formulieren

„Kennen Sie das auch?“

Baumstämme

Heute knöpfen wir uns diese weit verbreitete Floskel etwas näher vor, die besonders gerne für den Artikeleinstieg genutzt wird, und zwar in unterschiedlichen Varianten:

  • Kennen Sie das auch?
  • Wahrscheinlich geht es Ihnen auch manchmal so …
  • Bestimmt haben Sie sich auch schon gefragt …
  • Ist es Ihnen auch schon mal so gegangen, dass …
  • Wir alle haben es schon erlebt …

Auch bei mir lesen Sie Varianten dieser Floskel immer mal, aber wenn wir uns die Mühe machen, etwas näher hinzusehen, zeigt sich schnell, dass es eine verhältnismäßig faule Lösung ist. Außerdem werden Sie vermutlich gleich überrascht sein, was es zu dieser Floskel alles zu sagen gibt.

Der Zweck

In der Regel verfolgen Autoren damit einen dieser Zwecke:

  • Es ist einfach ein typischer Standard-Anfangssatz, der einem oft als erstes in den Sinn kommt und uns ins Schreiben bringt. Das ist eine gute Sache, aber halten Sie besonders bei floskelhaften Einstiegen im Blick, dass das nicht so bleiben muss! Gerade der Einstieg ist im ersten Entwurf oft sehr schwach und verdient beim Überarbeiten besondere Aufmerksamkeit.
  • Die Floskel soll eine Verbindung zu den Lesern schaffen, je nachdem, worum es geht, zeigen Sie „Mir geht das auch oft so“ oder treten direkt in einen Dialog. Anstatt Informationen nüchtern zu vermitteln, packen Sie eine typische Situation oder Verhaltensweise dazu, die den Weg bereitet für das, was gleich kommt.
  • Je nach Inhalt und Zusammenhang fördern Sie die Identifikation mit der Thematik, bringen Ihre Leser idealerweise zum Nicken und treffen mit dem folgenden typischen Beispiel einen wichtigen Nerv, der die Aufmerksamkeit verstärkt.

Damit das gelingt, heißt es, das typische Beispiel – also das, was Ihre Leser (sicher) auch kennen – differenziert zu konstruieren.

Das Szenario gut überlegen!

Wann immer Sie versucht sind, eine Variation von „Sicher kennen Sie …“ zu nutzen, fokussieren Sie sich bitte erst einmal auf Ihr Thema und Ihre Zielgruppe. Unsere Leser sind für uns Autoren in der Regel eine unbekannte Masse. Hier im Schreibnudel-Newsletter weiß ich nur sicher, dass Sie sich alle fürs Schreiben interessieren. Einige wenige von Ihnen kenne ich persönlich, zum Beispiel, weil Sie in einem meiner Workshops waren oder wir uns sonst wo begegnet sind. Einige von Ihnen kenne ich von Kommentaren oder E-Mails und weiß zumindest Ihren Beruf. Von meinen momentan 1270 Abonnenten kenne ich den Großteil nicht.

Wenn Sie ein „Sicher kennen Sie auch“-Szenario überlegen, müssen Sie als AutorIn darauf achten, dass Sie etwas nehmen, das die meisten Ihrer Leser tatsächlich kennen. Das Gute ist, dass es immer Themen gibt, wo man WEISS, dass die Wahrscheinlichkeit total hoch ist, dass die meisten etwas so oder so ähnlich kennen.

