Stil + Stilmittel

Polarisieren

Rap-Musik, Mario Barth, Esoterik, Rauchen, Stereotypen über Frauen und Männer … es gibt Themen, die polarisieren. Da gibt es dann meistens kein neutrales Mittelfeld, sondern gespaltene Lager. Das gilt für Geschmack, Vorlieben, Humor und unsere Werte. Natürlich gilt es auch für Sprache.

Während ich mich über einen Slogan wie „Fuck the Backmischung“ totlache und ihn großartig finde, ist es für andere vulgär oder einfach grottenschlecht.

Genau das macht das Polarisieren aus. Und das ist nicht schlimm.
Denn für alles gibt es ein Publikum.

Heute möchte ich gerne mit Ihnen etwas über das Polarisieren in Texten reden. Denn es geht dabei nicht darum, Krawall zu machen! Klar kann man das: Sie können ganz gezielt mit etwas provozieren. Es gibt Leute, die machen absichtlich krasse Blogbeiträge, um den Traffic in die Höhe zu treiben, einfach weil sie wissen, dass sie damit eine hitzige Diskussion anstoßen.

Ist es gut zu polarisieren? (MP3)

Doch bleiben wir bei den weiteren Facetten, die das Polarisieren mit sich bringt. Denn wann immer man sich nicht neutral und glatt ausdrückt, kommt man in die Gegend des Polarisierens. Das geht bei ganz harmlosen Dingen los wie einem Firmennamen. „Schreibnudel“ zum Beispiel finden viele Leute total dumm, aber viele andere finden es – wie ich – lustig, und wenn sie mich persönlich kennen auch treffend.

Nehmen wir aber mal einige andere Firmennamen und Slogans, die ich jetzt erfinde. Ich hoffe, ich treffe jetzt nicht zufällig einen existierenden Firmennamen:

  • Sabine Körner
    Kinder brauchen feste Regeln.
  • Aber jetzt! Agentur für ein besseres Leben
    Du kannst alles erreichen, du musst es nur wollen!
  • Kommunikation für Sie.
    Weil Frauen nur unter Frauen gut  lernen.
  • Christian Schmidt
    Führungskräftetrainer
    Nur die Harten kommen in den Garten.

Bereits hier steckt überall Polarisierungsstoff. Nun kann Frau Körner ihre Firma „Erziehungscoaching“ nennen und sich davon fernhalten, klar zu sagen, dass ihrer Überzeugung nach feste Regeln das Wichtigste bei der Erziehung sind. Doch warum sollte sie das tun? Ihre Arbeit ist – wie die der anderen Beispiele – ja darauf aufgebaut.

Es ist also wichtig, dass gerade Selbstständige sich zeigen. Je nach eigener Art wird dieses Sich-zeigen anders ausfallen. Und je nachdem, welche Kunden man haben möchte, wird man das bewusster formulieren.

Sie mögen auch nicht alles und jeden

Bestimmt haben Sie schon mal Bücher geschenkt bekommen. Da hat jemand Ihnen ein Buch überreicht mit den Worten „Das ist das beste Buch, das jemals geschrieben wurde! Ich konnte es gar nicht aus der Hand legen. Das MUSST du lesen!“

Dann liest man rein, vielleicht ist man schon vorher skeptisch, weil das Genre einem nicht so liegt und schon auf den ersten Seiten hat man Mühe. Der Stil gefällt einem nicht, die ach so spannende Geschichte ist total fad und vorhersehbar, die Charaktere sind einem egal … Aber man liest weiter, denn das Buch muss ja irgendwann besser werden bei dieser glühenden Fürsprache. Aber es wird nicht besser. Sie finden es vielleicht sogar das schlechteste Buch, das Sie je gelesen haben.

Letztens ist mir auf der Straße eine Frau entgegengekommen, die aus meiner Sicht völlig absurd angezogen war. Da ich normalerweise überhaupt nicht auf das achte, was andere Leute so tragen, war es besonders auffällig: Die an die 60-jährige Frau sah aus wie eine Zeitreisende aus den 80er Jahren. Und wir alle wissen, wie die Mode damals aussah! Alles war zu kurz, zu spitzen-netz-mäßig, zu übertrieben, zu schrill – aber ich konnte an der Haltung und am Gang sehen, dass sich die Frau total schick fand. Darauf kommt es an! Es geht nicht darum, ob ICH das anziehen würde oder was ICH finde. Es geht darum, was die Frau gerne anziehen will, was sie damit über sich sagen möchte und wie sie sich fühlt.

Als Autoren – und als Selbstständige – ist das besonders wichtig, weil wir so ein klares Profil aufbauen. Dieser „eigene Stil“ den sich viele so sehr wünschen, aber nie bekommen, wenn sie nicht trauen, ihren Texten auch ihren eigenen Charakter zu verleihen. Sich zu zeigen.

