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Die Verpackung des Banalen

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten im Einzelhandel. Im Pausenraum blättern Sie eine aktuelle Fachzeitschrift durch und sehen einen Artikel mit Tipps zum Umgang mit Kunden: Grüßen Sie Kunden, machen Sie ein freundliches Gesicht, … Na super, dass mir das mal jemand sagt. – Sie pfeffern die lächerliche Zeitschrift in die Ecke. Immer diese dampfplaudernden Möchtegernexperten mit ihren Binsenweisheiten!

Banal oder nicht banal – das ist die Frage

Ganz egal in welcher Branche Sie sind, ob Sie für Fachpublikum oder Laien schreiben: „Banalitäten“ kommen immer wieder vor. Der Grund: Das vermeintlich Banale ist oft alles andere als banal. Oder begegnet Ihnen etwa in den meisten Läden freundliches Personal, das Sie aufmerksam wahrnimmt und zugänglich wirkt?

Gerade die Grundlagen werden häufig nicht beachtet.

Damit sind wir auch schon bei der bekannten Maxime: Wissen ist nicht automatisch anwenden. Beim Lesen ist unser erster Impuls jedoch meistens ganz simpel. Erfahre ich hier was Neues oder kenne ich es schon?

In dem Moment, wo Leser das Gefühl haben, Altbekanntes zu lesen, verblasst die Aufmerksamkeit. Verspricht der Text nichts Wichtiges, Interessantes zu liefern, steigen die Leute aus. Immer. Also ist es für Sie als AutorIn wichtig, besonders bei den Grundlageninformationen aufzupassen.

Hier einige Anregungen, wie Sie mit Banalitäten in Tipp-Texten umgehen können:

Gehen Sie bei „gefühlten Banalitäten“ in die Offensive.

Eine „gefühlte Banalität“ ist etwas, das der Leser sofort abhakt – entweder, weil er es kennt oder weil er es als Binsenweisheit abtut. Wenn sich im Laufe des Textes klärt, dass es alles andere als banal ist und Sie Ihre Leser einfach erst mal dazu bringen möchten, dass sie weiterlesen, dann gehen Sie in die Offensive. Das können Sie je nach Stil ganz unterschiedlich machen, zum Beispiel:

  • Ich weiß, dass Sie wissen, dass …/Wir wissen beide, dass  …
  • Jaja, ich sehe Sie schon mit den Augen rollen, wenn ich Ihnen sage, dass gutes Zuhören wichtig ist. Lesen Sie trotzdem weiter, Sie werden überrascht sein, was alles zum Zuhören gehört!
  • Wenn wir über wirkungsvolles Telefonieren sprechen, kommen wir nicht um ein paar vermeintliche Selbstverständlichkeiten herum. Da müssen Sie jetzt durch!

Bringen Sie „banale“ Tipps mit einem Augenzwinkern

Sagen wir, ein Computerfachmann schreibt einen Tipp, was man tun kann, wenn der Drucker plötzlich nicht mehr druckt. Wenn er jetzt eine nüchterne Liste schreibt, auf der als erstes kommt: „Schauen Sie, ob der Stecker drin ist.“, dann kann das befremden. Erst recht, wenn der Rest der Liste ebenso nüchterne Statements sind.

  • Mit einem Smiley ist es schon weniger schlimm:
    1. Schauen Sie, ob der Stecker drin ist. 😉
  • Der Computermensch könnte aber auch einleitend sagen:
    Auf die Gefahr hin, dass Sie eine Voodoopuppe von mir basteln, ist der erste und wichtigste Tipp: Ist auch wirklich Strom drauf?
  • … und wenn es stimmt (nur dann!), kann er auch zugeben, wenn ihm etwas Ähnliches selbst schon mal passiert ist. Wir sind alle nur Menschen, und selbst der größte Fachmann hält sich nicht immer an Selbstverständlichkeiten:Bitte prüfen Sie immer den Stecker! Auch mir ist es schon passiert, dass ich einen Fehler gesucht und erst hinterher gesehen habe, dass der Stecker draußen war.

Ködern und appellieren Sie

Das kennen Sie von meinen Texten, weil ich das gerne mache. Übrigens nicht als reine Taktik, sondern weil es meine Überzeugung ist:

  • Gute Leute hinterfragen sich.
  • Bitte tun Sie gerade solche Grundlagen nicht als selbstverständlich ab, sondern schauen Sie immer: Mach ich das auch? Inwiefern kann ich das, was ich weiß und gut kann, noch verbessern?
  • Tipps liefern nicht nur neue Anregungen, sondern bieten auch wertvolle Bestätigung. Wenn Sie jetzt denken, dass Sie das alles schon wissen und können. Umso besser: Überprüfen Sie sich!
  • Wenn Sie jetzt nicken, weil das für Sie selbstverständlich ist: Gratuliere! Da haben Sie vielen Kollegen eine Menge voraus, denn …
  • Es ist wie in der Musik: Nur wer sein Instrument beherrscht, spielt gekonnt und kann sicher improvisieren.

