Struktur

Artikelformen: Das Problem mit dem ABC

Es gibt einige Artikelformen, die prinzipiell pfiffig sind, aber meistens verhauen werden. Ganz vorne mit dabei ist das ABC.

  • Das ABC der Bewerbung
  • Das Karriere-ABC
  • Das ABC der Gesprächsführung
  • Das ultimative Konflikte-ABC
  • Das ABC für mehr Gelassenheit

dasabc

Man denkt: Was für eine hübsche Idee! Ich mache einfach ein ABC, das ist dann total umfassend und jeder Buchstabe besteht nur aus einem kurzen Text. Ich kann es sogar nach und nach schreiben, so dass es unter den Augen meiner Leser entsteht. Manchmal kommen Kunden mit der Idee, ein gesamtes Buch in ABC-Form aufzuziehen.

Die ABC-Form ist jedoch meistens nicht sinnvoll, und zwar vorrangig aus drei Gründen:

1. Die Komplexität des Themas.

Ist ein Thema zu komplex, werden die Stichworte des ABCs der Bandbreite und Tiefe nicht gerecht. Die Auswahl wird zu willkürlich.

2. Sie haben gar nicht genug Platz!

Das Alphabet hat 26 Buchstaben. Wenn Sie zu jedem Wort nur eine halbe Seite schreiben – was nicht viel ist, wenn Sie wirklich Mehrwert liefern wollen, dann hat Ihr Artikel 13 Seiten. Damit ist die Artikel-Form „ABC“ für die meisten Textformate bereits gestorben. Eine Ausnahme ist natürlich ein extremes Planktonthema, z. B. „Pflege-ABC für dauergewelltes Haar“. Da kann es funktionieren, auch kurz und knapp relevante Tipps zu geben.

3.  Es gibt keine sinnvolle Ordnung.

Da das Alphabet die Ordnung gravierend mitbestimmt, ist die Reihenfolge meistens nicht sonderlich logisch. Bei guten Texten entsteht jedoch sehr viel Mehrwert aus der Tatsache, dass Sie die Inhalte in schlüssiger Reihenfolge an Ihre Leser bringen. Je komplexer ein Thema ist, desto wichtiger ist, dass Inhalte sinnvoll nacheinander kommen.

Typische Mängel und Fallen

Selbst wenn diese Kriterien erfüllt sind, wird die ABC-Idee oft nicht gut durchgezogen:

Die Begriffe werden zu willkürlich ausgewählt. Auf der Jagd nach irgendwie passenden Wörtern zu einzelnen Buchstaben wird die Gesamtplanung außer Acht gelassen. Dazu kommen wir gleich noch näher.

Es fallen einem zu schwierigeren Anfangsbuchstaben keine Wörter ein, sodass mehrere Buchstaben frei bleiben.

Man biegt sich mehr schlecht als recht Wörter oder Kurzformulierungen zurecht, entweder weil man mit dem „ein Begriff pro Buchstabe“ nicht klarkommt oder weil man tricksen muss, um bestimmte Buchstaben zu belegen.

Dann kommen unterschiedliche Formen raus:

z. B.
L – Locken, keine

oder man will eigentlich über Haarausfall schreiben, aber das H ist schon überbelegt, also nimmt man „A = Ausfall“, was schon weniger elegant ist. Oder man denkt sich: „Mir fehlt ja bei K noch was, dann mach ich einfach kreisrunder Haarausfall! Dann ist das total sinnvoll!“ … ja, nur dass man plötzlich nur eine ganz spezifische Form des Haarausfalls im ABC hat oder mogelt, indem es im Text dazu dann doch über Haarausfall allgemein geht.

