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5 Gründe fürs Zerknüllen

Erst gestern habe ich zu einer meiner Teilnehmerinnen im Buchkonzept-Workshop gesagt: „Wenn das jetzt ein Blatt Papier wäre, würde ich dir empfehlen, es zu zerknüllen und lieber von vorne anzufangen.“ Zerknüllen ist tatsächlich oft die beste Lösung, wenn man nicht zufrieden ist, mit dem, was man da gerade fabriziert hat. Und zwar darum:

Zerknüllgrund Nr. 1: Sie stecken fest … aber so richtig!

Wenn Sie bei einem Schreibprojekt nicht weiterkommen, liegt das keineswegs einfach nur an mangelnder Motivation oder Disziplin. Selbst wenn Sie sich noch so zwingen, kann es sein, dass Sie einfach nicht weiterkommen: dann schreiben und löschen Sie, formulieren zum x-ten Mal etwas um, das schon dasteht, oder das Gehirn hat sich komplett verabschiedet: Mir fällt einfach nichts ein!

Was man als AutorIn manchmal nicht erkennt, ist, dass es einen tieferen Grund gibt, warum der Text nicht vorangeht:

  • Das Thema ist von Haus aus nicht Ihres oder der Ansatz des Themas ist falsch gewählt.
  • Die Struktur stimmt einfach nicht.
  • Sie haben ohne Plan drauflosgeschrieben und wenn Sie nicht wissen, wo Sie hinwollen, dann können Sie auch nicht zielgerichtet auf etwas zuschreiben.

Das Dumme: Sie doktern an dem rum, was bisher dasteht. Zerknüllen hilft Ihnen dabei, nochmal von vorne anzufangen. Mit weißer Weste zurück auf Los!

Damit haben Sie automatisch das Problem mitbeseitigt, auch wenn sie nicht wussten, was das Problem überhaupt ist. Jetzt dürfen Sie natürlich nicht einfach das, was vorher dastand rekonstruieren, sondern nun fangen Sie wirklich ganz von vorne an. Am besten mit der simplen Frage „Was tue ich hier eigentlich? Worüber schreibe ich und warum? Für wen? Was sollen meine Leser wissen/können oder tun?“

Zerknüllgrund Nr. 2: Sie können den Scheiß nicht mehr sehen.

Selbst dem fröhlichsten Schreiberling hängt ein Text mal gehörig zum Hals raus: Wenn man was wieder und wieder in die Hand nehmen muss, weil man sich festgefahren hat oder weil man es mit einem Unvollendeten zu tun hat, der einen längt nicht mehr interessiert.

In diesem Fall ist das Zerknüllen doppelt toll: Denn das „Hau wech!“ befreit Sie von dem ungeliebten Ding und lässt Sie gleich leichter durchatmen. Endlich hab ichs los!

Das heißt übrigens nicht, dass Sie es nicht doch noch mal anpacken. Manchmal geht das, dass man etwas einfach komplett in die Tonne tritt. Aber wir zerknüllen in diesem Fall ja, um die Lust frei zu machen, den betreffenden Text neu anzugehen. Unbelastet von den negativen Gefühlen, die die olle, unfertige Kamelle auslöst. Der Immer-noch-schon-wieder-Augenroll-Effekt ist gebannt!

Zerknüllgrund Nr. 3: Sie fühlen sich schwer.

Nicht immer hat man gleich eine richtige Aversion. Oft merkt man einfach, dass die Leichtigkeit flöten gegangen ist. Sie haben nichts gegen den Text, finden ihn eigentlich sogar ganz spannend und können sich nicht so recht erklären, warum Sie sich so schwer damit tun.

Besonders, wenn Sie normalerweise sehr leicht und gerne schreiben, wundern Sie sich: Liegt das an meiner Tagesform? … allerdings ist das mit dem Text ja nicht nur heute so. Zudem ist der Gedanke, was anderes zu schreiben, höchst attraktiv (vielleicht verschieben Sie diesen speziellen Text bereits seit längerem, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gibt).

Gibt natürlich schon einen Grund: So, wie der Text bisher ist, beschwert er sie. Da Sie schon länger daran rummachen, waren Rettungsversuche nicht erfolgreich. Klar: Sie können, wenn Sie es noch nicht probiert haben, was umstellen oder umformulieren – aber wenn der Gedanken daran Sie auch nicht beschwingt, dann mit einem zufriedenen krschtlkrschtl ab in den Müll damit! Denn wenn das Thema okay ist und Sie wissen, dass Sie normalerweise kein Problem mit dem Schreiben haben, dann liegt es an dieser Fassung und Form, die zum Ballast geworden ist.

Zerknüllgrund Nr. 4: Sie fühlen sich geknebelt.

Das Gefühl, dass ein Text einen einengt, kommt vor allem dann, wenn man sich von der Struktur und dem, was bisher dasteht, in ein zu festes Korsett gepresst hat. Dann wird das Vervollständigen zur Strafaufgabe: „Ja ich weiß, ich müsste nur noch das und das auffüllen und fertigschreiben, aber das ist so eine blöde Routine/schränkt mich zu sehr ein/gibt mir keinen Raum für weitere Argumente oder mehr Kreativität“.