Zum Beispiel:

Sicher kennen Sie auch, wie frustrierend es ist, wenn der Chef in Ihrem Briefentwurf so wild herumstreicht, dass nur noch das Datum übrig bleibt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Szenario auf die meisten meiner Leser zutrifft, ist nicht hoch, weil:

  • viele gar keinen Chef haben,
  • ihre Entwürfe unbehelligt in Eigenregie schreiben können,
  • sie eine/n Vorgesetzte/n haben, der wirklich gute Verbesserungsvorschläge macht,
  • sie wissen, dass sie oft ungenügende Entwürfe schreiben, bei denen es Grund zum Streichen gibt und daher gar nicht frustriert sind

Wenn ich einen Newsletter für das Sekretariat oder Assistenten schreibe, dann wäre die Wahrscheinlichkeit wiederum höher. Hier im Blog würde ich für die Breite meiner Leserschaft ein anderes „Sicher kennen Sie“-Szenario suchen und das Thema „andere bessern in meinem Text rum“ insgesamt etwas konkreter aufhängen. Dabei dürfen Sie natürlich jederzeit bewusst ein Thema auch einmal auf einen bestimmten Teil Ihrer Zielgruppe etwas mehr zuschneiden. Zwei Beispiele:

für alle Leser der Blickwinkel „mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen umgehen“:

Wenn Sie beruflich schreiben, ist es für Sie an der Tagesordnung, dass andere sich an Ihrem Text vergreifen. Vielleicht schreiben Sie aber auch „nur so“ und haben in Ihrem Umfeld einige Testleser, die Ihnen Feedback geben. Idealerweise sind die Verbesserungsvorschläge super und machen Ihren Entwurf besser. Aber die meisten von uns haben oft genug  das Gegenteil erlebt: andere fuhrwerken im eigenen Text herum wie nichts Gutes!

für einen spezielleren, aber trotzdem großen Teil Ihrer Zielgruppe:

Ich weiß, dass viele meiner LeserInnen daran interessiert sind, ein Buch zu schreiben. Darum schreibe ich hin und wieder einen Artikel nur dafür. Wobei ich, wenn Sie aufpassen, darauf achte, für die Newslettertexte Themen zu nehmen, die für die meisten von Ihnen relevant sind und speziellere Themen für Blogartikel unter der Woche verwende.

Wer schon einmal ein Buch veröffentlicht hat, kennt das Gefühl, wenn Lektoren sich an seinem „Baby“ vergreifen. Und wenn Sie gerade mit dem Gedanken spielen, dann richten Sie sich schon einmal darauf ein, dass …

Vorsicht: Unabsichtliche Filter

Genau wie bei Beispielen gilt für solche „Kennen Sie auch“-Szenarien, dass die Formulierung den Identifikationsgrad erhöhen – oder senken – kann. Da ich in den letzten Workshops gleich mehrere Teilnehmerinnen hatte, die sich thematisch an Mütter richten, konstruiere ich dazu mal ein Beispiel. Sagen wir, es geht um einen Text, wie man Familie, Haushalt und Beruf unter einen Hut bekommt. Sie fangen so an:

Bei uns Müttern geht die Hektik morgens schon los. Die Kleinen aufwecken, in die Tagesstätte fahren …

Achtung!

Hier haben wir schon zwei Filter: Es gibt ganz viele Mütter, für die Hektik morgens kein Problem ist und wenn Sie den Text so einleiten, gilt er offenbar nur für Mütter mit ganz kleinen Kindern.

Aber ist das wirklich so? Wenn ja, dann ist alles gut. Aber wenn Ihr Text für alle Mütter relevant ist und es gar nicht wichtig ist, wie alt die Kinder sind, dann reiten Sie sich in ein unnötiges Szenario, mit dem sich Ihre Leserinnen nicht identifizieren können.

Natürlich kommt es auch auf die Überschrift und wie der Artikel sonst gestaltet ist. Die Formulierung spielt auch eine große Rolle. Sagen wir, Sie möchten das Beispiel gerne drin haben, aber das Thema von Haus aus weiter öffnen für Ihre Zielgruppe, dann könnten Sie auch schreiben:

Bei den einen ist es die morgendliche Hektik, um die ganz Kleinen rechtzeitig in die Kita zu bringen, bei den anderen die Teenager, die zehn Mal erinnert werden müssen, endlich aufzustehen und sich fertig zu machen. Als Mama sind wir nicht nur im eigenen Zeitmanagement gefordert, sondern müssen auch dauernd das Zeitmanagement unserer Lieben managen.