Noch schlimmer ist, wenn man bei einigen Buchstaben total ausbricht, um es mit der Brechstange zu richten:

O – oft gehörte Ammenmärchen
Q – Quatsch rund um die Haare

Das Gleiche gilt übrigens für die vielen unsäglichen Akronyme, die nicht ordentlich durchdacht sind. Zum Beispiel das Akronym BESTSELLER, das ich eben erfunden habe, und das Sie an wichtige Grundlagen beim Bücherschreiben erinnern soll:

B otschaft
E cht sein
S ei dir deiner selbst bewusst
T iefe
S chreibfreude
E ffizienz
L ocker bleiben
L eserfreundlich
E rfahrung
R echerche

Uäch! Viel zu viele Akronyme sehen so undurchdacht aus, weil man mal eben viel zu spontan (und oft mit Gewalt) Buchstaben auffüllt. Dabei ist oft die Idee dahinter wirklich gut, nur an der Ausführung haperts.

Einzelne Buchstaben werden überstrapaziert, entweder indem Sie plötzlich mehrere Begriffe pro Buchstabe wählen (obwohl eigentlich nur ein Wort geplant war) oder aber, indem Sie zu einem Begriff extrem viel schreiben und zum nächsten nur einen Satz.

Im folgenden Beispiel sieht man sehr schön, wie schnell das passieren kann: Manche Begriffe sind sehr klein und schnell besprochen, andere sind hingegen riesig und im direkten Vergleich auch gewichtiger. Dazu kommt, dass einem oft zu manchen Buchstaben mehrere gute (+ wichtige) Begriffe einfallen, die man auch mit einem Synonym nicht woanders unterbringt.

Nicht alle Inhalte sind für die meisten Leser relevant. Sie haben es immer mit einer unbekannten Masse an Lesern zu tun. Das sind unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Wissensstand, Erfahrungen und Lebensumständen. Es ist die Kunst, Ihre Themen so zu wählen, dass sie für viele Ihrer Leser relevant sind. Und es ist eine weitere Kunst, den Text so zu schreiben, dass er für die meisten Ihrer Zielgruppe einen hohen Mehrwert hat. Darum ist das ABC bei komplexen Themen oft ein unkontrolliert davongaloppierender Selbstläufer.

Sagen wir, ich bin Friseur. Jetzt überlege ich mir „ein Haarpflege-ABC“ wäre doch eine gute Idee. Ich notiere mir die Anfangsbuchstaben und fülle nach und nach auf, was mir rund um Haarpflege einfällt, und weil praktisch alles irgendwie mit Haarpflege zu tun hat, kann ich aus dem Vollen schöpfen:

A – Allergie gegen Shampoos
B – Bier
C –
D – dünnes Haar
E – Eier
F – fettige Haare
G – glätten
H –
I –
J –
K –
L – Locken, keine
M –
N –
O –
P –
Q –
R –
S – Spülung
T – trockene Haare
U –
V – Vitamin D
W –
X –
Y –
Z –

Viele versuchen, wie gesagt, auf Anhieb das ABC aufzufüllen. Sie freuen sich, wenn ihnen ein gutes Wort eingefallen ist. Was sie dabei oft übersehen, ist, dass ein Gedanke zum anderen führt.

Mein erstes Wort hier oben war „trockene Haare“, das zweite „fettige“ Haare. Aber das heißt ja nicht, dass diese Begriffe die besten sind und dass sie insgesamt in meiner Auswahl sinnvoll sind. Also sammeln wir doch wenigstens mal noch weiter – dabei achte ich auch auf mögliche andere Ausdrücke der gleichen Sache. Denn vielleicht brauche ich einen Buchstaben für ein anderes Wort dringender, will aber diesen Aspekt auf jeden Fall unterbringen.

A – Allergie gegen Shampoos/Avocado
B – Bier/bleichen/bürsten/bad hair day
C – Chemie/Conditioner
D – dünnes Haar/Dreadlocks
E – Eier, Ernährung
F – fettige Haare/föhnen/fliegende Haare/färben/Festiger/feine Haare/Feuchtigkeit
G – glätten/Glatze/glänzende Haare/gesunde Haare/graue Haare/Gel/gespaltene Haare
H – Heizungsluft/Haarausfall/hochstecken/Haarspangen/Haargummis/Haarspray/Haarschaum/Haarteil
I – Irritationen der Kopfhaut
J – Jojoba
K – kreisrunder Haarausfall/Kur/kämmen/kräftige Haare
L – Locken/Lockenstab/Locken, keine/gesunde Locken/Läuse/Leave-in-Produkte/lufttrocknen
M – Maske
N – Naturkosmetik
O – oft gehörte Ammenmärchen
P – Pony/Peeling
Q – Quatsch rund um die Haare
R – Rundbürste
S – statische Aufladung/Spülung/Spitzen/Spangen/Schuppen/Silikone/Strähnchen/Stylingprodukte/Sonnenschutz/Stress
T – trockene Haare/tönen
U – ungebändigt (nicht zu bändigende Haare)
V – Vitamin D/Vitamine/Volumen
W – (Haar)Wurzel/ (Haar)Wachs/waschen
X –
Y –
Z – Zusatzstoffe

