typische Fehler

Die Unvollendeten

Heute mache ich mal wieder aus der Not eine Tugend. Da ich die letzten beiden Wochen mit einem ernsten, privaten Krankheitsfall konfrontiert war, merke ich seit Montag, dass ich total energielos und blöd im Kopf bin. Solche Situationen kennen Sie auch 😉.

Die Aufmerksamkeit, der Fokus und die Kraft werden durch etwas anderes gebunden. Dann kann man sich einfach nicht auf die Arbeit konzentrieren oder fühlt sich, wenn die Anspannung abfällt, wie ein ausgewrungener Schwamm.

So geht es mir heute. Seit drei Stunden dödel ich am Newslettertext rum. Ganz aktiv! Ich habe ein halbes Dutzend Themen verworfen, die total super sind, zu denen ich aber gerade keine Energie habe.

Dann der Einfall: „Hey, nachdem das Formular Die unglaublich clevere Text-Entscheidungshilfe so ein Renner war, mache ich in diese Richtung noch eins.“ Und so habe ich voller Elan das neue Formular „5 Textvarianten für Mini-Artikel nach dem Prinzip Frage-Antwort“ entworfen. Das wird super … wenn ich es denn irgendwann fertig mache. Denn gerade jetzt fehlt mir der Kopf dafür, jeweils Beispiele auszudenken.

Also habe ich gedacht „Schöpfe aus dem Alltag!“ Erst vorgestern hat mich eine lokale Buchhandlung geärgert, die mir meine E-Mail-Bestellung nicht, wie erbeten, bestätigt hatte. Wichtiges Thema: Zwischenbescheide nutzen! Also ratzfatz einen ganz praktischen Artikel runtergehauen, wie wichtig solche Zwischeninfos sind und wie man gerade diese mit minimalem Aufwand geben und teilweise sogar automatisieren kann. Der Artikel ist fertig, aber er macht mich nicht an, ihn als Newsletter-Text zu verschicken. Bläh.

Reden wir also über die Unvollendeten:

  • Themenideen, die sich auf Haftzettel oder in Notizbüchern stapeln und nie realisiert werden.
  • Angefangene Texte in unterschiedlichen Stadien, die sich auf der Festplatte tummeln.
  • Oder auch die großen Projekte, die man eigentlich nur noch überarbeiten braucht oder zu einem externen Lektor oder Designer zu geben.

… manchmal ist sogar alles fix und fertig, nur den letzten Schritt zur Veröffentlichung geht man nicht. Was übrigens ganz oft für die eigene Website gilt. Da liegt alles fertig in der Schublade, aber jetzt passiert nichts mehr.

Unvollendetes vollenden

Ich kenne ganz viele AutorInnen, die keinen Bock darauf haben, sich wieder mit alten Kamellen zu befassen. Dabei ist „alt“ übrigens relativ. Für einige ist es schon alt, wenn sie einen Text nicht in einem Schwung fertig gemacht haben und sich ein weiteres Mal damit befassen müssten.

Bei meinen eigenen Sachen bin ich da geteilt: Wirklich gute Themen werden nicht alt für mich, wohl aber kann es sein, dass mich ein angefangener Text nicht mehr reizt. Oft fange ich lieber neu an. Aber ich schreibe durchaus Texte auch in mehreren Schüben.

Wenn Sie das Schreiben verbessern möchten, dann lege ich Ihnen dringend ans Herz, sich verstärkt mit den unvollendeten Texten zu befassen. Denn hierin liegt sehr viel mehr Übungs- und Lernpotenzial, als immer wieder neu anzufangen.

In meinen Online-Workshops sehe ich es oft, dass TeilnehmerInnen  mein detailliertes Feedback für einen Text zwar aufnehmen, aber anstatt sich noch mal dranzumachen, den Text damit zu optimieren, werfen sie lieber das ganze Thema zum Fenster raus und fangen neu an.

Damit vergeben Sie sich Lernmöglichkeiten. Denken Sie an alle Fähigkeiten, in denen man Routine und Sicherheit bekommen möchte – Sprachenlernen, Sport, Musik, Handwerk, Selbstmanagement etc.: Immer, wenn man in etwas besser werden will, geht es ums Üben.

Wenn Sie also schneller, lebendiger, knackiger (…) schreiben möchten, dann lernen Sie das viel besser daran, dass Sie einen geschriebenen Texte vollenden und feintunen, als wenn Sie immer von Null anfangen.

Unvollendetes in die Tonne treten

Die meisten von uns schreiben Texte elektronisch. Das führt zu einem Wust an Dateien. Das ist für sich betrachtet oft schon ein Hindernis: Wenn Sie Ihre Dateien nicht konkret genug bezeichnen, wissen Sie oft nicht mehr, welcher unvollendete Text sich dahinter verbirgt. Wenn Sie viel schreiben, dann mischen sich die fertigen Texte mit den unfertigen. Oft genug gibt es sogar mehrere Versionen des gleichen Textes. Je nachdem, wie organisiert Sie sind, sind die Dateien total chaotisch.

Ich hatte vor vielen Jahren mal einen Kunden, der hatte verschiedene Versionen des gleichen Textes in einer Datei hintereinander. Er hat schlichtweg nicht mehr gewusst, was er wann bearbeitet hat und an verschiedenen Versionen querbeet Formulierungen und ganze Passagen doppelt und dreifach bearbeitet.

Dazu kommt: Man weiß natürlich, wenn sich viel Unfertiges auf dem Computer befindet. Und das kann, wie jeder andere Ballast auch, ganz schön unzufrieden machen. Auch nur, weil Sie im Hinterkopf haben, dass Sie „schon wieder“ was nicht fertig gemacht haben.

Darum ist es eine gute Idee, sich immer wieder mal von Unvollendetem zu trennen! Sie brauchen keine Sorge haben: Was Ihnen schon mal eingefallen ist, fällt Ihnen sicher wieder ein. Oft sogar noch viel besser.

Das Festbeißen an alten Entwürfen ist sogar oft mehr als kontraproduktiv, weil Sie Ihr Gehirn in eine frühere Denkschiene zwingen. Kommt dann noch der Unmut dazu, sich diesen alten Text wieder vorzuknöpfen – oder der Druck, das jetzt endlich über die Bühne zu bekommen – läuft erst recht nichts.

Es ist unglaublich befreiend, Text-Ruinen in den Papierkorb zu verfrachten.

Das führt mich zum letzten wichtigen Punkt, dem „Das brauch ich vielleicht noch!“ oder „Daraus mach ich mal insgesamt was Gutes!“

Achtung: Flickwerk funktioniert meistens eh nicht

Aus diversen vorhandenen Textentwürfen mal etwas Größeres zu gestalten oder aus allem, was Sie schon angefangen haben, ein Buch zu machen, das funktioniert in den allermeisten Fällen sowieso nicht.

Denn jedes größere Projekt braucht ein eigenes klar durchdachtes Konzept, das anschließend gefüllt wird. Der umgekehrte Weg, alles, was man schon angefangen hat, auf den Tisch zu kippen und das dann zu verwerten und irgendwie zusammenzustellen, funktioniert so gut wie nie. Selbst, wenn es inhaltlich klappen würde, sind Stil und Aufbau meist nicht passend genug.

Da kostet es weitaus mehr Arbeit und blockiert mehr, als wenn Sie ganz neu beginnen und wenn es sein muss, punktuell auf frühere Texte zurück kommen. Und auch da ist es meistens viel frischer und aktueller, sich ganz neu dranzumachen.