Jetzt kommts drauf an: Wenn Sie sich selbst in dieses Korsett geschrieben haben, dann zerknüllen und neu beginnen.

Oft sind aber solche Knebeleffekte durch Vorgaben anderer Leute entstanden! Zum Beispiel, weil Sie eine Vorlage von jemandem übernommen haben, weil „das immer schon in diesem Format/Stil gemacht wurde“ oder weil ein Auftraggeber etwas von Ihnen verlangt, das Ihnen nicht gefällt. Ich hatte beispielsweise mal einen Verlag, der den Autoren die Sie-Ansprache verboten hat. Aber so schreibe ich nicht. Ich plaudere mit meinen Lesern! Also hätte mich die Vorgabe, zwanghaft neutral zu formulieren zu sehr geknebelt.

Wenn Sie so eine Vorgabe von außen haben, gilt das mit dem Zerknüllen auch. Vielleicht können Sie im aktuellen Fall nicht gleich damit loslegen, weil Sie zugestimmt haben. Oft kann man im übertragenen Sinn zerknüllen, indem man mit seinem Auftraggeber spricht und sagt: „Schau mal, ich habe Vorschläge zum Format …“ – ganz oft werden solche Verbesserungen dankend angenommen.

Sofern Sie aber wissen, dass Sie nicht zusammenkommen, weil Ihr Auftraggeber einen völlig anderen Stil von Ihnen verlangt, der Ihnen nicht entspricht, ist es besser, die Zusammenarbeit in dieser Hinsicht zu beenden. Natürlich mit Rücksicht darauf, wozu Sie sich verpflichtet haben. Versprochen ist versprochen, und wird auch nicht gebrochen.

Zerknüllgrund Nr. 5: Sie sind im üblichen Fahrwasser gelandet.

Alle unter Ihnen, die gerne anders und vielseitiger schreiben möchten, sollten das Zerknüllen besonders beherzigen! Denn wir sind alte RoutineschreiberInnen und bewegen uns im gewohnten Fahrwasser. In positiven Fällen ist das sogar Ihr eigener Stil. Die eigene Sprache und Form, durch die Ihre Texte Wiedererkennungswert haben.

Das ist gut, aber es hilft Ihnen nicht so viel, wenn Sie aus diesem gewohnten Stil auch mal ausbrechen möchten.

Besonders, wenn Sie nicht groß die Muße zum Schreiben haben, ist das Routinefahrwasser immer sehr nah. Mir ging das mit meinem neuen Buch so: Ich hatte damit angefangen, als es private Turbulenzen gab. Schnell habe ich gemerkt, dass ich zwar vorankomme und das Ergebnis durchaus gut ist, dass es aber ein ganz üblicher Ratgeber wird. Das wollte ich aber nicht mehr! Mein Entschluss im letzten Jahr war: außergewöhnlicher schreiben. Ich will als Autorin wachsen und mich ausprobieren.

Darum habe ich – trotz Zeitknappheit – alles zerknüllt, was ich vom Buch schon hatte. Mein Ziel war: lockerer zu schreiben. Das fängt aber schon bei der Struktur an. Also keine Zeit und Energie vergeuden, etwas Bestehendes passend zu biegen, sondern besser ganz von vorne anfangen. Damit kommen Sie nicht nur in ungewohnte Gewässer: die Freude und Motivation branden auch sofort wieder auf!

Manchmal das Beste: ganze Projekte zerknüllen

Alle Gründe da oben gelten nicht nur für einzelne Texte, sondern auch für ganze Projekte. Viele Selbstständige werden beispielsweise nie mit ihrem Logo, einem Flyer, der Website fertig. Aber man hat ja schon so viel Arbeit und Geld reingesteckt und will ja jetzt wirklich endlich zu Potte kommen.

Vielleicht findet aber das unvollendete Projekt deshalb kein Ende, weil es nicht stimmig für Sie ist. Oder weil Sie schon lange die Lust daran verloren haben. Halten Sie nicht an sowas fest! Zerknüllen – manchmal mit etwas Verlust – gibt Ihnen richtigen Drive. Und es hindert Sie davor, ein Projekt mit Todesverachtung fertigzumachen. Außerdem haben Sie es endlich aus dem Genick.

Auch bei Neuorientierungen spielt es eine große Rolle. Ich habe zum Beispiel einige radikale Pläne, wie ich meine Selbstständigkeit und einige Interessen umbauen will. Aber natürlich heißt das, zu schauen, was an Bisherigem man bewahren möchte. Wenn das Neue, das Sie sich wünschen, mit Inhalt und Stil des alten aber nicht konform geht, dann führt ein Zusammenstrickenwollen nur zu faulen Kompromissen.

Darum ist auch hier das konsequente Zerknüllen oft die beste Lösung. Keine Sorge: Sie können zumindest in Gedanken schon mal etwas zerknüllen. Das macht dann auf jeden Fall Ihren Blick für das, was kommen soll und wie Sie es gestalten möchten, sehr viel freier, als wenn Sie immer das Bestehende berücksichtigen und das Neue dadurch ausbremsen.