Stil + Stilmittel

Die Macht des Plaudertons

Plaudern wir übers Plaudern!

Man liest gerne Texte, die normal geschrieben sind. Wenn sie einen Schuss persönlich sind, ist es noch besser.

Heute geht es mir aber um die Macht des Plauderns, wenn Sie Selbstdarstellungstexte schreiben. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um Ihre eigene Selbstdarstellung geht, ob Sie angestellt sind und über Ihre Firma schreiben sollen oder ob Sie für Kunden texten.

Das Plaudern hilft Ihnen immer, zum Punkt zu kommen und den richtigen Ton zu treffen! Darum „zwinge“ ich meine Kunden immer, mir im Plauderton zu erzählen, was sie so tun, wie sie sind, was sie ausmacht und was ihnen besonders wichtig ist.

Das mit dem Zwingen ist übrigens keine Übertreibung. Sie glauben gar nicht, wie oft ich mehrmals nachhaken muss, bis die Leute tatsächlich plaudern! Wie die Terrier halten manche am Schreibsprech fest, oft ohne es zu merken.

„Hä? Was ist denn Schreibsprech?“

Schreibsprech ist das Sprechen mit dem Schreibfilter im Kopf. Hier ist der Unterschied:

Schon an diesem kleinen Beispiel sieht man:

  • Beim Plaudern wird die Sprache lockerer UND man kommt viel konkreter an die Substanz. Da zeigen sich dann oft erst Besonderheiten, die man als Trumpfkarten verwenden kann.
  • Der Schreibfilter hingegen blockiert das Konkretwerden! Schauen Sie mal, wie wenig die linke Variante hergibt. Glatt, unkonkret, Bla.

Die Plaudervariante ist unmittelbarer.

Darum auch die drei Punkte am Ende, denn da ginge es natürlich noch weiter. Wer das, was er SPÄTER in einen Text bringen möchte, erst einmal ganz natürlich runterschreibt, kommt sehr viel mehr an die inhaltliche Substanz und findet viel unverfälschtere Formulierungen.

Vor allem aber kommen Sie auch im Kopf über das übliche Blabla hinaus. Auch das ist ein innerer Prozess, den auch die Profis oftmals machen müssen: Wir sind einfach konditioniert, wie Selbstdarstellungstexte generell so aussehen und was so drinsteht. Hier rächt sich manchmal die Fähigkeit des Gehirns, abzuspeichern und bereitzustellen. Denn das Altbekannte und Naheliegende kommt immer zuerst raus.

Natürlich kommt selten 1:1 die geplauderte Variante in die Endversion, aber ein Großteil davon schon! Besonders für alle Texterkollegen ist das relevant. Denn was man oft von meist fremden Kunden bekommt, sagt einem inhaltlich und von der Wirkung her zu wenig.

Der erstaunlich hartnäckige Schreibfilter

Kommen wir wieder zum Zwingen. Wenn Sie sich für Ihren nächsten Selbstdarstellungstext hinsetzen und den Tipp mit dem Plaudern ausprobieren, dann passen Sie auf: zwei von drei Leuten können nicht auf Anhieb „schriftlich plaudern“ (meine persönliche Statistik).

Ich sage dann immer: „Das würdest du so NIEMALS sagen! Wenn ich dich jetzt sofort anrufe und sage ‚Erzähl mal, was genau du machst‘, dann würdest du das nie im Leben so ausdrücken.“

Hier kommt der Tipp mit dem lauten Lesen wieder ins Spiel: Lesen Sie das, was Sie aufgeschrieben haben, laut.

  • Ist das Ihre natürliche Ausdrucksweise?
  • Reden Sie so auch mit Freunden?

Wenn ja, sind Sie im Plauderton angekommen. Wenn nein – was sehr wahrscheinlich ist -, dann dominiert noch immer das Schreibsprech. Auf ein Neues!

PS: Wer das so gar nicht kann, dem empfehle ich Selbstgespräche. Wenn Sie einigermaßen schnell schreiben, dann können Sie sich direkt in die Finger diktieren, was Sie sagen. Oder nehmen Sie es auf. Ich habe schon die besten Selbstdarstellungstext-Entwürfe von Leuten bekommen, die beim Spaziergang ein Aufnahmegerät mitgenommen haben.