Stil + Stilmittel

5 weit verbreitete Makel bei Leitfragen

Prinzipiell ist es eine wunderbare Sache, wenn Texte nicht nur Informationen vermitteln, sondern Ihre Leser dazu anregen, zu reflektieren:

  • Wie ist das bei mir?
  • Wie denke ich über Sache X?
  • Wie wirkt sich dieses und jenes auf mich aus?
  • Was ist dann?


Springt bei Ihren Lesern das Gehirn in dieser Weise an, bieten Sie echten Mehrwert! Denn jetzt arbeitet Ihr Text für Ihre Leser. Nun können echte Aha-Effekte entstehen. Dadurch machen Sie Ihre Texte wertvoller und besonderer.

Gerade die Angst, das Übliche zu schreiben, haben ja sehr viele. Dabei haben Sie es immer selbst in der Hand, ob Ihr Text da aufhört, wo es für Ihre LeserInnen interessant wird. Leitfragen sind eine exzellente Möglichkeit, Ihre Leser an der Hand zu nehmen.

Ein Fragezeichen macht noch keine Leitfrage!

Ob in Büchern, Trainingsunterlagen oder Blogartikeln: Ganz oft machen Autoren den Fehler, einfach Fragen zu stellen, ohne sich darüber Gedanken zu machen,

  • warum sie gerade diese Frage stellen (und ob dem Leser der Nutzen klar wird, sonst liest er nämlich nur drüber),
  • wie sie die Frage stellen sollten, um ein klares und aussagekräftige Ergebnis zu erzielen
  • und welche Art von Antworten auf eine Frage kommen könnten, um die Fragestellung zu verbessern.

Denn hier steckt ein großes Problem für uns Autoren: Unser Leser sind eine Masse an unbekannten Leuten. Und: Wir sitzen nicht daneben!

Damit aber noch nicht genug: Erstaunlich viele Menschen können gar nicht gut selbst reflektieren. Weil sie es nicht gewohnt sind. Weil sie sich schwer damit tun, auf sich selbst zu blicken und sich zu beurteilen. Oder aber weil sie sich davor scheuen. Auch das kann man mit der richtigen Fragestellung lösen.

5 typische Probleme bei Leitfragen

Damit Ihre LeserInnen ins Tun kommen, ist es wichtig, dass sie Lust bekommen, Ihre Fragen für sich zu beantworten. Das machen die meisten nicht (das kennen wir ja alle von uns selbst, ich auch!): man überliest es, denkt vielleicht „gute Frage, das müsste ich mal für mich näher ergründen“ – aber dann macht mans oft doch nicht.

Ist Ihr Artikel interessant und geht konkret in die Tiefe – anstatt um allseits Bekanntes zu kreisen -, dann steigen die Chancen schon, dass Sie Ihre Leser ins Tun bringen. Jetzt gilt es folgende weit verbreitete Macken zu vermeiden:

Problem 1. Die Frage ist zu oberflächlich:

Beispiel: Sie haben einen Text über das „Nein sagen“ geschrieben, wo steht, wie wichtig es ist, Grenzen zu ziehen und wie schwer es einem fällt. Die Leitfragen lauten:

  • Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie ab heute „Nein“ sagen könnten?
  • Haben Sie sich schon immer mal gewünscht, mehr für sich einzutreten?

Solche Fragen sind viel zu oberflächlich und bringen nichts! Denn natürlich würde sich ein Leser, der mit dem Nein sagen Probleme hat, besser fühlen und sich wünschen, mehr für sich einzutreten!

Schauen Sie immer: Bringt meine Frage eine weitere Dimension zu meinem Text ein oder bringt sie einen Mehrwert für meine Leser? Sehr oberflächlich gehaltene Fragen sind meistens für die Tonne.

Problem 2. Die Frage ist viel zu komplex:

Beispiel: In einem Text über Ziele und die Konsequenz, dranzubleiben, stehen folgende Leitfragen:

  • Welche Art von Zielen haben Sie in der Vergangenheit aus welchen Gründen nicht eingehalten und wie sind Sie damit umgegangen?

Das liegt fast auf der Hand, dass da zu viel in eine einzige Frage gestopft ist, und doch sehe ich solche Fragen oft. Komplexität kann aber auch versteckter sein, wenn ein Thema vielschichtiger ist, als es klingt, zum Beispiel:

  • Wie schwer fällt es Ihnen, eine Entscheidung zu treffen?
    oder
  • Wie gut können Sie Grenzen ziehen?
    oder
  • Wie produktiv sind Sie?

Klar gibt es die Leute, die solche Fragen eindeutig für sich beantworten können, aber der Normalfall ist es , dass hier eine große Türe mit der Aufschrift „Kommt drauf an“ aufgemacht werden muss!

Denn gerade persönliche Themen sind von Umständen abhängig, von unserem Selbstvertrauen, von der Zuversicht der aktuell zu entscheidenden Sache, von der Tragweite, wer/was noch beteiligt ist, der Tagesform und und und. Hier haben Leitfragen auch die Rolle, dass Sie Ihren Lesern die Thematik viel differenzierter nahebringen und so dabei helfen, dass Sie für sich selbst lernen zu unterscheiden – was nebenbei den Rücken stärkt und gezielte Verbesserungspotenziale zeigt.