Für Formulierungen gibt es natürlich viele Spielarten. Ich kann Ihnen hier nur eine kleine Auswahl bieten. Eine weitere Spielart ist das Übertreiben.

Übertreiben (gerne auch so richtig):

Mit einer Übertreibung können Sie wunderbar transportieren, was Ihnen wichtig ist. Gleichzeitig ist das Szenario so ein abstraktes Bild, dass das Prinzip für alle Ihre Leser klar wird. Und Sie können mit der entsprechenden Formulierung auch noch mehr Unterhaltung reinbringen.

Die Morgenmuffel unter Ihnen verstehen mich: Vor 9 Uhr will ich nicht angesprochen werden. Wer es doch tut, dem beiße ich den Kopf ab.

Oder:

Mal unter uns … haben Sie auch an der Supermarktkasse manchmal den Impuls, laut zu schreien? Oder die eben gekaufte Zeitschrift zusammenzurollen und dem Vordermann einen Klaps zu geben?

Sie können auch Varianten nutzen, bei der die Floskel „das kennen Sie auch“ erst gar nicht vorkommt. Das Prinzip ist dennoch gleich:

Bezeichnen Sie das „das“ direkt.

Das ist sogar oft auch eine gute Idee, weil man dann nicht von hinten durch die Brust ins Auge formuliert, was bei eingespielten Floskeln oft ganz unbemerkt passiert, z. B.

  • Sicher kennen Sie es auch, wie nervig Wartezeiten sind.

Das liest sich doch sehr umständlich! Besser so:

  • Ich wette, dass viele von Ihnen sich über lange Wartezeiten beim Arzt aufregen.
  • Bestimmt bin ich nicht die einzige, die im Wartezimmer nonstop mit den Augen rollt, ungeduldig mit den Füßen wippt und eine Million Mal auf die Uhr schaut.

Bauen Sie es als Frage ein:

Bleiben wir kurz beim Warte-Beispiel:

Die Warterei beim Arzt ist doch das Schlimmste, oder?

Die Frage ist auch ein schönes Stilmittel, um Ihren Lesern das gute Gefühl zu geben, dass Sie sie verstehen. Stellen Sie sich vor, eine Bedienungsanleitung für den Computer beginnt so:

Es ist doch nichts frustrierender, als wenn der Computer nicht macht, was er soll, oder? Wenn der Drucker plötzlich nicht mehr druckt, eine kryptische Fehlermeldung kommt oder Sie ratlos durch das Bedienerhandbuch blättern.
Wir wissen das! Darum sind unsere Anleitung anders als gewöhnlich. Mit unserem Handbuch bekommen Sie verständliche Lösungen für den nächsten Technik-Schluckauf.

Oder einfach als Statement:

Sagen wir, Sie schreiben einen Gartentipp. Dann braucht man bei einem spezifischen Thema gar keine großen Worte machen, z. B. kann Ihr Artikel damit beginnen:

Diese Scheiß Schnecken!

Oder es geht um Kommunikation:

Männer! (oder: Frauen!) Manchmal denkt man echt, wir kommen von verschiedenen Planeten, oder? …

Oder ein typisches Alltagsszenario:

Aaaaaaah! Die Kaffeetasse ist umgekippt und der ganze Schreibtisch schwimmt!* Mist, Mist, Mist, dabei habe ich mir vorhin noch gedacht „die steht aber da nicht so gut“. Wie oft meldet sich ein Stimmchen, das wir ignorieren, nur um hinterher zu sagen „Ich habs kommen sehen!“

Sie sehen: Die Details zählen. Immer.

Spielen Sie sich immer mit den unendlichen Formulierungsvarianten, die Ihnen besonders typische Floskeln bilden. So sorgen Sie dafür, dass Ihre Texte noch besser bei Ihrer Zielgruppe ankommen und üben gleichzeitig eine vielseitige Schreibe.

*Das ist eben live passiert.