oder der Kern einer absurden Idee wahres Gold ist.

4. Bleiben Sie unbedingt trotzdem fest auf Kurs.

Erinnern Sie sich noch, dass ich Ihnen im zweiten Teil geraten habe, einen Parkplatz für Querschläger-Ideen einzurichten? Das ist der eine Aspekt, um auf Kurs zu bleiben.

Aber: Auf Kurs bleiben heißt auch,
➡ dass Sie sich auf die Ursprungsfrage fokussieren
➡ und dass Sie sich nicht inhaltlich oder vom Stil her das Thema wegkippen lassen

Das geht nämlich ganz schnell, wenn man sich an einem Einfall zu sehr verbeißt.

Ein kleines Beispiel: Ein Trainer sucht einen Titel für ein Schlagfertigkeitsseminar. Er fängt an, und natürlich fallen ihm erst die naheliegenden Sachen ein.

Es ist wichtig, dass Sie die naheliegenden Ideen aufnehmen und nicht gleich mit „langweilig“ überspringen wollen. In allen unseren Köpfen sind die naheliegenden Ideen ganz vorne (siehe auch: Die Sache mit der Austauschbarkeit).

Er beginnt also damit:

– Nie mehr sprachlos.
– Sprachlosigkeit ade.
– Immer wissen, was sagen
– Kontert.
– Gut gekontert.
– Gekonnt kontern.
– Wehr dich mit Worten!
– Reden ist Silber. Schweigen ist Gold.
– Reden ist Gold.

Ist das Offensichtliche durch, kommt er auf diese Ideen:

– Schwarzer Gürtel im Reden.
– Kommunikations-Schwarzer-Gürtel
– Worte-Karate
– Worte-Judo
– Judoka
– Siegen
– Sieger sein
– Auf die Matte legen
– Wettkampf
– Erster

Sehen Sie, was gerade passiert? Jetzt kippt ihm das Thema weg: Denn er hat sich auf Judo, Karate etc. zwar eingelassen, aber assoziiert jetzt irgendwelche Ideen und Begriffe. Das führt in den Wald, weil es von der Ursprungsaufgabe „Einen Titel für ein Schlagfertigkeitsseminar wegführt“, wenn er nur noch Einzelwörter bringt, die sich an einem Einfall einhaken, aber immer weniger mit dem Thema selbst zu tun haben. Die Ausbeute ist dann zwar immer noch groß und man kann mit einzelnen Ideen sicherlich später was anfangen, aber lange nicht so viel, wie wenn man enger an der Ausgangsfrage bleibt.

Ein anderes Wegkippen ist der Stil. Sagen wir, unser Trainer macht so weiter:

– Schlagfertig. Immer wissen, was tun.
– Immer wissen, was sagen.
– Immer kontern können.

Soweit so gut: Hier setzt er auf bisherigen Ideen auf, variiert ein wenig. Aber wenn er das jetzt zwanzig Mal so weiter macht, dann kippt ihm das Brainstorming auch weg, denn dann verbeißt er sich an stilistisch ähnlichen Varianten. Wenn er 100 Varianten findet, aber 20 extrem ähnlich sind, verbaut er sich die Ausbeute. Darum ist es immer gut, sich nach einigen ähnlichen Varianten gezielt auf ein neues Gleis zu setzen. Zum Beispiel, indem er eben nach einem Synonym schaut oder eine frühere Idee – zum Beispiel das mit dem Silber und Gold nochmal aufgreift oder ins Gegenteil verkehrt:

– Reden ist Blech.
– Rede kein Blech.
– Sei nicht eingerostet, wenn es ums Kontern geht.

Sie sehen schon an diesen spontanen wenigen Ideen, wie breit und lebendig ein Brainstorming sein kann, wenn man sich hierhin und dorthin führen lässt – und gezielt das Gehirn auf solche Spuren setzt.

Und Sie sehen an einigen dieser Beispiele auch schon, was es heißt, in dieser Phase wirklich alles zuzulassen. Natürlich würde man „Sei nicht eingerostet, wenn es ums Kontern geht“ niemals so benutzen. Aber es geht nicht um Schönheit und Formulierungen, es geht um die ergiebigen Ideen, die DARIN stecken. Darum bleibt es erstmal so unfertig stehen.

5. Spendieren Sie sich noch eine Runde … und noch eine …

Ein Brainstorming sollte immer in mehreren Runden erfolgen. Das kann in einer „Sitzung“ sein, das heißt, Sie finden so viele Ideen, wie möglich und wenn Ihnen nichts mehr einfällt, dann hören Sie auf keinen Fall auf! Sondern bleiben Sie sitzen und nehmen Sie mindestens die zweite Gedankenwelle mit.

Noch besser ist es, intensiver dranzubleiben. Erst recht, wenn Sie etwas äußerst wichtiges brainstormen, zum Beispiel einen Firmennamen oder Slogan.

  • Schlafen Sie buchstäblich drüber. Legen Sie sich einen Block neben das Bett.
  • Breiten Sie, wie im vorhergehenden Teil empfohlen, alles auf dem Boden aus.
  • Legen Sie es auf den Wohnzimmertisch und ergänzen Sie Ihre Ideen, wann immer Sie dran vorbeigehen.
  • Spannen Sie eine Schnur quer durch den Raum und hängen Sie Ihre bisherigen Ergebnisse wie an einer Wäscheleine dran auf, so dass Sie sie immer im Blick haben.

Das Schöne ist, dass unser Gehirn für uns arbeitet! Darum rattert es auch ständig im Hintergrund weiter, wenn Sie damit angefangen haben. Auch wenn sie zwischendurch gar nicht bewusst dran denken. Brechen Sie also so ein Brainstorming niemals vom Zaun!

… und haben Sie vor allen Dingen Spaß dabei. 🙂

Seien Sie neugierig, was Ihnen so alles aus dem Kopf fällt. Spielen Sie sich mit einem etwas fremden Stil, wenn Sie beispielsweise sonst recht korrekt und durchdacht sind, dann machen Sie ein Brainstorming, bei dem Sie sich die Aufgabe stellen, verrückte Ideen und einen besonders lockeren Stil auszuprobieren. Denken Sie dran: Wir sind in Phase 2. Ideen finden aller Art. Erst in der nächsten Phase geht es um das kluge Auswerten der Ergebnisse:
Goldschürfen, schlaues Kombinieren und der Ideen-Wertstoffhof. Das sehen wir uns im nächsten Teil an.

Teil 1: Sie brainstormen falsch!
Teil 2: Brainstorming: Wählen Sie die richtige Form
Teil 4: Die Ergebnisse verwerten