Konkretisieren, damit die Komplexität deutlich wird

Das ist der wichtigste Tipp überhaupt! Mitunter wirken Tipps nämlich tatsächlich zu banal, weil sie zu sehr an der Oberfläche bleiben.

Das wiederum ist der Fluch der Fachleute: Als Fachkraft kennen Sie die zahlreichen Facetten einer Sache. In Ihrem Kopf fächert sich ein Thema irrsinnig auf. Sie haben sofort eine Flut an Werkzeugen, typischen Problemen und Stolperfallen, verschiedenen Perspektiven und und und parat. Der Leser im Regelfall nicht.

So kann es gut sein, dass Sie von „gutem Zuhören“ reden und darunter eine riesige Bandbreite an Eigenschaften, Fähigkeiten und Signalen verstehen. Der Leser liest aber nur „Zuhören“, weil nicht mehr dasteht.

Sagen Sie konkreter, was Sie meinen. Sprechen Sie an, wenn eine Sache häufig unterschätzt wird und machen Sie die Komplexität dadurch klar.

Zeigen Sie die Konsequenzen auf

Eine weitere ganz wichtige Sache, um die Komplexität und Wichtigkeit hervorzuheben ist es, die Konsequenzen aufzuzeigen (oder an eigene Erfahrungen zu erinnern):

Indem Sie, wie ich es oben gemacht habe, die Leser überlegen lassen: Wie ist das eigentlich? Wie sind meine Erfahrungen, zum Beispiel zur Freundlichkeit von Verkäufern?

Oder indem Sie den Zusammenhang verdeutlichen. Sagen wir, der „banale“ Tipp ist, Dinge, die einen stören sofort anzusprechen. Wenn das alleine stehen bleibt, ist es unspektakulär. Wenn man aber verdeutlicht, welche Konsequenzen sich ergeben, wird es schon komplexer:

Die Kollegin dreht das Radio laut auf. Das stört sie. Sie sagen aber nichts, denn Sie verstehen sich gut mit ihr und wollen das Klima nicht unnötig belasten. Alles halten Sie das Radio aus. Das ändert allerdings nichts daran, dass es sie nervt.  Mit der Zeit werden sie innerlich immer wütender. Sie können sich nicht mehr konzentrieren. Sie sind total sauer auf die Kollegin. Wie kann man nur so rücksichtslos sein! Unausgeglichen blaffen Sie einen anderen Kollegen an. Endlich Feierabend. Auf dem Weg zur U-Bahn ziehen Sie eine miesgelaunte Fresse. Daheim schimpfen Sie über die Kollegin, und morgen dasselbe von vorne. Irgendwann ist der Groll so groß, dass es gar nicht mehr möglich ist, ein normales Gespräch zu führen. Und wenn Sie es dann doch irgendwann ansprechen sollten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie explodieren.

Überprüfen, ob Sie die Banalität überhaupt brauchen

Schließlich ist es wichtig, zu schauen, ob Sie die Banalität – zumindest in dieser Form – überhaupt brauchen.

Es ist schon gut, Ihre Leser nicht zu überschätzen. Denn nicht jeder hat einen ähnlichen Wissensstand oder versteht alles genau so, wie Sie es gemeint haben. Auch spielt die Persönlichkeit und in vielen Fachgebieten das persönliche Umfeld eine Rolle. Es ist aber genauso wichtig, Ihre Leser nicht zu unterschätzen!

Gerade bei Fachpublikum haben die meisten einen einschlägigen, oft sehr umfangreichen Erfahrungs- und Wissensschatz, auf dem Sie aufsetzen können. Man muss nicht immer bei Adam und Eva anfangen. 🙂

Das, was wirklich klar ist, kann man weglassen, einfach nebenbei erwähnen, ohne es groß auszuwalzen oder gar als Tipp zu präsentieren. Sie können es auch souverän mit einem „Ich muss Ihnen nicht sagen“ einbinden.

Meine Beobachtung in Coachings und Workshops ist übrigens, dass Fachleute oft ihr Wissen und Tipps zu sehr zurückhalten. Manchmal absichtlich aus Sorge, zu viel zu verraten. Oft aber, weil sie mit einem Text einfach zu sehr an der Oberfläche bleiben.

Stellen Sie sich beim Schreiben immer Ihre Leser vor. Für die ist gerade bei Tipp-Texten immer wichtig zu wissen: Wie geht das denn jetzt? Wie kann ich diese Information konkret für mich im Alltag nutzen?