Soweit zum spontanen Brainstorming. Man sieht hier schon das Dilemma der Willkürlichkeit, des Hinbiegens und der Unausgewogenheit der Begriffe.

Bei einem allgemeinen Haarpflege-ABC sollten zudem Begriffe enthalten sein, die für eine bestimmte Zielgruppe relevant sind. Alles, was auf einen spezifischen Haartyp ausgelegt ist, ist ungut, denn wenn ich kurze Haare habe, nutzt mir die Hochsteckfrisur nichts; wenn ich nicht färbe, nützt mir der Färbeeintrag nichts.

Jetzt ist das Thema „Haarpflege“ aber schon super eingegrenzt! Stellen Sie sich mal vor, es ist ein Karriere-, Selbstmanagement- oder Führungskräfte-ABC. Dann wird es noch viel gießkannenmäßiger.

Darum hatte ich oben auch schon gesagt: „Ein Pflege-ABC für dauergewelltes Haar“ ist hier sogar sinnvoller, zumal man die Begriffe zielgerichteter auswählt und insgesamt weniger pro Wort schreiben kann. Das kann dann auch für einen normallangen Artikel funktionieren. Und es gibt unserem Beispielfriseur sogar die Gelegenheit einer Serie. Mal sind die Dauergewellten dran, mal die mit langen Haaren, mal die mit Färbe-Thematik etc. Oder jemand macht „Das ABC für gesunde, glänzende Haare“ (oder das ABC typischer Haarkrankheiten), dann ist auch eine konkrete Richtung vorhanden und die Begriffe sind schon sinnvoll auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet.

Wie immer: Je kleiner und konkreter das Thema, desto weniger willkürlich.

Die Artikelform muss den Inhalt stützen!

Auch wenn sich dieser Artikel ums ABC dreht, sind die Kernprobleme auch bei anderen Artikelformen vorhanden:

➡ Wie so oft besteht die Gefahr, dass man sich als AutorIn von der Form über mangelhaften Inhalt hinwegtäuschen lässt: Ein Arbeitsblatt mit tollem Layout sieht gleich großartig aus; ein Text, über dem Checkliste steht, macht durch die Aufzählungen sofort was her. „ABC …“ klingt doch super! Es sieht voll nützlich und umfassend aus, und darum merken viele nicht, dass es inhaltliche Mängel gibt und meistens der Lesernutzen deutlich zu wünschen übrig lässt.

➡ Prüfen Sie immer, ob die gewählte Artikelform für den Inhalt und Mehrwert tatsächlich die beste ist. Wenn Sie nicht sofort losschreiben, sondern, wie ich Ihnen immer wieder empfehle, sich VOR dem Schreiben klare Gedanken zu den Zielen, dem Lesernutzen und den konkreten Inhalten machen, merken Sie sofort, wenn die Artikelform nicht passt.

Spätestens, wenn der erste Entwurf steht, ist die Nah- und die Fernsicht wichtig! Idealerweise haben Sie schon von der Konzeptionsphase an beides fest im Blick – dann sparen Sie sich hinterher ein aufwändiges Überarbeiten.

Machen Sie sich bitte die Mühe, aus solchen denkintensiveren Ideen herauszuholen, was geht. Gerade besondere Artikelformen wie das ABC, Akronyme oder selbst entwickelte Methoden erfordern besonders Grips und Detailgenauigkeit.