Das mögen wir als Kunden auch: Denn es hilft uns, die Leute zu identifizieren, deren Stil uns gut gefällt. Dann gehen wir aus Überzeugung genau zu dieser Person. Dann lesen wir begierig jeden Tag im Blog. Dann können wir es gar nicht erwarten, bis unser Lieblingsautor das nächste Buch rausbringt.

Bitte nicht damit verwechseln, dass man automatisch alles gut findet, was diese Person so von sich gibt. Vielleicht lesen Sie immer wieder gerne bei mir mit, aber bei manchen Sachen bekommen Sie ein Schleudertrauma vor lauter Kopfschütteln.

Das ist gut. Das ist normal. Das darf sein. Profil zeigt, wer echt ist. Wer sich treu bleibt und klar Flagge zeigt.

Warum das Angst macht

Immer, wenn Sie in Texten eine klare Meinung sagen, sind Sie natürlich auch persönlich in der Pflicht:

  • Man spricht Sie auf das an, was Sie schreiben – nagelt Sie vielleicht sogar auf eine Aussage fest.
  • Vor allen Dingen aber nimmt man Sie im Meer der anderen war. Genau das, was sich viele wünschen („nicht untergehen“) richtet dann auch das Spotlight auf Sie.

Darum höre ich von vielen BloggerInnen in Workshops oft, dass sie lieber möglichst neutral bleiben und sich auf das stützen, was andere schreiben:

Weg mit der Krücke „Fremdmaterial“!

Klar: In dem Moment, wo ich eine glatte Abhandlung von mir gebe, gegen die niemand was haben kann, muss ich auch nicht befürchten, dass ich Gegenwind bekomme.

Umgelegt auf Firmen: Ich versuche, nach allen Seiten offen zu bleiben, in der Hoffnung, möglichst viele Kunden zu bekommen. Dass diese Profillosigkeit aber gleichzeitig gerade dahin führt, dass man sich selbst austauschbar macht, wird oft nicht gesehen.

Der Irrtum

Irgendwo habe ich mal ein Interview mit Stephen King gelesen, dass Horror generell nicht ernstgenommen wird. „Trivial-Literatur“ gilt als Schund, schlecht und wird von vielen nicht anerkannt, da kann man noch so erfolgreich sein. Genauso ist es bei Musik oder Kunst. Wie anstrengend ist es, wenn Leute glauben, ihr eigener Maßstab entscheide darüber, was „gute Musik“ oder „ein richtiges Bild“ ist und was nicht!

Wenn Sie polarisieren, werden Sie mit diesen Meinungen konfrontiert. Es gibt dann nicht nur Leute, die still denken „ist nichts für mich“ oder Ihnen sagen „finde ICH nicht gut“. Sondern es gibt die Leute, die urteilen: Das GEHT nicht, das IST nicht gut.

Das ist aber ein Irrtum auf Seiten der Leute, die so urteilen.

Es ist doch gerade die Vielfalt und das Recht auf den eigenen Ausdruck, die das Leben spannend macht. Wir Menschen sind alle unterschiedlich. Und gerade Kunst ist so vielfältig, dass man nicht hergehen kann und behaupten: „Nur das, was ich gut finde, ist auch gut!“

Viel nützlicher ist es zu sagen: Ich muss es nicht allen recht machen. Ich muss nicht alles gut finden.

Sehr nett finde ich in diesem Zusammenhang den englischen Spruch „That’s not my cup of tea“ („Das ist nicht meine Tasse Tee/nicht mein Fall“). Das bringt einen auch auf Kurs, wenn man sich dabei ertappt, gerade den eigenen Maßstab anzulegen und andere für etwas zu verurteilen, das nicht dem eigenen Geschmack entspricht.

Unter die Oberfläche schauen

Was ich fürs Schreiben besonders wichtig finde, ist, dass man immer das Prinzip hinter einer Sache sieht.

Wenn etwas bei Ihnen eine extreme Reaktion auslöst, Sie also ganz besonders begeistert oder ausgesprochen abgetörnt sind, dann ist es interessant, auch hinter die Sache zu blicken. Also nicht einfach sagen „X ist blöd“ oder „Y ist toll“, sondern näher hinschauen:

Was steckt denn da genau dahinter?

Dann sieht man nämlich auch vom Schreiberischen, was man sich zunutze machen kann. Indem man es selbst anders macht oder das Prinzip so überträgt, dass es einem entspricht. Zum Beispiel die Anregung aufgreift, einen Slogan für sich zu finden, der richtig reinhaut und Flagge zeigt – in Worten und vom Inhalt her so, wie es für Sie genau passt.