Problem 3. Der Leser ist überfordert:

Überfordert sind Leser schnell, wenn man etwas von ihnen verlangt, was sie noch gar nicht können können. Zum Beispiel lese ich oft Texte, wo Autoren etwas vorstellen, das für den Leser neu ist. Zum Beispiel „The Work“ von Byron Katie oder die Grundregeln von gewaltfreier Kommunikation.

Dann werden manchmal die Fragen so einer Methode – oder Leitfragen ZUR Methode – gestellt, dabei sind unter den Lesern viele Neulinge, die die Methode noch gar nicht kennen. Es ist ein Unding, zu verlangen, die komplette Methode mal eben anzuwenden.

Immerhin gibt es Kurse und mehrjährige Fortbildungen, die die Autoren oft selbst gemacht haben. Und dann erwecken sie in einem Artikel den Eindruck, als sei die Methode so pipibanal, dass man sie jetzt nach der Lektüre des kurzen Textes einwandfrei praktizieren kann (manchmal mit der Aufforderung, es doch direkt im eigenen Alltag zu machen, was gerade beim Thema Kommunikation oft richtig in die Hose gehen kann).

Problem 4. Der Leser fühlt sich für dumm gehalten:

Das „für dumm gehalten“ entsteht entweder durch zu oberflächliche Fragen, oft aber einfach durch die Formulierung:

  • Glauben Sie nicht auch, dass Sie mehr im Leben erreichen könnten, wenn Sie öfter sagen, was Sie möchten?
    oder
  • Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass Sie mehr schaffen könnten, wenn Sie produktiver wären?

Auch hier: Klar klingt das jetzt eindeutig, wenn man es so liest. Aber beim Schreiben, gerade wenn man im eigenen Expertenkopf jede Menge Know-how hat, das immer mitschwingt, fällt einem das oft nicht mehr auf!

Problem 5. Die Frage ist leicht durchschaubarer Werbezweck:

Das sind Leitfragen, die eigentlich keine Leitfragen sind, sondern wo der Text in Werbung mündet. Nichts gegen Werbung! Sie dürfen jederzeit – wie ich hier – einen Text schreiben, um die Aufmerksamkeit auf ein Produkt zu richten, das man bei Ihnen kaufen kann. Aber tun Sie das nie, indem Sie versuchen, es in einen Tipp-Text zu wurschten!

Beispiel: Sie schreiben einen Text über Beziehungsprobleme. Am Ende gibt es diese Leitfragen:

  • Haben Sie schon mal gedacht, ein Coaching zu besuchen?
  • Würden Sie sich in einem Training wohlfühlen, wo man sich in der Gruppe öffnet?

Wenn Sie das klar trennen, ist alles paletti! Also Tipp fertig schreiben und dann drunter deutlich abteilen, zum Beispiel mit einer Überschrift „Das kann ich für Sie tun:“ oder „Coaching und Training“ und dann können ruhig auch solche Fragen stehen, aber dann nicht als Frage im Raum stehen lassen, sondern direkt einige weitere Informationen dazu liefern.


Wichtig:

Gerade bei Büchern oder Selbstlernkursen ist es gut, Beispiele für Antworten zu geben, damit die Leser sehen, wie es gemeint ist und wie konkret Antworten ausfallen sollten. Bei kürzeren Artikeln hat man oft den Platz nicht oder möchte sich die Mühe nicht machen. Das macht nichts, Sie können dann einfach mit dazuschreiben, was besonders wichtig ist und wie Ihre Leser mit den Antworten weiterarbeiten können. Bloggen Sie, können Sie vielleicht auf andere Artikel in Ihrem eigenen Blog – oder einem anderen – verweisen.


Lassen Sie Ihre Leser nicht im Regen stehen!

Das Ergebnis aus unergiebigen Fragen ist, dass Sie Ihre Leser enttäuschen: sie können mit der Antwort nichts anfangen oder sie machen sich womöglich tatsächlich die Arbeit, intensiv Notizen zu machen, nur um rastlos davorzustehen: „Hä? Und was mach ich jetzt damit?!“

Das Gemeine: Enttäuschte Leser kommen irgendwann nicht wieder. Oder, wenn es sich um ein Buch oder einen Selbstlernkurs handelt, dann ärgeren sie sich über das rausgeschmissene Geld. Damit vergrätzen Sie sich Kunden, verhindern Folgekäufe und Weiterempfehlungen.

Wenn Sie das nächste Mal einen Text mit Leitfragen ergänzen, dann

➡ prüfen Sie sie auf die fünf typischen Probleme.

und

➡ spielen Sie Ihre Fragen mal mit verschiedenen möglichen Antworten durch. Was werden Ihre Leser vermutlich für eine Bandbreite von Antwort auf die Frage geben?

So merken Sie sehr schnell selbst, wenn eine Leitfrage noch nicht das Gelbe vom Ei ist und verschenken Sie keine Chancen mehr!